MONSTER

CHETWYND

Die Künstlerin Monster Chetwynd hat schon viele Namen getragen, mal war es der Nom de Plume Alalia, mal nannte sie sich Spartacus, mal Marvin Gaye. Ähnlich verwirrend wie ihre wechselnden Identitäten ist ihre Kunst.

Selfish Shellfish: The Aquatic Ape“ heißt eine Berliner Performance, in der Chetwynd sich mit der sogenannten Aquatic Ape Hypothesis auseinandersetzt – einer Theorie über im Wasser lebende Menschenaffen, die besagt, dass die direkten Vorfahren des Menschen, anders als allgemein angenommen, Wassertiere waren. Und als solche natürlich erfahrene Schwimmer. Entsprechend ließ die Künstlerin ihr Publikum in Bademontur antreten. In einem öffentlichen Schwimmbad durfte es unter Wasser in diesen doch eher unbekannten Teil der Menschheitsgeschichte eintauchen.

CARA LERCHL Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Kunst unter Wasser aufzuführen?

MONSTER CHETWYND Nun, der Mensch geht schwimmen, um fit zu bleiben, das Wasser gibt ihm ein gutes Gefühl und verändert seine Atmung. Ich habe mich gefragt, ob es wohl eine angeborene Verbindung zwischen Mensch und Wasser gibt. Und wie es uns beeinflusst, da wir ja zu großem Teil aus Wasser bestehen. Orang-Utans zum Beispiel haben Angst vor Wasser, genau wie die meisten Katzen. Im Gegensatz zu Tigern, die lieben das Wasser. Daran habe ich zusammen mit dem Tropez-Projektraum gearbeitet, was ein riesiger Spaß war. Die Thematik des aquatischen Menschenaffen ist natürlich umstritten. Es handelt sich nicht mal um eine offizielle biologische Theorie.

CL Sondern um eine Art alternative Evolutionstheorie. Dieses recht akademische Thema haben Sie in einen spielerischen Kontext gebracht.

MC Das war eine interessante Auseinandersetzung. Mir ist es wichtig, meinen Instinkten zu folgen. Dazu gehört auch die Behandlung von Themen, die etwas plump erscheinen. Es hat etwas von Realitätsflucht, ernsthafte Inhalte in einen spielerischen Kontext zu setzen.

Performance „Pomegranate Promenade“ im Middelheim Museum, Antwerpen, 2018, © Monster Chetwynd, courtesy Sadie Coles HQ, London, Foto: Pieter Van Hooydonck © Antwerpen Kunstenstad VZW

CL Versuchen Sie mit Ihrer Kunst, die Menschen zu instrumentalisieren?

MC Das ist eine interessante und gleichzeitig gefährliche Frage. Ich versuche, es zu vermeiden. Aber mein Ehrgeiz, der mir oft etwas zu hoch gegriffen erscheint, treibt mein Publikum wahrscheinlich dazu, ungewöhnliche Dinge zu tun. Meine Motivation ist es, Erlebnisse zu schaffen, die Menschen verbinden.

CL Ist denen das Ganze nicht auch ein bisschen unangenehm?

MC Ja, das ist Teil der Erfahrung. Menschen müssen sich ihrem Unbehagen stellen. Danach sind sie zufrieden mit sich und denken: „Das war doch mal was!“

„Bis heute habe ich keine Ahnung, was als ,normal‘ oder ,gut‘ gilt“

Monster Chetwynd

CL Ihre Arbeit hat etwas Naives, das liegt wahrscheinlich an ihrer herausfordernd-kindlichen Herangehensweise. Macht die Ihre Kunst besonders interessant?

MC Möglich. Denken Sie an den Film „Kaspar Hauser“, er handelt von einem Mann, der isoliert in einem Stall aufwächst. Im Grunde entwickelt er sich zu einem Idioten, es hat ihm ja niemand das Sprechen beigebracht. Eines Tages gelingt ihm jedoch die Flucht, und er stolpert in die Gemeinde. Philosophen finden den Fall Kaspar Hauser deswegen so aufregend, weil Hauser so unschuldig und aufgeweckt ins Leben trat.

Performance „Pomegranate Promenade“ im Middelheim Museum, Antwerpen, 2018, © Monster Chetwynd, courtesy Sadie Coles HQ, London, Foto: Pieter Van Hooydonck © Antwerpen Kunstenstad VZW

CL Woher nehmen Sie den Mut, so furchtlos zu handeln?

MC Nun, meine Eltern sind sehr karriereorientiert. Sie haben mir beigebracht, dass es wichtig ist, zu streben und gewisse Ziele zu erreichen, um respektiert zu werden. Dadurch habe ich eine natürliche Arroganz entwickelt, die mich ermutigt, mich nie aufhalten zu lassen. Das hat mich unabhängig, anpassungsfähig und furchtlos gemacht. Dadurch, dass ich in vielen verschiedenen Ländern gewohnt habe, habe ich außer dem die unterschiedlichsten Lebensentwürfe kennengelernt. Bis heute habe ich keine Ahnung, was als „normal“ oder gar „gut“ gilt. Solch ein, wie ich es nenne, unkonventionelles Training ist ein riesiger Vorteil und macht den Menschen fle xibel. Wenn es in ihm nicht Unsicherheit und Depressionen hervorruft.

CL Ungewöhnlich, spüren die meisten Künstler nicht ständig Druck zur Professionalisierung?

MC Mir ist es nicht wichtig, mit meiner Kunst Geld zu verdienen. Ich möchte, dass die Menschen einen gewissen Hunger auf sie verspüren. Und sie dadurch aktuell bleibt.

CL Ist das der Grund, warum viele sich von Ihrer Kunst angezogen fühlen?

MC Ganz bestimmt. Ich habe die Fähigkeit zu zaubern!

CL Kostüme spielen eine Schlüsselrolle in Ihrer Kunst, wieso?

MC Ich liebe ihre Überschwänglichkeit und Extravaganz. Und es gefällt mir zu experimentieren, deshalb mache ich alles selbst. Ich würde meine Arbeit niemals delegieren. Letzten Endes sehen meine selbst gemachten Kreationen wesentlich besser aus als Designerstücke.

CL Was war Ihr letzter großer Streich?

MC Das mit dem Schwimmbad war doch ganz lustig, oder? Und erst der Klang unter Wasser – unglaublich! Allerdings hat nicht alles funktioniert. Es macht mir aber auch nichts aus, wenn Dinge scheitern. Ich kann mit Misserfolgen umgehen. Manche Leute verstehen meine Kunst, manche eben nicht.

Marvin Gaye Chetwynd „Some Canterbury Tales“, 2010–2014, © Marvin Gaye Chetwynd, courtesy Sadie Coles HQ, London

 

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