MICHÈLE LAMY

und

ASAP ROCKY

Sie ist die dunkle Schamanin der Mode, ein Worka­holic aus einer anderen Welt und Clan-Chefin des Rick-Owens-Imperiums. Michèle Lamy und ASAP Rocky verbindet die ungewöhnlichste Freundschaft des Showgeschäfts.

Das Alter von Michèle Lamy gilt manchen als das letzte große Geheimnis der Mode. Mit ihren schwarz gefärbten Fingerspitzen und goldverkronten Zähnen – dazu von Kopf bis Fuß gekleidet in die Luxus-Gothic-Mode ihres Mannes Rick Owens – sieht sie aus wie einer anderen Dimension entrückt. Vor allem aber hat Lamy so viele Karrieren im Lebenslauf, dass die sich leicht auf mehrere Leben verteilen ließen. Sie war Kabaretttänzerin und Strafverteidigerin in Paris, Schülerin von Starphilosoph Gilles Deleuze und Designerin ihres eigenen Modelabels. Einer Eingebung folgend zog sie nach Los Angeles, wo sie eines der legendärsten Restaurants Hollywoods eröffnete: Im Les Deux Cafés tanzten Brad Pitt und ­Grace Jones in den 90er-Jahren auf den Tischen, während Madonna versehentlich ihr Haar in Brand steckte. Lamy traf Rick Owens, als sie einen Schnittmacher für ihre Modelinie suchte. Ein paar Jahre später hatte sie den kalifornischen Designer nicht nur geheiratet, sondern war mit ihm zurück nach Paris gezogen, um Owens Label groß herauszubringen. Eine Mission, die geglückt ist. Heute wohnt das Paar in der früheren Zentrale der Sozialistischen Partei und führt ein Mode-Imperium, das von seinen Anhängern geradezu kultisch verehrt wird. Kunst macht Lamy nebenbei auch noch. Zur Biennale in Venedig 2016 verwandelte sie ein altes Containerschiff in einen schwimmenden Salon. Und nahm im schiffseigenen Musikstudio Songs mit ihrem guten Freund, Rap-Superstar ASAP Rocky, auf. Für uns trafen sich die beiden in Rockys New Yorker Apartment wieder.

ASAP Rocky Mann, ich freue mich total, dass du endlich mal bei mir zu Hause vorbeikommst.

MICHÈLE LAMY Ich mich auch.

AR Ich war ja schon so oft bei dir, und jetzt siehst du endlich mal meine New Yorker Wohnung. Die möchten also, dass wir uns über deine Lebensgeschichte unterhalten.

ML Ach, alle wollen über die Vergangenheit sprechen, dafür bin ich zu alt.

AR Haha.

ML Jetzt sehen wir uns endlich mal, lass uns über das Jetzt sprechen.

AR Dinge, die sich natürlich anfühlen.

ML Das kriegen wir hin.

AR Es fühlt sich an, als würde das Zimmer schwanken.

ML Ein Erdbeben ist es definitiv nicht.

AR Ich muss wohl high sein. Es schwankt, haha. Vielleicht ist es auch die U-Bahn, man kann die Züge von hier hören, die sind genau unter uns. Was treibst du so, Lady? Bist du wegen deiner Kunst hier?

“Es weiß eigentlich kaum jemand, wie wichtig du hinter den Kulissen für meine Karriere warst. Du hast ja nicht nur meine Albumcover gestaltet, du hast mich mit zu Kunstmessen genommen und mir die Kunstwelt gezeigt.”
ASAP ROCKY

ML Ich bin in New York, weil wir mit dem Rick-Owens-Laden von der Hudson in die Crosby Street ziehen. Wir machen auch einen Showroom auf, in einem früheren Jil-Sander-Store.

AR Es weiß eigentlich kaum jemand, wie wichtig du hinter den Kulissen für meine Karriere warst. Du hast ja nicht nur meine Albumcover gestaltet, du hast mich mit zu Kunstmessen genommen und mir die Kunstwelt gezeigt. Kunst kann ja sehr klischeehaft sein, aber für dich ist sie ganz natürlich. Du stolzierst nicht herum und gibst damit an. Du liebst sie aufrichtig. Darum respektieren dich die Leute so sehr.

ML Ich war gerade bei ­Jeanne (Greenberg) im Salon 94 und habe dieses Objekt von David Hammons gesehen, den Basketballkorb, der wie ein Kerzenleuchter aussieht. So wie der, den du in der Küche hängen hast.

AR Von dem wir ein Foto gemacht haben.

