LUCA

GUADAGNINO

Luca Guadagnino hat sich einen Namen für ästhetisch erfreuliche Filme gemacht. In „I Am Love“ durchleuchtete er die Seele der Mailänder Oberklasse, mit „A Bigger Splash“ legte er Jacques Derays Klassiker „La Piscine“ neu auf. Seine Italo-Dream-Romanze „Call Me by Your Name“ war vergangenes Jahr der Film, der alle in die Zeit der ersten Liebe zurückschleuderte.

Nun hat Guadagnino, der einen hübschen Palazzo in der italienischen Campagna bewohnt, Dario Argentos Horrorklassiker „Suspiria“ adaptiert. Die Zutaten: eine Ballettschule im Berlin der Siebziger, Fassbinderfrauen, der Deutsche Herbst, Tilda Swinton, Mia Goth, Dakota Johnson und ein Hektoliter Blut.

 

RENÉ KEMP Ich bin sicher, dass Sie inzwischen schon eine Menge Interviews zu „Suspiria“ gegeben haben.

LUCA GUADAGNINO Ja. Und die Frage, warum ich diesen Film gemacht habe, wurde mir wirklich sehr oft gestellt. Obwohl diese Frage lächerlich ist.

RK Ich weiß, dass es ein Kindheitstraum beziehungsweise ein Traum von Ihnen als Jugendlicher war, den Film zu drehen. Ich frage mich, ob Sie beim Schreiben oder Drehen des Films je das Gefühl hatten, Ihren Traum zerstören zu müssen, damit am Ende ein Film daraus werden kann.

„Ich betrachte Filme gerne als Träume. Jeder Film ist ein Traum“
LUCA GUADAGNINO

LG Nun, ich glaube, dass ich inzwischen gelernt habe, dass jeder gute Plan über den Haufen geworfen werden muss, um zu funktionieren. Als ich anfing, Filme zu machen, hatte ich noch all diese albernen Storyboards und Vorstellungen, die sehr, sehr präzise beschrieben haben, was ich wollte. Was dazu führte, dass ich nie bekam, was ich wollte. Der Bruch zwischen meinen Idealen und der Realität war folglich erschreckend. Es war so dramatisch, dass ich darüber beinah paranoid geworden bin. Mitunter dachte ich: „Okay, das war’s, ich kann kein Filmemacher mehr sein.“ Heute weiß ich, dass die beste Art, mit Überraschungen umzugehen, ein guter Plan ist, damit man ihn ändern kann. Wer mich kennt und mit mir gearbeitet hat, weiß, dass ich über Störungen aller Art glücklich bin. Stellen wir uns zum Beispiel vor, dass ich an einem Film arbeite, und der Star sagt drei Tage vor Drehbeginn ab. Ich wäre froh darüber – und das hat nichts damit zu tun, dass ich den Star nicht mag. Aber wenn etwas nicht sein soll, dann lasst uns das umarmen, was als Nächstes kommt. Eine gute Störung ist immer willkommen. Wenn man mit Außenlicht arbeiten muss und es plötzlich regnet, kann man auch damit arbeiten, vielleicht sogar mit Gewinn. Also mussten die Ideen, die ich als Teenager zu „Suspiria“ hatte, notwendigerweise der Entwicklung des Kinos und der Entwicklung, die ich über die Jahre gemacht habe, unterworfen werden. Es gibt eben Ideen, und es gibt die Realitäten des Filmemachens, und das sind durchaus unterschiedliche Dinge.

Tilda Swinton in “Suspiria”

RK In den allerersten Szenen sieht man die junge Tänzerin Patricia in der Praxis von Dr. Klemperer. Man erhascht einen kurzen Blick auf ein Buch von C. G. Jung. Ich habe mich gefragt, ob Sie die Motive von Innen- und Außenwelt bewusst oder unbewusst angewandt haben? Ich fand es nämlich interessant, wie Sie Berlin im Film zeigen. Die Hälfte der Zeit sieht man die Stadt durchs Fenster. Man sieht das graue Berlin der Siebziger. Größtenteils Himmel, 90 Prozent dieser Hintergründe bestehen aus Berliner Himmel, was ich persönlich sehr realistisch finde. Obwohl der Film in gewisser Hinsicht sehr künstlich ist, hatte ich den Eindruck, dass Berlin auf sehr realistische Weise dargestellt wird.

