Neneh

Cherry

Neneh Cherrys Solokarriere gewinnt weiter an Fahrt. 18 Jahre brauchte sie, um ihr viertes Album, „Blank Project“, zu veröffentlichen. Nun hat es nur vier Jahre gedauert, bis es mit Album Nummer fünf weitergeht. „Broken Politics“ heißt das Werk, in dem es weniger um Politik geht, vielmehr um die musikalische Reise, die Neneh Cherry im Laufe ihrer Karriere gemacht hat

Sie muss erst mal hinaus auf den Balkon und eine Zigarette rauchen. Am liebsten würde Neneh Cherry gleich das gesamte Interview auf dem Balkon führen, aber die Sonne scheint gnadenlos über Berlin, und auf dem Balkon gibt es keinen Schatten. Egal. Es heißt, dass die 54-jährige Künstlerin die netteste und freundlichste Person überhaupt sei, doch das ist nicht wahr: Sie ist noch netter. Ihr Stiefvater war der Jazz-Trompeter Don Cherry, ihre Mutter die Malerin Moki Karlsson, eigentlich macht die gesamte Familie irgendwas mit Kunst. Ihre Karriere begann Neneh Cherry als Sängerin der FreeJazzPostPunkFunkWelt-musik-Band Rip Rig + Panic und hatte 1988 als Solokünstlerin den großen Durchbruch mit „Buffalo Stance“. Welthitswie „Manchild“, „Woman“ und „7Seconds“, das Duett mit Youssou N’Dour, folgten. Dann war sie eine gewisse Zeit weg, jetzt ist sie wieder da.

HARALD PETERS Hatten Sie an Ihrem gestrigen Konzert Spaß?

NENEH CHERRY Das ist die große Frage, nicht wahr? Grundsätzlich ja. Aber mit Abstrichen. Mir sind ein paar schreckliche Fehler unterlaufen.

HP Ach so?

NC Ja, bei einem Song hatte ich den Text vergessen. Ich dachte nur: „Oh mein Gott!“ Und dann gab es noch ein paar technische Probleme. Ich habe mich nicht auf der Bühne gehört. Waren Sie da?

HP Ja, mir hat vor allem das Publikum nicht gefallen. Es war so teilnahmslos. Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn es kein Auftritt im Rahmen eines Festivals gewesen wäre, sondern Ihr eigenes Konzert.

NC Die richtigen Konzerte kommen noch. Aber der Auftritt gestern war eine Enttäuschung. Ich habe es verbockt. Und dass ich fast nur neue Sachen gespielt habe, hat es auch nicht besser gemacht. Ein paar Leute kannten vielleicht die aktuelle Single „Kong“, aber abgesehen von „Manchild“ und „Woman“ gab es nur unbekannte Stücke.

HP Die sind allerdings fantastisch – und ich sage das nicht, um freundlich zu sein.

NC Ich möchte auch nicht, dass Sie freundlich sind. Seien Sie bitte nicht freundlich!

HP Das Album ist zugänglicher als der Vorgänger. Eine warme Mischung aus TripHop, Folk und Jazz.

NC Ja, genau. All die Sachen, die mich ausmachen, kommen auf dem Album zusammen, meine musikalische Entwicklung. Die Musik, mit der ich aufgewachsen bin, Rip Rig + Panic, ein wenig HipHop. Kieran Hebden von Four Tet, der das Album produziert hat, sagt, es sei elegant. Ich glaube, ich hatte den Wunsch nach einem Sound, der meditativ ist.

HP Der Klang war also beabsichtigt.

NC Nun, man weiß natürlich nie, ob eine Sache auch so wird, wie man sie sich vorgestellt hat, aber mein Mann, mit dem ich viele Songs geschrieben habe, Kieran und ich hatten jedenfalls die Idee, dass die Platte mehr Soul haben sollte. Mehr Atmosphäre, mehr Musikalität, mehr Ruhe. Bei dem letzten Album war es, was die Texte anging, so, als würde ich mich erbrechen. Da waren so viele Sachen, die rausmussten. Dieses Mal bin ich mehr im Einklang mit den Dingen, die um mich herum passieren. Man könnte sagen, dass die neue Platte großzügiger ist.

HP Elegant, großzügig, zugänglich.

NC Ja, denn vor „Blank Project“ gab es 2012 das Jazz-Album, das ich mit The Thing aufgenommen habe und das mich letztlich zurück zu meiner Solokarriere gebracht hat. Ich hatte ja 18 Jahre kein Soloalbum aufgenommen. Aber dann bin ich mit „Blank Project“ fast zwei Jahre lang getourt, und hinterher dachte ich, dass ich etwas Ruhigeres brauche.

