KATJA

EICHINGER

Es ist jetzt 18 Jahre her, da beschrieb der holländische Architekt und Theoretiker Rem Kolhaas die künftige Epoche des Junkspace. Zunehmend verbringen wir unsere Zeit in Einkaufszentren, in den Wartezonen von Flughäfen und ähnlichen Räumen, zu denen einem nichts weiter einfallen soll, als zu konsumieren.

Auf der Grundlage von Gesprächen mit Kolhaas hat Katja Eichinger nun eine Schallplatte mit den New Yorker Musikern der Formation Tempers produziert, deren erste Single Love at the Mall heute veröffentlicht wird.

 

JOACHIM BESSING Ich war etwas überrascht, dass Sie eine Schallplatte produziert haben. Wie sind sie denn auf diese Idee gekommen?

KATJA EICHINGER Das frage ich mich auch. Ich wohne ja hauptsächlich in München. Dadurch gibt es in meinem Leben sehr viele ruhige Minuten. München ist ja nicht die aufregendste Stadt der Welt. Ich weiß die Langeweile auch zu schätzen, weil ich dadurch solche Ideen bekomme. Ich bin ausgebildete Kirchenorganistin. Musik ist ein großer Teil meines Lebens.

JB Ich wußte gar nicht, dass in Nordhessen eine rege kirchliche Tradition gepflegt wird.

KE Ich komme aus Kassel, das ist gehört zum Kirchenkreis Hessen Waldeck, wo Martin Luther die Bibel übersetzt hat.

JB Ach ja, Luther. Noch sind wir ja im Lutherjahr. Praktizieren sie noch viel — die Orgel?

KE Die Orgeln habe ich gelassen. Ich spiele Klavier. Momentan höre ich Nick Cave und Aphex Twin.

JB Wie finden Sie die neue Platte?

KE Sehr gut.

JB Mir gefällt eigentlich nur das vorletzte Stück.

KE Ja, aber bei Aphex Twin ist es ja so, das die Musik ständig schwankt zwischen Easy Listening und großartiger, absoluter Genialität — das darf ich eigentlich gar nicht sagen. Das ist ja Frevel.

JB Doch, Sie dürfen alles sagen über Aphex Twin.

KE Er ist mittlerweile bekannt wie Kraftwerk.

JB Und doch hat die Anhängerschaft etwas Sektenhaftes.

KE Ja. Auf jeden Fall hatte ich Fotos gemacht für die Pinakothek der Moderne. Die hatten eine Ausstellung “World of Malls”. Der Direktor des Architekturmuseums hatte herausgefunden, dass ich seit meinem Studium besessen bin von Einkaufszentren — von ihrer manipulativen Architektur. Ich finde auch Systemgastronomie faszinierend.

JB Woher kommt ihre Faszination für Rolltreppen und klimatisierte Räume?

KE Die großen Kaufhäuser sind in der Ära der Weltausstellungen entstanden. Das ist eine Form der Romantik — wie der Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich: ein Hineinträumen in eine andere Welt. Schrecklich ist natürlich, dass der Traum vom Konsum niemals in Erfüllung geht. Die Waren können niemals unseren Träumen entsprechen. Und so müssen wir immer weiter kaufen.

JB Geht es denn überhaupt ums Einkaufen an diesen Orten?

KE Nein, überhaupt nicht. Es geht einerseits um das menschliche Bedürfnis, sich selbst zu verlieren. J. G. Ballard hat die Malls als Kirchen der Vorstädte bezeichnet. Das Interessante und das zugleich Grauenhafte der Einkaufszentren ist für mich das Schöne daran. Wie wenn man einen Marvelfilm schaut: Man wird emotional massiert. Jedenfalls hatte ich diese Fotos gemacht und davon hat man bei der Vogue erfahren. Ich sollte Rem Kolhaas zu seinen Umbauplänen des KaDeWe interviewen. Das KaDeWe ist ja per se ein begehbares Riesenvalium, in dem man die Realität vergisst und sich seinen Träumen hingeben kann. Nach dem Gespräch mit Rem Koolhaas kam mir dann die Idee für das Album.Ich fragte mich grundsätzlich: Was ist Begehren? Warum begehren wir, und warum kaufen wir ein? Das hat nie mit der eigentlichen Ware zu tun. Was wird uns da ins Ohr geflüstert?

JB Es sind diese Gartenphantasien. Als ob man einen Garten betritt, in dem das alles natürlich wächst, bereit, gepflückt zu werden.

