LAURA

HARRIER

In Spike Lees „BlacKkKlansman“ konnte man Laura Harrier als Anführerin einer Black-Power-Aktivistengruppe erleben, die von den Black Panthern inspiriert war. Für Interview hat Harrier nun mit der Frau gesprochen, die für ihre Rolle das Vorbild war: Kathleen Cleaver, mittlerweile 73 Jahre alt und von 1967 bis 1971 bei den Black Panthern Ministerin für Kommunikation. Tauchen Sie hinab in eine faszinierende Geschichtsstunde

KATHLEEN CLEAVER Wie viel Zeit haben wir für das Gespräch?

LAURA HARRIER So viel Sie wollen?

KC Klingt gut.

LH Wussten Sie eigentlich etwas über den Film, als wir uns das erste Mal bei Spike Lee zu Hause getroffen haben?

KC Nein, ich war völlig ahnungslos. Spike lud mich ein, und als ich bei ihm ankam, war seine gesamte Filmcrew dort, und er meinte, ich könne Fragen beantwor­ten. Aber ich hatte ja keine Ahnung, um was es in dem Film eigentlich ging.

LH Ich erinnere mich noch, wie ich Ihnen die Figur, die ich spielen sollte, be­schrieben habe. Ich wollte etwas über die Zeit damals von Ihnen wissen. Was Sie mir erzählt haben, hat mir sehr ge­holfen.

KC Als ich den Film gesehen habe, fiel mir auf, dass Sie den Stil adaptiert haben, der damals durch uns in Kali­fornien populär wurde, mit den Leder­jacken, den Afros und den Ohrringen.

LH Ehrlich gesagt, waren alle Fotos, auf die ich mich für die Rolle bezogen habe, Fotos von Ihnen. Ich hoffe, Sie finden das nicht seltsam.

KC Nein, das ist großartig.

LH Sie sahen so cool aus in Ihrer Leder­jacke, dem Rock, den hohen Stiefeln. Ich liebe diesen Stil. Er war sehr inspi­rierend und hilfreich dabei, meine Figur der Patrice zu entwickeln.

KC Das waren damals meine einzigen Klamotten. Als ich nach Kalifornien zog, kam ich direkt vom SNCC (Student Nonviolent Coordinating Committee) in New York und hatte einfach keine Kleidung, die für Kalifornien passte. Ich hatte einen schwarzen Rock und eine schwarze Jacke. Ich hatte ein Paar Stie­fel und eine Sonnenbrille – und das Ba­rett konnte ich nicht tragen, weil ich zu viel Haar hatte. Es gab also nur dieses eine Outfit, bis ich irgendwann dann ein zweites hatte. Und das war’s.

LH Was brachte Sie nach Kalifornien?

KC Eldridge Cleaver – er war da­ mals ein Aktivist aus San Francisco. Er hatte gerade das großartige Buch „Soul on Ice“ veröffentlicht. Ich war da­mals, wie gesagt, im SNCC, und die Lei­tung vom SNCC wollte eine Konferenz auf dem Campus der Fisk University in Tennessee veranstalten. Dafür luden wir als Redner unter anderem LeRoi Jones, Gwendolyn Brooks, Eldridge Cleaver und noch ein paar andere ein. An dem Tag, an dem die Konferenz stattfinden sollte, gab es allerdings einen Schneesturm, weshalb alle Flughäfen an der Ostküste geschlossen wurden und niemand von den Leuten aus New York oder Chicago anreisen konnte. Da aber Eldridge Clea­ver aus San Francisco kam, tauchte er als Einziger auf. Es gab dann ein weite­res Problem: Die Uni machte sich Sorgen wegen möglicher Gewalt. Weil Stokely Carmichael Mitglied der Black Panther war und als gewaltbereit galt, dachte man von Eldridge Cleaver, der auch zu den Panthern gehörte, das Gleiche. Die Uni sagte deshalb, dass die Konfe­renz nicht auf dem Campus stattfinden könne. Also mussten wir in eine Kirche umziehen. Zufällig war ich für die Orga­nisation des Umzugs zuständig. Als ich also damit beschäftigt war und bis zum Hals in Arbeit steckte, tauchte Eldridge Cleaver auf. Die Sache war, dass wir ihn zwar als Autor kannten, aber niemand von uns ihn je gesehen hatte. Plötzlich stand da also dieser große, bärtige Ex­ Knasti mit Ohrring bewegungslos im Türrahmen. Ich habe erst später er­fahren, dass man das im Gefängnis so lernt: Man bleibt im Türrahmen stehen, bis man aufgefordert wird, den Raum zu betreten. Also stand er einfach nur dort, schaute sich alle Leute an, schaute mich an, und, wie er behauptet hat, war es Liebe auf den ersten Blick.