ML Das war das erste Mal, dass ich von dir eine Reaktion auf ein Kunstwerk gesehen habe. Du wolltest gleich wissen, was es kostet, haha. Und Jeanne sagte: “Ich glaube, es ist ein bisschen zu teuer.” Sie wollte dir den Preis nicht nennen, weil sie es nicht ver­kaufen wollte.

AR Genau, sie wollte ihr eigenes Stück nicht verkaufen.

ML Das war der Beginn unserer Geschichte. Du wolltest mich treffen, und ich habe gerade eine Ausstellung vorbereitet, also gab es überall Kunst. Du kamst nach L. A., und wir haben eine Tour durch die Galerien gemacht.

AR Haha, ja.

ML Und dann sind wir zusammen zu all den Kunstmessen gefahren, auf denen ich etwas beigesteuert habe, wie die Bargenale zur Biennale in Venedig. Wir waren zusammen auf dem Schiff.

AR Und haben afrikanisches Essen gegessen.

ML Unser Koch Dieuveil Malonga wird übrigens gerade viel nach Afrika eingeladen. Er ist Afrikaner, ist aber nicht dort aufgewachsen. Jetzt bereist er den Mutterkontinent, erkundet die Kräuter und so weiter.

AR Ich war noch nie auf Barbados, obwohl ich Halbbarbadier bin. Ich möchte unbedingt bald hinfahren.

ML Kommt deine Mutter von dort?

AR Mein Vater. Meine Mutter stammt aus Harlem. Upward Manhattan, da bin ich geboren. Auf Barbados war ich nie.

ML Du solltest hinfahren.

AR Und meine Wurzeln finden.

ML Oder du denkst dir selber welche aus. Aber ich glaube, es ist sehr wichtig, dass du hinfährst.

AR Es macht Sinn. Um he­raus­­zufinden, wer ich bin. Ich finde es wichtig, sich von Menschen aus anderen Welten beeinflussen zu lassen. Wir sind der lebende Beweis dafür. So seltsam es manche finden mögen, wir passen wirklich perfekt zusammen. In den Jahren, in denen wir uns kennen, hast du mir wirklich geholfen, mich weiterzuentwickeln. Nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch. Und einen anderen Blick auf das Leben zu bekommen.

ML Oh, das ist wunderbar zu hören. Empfindest du das so? Das ist auf jeden Fall gegenseitig. Du kannst sehr viel ausdrücken, und damit meine ich nicht nur die Musik. Deine Kunst erinnert mich an die Gedichte von Langston Hughes, die ich so mag. Für mich bist du der Langston Hughes unserer Zeit.

AR Wow. Das ist großartig. Langston Hughes, das ist solch ein Kompliment. Danke.

ML Wenn du keine Musik zu deinen Raps spielst, sind sie Gedichte. Sie haben den Rhythmus ihrer Zeit. Du bist deiner Zeit voraus, du zeigst den Menschen, was sie noch nicht wissen, aber wissen sollten. Du nennst es HipHop, aber ich glaube, du hast eine sehr andere Stimme als alle anderen. Selbst wenn du mother­fucker sagst, klingt das weich, haha.

AR Ich erinnere mich an die ersten Male, als du mich zu Kunstmessen mitgenommen hast und ich mir Sorgen machte, weil ich nicht Kunst studiert und die Ausbildung dafür habe. Aber du meintest: “Hör gefälligst auf ­damit, du bist ein Künstler. Du bist schon vollkommen. Du wurdest so geboren, du musst nur noch mehr lernen.” Das war die größte Motivation, die ich je bekommen habe.

ML Bist du damals in Ausstellungen gegangen?

AR Nein, nie. Wenn ich mir jetzt die zeitgenössische Kunst anschaue, habe ich auch das Gefühl, dass alles schon einmal da gewesen ist. Jeder Stil ist eigentlich eine Imitation. Ohne dass ich da jetzt zu kritisch sein will. Es ist nur alles schon einmal gemacht worden. Darum haben mir die Renaissance und die großen Meister so gut gefallen, als wir auf der Frieze waren. Weil man dort die echte, authentische Kunst sehen kann.

ML Es gibt schon neue Künstler. Man sollte vielleicht nicht im Zentrum des Kunstmarktes suchen, aber …

AR In der zeitgenössischen Kunst steckt natürlich ein Haufen Geld, aber ich habe noch nie so etwas gefunden. Dieses Stück hier ist von einem Freund, es zeigt ­Magneto aus X-Men. Aber es ist kein Original, weil der Comic das Original ist. Verstehst du, was ich meine?

ML Ja.

AR Wenn ich mir die neuen Künstler anschaue, dann geht es immer darum, einen Dreh für etwas zu finden, was es schon einmal gab. Das ist das Komplizierte daran. Ich gehe lieber in Museen und Ausstellungen, um zu sehen, wer was kauft. Der ganze alte Scheiß kostet dich ja einen Arm und ein Bein. Er ist echt teuer.

