LARA

STONE

Lara Stone setzt sich in einem durchsichtigen Leoparden-Catsuit zum Gespräch, der für die meisten noch so erfahrenen Models eine eher missbehagliche Arbeitskleidung wäre. Nicht für Stone, sie ist Zen. Beleuchter, Foto-Assistenten und Make-up-Menschen werkeln umher. Hektisch, sagt Stone, erscheine ihr dieser Tag wirklich nicht. “Ich finde ihn ziemlich entspannt.”

Natürlich verfügt Lara Stone, zu einer Hälfte Holländerin, zur anderen Britin, über eine gewisse Erfahrung im Modegeschäft. Entdeckt wurde sie vor fast 20 Jahren als Teenager in der Pariser Metro. Ihren Durchbruch hatte sie ein paar Jahre später, in den frühen 2000ern. Damals – es war die Zeit von Indie-Rock und Hedi Slimane und einem allgemein spindeldürren Modelideal – fiel sie auf,weil sie im Unterschied zu vielen Fotomodellen aussah wie eine erwachsene Frau. Weil sie zudem eine nonchalante Zahnlücke besaß, erklärte man sie prompt zur modernen Brigitte Bardot. Seitdem ist Stone von Chanel über Balmain bis Givenchy auf den Laufstegen aller großen Modehäuser gelaufen, sie hat in Kampagnen für Calvin Klein gemodelt und unzählige Magazincover geschmückt. Sie ist 34 und hat einen fünfjährigen Sohn. Müdigkeitserscheinungen zeigt sie nicht. Das Etikett Supermodel wird freimütig verklebt, Lara Stone hat es sich verdient.

HUMA HUMAYUN Sie sind in Holland auf dem Land aufgewachsen. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

LARA STONE Es war sehr unbeschwert. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, im Süden Hollands, wir waren dort sehr frei. Ich ging zur Dorfschule, und wenn ich mittags zum Essen nach Hause kam, hatte meine Mutter Pfannkuchen zubereitet. Nach der Schule haben wir so lange draußen gespielt, bis die Straßenlaternen angingen. Ziemlich friedlich und idyllisch.

HH Mit 16 sind Sie von der Schule abgegangen, hatten Sie da eine rebellische Phase?

LS Nun, mein Dorf war herrlich für Kinder, aber für einen Teenager auch unfassbar langweilig. Es gab nichts zu tun, da wird man ein wenig rebellisch. Die Schule und ich waren keine gute Kombination, als ich 14, 15, 16 Jahre alt war. Man drohte, mich von der Schule zu schmeißen, und irgendwann hatte meine Mutter genug von diesen Drohungen. Ich war bereits bei einer Agentur in Holland unter Vertrag, und die meinten, warum versuchst du es nicht in Paris?

HH Mit 16 allein nach Paris zu gehen muss ein ziemliches Abenteuer gewesen sein.

LS Schon, aber wissen Sie, in dem Alter war ich überzeugt davon, mutig, reif und erwachsen zu sein und alles im Griff zu haben. Es war natürlicher ein gewisser Schock. Aber in meiner Model-WG lebten auch haufenweise Mädchen, und wir haben uns gegenseitig den Rücken freigehalten. Ich hatte eine Menge Spaß dort. Arbeitstechnisch war es aber nicht sehr produktiv.

“Ich stand nie unter großem Druck, sehr dünn zu sein. Weil ich es sowieso nie gewesen bin”
LARA STONE

HH Sie wurden erst mit 22 erfolgreich, für ein Model ja bemerkenswert spät. Fiel es Ihnen deswegen leichter, mit dem Ruhm umzugehen?

LS Wahrscheinlich, aber natürlich kommt es dabei auch sehr auf die Person an. Inzwischen versucht man ja, gewisse Regeln zu etablieren, was ich großartig finde. Aber man kann eine sehr reife 16-Jährige sein oder auch eine sehr unreife 22-Jährige. Bis dahin hatte ich mit einer Menge Zurückweisung klarkommen müssen, wodurch ich gelernt habe, nicht alles persönlich zu nehmen, was einem diese Branche an den Kopf wirft.

HH Fühlten Sie sich unter Druck, dem gertenschlanken Modelideal der 2000er zu entsprechen?

LS Nein, ich stand nie unter großem Druck, sehr dünn zu sein, weil ich das sowieso nie gewesen bin. Wahrscheinlich auch, weil ich größere Brüste hatte als viele Mädchen damals, das war ein anderer Gesamteindruck. Ich schätze mich glücklich, immer weitgehend so akzeptiert worden zu sein, wie ich bin.

 

HH Sind Sie Feministin?

LS Ich bin es in dem Sinne, dass ich möchte, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind.

HH Haben Sie bei Ihrer Arbeit schon mal unangenehme Situationen erlebt?