LH Und, war es das?

KC Keine Ahnung, ich war ja damit be­schäftigt, das neue Programm zu tip­pen. Ich muss auch sagen, dass er ziem­lich einschüchternd war. Er war groß und gebaut wie Muhammad Ali, und sein Gesicht war ohne jeden Ausdruck. Ich hätte es damals vielleicht nicht so formuliert, aber er war einschüchternd. Dass er sich den Gesichtsausdruck ab­trainiert hatte, lag daran, dass er neun Jahre im Gefängnis war. Im Gefängnis gibt es eine Menge Emotionen, die man nicht offen zeigen sollte. Jedenfalls war es ein Moment, den ich nicht verges­sen habe. Und er sagte, dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen sei. Einer seiner Freunde meinte: „Na klar, weil sie wie seine Mutter aussieht: blaue Augen, ähnliches Haar, klein.“ Keine Ahnung, ob das der Grund war, aber ich sehe tat­sächlich wie seine Mutter aus.

LH Wie war es, Mitglied der Black Pan­ther zu sein? Ich nehme an, Sie haben viel über Sachen wie Misogynie ge­sprochen.

KC Oh, wir wussten damals nicht einmal, was das Wort bedeutet. Misogynie war kein Thema für uns. Wir haben darüber geredet, dem Volk die Macht zurückzu­geben. Wir redeten über Gewalt, Unab­hängigkeit, politische Freiheit. „Misogy­nie“ ist ein Wort, das erst in den Acht­zigern und Neunzigern populär wurde, und wir reden hier über 1967. Damit haben wir uns also nicht befasst.

LH Fühlten Sie sich gegenüber den füh­renden Männern in der Partei gleich­berechtigt?

KC Nein. Ich weiß nicht, wie es den an­deren ging, aber wir hatten auch nicht so viele führende Männer. Die Partei fing mit zwei Männern an, Bobby Seale und Huey Newton. Der dritte war dann ein Teenager namens Bobby Hutton. El­dridge war nicht von Anfang an dabei, sie haben ihn rekrutiert, weil er eine In­stitution namens „The Black House“ lei­tete. Er hat Konferenzen veranstaltet und war redegewandt. Also haben sie ihn zu sich geholt, und er hat es geliebt. Bei den Black Panthern konnte er sich mit Leuten zusammentun, die Waffen hatten, es war ja eine bewaffnete Or­ganisation. Er hat dann die Zeitung he­rausgebracht und wurde darüber dann der Sprecher. Was auch daran lag, dass Huey Newton angeschossen und des Mordes an einem Polizisten angeklagt wurde und deswegen im Gefängnis war. Und Bobby Seale wurde sowieso jedes Mal, wenn er sich umdrehte, verhaftet. Folglich blieb nur Eldridge als Sprecher der Black Panther übrig.

LH Wie war Ihr Verhältnis mit all den an­deren der Black Panther?

