MIA GOTH

Oh my Goth! Sie ist die neue Shelley Duvall und tanzt ein mörderisches Ballett. Im Pass von Mia Goth steht ein Name, der wie ausgedacht klingt, es aber nicht ist. Eigentlich nämlich heißt Goth, Jahrgang 1993, Mia Gypsy Mello Da Silva Goth.

Geboren als Tochter eines Kanadiers und einer Brasilianerin und in London und Rio de Janeiro aufgewachsen, wurde sie 13-jährig als Model entdeckt. Wenig später entdeckte Goth selbst die Schauspielerei und spielte in Lars von Triers „Nymphomaniac“ die nicht minder nymphomane Teenagerfreundin der Titelheldin.

Ohnehin scheint es, als habe Mia Goth kaum eine Rolle angenommen, die sie nicht auf Extremgebiet geführt hat. Sie war eine letzte Erdenbewohnerin im Zivilisationszusammenbruchsthriller „Survivalist“, wurde im Horrorfilm „Marrowbone“ von dunklen Mächten heimgesucht und in „A Cure for Wellness“, gedreht auf der Schwäbischen Alb, in eine gotische Bäderanstalt gesperrt. Nun kommt Goth als gemarterte Balletttänzerin in Luca Guadagninos „Suspiria“ ins Kino. Auch hierfür musste sie sich auf eine Bergspitze begeben, denn gefilmt wurde in einem verlassenen Hotel in den italienischen Alpen.

Mit „Suspiria“ legt Guadagnino, der mit „Call Me by Your Name“ den Herzensfilm 2017 herausgebracht hat, Dario Argentos Horrorklassiker neu auf. Es geht um dunkle Vorkommnisse in einer Tanzschule, in der Hollywoodstars wie Tilda Swinton und Dakota Johnson, Fassbinder-Frauen wie Ingrid Caven und Angela Winkler und Supermodels wie Malgosia Bela und Alek Wek Grenzgebiete des Ausdruckstanzes erkunden.

Bei Guadagnino spielt „Suspiria“ im West-Berlin der 70er-Jahre: Draußen wütet die RAF, drinnen ist es auch nicht schön. Eine Tanzschülerin verschwindet, eine andere taucht unverhofft aus Ohio auf, Körper werden gedrechselt und Augenfarben gewechselt. Blut fließt.

Mia Goth spielt die junge Elevin Sara, die sich in die zweifelhafte Obhut von Swinton (einer Art bösen Pina Bausch) und ihren Kolleginnen begibt. Natürlich begeht sie den Fehler, unerwünschte Nachforschungen anzustellen. Natürlich kann das nicht gesundheitsfördernd sein.

Gedreht hat Guadagnino fast ausschließlich mit Frauen (die einzige Männerrolle spielt ebenfalls Tilda Swinton, ein Umstand, den Guadagnino und Swinton lange dementierten). Anders als Argentos Original hat Guadagnino damit auch eine Botschaft. „‚Suspiria‘ ist ganz sicher ein Film über Female Empowerment“, sagt Mia Goth.

Als Nächstes hat sie den Film „High Life“ in der Pipeline. Man kann nicht sagen, dass es dort viel heiterer zugeht (ein Raumschiff voller Verurteilter, Suche nach einem schwarzen Loch, Zwangsfortpflanzung). Goth spielt neben Juliette Binoche und Robert Pattinson. Regie führte die Französin Claire Denis, die Goth für uns interviewt hat.

CLAIRE DENIS Mia, ich bin gerade in New York und stecke im Stau. Als Erstes wollte ich dir sagen: Ich schätze mich sehr glücklich, dich zu kennen. Ich war ja schon 70, als wir uns das erste Mal begegnet sind, aber man kann wohl sagen, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Es kann recht beängstigend sein, seine Schauspieler zum ersten Mal zu treffen. Aber bei dir habe ich keine Sekunde gezweifelt. Es war fast, als hätte mein Gehirn ausgesetzt.

MIA GOTH Ach, danke, Claire! Das bedeutet mir sehr viel. Mir ging es ähnlich. Die Beziehung, die wir miteinander aufgebaut haben, habe ich so vorher noch nie erlebt. Regisseure zum ersten Mal zu treffen ist übrigens auch sehr einschüchternd. Als ich dir begegnet bin, habe ich mich sofort wohl gefühlt.