HP Das Rave-Nebelhorn, das in „Natural Skin Deep“ zum Ein- satz kommt, wirkt allerdings nicht ganz so ruhig.

NC Das ist der klassische Notting-Hill-Carnival-Sound. Ich wohne ja in West-London, mit-ten im Carnival-Gebiet. Der fin- det übrigens nächste Woche wieder statt.

HP Ist der Menschenauflaufbeim Carnival immer noch so gewaltig?

NC Oh ja! Jedes Jahr versucht die Stadtverwaltung, den Carnival in den Hyde Park zu verlegen, um der Sache besser Herr werden zu können. Aber, wissen Sie: Daraus wird nichts werden. Es ist jedenfalls noch so wild wie eh und je. Und das Beste ist: Ich brauche gar nicht aus dem Haus zu gehen, um dabei zu sein, ich muss nur die Fenster aufmachen. Ach was, ich kann die Fenster auch geschlossen lassen. Das ganze Haus wackelt.

HP Wann sind Sie zurück nach London gezogen?

NC Vor vier Jahren. Davor haben wir zehn Jahre lang in Schweden gelebt, was für mich Sinn machte, weil ich ja Schwedin bin. Andererseits war es auch seltsam.

„Allerdings sagt mein Mann, dass ich, wenn wir zusammen Texte schreiben, mitunter seltsame Worte verwende. Er vermutet, dass ich schwedisch denke“

NENEH CHERRY

HP Warum seltsam?

NC Weil ich als Kind, wenn ich in Schweden war, wie in einer eigenen Welt lebte. Ich ging dort zur Schule, wir lebten auf dem Land. Wenn ich zu Hause war, lief dort ständig Musik, meine Mutter war Künstlerin, wir waren nur von Musikern und Künstlern umgeben. Hinzu kam, dass meine zweite Heimat New York war. Ich bin ja zwischen Schweden und New York groß geworden. Die Erfahrungen, die ich als Kind gemacht habe, hatten also mit dem richtigen Schweden nur wenig zu tun. Deswegen war es zunächst hart, als ich mit meinem Mann und den Kindern nach Stockholm gezogen bin.

HP Ach so?

NC Auch wegen der Sprache. Zwar ist Schwedisch meine erste Sprache – ich habe mit meiner Mutter schwedisch gesprochen, spreche es mit meinem Bruder und Freunden der Familie. Aber wie sich gezeigt hat, fehlte mir die Tiefe, die Seele der Sprache. Ich musste immer wieder auf englische Vokabeln zurückgreifen, was frustrierend war. Allerdings sagt mein Mann, dass ich, wenn wir zusammen Texte schreiben, mitunter seltsame Worte verwende. Er vermutet, dass ich schwedisch denke.

HP Das ist für Songtexte doch eigentlich ideal.

NC Ja, meine Texte haben möglicherweise einen leicht schwedischen Sprachrhythmus, den habe ich nämlich jetzt wieder drauf. Das hat aber auch fünf Jahre gedauert. Ich denke, das war es wert. Das Schwedische gehört eben auch zu meiner Identität.

HP Aber Ihr Mann spricht kein Schwedisch, oder?

NC Nein, tut er nicht. Aber er kennt das Land nun schon seit über drei Jahrzehnten. In den ersten Jahren fand er es, glaube ich, ziemlich entspannend, dort zu sein, weil er mit niemandem reden musste. Wenn er wollte, konnte er einfach für sich sein. Allerdings vermute ich inzwischen, dass sein Schwedisch deutlich besser ist, als er zugibt.

HP Bezieht sich der Albumtitel „Broken Politics“ auf Politik im Allgemeinen oder auf eine konkrete politische Situation?

“Broken Politics”, Albumcover

NC Nun, ich bin vorsichtig, wenn es darum geht, „Broken Politics“ als ein politisches Album zu bezeichnen, auf dem es um konkrete politische Sachverhalte geht. Eher geht es darum, was es heute bedeutet, Mensch zu sein. Wissen Sie, jeden Morgen nach dem Aufstehen höre ich Radio 4, das ist der Talkradiosender von der BBC, auf dem die aktuellen politischen Entwicklungen beredet werden. Und fast jeden Morgen denke ich: „Was ist mit uns los?“ Ich weiß natürlich, dass man den Problemen dieser Welt nicht mit einfachen Lösungen beikommen kann, aber ich weiß auch, dass es bessere Lösungen geben muss als jene, die man uns anbietet.