LS Ich sehe mich am Arbeitsplatz nicht mit den gleichen Problemen konfrontiert wie so viele Frauen in einem normalen Büroumfeld. Ich habe keine eigene Erfahrung damit, gegen einen unfairen Chef kämpfen zu müssen, weil ich keinen Chef habe. In dieser Branche kann man offen sein. Wenn ich mit etwas unglücklich bin, sage ich das. Damit will ich nicht sagen, dass es in meiner Branche keine Probleme gibt. Es ist sehr verzwickt und auch sehr persönlich. Mir sind unschöne Dinge passiert, aber keine schrecklichen. Jeder ist schon in einer Situation gewesen, in der er sich unwohl gefühlt hat. Und wenn das am Arbeitsplatz geschieht, ist das offenkundig falsch.

“Meistens bin ich Lara Stone, die Mutter, was natürlich meine liebste Beschäftigung ist”
LARA STONE

HH Wie verbringen Sie Ihre Tage, wenn Sie mal nicht Lara Stone, das Model, sein wollen?

LS Meistens bin ich Lara Stone, die Mutter, was natürlich meine liebste Beschäftigung ist. Ich verbringe einfach gern den Tag mit meinem Sohn im Park, wir rennen herum, klettern auf Bäume. Ich stehe früh auf.

HH Was gibt es bei Ihnen zum Frühstück?

LS Sehr viele Espressos! Ich bin kein Frühstücksmensch. Mein Sohn hat übrigens gerade das Fischen entdeckt. Er ist ganz vernarrt in die Idee, darum müssen wir nächste Woche angeln gehen.

HH Können Sie fischen?

LS Nein, aber ich werde mein Bestes geben.

HH Versuchen Sie, ihm in der Stadt die Art von Dorfkindheit nahezubringen, die Sie selbst erlebt haben?

LS Es ist schwierig. Wenn man als Kind unabhängig sein kann, gibt einem das ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein. Erst vor ein paar Tagen habe ich darüber nachgedacht. Wir waren aufs Land gefahren. Dort habe ich ihn mal zehn Minuten lang nicht im Blick gehabt,und schon dachte ich: “Oh Gott, woist er hin?” Es stellte sich heraus, dass er nebenan bei den Hühnern war und nach Eiern suchte. Natürlich ging es ihm bestens. Er war einfach allein auf Erkundungstour gegangen. Ich bedaure, dass ich ihm diese Möglichkeit sonst selten geben kann.

“Mein erstes Mal auf dem Laufsteg war ziemlich aufregend und furchteinflößend”
LARA STONE

HH Er ist jetzt fünf, oder? Schlägt er nach Ihnen?

LS Nun, er ist ziemlich stur. Ich bin nicht sicher, von wem er das hat. Er hat seine sehr eigene Persönlichkeit – eine ziemlich große. Er quasselt ununterbrochen. Und er besitzt eine unglaubliche Fantasie, die er wahrscheinlich eher von seinem Vater hat als von mir.

HH Sie modeln nun schon seit 20 Jahren. Welche Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

LS Mein erstes Mal auf dem Laufsteg war ziemlich aufregend und furchteinflößend. Dann mein erstes “Vogue”-Cover. Es gab eins in der französischen “Vogue”, das ich immer noch süß finde. Dann kam der Vertrag mit Calvin Klein und einer mit L’Oréal, mein erster Pirelli-Kalender. Ich hatte einen ziemlich guten Lauf.

HH Gab es einen Moment, in dem Sie wussten, dass Sie es geschafft hatten?

LS Nein, aber als ich meine erste Calvin-Klein-Kampagne hatte, war ich auf einer riesigen Werbetafel in New York zu sehen, auf der Hudson Street. Es war fantastisch, aber auch merkwürdig, mich selbst auf solch riesigen Bildern zu sehen. Als ich mich daran immer mehr gewöhnt hatte, wurde mir vielleicht klar, dass es ziemlich gut läuft.

HH Sie kommen gerade aus Paris, wo Sie in der Schau von Alexander McQueen gelaufen sind.

LS Bin ich, zum ersten Mal.

HH Ach?

LS Ja, ich habe McQueen leider nie kennengelernt. Und dann starb er so plötzlich. Dennoch gibt es gerade alle diese Dokumentationen und Ausstellungen, über die alle sprechen. Seltsam, dass mir das so nahegeht, obwohl wir nie miteinander gearbeitet haben. Die Arbeit mit Sarah Burton und ihrem Team war toll. Als ich zum Fitting kam, saßen dort unzählige Menschen an einem langen Tisch und haben per Hand winzige Blumen auf Schuhe, Taschen und Jacken gemalt. Ich hatte eine Heidenangst, in einen von ihnen hineinzustolpern und alles zu ruinieren.

 

HIER geht’s zum Editorial mit Lara Stone.

Haare: Martin Cullen/Streeters
Make-up: Ciara O’Shea/LGA mit Produkten von Bobbi Brown
Maniküre: Jenny Longworth/CLM
Produktion: LG Studio
Set-Design: Lianna Fowler
Model: Lara Stone/IMG
Casting Director: Neill Seeto/IMA Casting
Fotoassistenz: Ed Philips
Styling-Assistenz: Hakan Solak, Madeleine Gerles
Set-Design-Assistenz: Lucas Oheix, Celina Bassili
Haarassistenz: Makato Hayashi, Keisuke Takano

Film von DILF film / Niklas Weise

Vielen Dank an DILF, Noel Stewart, Kimberly Ihre, Max Jolivet, Sia Arnika, Julian Nznik

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