CD Wahrscheinlich weil ich selbst unsicher bin. Mit jemandem wie dir fühlt sich das an wie eine Schwesternschaft. Ich handle immer nach Gefühl. Ich bin kein besonders intellektueller Mensch.

MG Das macht es aber auch so erfrischend, dass du dich mit dem Unbekannten so wohl fühlst.

CD Ich habe so viel über deinen Film „Suspiria“ gehört, ich verzehre mich danach, ihn zu sehen. War es beängstigend oder hart oder grausam, diesen Film zu drehen?

MG Ich würde nicht sagen, dass ich mich geängstigt habe. Am Set sitzt man ja zwischen all dieser Logistik, man sieht, wie das Licht angepasst wird und die Kameras und so weiter, das wirkt dann nicht sehr furchterregend. Aber „Suspiria“ war definitiv herausfordernd. Es war ein schwieriger Dreh. Ich musste tanzen lernen. Ich hatte zwei Monate Ballettunterricht in Italien, in denen ich mir alles aneignen musste. Aber es hat mir großen Spaß gemacht, mich dort unter die Tänzer zu mischen. Ich wusste gar nichts über diese Welt. Oder wie man seinen Körper bewegt, um sich damit auszudrücken. Da war ich ziemlich naiv. Dann habe ich mich völlig in diese Kunstform verliebt.

CD Wo habt ihr dann gedreht?

MG In einer kleinen italienischen Stadt namens Varese, etwa eine Stunde von Mailand entfernt. Den Großteil des Films haben wir dort in einem verlassenen Hotel auf der Spitze eines Berges gedreht. Vier Monate lang im Winter. Es war ein unheimlicher Ort, denn 40 Jahre lang war niemand dort oben gewesen. Es fühlte sich an, als wäre man in eine andere Zeit zurückgereist. Ich hatte ein starkes Gefühl davon, wie es vor langer Zeit dort gewesen sein muss. Alles war unberührt. Irgendwie ist der Ort selbst zur Filmfigur geworden. Er hat viel dazu beigetragen, mit dem Film den richtigen Ton zu treffen.

“Mich interessiert die Frage, was Menschen ängstigt und warum es ihnen gefällt, sich zu ängstigen. Es ist etwas sehr Ursprüngliches und Rohes daran”
MIA GOTH

CD Kanntest du damals Dario Argentos „Suspiria“?

MG Ich habe ihn mir angeschaut, kurz nachdem ich in Varese angekommen war und mit Luca darüber gesprochen hatte. Er ist ein großer Fan und hat mit solcher Bewunderung von dem Original gesprochen. Er hat aber auch sehr deutlich gemacht, dass er kein Remake des Klassikers drehen, sondern eine Neuinterpretation erschaffen wollte. Mir gefallen Horrorfilme auch total. Mich interessiert die Frage, was Menschen ängstigt und warum es ihnen gefällt, sich zu ängstigen. Es ist etwas sehr Ursprüngliches und Rohes daran.

CD Und interessieren dich die Siebziger?

MG Schon, sie waren ein entscheidendes Jahrzehnt für Kultur und Selbstausdruck. Nach all diesen Jahren, in denen es immer darum ging, sich gesellschaftlich akzeptabel zu verhalten, kamen die Siebziger und mit ihnen eine Explosion von Freiheit. Das Ergebnis waren einige der besten Film und Musikstücke und Kunstwerke, die je erschaffen wurden.

CD Luca Guadagnino hat gesagt, du würdest ihn an Shelley Duvall erinnern. Kannst du damit etwas anfangen?

MG Das war sehr hilfreich. Sie ist eine meiner liebsten Schauspielerinnen aller Zeiten. Sie hat so viel Ausdruck und ist trotzdem subtil. Sie ködert das Publikum.

CD Ich finde, du bist auf solch natürliche Weise mit anderen in Kontakt. Bei „High Life“ nicht nur mit mir, sondern auch mit Juliette Binoche. Oder die Vergewaltigungsszene. Der Kampf mit Robert Pattinson, mit Blut an deinen Händen. Du hast mich beim Drehen immer wieder überrascht, weil du nichts zurückhältst. Kein: Ich gebe 80 Prozent und halte 20 zurück. Da hat mir immer das Herz geschlagen bis zum Hals.

