KENDRICK

LAMAR

Er ist der einflussreichste Rapper unserer Zeit. Sein Album „DAMN.“ ist ein Werk von monolithischer Größe. Aufgenommen hat es der 30-Jährige, um dem Rest der Welt Kraft und Trost zu spenden. Der Comedian und Kulturkritiker Dave Chappelle wollte wissen, was Lamar damit meint.

DAVE CHAPPELLE Kendrick.

KENDRICK LAMAR Dave. Wie geht’s dir, Bruder?

DC Das letzte Mal haben wir uns mit J. Cole in Australien gesehen. Du warst gerade mit Eminem aufgetreten. Seitdem ist viel passiert.

KL Absolut. Wie ist es dir ergangen?

DC Sehr gut.Ich möchte gern mit einem Skandal aus der Welt der Comedy anfangen: dem Foto von Kathy Griffin, wie sie den abgeschlagenen Schädel von Donald Trump in der Hand hält. In meiner Welt fragen sich deswegen jetzt alle: “Wann geht Comedy zu weit?” Ich kann mir vorstellen, dass diese Frage im Hip Hop schon lange akut ist. Ich kann mich erinnern, dass Bill Clinton, als ich anfing, gerade hinter Sister Souljah her war. Denkst du, wenn du schreibst, über mögliche Konsequenzen nach, die deine Texte haben könnten?

KL Wenn ich mir Comedy anschaue – also die Arbeit von Richard Pryor oder deine Sachen –, dann verstehe ich das als Selbstverwirklichung. Und genau so verstehe ich auch meine Musik. Ich bin mit N.W.A und Snoop aufgewachsen. So wie sie drücke ich mich mit meiner Musik aus. Es kann sein, dass das nicht jedem gefällt, aber darauf lasse ich es ankommen.

“Am Ende des Tages ist die Musik ja auch nicht für mich. Sie ist für Leute, die Probleme haben und schwierige Phasen durchmachen und jemanden brauchen, der sie versteht.”
KENDRICK LAMAR

DC Ich habe die Angewohnheit, mir beim Schreiben immer ein unsichtbares Publikum vorzustellen. Wenn ich eine bestimmte Art von Witzen schreibe, denke ich an bestimmte Leute, zum Beispiel: “Was würde meine Mutter sagen?” An wen denkst du, wenn du schreibst? Denkst du an die Straße? Viele deiner Sachen sind ja auch nachdenklich und spirituell.

KL Ich fokussiere mich vor allem auf das, was meine Fans aus der Musik ziehen könnten. Was bedeutet es für sie, was sagt es ihnen in ihrem Leben? Am Ende des Tages ist die Musik ja auch nicht für mich. Sie ist für Leute, die Probleme haben und schwierige Phasen durchmachen und jemanden brauchen, der sie versteht. An meine Mutter kann ich dabei nicht denken. Es muss alles raus, ohne Rücksicht auf Verluste.

DC Ich weiß, dass du ein großer Tupac-Fan bist. Und Tupac hat über das Phänomen gesprochen, dass er, als er erfolgreich wurde, nicht mehr in seinen eigenen Kontext passte. Er sagte: “Wohin soll ich gehen? Ich kann nicht mehr durch mein altes Viertel laufen, aber in den Hollywood Hills ist auch kein Platz für mich. Wohin soll ich also gehen?” Hattest du nach deinem Aufstieg schon einen Fall von Höhenkrankheit, nachdem du dich von unten nach oben gekämpft hattest?

KL Ich denke, dass ich immer noch wachse. Je mehr Leute ich treffe, je mehr ich andere Kulturen umarme, je mehr ich mich Leuten gegenüber öffne, desto mehr wachse ich. Es ist ein Prozess, den ich sehr aufregend finde. Aber dort zu sein, wo ich jetzt bin, ist natürlich eine Herausforderung. Es ist schwer, zu Leuten, die ganz einfach ihren Alltag leben, eine Verbindung herzustellen. Zunächst hatte ich damit wirklich zu kämpfen, weil alles so schnell ging. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das verarbeiten sollte. Das Beste, was ich dann machen konnte, war, zurück nach Compton zu gehen, mich mit den Leuten zu treffen, mit denen ich aufgewachsen bin, und ihnen die Geschichten der Leute zu erzählen, die ich auf der ganzen Welt getroffen habe. “To Pimp a Butterfly” aufzunehmen bedeutete für mich, einen Weg durch all meine Erfahrungen zu finden. Ich ging nach Afrika und dachte mir: “Das wird etwas sein, das dir Spaß machen könnte und darüber hinaus auch eine Herausforderung ist.”

DC War Afrika dein “Oh, Shit, ich bin angekommen!”-Moment?

KL Ich war in Südafrika – in Durban, Kapstadt, Johannesburg – und hatte dort definitiv meine “Ich bin angekommen”-Shows. Wir träumen von Geld, von Erfolg, von Auszeichnungen … Aber dieser Kontinent ist der Ort, von dem unsere Communitys niemals träumen. Wir träumen nie von Afrika, wir denken nie: “Verdammt, das ist das Land der Vorfahren!” Aber man spürt es, sobald man gelandet ist. Dieser Moment hat meine Perspektive, wie ich meine Kunst vermitteln sollte, vollkommen verändert.