LG Ich betrachte Filme gerne als Träume. Jeder Film ist ein Traum. Selbst solche, die sich völlig der Realität verschrieben haben, wie ein Dardenne-Film oder einer von Ken Loach. Doch jeder Traum entsteht aus den Verflechtungen der Psyche des einzelnen Menschen, der Subjektivität, die sich mit der Realität auseinandersetzt. Man muss also dafür sorgen, dass Realität im Spiel ist. Nehmen wir an, Sie gehen heute Abend nach Hause und träumen von etwas Blassblauem. Dann erzählen Sie Ihrem Psychoanalytiker von Ihrem Traum und dass Sie ihn in einem blassblauen Raum geträumt haben. Es sind die Überreste des Tages, die den Traum durchsetzen. So denke ich auch gerne über den Film. Ich glaube, wir haben versucht, Deutschland und Berlin und den Deutschen Herbst in den Film einzuweben wie den Überrest eines Tages in einen Fiebertraum.

RK Funktionieren die blitzartig auftauchenden Informationen zum Deutschen Herbst und den RAF-Anschlägen wie eine Art Anker in diesem Traum? Sie kommen aus dem Fernsehen oder aus dem Radio.

LG Vielleicht ist der Film Patricias Traum, nur einen Tag, bevor sie einen Terroranschlag begeht, wer weiß. Vielleicht. Vielleicht ist es der Traum von Deutschland.

RK Das ist möglich, ich bin in Deutschland aufgewachsen, darum kann ich mich nicht von dieser Perspektive und diesem Wissen lösen.

Dakota Johnson in “Suspiria”

Tilda Swinton in “Suspiria”

LG Wie alt sind Sie?

RK 36.

LG Also wurden Sie nach dem Deutschen Herbst geboren.

RK Ja. Wodurch ich mich dem Film aber wirklich verbunden gefühlt habe, ist, dass Sie Angela Winkler besetzt haben.

LG Und Ingrid Caven.

RK Und Ingrid Caven. Aber Angela Winkler ist für mich der heimliche Star des Films. Es gibt ein paar Szenen, in denen sie einfach in einiger Entfernung dasteht und in die Kamera schaut oder leicht an ihr vorbei, und das waren für mich die unheimlichsten Momente in „Suspiria“. Womit ich Sie nicht kritisieren will, dass Sie das in anderen Szenen nicht geschafft hätten.

LG Nein, nein.

„Der Neue Deutsche Film ist in meinem Leben ein wichtiger Einfluss gewesen“
LUCA GUADAGNINO

RK Das will ich damit nicht sagen. Aber diese Momente waren für mich am stärksten aufgeladen, allein Angela Winkler mit den dunklen Haaren und den dunklen Augen.

LG Ein Film über Hexen feiert ganz klar die Macht von Frauen. Und den Kampf um Macht zwischen Frauen.

RK Und Solidarität zwischen Frauen.