MG Ich schätze, es macht mir keine Angst, verletzlich zu sein. Ich fühle mich unwohler in meiner eigenen Haut und in meinem täglichen Leben als am Filmset. Es würde mich mehr ängstigen, wenn ich nicht alles geben würde. Ich habe nie Schauspielunterricht gehabt, ich habe nicht studiert. Ich kenne gar keine technische Methode zu schauspielern. Ich kann bloß alles geben, was ich habe. Mich ziehen Filme an, die mich herausfordern. Meine Lieblingsfilme sind solche, die Menschen und ihre Makel unter die Lupe nehmen. Menschen, die nicht perfekt sind. Das interessiert mich am meisten.

CD Mir erscheint es immer, als wärst du erst vor einer Minute geboren worden. Du hast etwas an dir, das nicht gewitzt oder antrainiert ist. Jeden Tag, wenn ich dir begegnet bin, warst du wie neu. Du bist eine geheimnisvolle Person, die in der Nacht verschwindet und am Morgen wiedergeboren wird. Selbst im Zug in Polen in der Eiseskälte. Das war schon surreal, in Polen.

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MG Alles in Polen war surreal. Und auch das Weltraumtraining in Köln. Es war wie ein Traum. Ich liebe diesen Teil des Berufs. Es macht mich so glücklich, dass man all diese neuen Fähigkeiten aufschnappen kann, zu denen man andernfalls nie gekommen wäre.

CD Und wenn man vor dem Dreh gemeinsam etwas erlebt, was den Körper mit einbezieht, etwas derart Physisches wie den Tanz oder das Weltraumtraining, dann bedeutet das viel. Weil es bleibt.

MG Das hat mich früher eingeschüchtert. Eigentlich tut es das immer noch, es ist ein wirklich beängstigendes Konzept. Zugleich treibt es mich an und hält mich auf Trab. Was immer gerade in deinem Privatleben abläuft, ob gut oder schlecht – es gibt dann etwas, das größer ist als du selbst. Auf das man sich konzentrieren muss. Weil alles, was man am Set tut, weil diese Szenen für die Ewigkeit sind. Das hat etwas wirklich Magisches.

CD Das stimmt.

MG Hast du schon mal die Redewendung gehört, dass man immer drei Filme dreht, wenn man einen Film dreht? Den Film, dessen Drehbuch man liest, den Film, den man dreht, und den Film, der am Ende zusammengeschnitten wird? Glaubst du das? Findest du, dass du am Ende immer mit einem ganz anderen Projekt dastehst als am Anfang?

CD In gewisser Weise schon. Als wir „High Life“ gedreht haben, war ich auch besonders empfindlich, weil meine Mutter gerade im Sterben lag. Darum habe ich jedes Partikel wahrgenommen, jeder Ausdruck von Liebe war von großer Bedeutung für mich. Ich war wirklich ein zartes Pflänzchen. Und ich habe auch mit Menschen zusammengearbeitet, die sehr feinfühlig waren, die eine gewisse Zartheit an sich hatten.

MG Es kam mir vor, als würde ich Verantwortung für meine Figur Boyse übernehmen. Sie und die anderen Figuren sind ja zu einem gewissen Grad eine Erweiterung von dir selbst. Deswegen habe ich eine große Verpflichtung gespürt, so ehrlich und ernsthaft wie möglich zu spielen.

CD Ich glaube, es gibt nichts Besseres. Ich verurteile eine Figur nie. Ich bin für sie verantwortlich, und ich darf sie nicht hintergehen.

 

Mehr Fotos aus unserem Editorial mit Mia Goth gibt’s hier. „Suspiria“ läuft ab sofort im Kino.

FOTOGRAFIE Emon Toufanian
STYLING Eugenie Dalland
HAARE Takashi Yusa
MAKE-UP Akiko Owada
SET-DESIGN Lauren Shooster
STYLING-ASSISTENZ Julie Zielinski, Julia Bzezicki
SET-DESIGN-ASSISTENZ Yuko Okudaira

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