ML Da gibt es einen großen Boom. Und die neuen Künstler werden abgelehnt. Man muss abwarten, bis sie sich selbst gefunden haben.

AR Wer waren diese Künstler, die du mir gezeigt hast, die diesen dunklen, mittelalterlichen Schrank gemacht haben? Er sah sehr nach mittelalterlichem Schloss aus.

ML Oh ja, die Künstler aus Slowenien.

AR Ja!

ML IRWIN.

AR Von denen will ich unbedingt etwas. Ich habe hier ein Werk von Hugo McCloud.

ML Oh ja, zeig mal. Ich habe eins, das seit zwei Jahren in einer Galerie hängt, aber ich weiß nicht, wie ich es bewegen soll. Ich habe ihn in Torino getroffen, wo er eine Ausstellung hatte. Er hat diese fantastischen Readymade-Boxen gezeigt. Ich möchte jetzt stattdessen eine von denen. Er ist aber gerade für drei Monate in Manila, um dort traditionelle Drucke zu lernen. Deswegen konnte ich ihn nicht im Studio besuchen. Aber hier hast du also einen Künstler von heute, einen jungen, aufstrebenden …

AR Ich habe ein paar. Das hier ist von einem australischen Künstler, wenn man von Weitem draufschaut, erkennt man, dass es eine Polizeirazzia zeigt. Wenn du einen Schritt zurückgehst. Es ist ziemlich dunkel hier drin, ich mach dir mal das Licht an. Kannst du es sehen?

ML Oh ja. Aber du denkst nicht, dass es mit der Musik das Gleiche ist? Wenn du sagst, dass die Kunst nur wiederholt, was früher schon einmal gemacht wurde?

AR Natürlich ist es das Gleiche mit der Musik, das ist ja das Problem!

“Manchmal findet man jemanden, dessen Stimme zu einem spricht.”
MICHÈLE LAMY

ML Das ist eine Art, es zu sehen.

AR Es ist das Gleiche.

ML Aber manchmal findet man jemanden, dessen Stimme zu einem spricht. Das kann immer passieren, es muss nicht unbedingt auf einer Kunstmesse oder so etwas sein. Manchmal ist es gut, weiter zu blicken.

AR Glaubst du, dass es eine Verbindung zwischen Kunst und Mode gibt? Oder ist das für dich sowieso das Gleiche?

ML Das ist eine sehr schwierige Frage. Ein Kleidungsstück mag vielleicht keine Kunst sein, aber es gibt immer die Geschichte des Menschen, der es gemacht hat. Und er kann ein Künstler sein. Darüber wollte ich sowieso mit dir sprechen. Was treibst du gerade in der Mode?

AR Ich bin ziemlich stolz auf meine Mode, ich habe das Gefühl, dass ich meinen eigenen Stil geschaffen habe. Ich habe immer High Fashion und Streetwear gemischt. Manchmal ist das eher unauffällig, manchmal ist es komplexer und komplizierter. Mein erster Song Peso geht ja (rappt): “Raf Simons, Rick Owens, usually what I’m dressed in …”

ML Das war ja eigentlich, warum wir uns getroffen haben!

AR Ja, 2011.

ML Du bist in den Laden gekommen.

“Ich bin in SoHo herumgelaufen und habe Leute ausgeraubt. Also, nicht die ganze Zeit.”
ASAP ROCKY

AR Ich war total aufgeregt, denn als ich jünger war, konnte ich mir Rick Owens nicht leisten. Und 2008 konnte man seine Sachen nicht auf Ebay finden. Man musste Geld haben, um sich Rick Owens leisten zu können. Den größten Teil der Zeit haben wir seine Sachen also nur von Weitem bewundert. Und wenn wir jemanden mit unserer Größe sahen, haben wir ihn auch mal ­abgezogen und ihm die Schuhe abgenommen, leider. Mit Goyard war es das Gleiche. Deswegen hänge ich wahrscheinlich immer noch an diesem geschmacklosen Scheiß.

ML Das mit Goyard ist schon lustig.

AR Ich bin in SoHo herumgelaufen und habe Leute ausgeraubt. Also, nicht die ganze Zeit.

ML Du hast deinen eigenen Stil, wirst aber auch sehr mit bestimmten Modehäusern in Verbindung gebracht. Wie findest du das?