KE Die Idee des Schlaraffenlandes schwingt mit. Oder die des Paradieses. Es gibt ein großartiges Buch von Colin Campbell mit dem Titel The Romantic Ethic and the Spirit of Modern Consumerism, in dem das perfekt beschrieben wird.  Campbell widerlegt die Idee, dass der Ursprung der Konsumkultur in der Arbeitsmoral des Protestantismus liegt. Nach meinen Erfahrungen in Hessen Waldeck kann ich das nur bestätigen.  Beim Protestantismus steht ja der Verzicht auf alles Irdische im Vordergrund. Ein riesiger Anteil unseres Gesellschaftslebens besteht aus Konsum. Und den Sozialen Medien. Das sind unsere Rituale. Die einzigen, die noch übrig gebleiben sind. Wo kommt das her — Warum machen wir das?

JB Weil es geht.

KE Meinen Sie? Ich glaube, es ist zutiefst menschlich. Und gleichzeitig ist es tabuisiert.

JB Was?

KE In bürgerlicher Gesellschaft, zumindest in Europa gibt man nicht gerne zu, dass man gerne einkaufen geht. Das machen Teenager.

JB Das stimmt doch überhaupt nicht!

KE Echt?

JB Ich kann mich erinnern, das Shopping in den achtziger Jahren zu einer anerkannten Freizeitbeschäftigung wurde.

KE Okay, man tut es, aber man sagt doch nicht stolz »Ich gehe jetzt einkaufen.«

JB Doch, natürlich! Der Mensch schwankt mittlerweile zwischen drei Zuständen: entweder bleibt er zuhause und chillt, oder er schießt sich ab, oder er geht shoppen.

KE  Total annihilation.

JB Shoppen ist von den drei Aktivitäten am ehesten Instagramable. Man photographiert den sogenannten Haul und beklagt sich ironisch, zu viel Geld ausgegeben zu haben.

KE Ich habe das Gefühl, dass es trotzdem schambesetzt bleibt. Gerade in München. Als ich im Schuhmanns von meiner Leidenschaft erzählt habe, fand man das kurios. Die Leute dort gehen natürlich nicht in eine Mall.

JB Die gehen selbstverständlich auf den Wochenmarkt.

KE Genau. Die gehen gerade noch in die Fünf Höfe. Der Besuch einer Mall wirkt sozial verzwergt.

JB Gut. Sie als Mall-Forscherin, die viel reist: Was sind denn Ihre Lieblingsmalls auf der Welt?

KE Meine allerliebste Mall steht in Cannes. Die wurde in den siebziger Jahren erbaut. Da ist zum Beispiel ein Wäschegeschäft drin, das hat Schaufensterpuppen, die einen Zustand der Exstase verkörpern. Die tragen die Reizwäsche. Daneben gibt es ein Geschäft für abartig teure Kinderkleidung, da sind die Puppen Kinder, die aussehen wie aus dem Village of the Damned.Das ganze in einer seltsamen J. G. Ballard-Architektur. Ein dystopischer Ort.

JB Kennen Sie diesen seltsamen Ort hinter Cagnes sur Mer — wenn man da zu Fuß am Meer nach Nizza geht, kommt man durch das Cap 3000. Da stehen lauter verlassene Diskotheken mit staubig gewordenen Palmen. Und aus der Mitte erhebt sich eine monströse Mall mit Blick aufs Meer.

KE Klingt phantastisch! Werde ich mir im Oktober sofort anschauen. Ist ja auch interessant wie sich in Frankreich die heimliche Amerikanähe äußert. Ich liebe die Côte d’Azur! Die wunderschöne Meerlandschaft und der Himmel und daneben diese grauenhaften Gebäude. Das Palais des Festivals in Cannes vor allem.

JB Hinter Antibes der Port Baie des Anges!

KE Unfasslich. Das Groteske mag ich gerne. Jetzt haben sie auf dem Weg nach Vence eine neue Mall gebaut, die ist völlig futuristisch. Vermutlich liegt das bei den Franzosen an Fantômas. Und diesem Glauben an die Technologie.

JB Ja, und an Monsieur Hulot.

KE Obwohl sie technisch gesehen keine Mall ist, mag ich auch sehr The Grovein Los Angeles.

JB Warum ist das technisch gesehen keine Mall?

