KATHARINA GROSSE:

Mumbling Mud

Die Künstlerin malt mit Spritzpistole und Schutzanzug in riesigen Dimensionen (und auf Wohnzimmereinrichtungen). Ein Besuch in China

Wenn Katharina Grosse malt, ist das eine raumgreifende Angelegenheit. Die Künstlerin färbt alles ein, was ihr ins Visier gerät: Häuser und Gärten und Schotter und ihr eigenes Bett. Weil das herkömmliche Leinwand-Dimensionen sprengt, arbeitet sie mit Spraypistole und passendem Schutzhelm. An der Küste New Yorks ließ Grosse so ein verfallenes Armeegebäude rot erstrahlen, in der Villa Medici in Rom einen riesigen, jahrhunderalten Baum. Nun hat sie im chi K11 Art Museum in Shanghai ihre erste Einzelausstellung in China eröffnet.

Katharina Grosse, „Mumbling Mud“, chi K11 Art Museum

Die Schau trägt den Namen „Mumbling Mud“, „nuschelnder Matsch“ also – ein Verweis auf ein kantonesisches Sprichwort, das irgendwie von einem Matsch essenden Geist handelt und wiederum eine Umschreibung für undeutliches Sprechen ist. Ein passender Titel für Grosses Arbeit, in der es immer darum geht, Wahrnehmungsweisen zu verschieben und Widersprüche zuzulassen.

„Mumbling Mud“

Die Ausstellung beginnt mit dem Betreten eines dystopischen Schlachtfelds in Regenbogenfarben. Rohre und Bauschrott liegen aufgetürmt zwischen bunt bespraytem Sand und Schotter. Der Besucher muss die Kunst buchstäblich erkraxeln, will er nicht gleich wieder umdrehen. “Die Idee der Dystopie finde ich sehr interessant”, sagt Grosse. “Die schillernde Aquarell-Oberfläche auf der einen und die Wucht der Materialien, das Gesplitterte auf der anderen Seite – das sind zwei Dinge, die sich fast gegenseitig zerstören.” Zum Glück, möchte man sagen, aber nur fast.

Katharina Grosse, „Mumbling Mud“, chi K11 Art Museum

Katharina Grosse, die an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat und in Berlin arbeitet, hat als 20jährige eine zeitlang in Shanghai gelebt. Ihr Vater unterrichtete damals an der Tongji Universität. Grosse ging in die Oper und lernte chinesische Flöte. Das Shanghai von damals war eine andere Welt. “Tausende Fußgänger, viele, viele Fahrräder, keine Privatwagen. Das kann man mit heute gar nicht vergleichen.” Tatsächlich scheint nichts davon an die Bombast-Metropole Shanghai zu erinnern, in der sich Luxusgeschäfte und Wolkenkratzer aneinander schmiegen.

Grosses „Mumbling Mud“ wiederum führt auf verwundenen Wegen aus der apokalyptischen Baustelle. Vorbei an einer scharfkantigen Struktur namens „Ghost“ und auf Seidenbahnen gedruckten Fotos ihres Berliner Studios. Hinein in ein Labyrinth aus riesigen Mengen drapierten Stoffs, das – es trägt den Namen „Stomach“, Magen – in giftig-bunten Farben gehalten ist. Am Ende spuckt es den Besucher in ein geisterhaft weiß getünchtes Wohnzimmer. Es ist, als bewege man sich durch einen maximal dimensionierten Farbverlauf.

Farbe ist, findet Katharina Grosse, ganz und gar nicht ortsgebunden. „Sie kann auf dem Sessel sein, auf dem Tisch, an der Ampel, im Pullover – ist alles rot. Sie kann überall auftreten. Sie kann wie eine Lupe eine Vergrößerung herstellen. Damit ich noch mehr sehe. Mehr hinschaue.“

Katharina Grosse, „Mumbling Mud“, chi K11 Art Museum

Das Interview mit Katharina Grosse finden Sie in der kommenden Frühjahrsausgabe des Interview Magazines.

Die Aussellung „Katharina Grosse, Mumbling Mud“ ist bis zum 24. Februar im chi K11 Art Museum in Shanghai zu sehen.

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