DC Über diese Sache streiten Mos Def und ich uns die ganze Zeit: Kos glaubt, dass jemand, der mittels seiner Bekanntheit besonders exponiert ist, auch die Verantwortung hat, diese im Sinne seiner Mitmenschen zu nutzen. Ganz im Sinne des alten Sprichworts: “Wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel erwartet.” Ich stimme dem aber nicht unbedingt zu. Ich denke, dass manche Leute politische Platten machen können, und andere machen Platten, zu denen man mit dem Hintern wackelt – und noch andere machen, was auch immer ihnen in den Sinn kommt. Wie ist es bei dir, wenn du eine Platte aufnimmst? Hast du ein Leitbild? Was ist es, was du erreichen möchtest?

KL Ich möchte mich selbst ausdrücken, das ist es, was ich im Lauf meiner Karriere gelernt habe. Ich will nicht, dass man meine Musik nach vorgegebenen Kategorien beurteilt. Ich will, dass man sagt: “Das ist jemand, der ganz bei sich ist, der seine Emotionen, Ideen, Gedanken, Meinungen und seine Sicht auf die Welt auf einem Album zusammenfasst.” Ich will, dass die Leute das erkennen und auch auf ihr eigenes Leben anwenden. Verstehst du das? Wenn ich mit den Leuten rede, erkenne ich mehr und mehr, dass ihnen genau das gefällt. Dass ich keine Kompromisse mache, welche Ansichten und welchen Ansatz ich auch habe.

DC So mache ich es auch: alles aufs Spiel setzen. Es fühlt sich besser an, es einfach rauszulassen. Erzählt Duckworth eine wahre Geschichte? (Duckworth ist ein Song auf DAMN., der von Lamars Vater Ducky handelt, der als Angestellter bei KFC während der Arbeit einen bewaffneten Raubüberfall unter Einsatz seines Lebens verhinderte. Der Überfall wurde übrigens vom späteren Labelboss seines Sohnes durchgeführt.)

KL Ja, eine wahre Geschichte und eines meiner liebsten Stücke des Albums.

DC Ich mag das Nachdenkliche daran.

KL Mir ging es dabei um die Sicht auf das, was damals passiert ist. Jeder hat ja eine ganz eigene Perspektive, und wenn dir dann jemand anderes seine Perspektive schildert, haut einen das immer komplett um. Also wie die Sache überhaupt ablief. Ich musste mich mit meinem Vater hinsetzen: “Was hast du in dem Moment gedacht?” Und: “Hast du jemals gedacht, dass sich die Dinge in dieser Weise entwickeln könnten?” Das hat mich immer fasziniert.

“Mein erstes Album habe ich in der Küche meiner Mutter geschrieben, und nun kann ich überall auf der Welt hören, wie Leute meine Texte zitieren.”
KENDRICK LAMAR

DC Ist es eigentlich komisch, wenn andere Leute deine Texte deuten? In der Woche, als das Album erschien, haben mir all diese Kids erzählt, wie sie gedanklich in deinen Texten versinken, um sämtliche Hinweise und Schlüssel zu finden. Ich glaube nicht, dass alle Künstler so intensiv gehört werden.

KL Es hat ja jeder seine eigene Art, Musik zu hören. Meine Fans sind dabei in der Regel ziemlich genau und gehen der Sache auf den Grund. Mich fasziniert, welche Reichweite meine Ideen dabei haben. Mein erstes Album habe ich in der Küche meiner Mutter geschrieben, und nun kann ich überall auf der Welt hören, wie Leute meine Texte zitieren. Sie verstehen die Geschichte, dabei sind sie nicht einmal aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin.

DC Wie hast du dich gefühlt, als du das neue Album veröffentlicht hast? Manchmal bringt man ja Sachen raus und man ist sich nicht so sicher, wie sie laufen. Aber ab und zu läuft es einfach rund. Hast du Spaß?

KL Absolut. Ich freue mich, dass die Leute das Album nicht nur anmachen, sondern es auch wirklich hören. Auf die Bühne zu gehen und die Stücke zu spielen ist die größte Freude, die ich mir derzeit vorstellen kann. Ich habe jede Nacht eine Party.

DC Entstehen während der Tour auch neue Stücke?

KL Die Ideen kommen von überall. Mittlerweile glaube ich aber, dass das Touren eine große Rolle spielt. Ich rede gern mit Leuten – es ist mir egal, ob mit einem Kind oder einer 80-jährigen Frau. Dann gehe ich zurück ins Studio und schaue, was am Ende dabei herauskommt.

DC Man hat den Eindruck, als würdest du deine Beziehungen pflegen. Aber weil sich dein Leben verändert hat, dürfte das immer schwerer werden, oder?

KL Es wird niemals leicht sein. Es gibt so viele Leute, die an mir zerren – manche wollen Geschäfte machen, andere wollen Liebe, wieder andere Unterstützung oder einfach nur ein Zeichen, dass unser Verhältnis noch dasselbe ist wie früher. Aber das ist ein Prozess, denn es gibt immer wieder ein weiteres Konzert, ein weiteres Album, einen weiteren Moment, den ich nicht verpassen will. Ich bin sehr schnell. Ich hoffe, dass höhere Mächte Sorge tragen, dass ich in der Bahn bleibe.

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