HP Ja, man hört morgens die Nachrichten, liest im Internetund hat schon gleich nach dem Aufstehen schlechte Laune.

NC Ständig diese doofen Tories, alles schlimm und kaputt. Deswegen der Titel. Man kann ihn konkret und metaphorisch lesen. Viele Leute gehen ja nicht einmal mehr wählen, weil sie zu desillusioniert sind. Aber vielleicht gibt es eine Gegenbewegung, dass Leute sich zusammentun, sich informieren, diskutieren. So wie es damals während des Vietnamkriegs war, als die Leute es satt hatten, sich belügen zu lassen.

HP Sie meinen, politisches Bewusstsein kommt und geht in Wellen.

NC Ja, das tut es.

HP Dann sind wir wohl gerade an einem besonders ungünstigen Punkt der Welle.

NC Ich habe gerade vier Radiosendungen für die Londoner Station NTS aufgenommen, und für eine dieser Sendungen habe ich mit den Last Poets gesprochen. Das war wirklich unglaublich interessant, weil die bereits einmal die gesamte Welle mitgemacht haben – Vietnam, Black Panther, die Bürgerrechtsbewegung.

HP Wie alt sind die heute?

NC So um die 70, würde ich sagen. Und einer von den dreien sagte, ich glaube, es war Abiodun, dass das Beste an der gegenwärtigen politischen Situation sei, das etwas Gutes daraus folgen werde. Die Last Poets wohnen ja in den USA, und sie meinen, dass man sehen könne, wie sich junge Leute wiederorganisieren würden. Es gibt also Grund für Optimismus.

HP Es gibt einen Podcast von Ihnen zum Thema „Rebel Jazz“, den Sie für den „Guardian“ aufgenommen haben. Darin reden Sie auch über das Sun Ra Arkestra. Ich hatte neulich das Glück, Marshall Allen zu sprechen.

NC Ist der nicht unglaublich? Wenn ich alt bin, will ich so sein wie er. Wie alt ist er heute? 96?

HP 94.

NC Wahnsinn. Ich habe das Arkestra vergangenes Jahr in London gesehen. Sie haben eine Woche lang jeden Abend gespielt, immer drei Stunden lang. Ich dachte nur: Seht her, Leute, so wird es gemacht! Und da sind denn auch die technischen Probleme, mit denen ich gestern beim Konzert zu kämpfen hatte, zweitrangig, weil es dahinter diese Weite an Möglichkeiten gibt. Natürlich passieren auf dem Weg dorthin Missgeschicke, aber Musik hat diese unglaublich mächtige und auch notwendige Energie.

HP Sie sagen im Podcast auch, dass Sie alles, was Sie über Gesang wissen, dem Jazz zu verdanken haben.

NC Ja, ich glaube, dass mir das aufgefallen ist, als ich das Album mit The Thing aufgenommen habe, das war ja eine Art Free-Jazz-Projekt. Es hat mich zurück zu meiner Anfangszeit mit Rip Rig + Panic katapultiert, zurück zu dem Moment, an dem ich das erste Mal im Studio war. Sie fingen an zu spielen, und es machte „Boom!“, wenn Sie wissen, was ich meine.

HP Das war ziemlich verrückte Musik.

NC Ja, total absurd. Wenn es gut lief, waren wir fantastisch, aber wenn es nicht lief, waren wir richtig schlecht, haha. Wie eine unschuldige Version des Arkestra, nur eben in einer Post Punk-Realität.

HP Wieso eigentlich Post Punk? Das hat doch rein gar nichts mit Joy Division, Bau- haus oder The Cure zu tun.

NC Stimmt, ich weiß auch gerade gar nicht, warum ich das Wort verwendet habe. Das ver- wende ich sonst nie, haha. Aber zumindest zeitlich trifft es die Sache: Es war die Zeit nach Punk. Die Leute konnten ihre Instrumente spielen, erweiterten ihren Horizont, hörten Reggae, Jazz und alle möglichen Dinge, was sich dann in der Musik niederschlug. Aber was den Jazzals einen meiner Haupteinflüsseangeht: Ich bin natürlich keine ausgebildete Jazzsängerin, aber was die Haltung angeht, ist Jazz für mich ein starker Antrieb. Das Bedürfnis, experimentell zu bleiben und dabei Disziplin an den Tag zu legen, ist wichtig. Wenn man nicht weiß, was man da eigentlich macht, ist man ja vollkommen aufgeschmissen.

HP Sie meinen, dass man die Regeln kennen muss, um sie zu brechen?

NC Yeah, genau so.

 

Listen here: „BROKEN POLITICS“ (SMALLTOWN SUPERSOUND)

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