AR Ich mag es. Ein Entertainer zu sein und ein Künstler zu sein sind ja auch zwei verschiedene Dinge. Manchmal muss man bestimmte Dinge tun, obwohl man ein Künstler ist. Das bedeutet nicht, Kompromisse einzugehen, sondern sich weiter­zuentwickeln. Wenn ich mit 27 Jahren Geschäftsmann bin, finde ich nichts dabei, High-End-Anzüge und so was zu tragen. Ich mochte total, was Raf Simons bei Dior gemacht hat. Er hat natürlich Frauenmode entworfen, aber er hat die Energie des Hauses verändert. 2009 gefiel mir vieles von Kris Van Assches Designs für Dior Homme. Seitdem hat sich mein Geschmack etwas geändert, ich trage fast ausschließlich Rick Owens und Raf Simons. Hätte ich 2005 eine High-End-Marke tragen wollen, hätte ich mir wahrscheinlich einen Versace- oder Gucci-Anzug gekauft.

ML Vor zehn Jahren hättest du aber nicht in einen Gucci-Anzug gepasst.

AR Vor zehn Jahren? Ich kann dir ein Bild von mir im Gucci-Outfit an meinem vierten Geburtstag zeigen! Mit Gucci-Goldkette.

ML Nein!

AR Doch, und Gucci-­­­Sonnenbrille.

ML Ja?

AR Ich suche dir das Bild raus.

ML Das will ich sehen.

AR Mein Vater war ein Drogendealer! Ich komme aus Harlem, wir hatten Fake-Gucci von diesem Typen namens Dapper Dan. Ich wurde als gut gekleideter Motherfucker geboren, haha.

ML Mit vier hattest du deine Gucci-Sachen also von Dapper Dan, jetzt habe ich auch gerade ein Foto von dir ganz in Gucci gesehen.

AR Mir gefällt wirklich, was Alessandro (Michele) macht. Tom Ford hat bei Gucci einen guten Job gemacht, natürlich vor allem bei den Frauen. Aber als er wegging, war das ein bisschen wie, als Marc Jacobs Louis Vuitton verlassen hat. Für mich war seine Arbeit dort legendär. Die ­Sprouse-Kollektion und all das, das war mein Erweckungsmoment.

ML Die Sprouse-Kollektion war unglaublich.

AR Mit den Strumpfhosen. Mein Kumpel Asap Bari hat sich damals diese zerschnittenen Jeans geholt, durch die man die Leggins sehen konnte. Und alle meinten: Yo, du kaufst dir Frauenstrumpfhosen, was stimmt mit dir denn nicht? Weißt du, wie alt er war? Er war 15! Wir sind in Secondhandläden gegangen, um uns Margiela zu kaufen. Wir haben Rick Owens gekauft, wenn wir konnten. Raf Simons. Gucci war damals sehr kitschig, voller Stickereien und Monogramme. Gucci, Gucci, Gucci, rot und grün, ah! Aber weil ich aus Harlem komme, gefiel mir die Ästhetik von Al Capone und den Drogendealern und Rappern, goldene Gucci-Ketten und solches Zeug. Vier-Finger-Ringe. Das ist Harlem.

ML Das fand ich damals auch sehr schick. Nur dass du auch den Körper und den Look hattest, das zu tragen. Und dieses ganze Gangster-Ding zu nehmen und darüber hi­nauszugehen. In dem Stil liegt ja immer eine Übertreibung, eine Geste. Wenn du heute Gucci trägst, ist der Unterschied, dass du es nicht mehr übertreibst.

AR Den Stil übertreibst?

ML Mit dem Stil spielst.

AR Mir gefällt es immer noch, damit zu spielen. Es ist Gucci, das ist nicht unbedingt meine Marke, aber wenn Alessandro Michele einen Hut entwirft, den ich mag, dann trage ich den. Oder wenn er eine Jacke designt, die ich cool finde. Ich glaube, er hat in erster Linie sehr viel Spaß mit der Marke. Das gefällt mir, es fühlt sich jung an. Ich glaube, mehr und mehr junge Leute werden sich seine Sachen kaufen. Und ich bin noch jung.

ML Haha, oh!

AR Nein, nein, nein, du weißt schon, wie ich das meine …

ML Du bist ein Baby! Aber es ist interessant, dass Mode und Musik für dich zwei Welten sind, denn auf der Bühne trägst du diese Sachen ja nicht.

AR Nein, auf der Bühne nicht. Hier ist das Foto.

ML Haha, wow. Mit vier Jahren. Du warst deiner Zeit voraus.

AR Wir sind unserer Zeit voraus!

ML Ich hoffe übrigens, dass du morgen zum Overthrow Boxing Club kommen kannst.

AR Wenn jemand boxt, komme ich. Wo ist der Club?

ML Bowery, Ecke Bleecker Street.

AR Ich bin dabei. Wann genau?

ML Gegen fünf. Ich schreibe dir noch mal.

AR Ich werde da sein.

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