KC Es waren ja nicht viele. Zu Anfang passten bei einem Meeting alle Mitglie­der in Eldridges Wohnung. Es war keine große Bewegung. Es fing mit zwei Perso­nen an, dann waren es drei, dann waren sie zu fünft und dann kam Eldridge. Die Gruppe war noch neu und klein. Huey war Jurastudent, Bobby war an der Uni, aber er war auch Veteran und Vater, und Eldridge war gerade aus dem Ge­fängnis entlassen worden und hatte einen Bestseller geschrieben. Lassen Sie mich kurz überlegen, wen es noch gab…, ach ja, da war noch Emory, er war Kunststudent. Es waren also Leute, die zu einer bestimmten Zeit in einer be­stimmten Nachbarschaft wohnten und sich entschlossen hatten, etwas gegen die Polizeigewalt zu unternehmen. Man kann sich die Situation heute gar nicht mehr vorstellen. Es war die Zeit des Vietnamkriegs, junge Männer muss­ten sich ernsthaft mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass sie getötet werden könnten. Wenn du als Soldat nach Vietnam geschickt wurdest, war es möglich, dort zu sterben. Und wenn du versuchtest, etwas gegen Polizeigewalt zu unternehmen, bestand die Möglichkeit, dass du dabei dein Leben verlierst. Deswegen nannten wir uns auch die Black Panther Party of Self­Defense.

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LH Verstehe. Wie war es danach? Wie hat sich die Haltung der Party danach verändert?

KC Das hängt davon ab, von welcher Zeit Sie sprechen. Eldridge verließ die Black Panther 1968. Er wurde bei einer Schießerei festgenommen, und Bobby Hutton wurde ermordet. Man steckte Eldridge wieder ins Gefängnis, anschließend kam er auf Bewährung frei. Er war dann Präsidentschaftskandidat der Peace and Freedom Party. Er führte Wahlkampf und erzählte den Leuten, dass er nicht zurück in den Knast gehen würde. Aber dann wurde er doch wieder in den Knast beordert. Aber zwischen der Order und dem Termin, an dem man zurück muss, gibt es ein kleines Zeitfenster, in dem man dagegen Einspruch erheben kann. Er nutzte das Zeitfenster, verließ Kalifornien und landete schließlich in Montreal. Dort nahm er ein Boot, das ihn nach Havanna brachte.

LH Wie haben Sie ihn wiedergetroffen?

KC Damals konnte man nicht von den USA aus nach Kuba fliegen. Also war die Reiseroute wie folgt: von San Francisco nach New York nach Paris, von dort aus nach Algier und von Algier nach Mos­kau, von wo aus es dann nach Havanna gehen sollte. Allerdings bekam ich an dem Tag, als ich gerade das Flugzeug nach Algier besteigen wollte, die Nachricht: „Gehe nicht nach Kuba. Wenn du nach Algier fliegst, bleibe dort. Er wird dich dort treffen.“

LH Was haben Sie gedacht, als Sie das hörten?

KC Keine Ahnung, man konnte ja nicht mit Kuba kommunizieren. Man konnte nicht anrufen, es gab keine E­-Mails. Alles, was ich hatte, war eine Nachricht, die man mir mündlich mitteilte. Sie kam von einem Journalisten, der in Kuba gewesen war und dem Eldridge gesagt hatte, er möge sie seiner Frau übermitteln. Der Journalist hieß Lee Lockwood. Er rief mich in San Francisco an, aber ich war bereits unterwegs. Er versuchte, mich in New York zu kontaktieren, wo man ihm sagte, ich sei schon los nach Paris. Also hat er versucht, mich in Paris zu erreichen. Gerade als ich meine Koffer holen wollte, um zum Flughafen zu fahren, hat er mich erwischt. Er sagte: „Ich muss mit dir reden.“ Ich hatte keine Ahnung, wer er war, ich kannte nur seinen Namen, weil er ein ziemlich berühmter Fotoreporter war. Er sprach Englisch und hatte eine Kamera dabei, also dachte ich, dass er Lockwood ist. Weil ich den Flug nach Algier verpasste, musste ich die nächste Maschine nehmen, ein Frachtflugzeug. Emory, der mit mir unterwegs war, und ich landeten schließlich in einem Hotel in Algier. Dann haben wir Kontakt zu den kubanischen Behörden aufgenommen, es war alles sehr verwirrend. Aber um es kurz zu machen: Eldridge tauchte drei oder vier Tage später auf. Ich war im achten Monat schwanger, und er war sauer wegen der Kubaner und allem, was passiert war. Irgendwie haben dann die Zeitungen von der Geschichte Wind bekommen. Plötzlich stand auf Seite eins, dass Eldridge in Kuba Unterschlupf gefunden hatte.