KE Es ist eigentlich nur eine Straße. Auf der verkehrt die Nachahmung einer Straßenbahn. Insgesamt ist das ein totales Simulacrum einer europäischen Hauptstraße. Aber man sieht den Himmel und es gibt keine Rolltreppe. Ohne Rolltreppe ist es keine Mall. Im Winter schneit es allerdings künstlichen Schnee.

JB Und das Pacific Design Center? Das ist für mich das schönste Bauwerk in Los Angeles.

KE Wunderbar! Ohne das wäre LA grauenhaft.

JB Und wie schaut es in Berlin aus?

KE Was ich ganz interessant finde, ist die Alexa am Alexanderplatz.

JB Ha!

KE Ja! Vor allen Dingen ist dort ja auf der oberen Etage eine riesige Modelleisenbahnlandschaft installiert. Wa ja per se krank ist und mich fasziniert. Warum wollen wir immer alles in klein sehen? Damit wir uns als Gott fühlen können.

JB Vermutlich hat es mit der philosophischen Figur der Vergegenwärtigung zu tun. Im neugestalteten Eingangsbereich des Stuttgarter Fernsehturms gibt es ein verkleinertes Modell des Turmes, in dem man sich dann schon aufhält.

KE In den Pasing Arkaden von München ertönt künstliches Vogelgezwitscher. Überall sind Bildschirme, die Fotos von Wilden Tieren zeigen. In den Toiletten sind die Decken mit Wolkenhimmeln tapeziert. Neben den Rolltreppen steht eine Palme. Die Vorgaukelung von Natur gehört zur Mall. Es darf nicht echt sein, soll aber wie in echt ausschauen. Offenbar gibt es eine Lust am Nachstellen.

JB Waren Sie schon einmal in Hong Kong?

KE Nein, leider nicht.

JB Dort spielt sich das gesamte Leben ausschließlich in klimatisierten Räumen ab. Es gibt keine Außenwelt. Aber nicht, weil es heiß wäre, sondern wegen der katastrophal verseuchten Luft. Wenn der Wind ungünstig steht, und das tut er beinahe immer, wehen die Abgase aus den vorgelagerten Industriestädten in die Bucht und dann kann man nicht atmen. Also geht man vom Hotel durch eine Schleuse ins Auto — der Fahrer trägt syelbstverständlich Mundschutz — und vom Auto durch die Tiefgarage in die Mall. Man kann, vom Auto aus, durch geschlossene Scheiben die Straßenzüge und Parks betrachten, aber dort hinaus kann man nicht.

KE Eine Mall, die auch sehr mochte, aber das ist jetzt ewig her, war in Uxbridge, einem Vorort von London. Dort hat Stanley Kubrick A Clockwork Orange gedreht. Da gab es eine Mall, die war völlig heruntergekommen. Das war 1990. Ich war gerade nach London gezogen und habe England als etwas fremdartiges erlebt. Das habe ich alles fotographiert. Ich lebte mitten in Little India. In Deutschland lief gerade die Wiedervereinigung. Das habe ich alles nicht richtig mitbekommen. Eigentlich wollte ich bloß ein Jahr bleiben, aber dann habe ich mich in einen Punk verliebt. Der war Teilchenphysiker. Mit dem war ich dann lange zusammen. Ich wollte einfach nurraus aus Kassel.

JB Würden Sie sagen, dass ihre Faszination für Transiträume von diesem frühen Wunsch rührt, aufbrechen zu können; aufgehoben zu sein im Unterwegssein?

KE Ich träume auch ständig von Flughäfen.

JB Ich finde den Aufenthalt auf Flughäfen schön. Ich freue mich, wenn es heißt »Vier Stunden Verspätung.« Ich sitze gern herum. Ich schaue gerne fremde Menschen an. Es gibt dort immer gute Sachen zu essen.

KE Flughäfen sind hochemotionale Orte. Ich sitze auch gerne dort herum.

JB Seit es überall Steckdosen gibt, ist es noch angenehmer geworden.

KE Auch dass der Flughafen hermetisch abgeriegelt ist, gefällt mir gut. Den Machern ist sehr bewußt, was darin vorgeht und sie versuchen dich zu lenken. Dich dazu zu bringen, Geld auszugeben. Dem kann man nachgeben, oder bewußt widerstehen. Und anderen Leuten beim Geld ausgeben zuschauen.

JB Irgendwann wird man überall so leben können, wie in Hong Kong. Dass man sich nur noch durch gläserne Tunnel bewegt.

KE In einer globalen iPhone-Kultur. Alles ist glatt und shiny und rund.

 

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