Julia

Seemann

Dadaismus, Underground und Kitsch beschreiben Julia Seemann und ihre kontrastreiche Mode wohl am Besten. Nachdem der 27-jährigen Schweizerin ihr Abschluss an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst gelungen ist, wurde sie von der Online-Plattform VFiles auf die New Yorker Laufstege eingeladen und blitzschnell in die Modewelt gehievt. Seit Rihanna ihre Mode für sich entdeckt und sie mit ihrer Herbst/Winter 2017-Kollektion an der Berliner Fashion Week debütiert hat, ist der Rest nur noch Geschichte.

CARA LERCHL Was hat Sie in die Mode verschlagen?

JULIA SEEMANN Mit zehn Jahren bekam ich meine erste Nähmaschine, meine Großmutter hat mir sozusagen Privatkurse im Nähen gegeben. Als ich elf Jahre alt war, hab ich bereits meine eigenen Hosen gemacht – und sie ganz stolz getragen.

CL Wie sahen die Hosen aus?

JS Britney Spears-Vibes! Glücklicherweise wurde ich gleich nach dem Abitur an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst angenommen. Nach meinem Abschluss habe ich ein Praktikum bei Meadham Kirchhoff und Vivienne Westwood gemacht. Mit VFiles hat dann alles seinen Anfang genommen.

CL Hat Vivienne Westwood Ihnen gelernt, Subkulturen in Ihre Arbeit einzubeziehen?

JS Als Praktikantin hatte ich dort wenig Mitspracherecht. Schnitte kopieren und Botengänge machen zählte zu meinem Alltag – und als Fitting-Model habe ich auch einmal fungiert! Subkulturen haben mich schon immer interessiert, deshalb bin ich zu Westwood gegangen.

CL Vor Kurzem haben Sie auch Body Sensations gegründet, eine Plattform für elektronische Underground-Musik.

JS Body Sensations ist eine Partyreihe, die mein Freund Flavio und ich dieses Jahr im Januar gelauncht haben, nachdem wir eine Party in Zürich veranstaltet haben. Wir interessieren uns sehr für Musik und vielversprechende Künstler. Das wollen wir jetzt weiterführen.

CL Und, wer kam zur Party?

JS Zürich ist zwar klitzeklein, es gibt aber sehr wohl eine Underground-Szene. Bei uns kommt jeder rein: Hardcore-Goths, Kollegen und auch die Schwester, die eigentlich Klassik hört. Wir planen aber gerade, nach Berlin umzuziehen.

CL Ihr ganzes Universum ist das Gegenteil von dem, was man gewöhnlich mit Zürich verbindet.

JS Der Konservativismus ist eher das, was mich antreibt. Ich mache gern das Gegenteil von dem, was populär und etabliert ist. Meine Eltern sind da etwas anders, keine Künstlertypen.

CL Welche Musik hören Sie privat?

JS Am Liebsten 80er, 90er, Gothic, Dark Wave, Techno, Trance, Shoegaze.

CL In der aktuellen Sommerkollektion dominieren Swarovski-Kristalle, tribalartige Verzierungen und Buddha-inspirierte Elemente. Ein spiritueller Wandel?

JS Wir versuchen immer unsere Ästhetik in eine neue Richtung zu treiben. Ich selber bin kein spiritueller Mensch, aber für die Om-Zeichen fand ich die Kristallelemente von Swarovski einfach passend, lustig und ja, süß!

CL Welche Einflüsse prägen Sie noch?

JS Die 80er-Jahre und der Dadaismus. Es ist mir wichtig, die Dinge nicht zu ernst nehmen, sondern einfach zu tun, worauf man Lust hat. Letztendlich hat der Dadaismus seine Ursprünge ja auch in der Schweiz. Passend, oder?

CL Welche Kontraste machen Ihre Mode aus?

JS Einerseits weite und eng anliegende Schnitte. Andererseits maskuline Rauheit durch Stoffe wie Denim, Flanell und Wolle und feminine Silhouetten, kombiniert mit kitschigen Accessoires.

CL Stimmt es, dass Sie Ihre Kleidung lieber an einer normalen Person als an einem Hollywood-Star sehen?

JS Sagen wir so: ich ziehe das Eine nicht dem Anderen vor. Und natürlich finde ich es lustig, wenn Bella Hadid mit einem “Incubus Sucubus”-Shirt (“Incubus Sucubus” ist ein Song der Gothic-Band XMal Deutschland – Anm. d. Red.) von mir herumläuft, wobei sie eigentlich zur Popkultur gehört.

CL Welche persönlichen Werte integrieren Sie in Ihre Arbeit?

JS Weltoffenheit. Das will ich auch meinen Kunden mitgeben: Mut zu haben, ins Leben zu gehen.

CL Letztes Jahr hatten Sie ihre erste Laufsteg-Show bei der Berliner Fashion Week. Was steht als Nächstes an?

JS Wenn es das Budget erlaubt, würde ich nächstes Jahr gerne wieder eine Präsentation machen. Und natürlich noch einige Marken-, Künstler- und Musikkollaborationen!

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