LH Wie haben die davon erfahren?

KC Es gab da ein Mädchen namens Bunny. Sie war mit allen Leuten bekannt und verursachte jede Menge Probleme, und um eines dieser Probleme zu lösen, machte sie einen Deal mit der “Herald Tribune”. Den Kubanern hat es nicht gefallen. Sie waren zwar damit einverstanden, Eldridge bei sich zu haben, aber nur solange niemand davon wusste.

LH Ich hätte gern gewusst, was Sie über die Polizeigewalt heute denken. Ist es heute besser als damals?

KC Nein, es ist weder besser noch vergleichbar. Zu Zeiten der Black Panther konnte die Polizei machen, was sie wollte. In Oakland haben sie weiße Kerle aus Texas, Alabama und Georgia für die Polizei rekrutiert. Sie haben also absichtlich Rassisten nach San Francisco geholt. Die Stimmung war explosiv.

LH Ich glaube, dass die USA zurzeit an einem kritischen Punkt sind.

KC Ja, an einem reaktionären rassistischen Punkt. Nicht, dass wir nicht schon mal an diesem Punkt waren. Nicht, dass die US­-Geschichte nicht voller solcher Punkte wäre. Teils handelt es sich um einen Backlash der Obama ­Jahre. Die Rassisten hatten unter ihm nicht viel zu melden. Aber unter Trump kommen sie aus dem Unterholz gekrochen.

LH Als gäbe es ein grünes Licht, dass ihnen erlaubt, ihre rassistischen Gedanken hinaus in die Welt zu posaunen.

KC Das grüne Licht gibt es. Und sie fühlen sich bedroht, auch wenn ich nicht verstehe, worin die Bedrohung besteht.

LH Neulich war ich in der Subway, als dieser weiße Typ mich plötzlich an­schrie und mich Nigger nannte.

KC Dich!? Vielleicht hatte er einen Nervenzusammenbruch, weil er die Subway nehmen musste.

LH Keine Ahnung, er sah eigentlich gar nicht verrückt aus – obwohl er es ganz offenkundig war. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass wir einen Präsidenten haben, der zu verstehen gibt, dass es okay ist, ein Nazi zu sein.

KC Ja, er sagte, dass es auf beiden Seiten gute Leute gebe. Nie hat ein Präsident gesagt, dass der Ku-Klux-Klan voller dufter Typen sei, nur er.

LH Was sollen wir also machen?

KC Mobilisieren, organisieren, kommunizieren und erkennen, dass wir eine Vollkatastrophe im Weißen Haus sitzen haben. Schon diese Aussage: “Es gibt auf beiden Seiten gute Leute” – was soll das überhaupt bedeuten? Das ist die unzusammenhängendste Aussage, die ich je gehört habe. So dumm.

LH Ich hoffe, dass die Beteiligung bei der kommenden Wahl hoch sein wird.

KC Das hoffe ich auch, aber ich bin mir nicht so sicher.

 

 

Haare: Vernon Francois/The Visionaries Agency
Make-up: Misha Shahzada/See Management
Produktion: Jenny Halonen
Foto-Assistenz: Grace Pendleton
Styling-Assistenz: Spencer Singer

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