LG Solidarität zwischen Frauen und Häresie von Frauen. Es war also absolut wichtig, dass diese Eigenschaften von den Menschen eingebracht wurden, die diese Figuren spielten. Ich bin ein großer Kinoliebhaber, und der Neue Deutsche Film ist in meinem Leben ein wichtiger Einfluss gewesen. Als ich mit meiner Castingdirektorin Stella Savino die sehr große Besetzung des Filmes zusammengestellt habe, hatten wir keinen Zweifel, dass wir eine entscheidende Präsenz von Persönlichkeiten benötigten, die mit diesen Filmen in Verbindung stehen. Es wäre ein großer Fehler gewesen, einer verlässlichen, 60-jährigen Euro-Schauspielerin die Rolle zu geben. Da gab es viele, aber wir entschieden uns dagegen. Ein Gedankengang war: Wir brauchen Persönlichkeiten, die individuell sind und stark mit ihren Figuren verbunden, in denen sich aber auch das Kino selbst bezeugt. Mir gefällt der Gedanke, dass Ingrid Caven, Angela Winkler, Renée Soutendijk und Sylvie Testud ihr Kino mit einbringen. Sie bringen nicht die großen Kinomacher mit, mit denen sie Filme gedreht haben, sondern die Erfahrung, die durch sie entstehen. Auf keinen Fall könnte man Angela durch irgendeine andere 60-jährige deutsche Schauspielerin ersetzen. Die Möglichkeit, diese Schauspielerinnen um mich zu haben, war ein Privileg und einer der Gründe, warum ich morgens glücklich zur Arbeit gegangen bin. Gemeinsam mit Tilda Swinton und den jüngeren Schauspielerinnen Dakota (Johnson) und Mia (Goth). Die mussten wiederum nicht deutsch sein, weil sie aus aller Welt kommen sollten. Dann Alek Wek und Malgosia Bela oder Fabrizia Sacchi, eine wundervolle Theater- und Filmschauspielerin aus Italien, mit der ich schon lange zusammenarbeite. Sie hat mit Leo de Berardinis auf der Bühne gestanden. Darum würde ich sagen, der Film trägt eine sehr intensive künstlerische Erfahrung in sich. Ich mag Künstler. Und dass ihr Leben in gewisser Weise die physische Verkörperung einer künstlerischen Erfahrung ist.

Dakota Johnson und Mia Goth in “Suspiria”

RK Das besagt ja auch das Wort „artifiziell“. Über den Originalfilm könnte man auch sagen, dass er sehr artifiziell ist, auf eine expressionistische Weise. Als Sie eine Hommage an diesen Film drehten, wussten Sie also ganz klar, dass es ein Risiko sein kann, mit diesen sehr naheliegenden Elementen zu spielen. Oder vielleicht hat Sie das gar nicht so sehr interessiert, weil der Film Ihnen so viel bedeutete. Hatten Sie nichtsdestotrotz das Gefühl, dass Sie sich mit dem Original messen müssen?

LG Nein, nein. Überhaupt nicht. Ich besitze viele, viele Fehler und Schwächen. Aber nicht die des Neides. Ich wetteifere nicht. Ich bewundere die Arbeit anderer Menschen und applaudiere ihren Triumphen. Und ich bin recht stur in dem, was ich tue. Darum erscheint mir die Vorstellung, mich mit dem legendären Film eines legendären Filmemachers zu messen – das erscheint mir töricht. Völlig. Ich habe einfach meinen Film gemacht.

RK Sie haben gesagt, dass Sie das Filmen als Zumutung empfinden, was ich sehr aufschlussreich fand. Da musste ich an ein Zitat von Alexander Kluge denken, mit dem Frau Winkler ja gearbeitet hat. Er hat gesagt, für ihn entstehe ein Film immer dreimal: Wenn man ihn schreibt, wenn man ihn dreht und wenn man ihn schneidet.

LG Das ist auch meine Theorie. Unbewusst muss ich es ganz klar gewusst haben, dass Kluge das gesagt hat. Denn ich liebe Kluge.

RK Es ist also nicht idiotisch, darüber nachzudenken.

LG Es ist mehr als intelligent! Und es stimmt, ich denke, dass es stets drei Phasen gibt, in denen man einen Film schreibt. In der ersten schreibt man ihn. Dann schreibt man ihn erneut, wenn man ihn dreht. Und beim letzten Mal, beim Schneiden, wird das Schreiben entscheidend und unwiderruflich. Ich stimme Herrn Kluge also sehr nachdrücklich zu.

RK Wie viele „Suspirias“ haben Sie erschaffen?

LG So viele. Nicht nur beim Schneiden, überhaupt. Doch der einzige, der zählt, ist der, den Sie gesehen haben. Nicht der, den Sie gesehen haben – der, von dem Sie mir erzählen, dass Sie ihn gesehen haben.

„SUSPIRIA“ LÄUFT AB DEM 15. NOVEMBER IM KINO.

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