JORJA

Smith

Nachdem die Londonerin mit 21 bereits mehr erreicht hat als andere Popstars in ihrer gesamten Karriere, hat Jorja Smith kürzlich ihr Debüt “Lost & Found” veröffentlicht, das ganz selbstbewusst ohne Hits auskommt. Andere mögen Hits wollen. Sie zieht es vor, zu singen.

Man weiß nicht genau, wie sie es macht. Die Erfolge scheinen ihr einfach zuzufliegen. Sie lädt einen Song bei Soundcloud hoch, und anschließend hat sie den kanadischen Superstar Drake als Fan. Sie singt zwei Songs auf dessen Album “More Life”, hat ein Lied auf dem erfolgreichsten Soundtrackalbum des Jahres und singt mit allen denkbaren Sängerinnen und Sängern im Duett. Dem britischen Grime-Superstar Stormzy zum Beispiel, der tollen amerikanischen R&B-Sängerin Kali Uchis, dem englischen Dichter George the Poet, dem Rapper Wretch 22 und, und, und – ihr Debüt “Lost & Found” ist zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal erschienen. Drei Tage vor ihrem 21. Geburtstag wird es endlich veröffentlicht und ist schon deshalb bemerkenswert, weil sie nicht einmal so tut, als würde sie sich um einen Hit bemühen. Als man sie in der britischen Presse darauf anspricht, sagt sie, dass auch Amy Winehouse auf ihrem großartigen Debüt “Frank” ohne einen Hit auskam. Die Hits kamen für Winehouse erst mit dem zweiten Album – und damit auch die Probleme (was Smith allerdings unerwähnt lässt). Sie wächst in der Stadt Walsall in den West Midlands auf, was, wie der Name suggeriert, fast direkt in der Mitte von England liegt, nur eben ein kleines Stückchen westlich. Viel lässt sich über Walsall nicht sagen, gerade mal drei Kinder der Stadt haben es popmusikalisch zu etwas gebracht. Von 1972 bis 1973 sang Dave Walker für Fleetwood Mac und spielte die Gitarre, Noddy Holder machte als Sänger der unvergleichlichen Glamrock-Band Slade in den frühen Siebzigern den strategischen Rechtschreibfehler salonfähig (“Cum on Feel the Noize”), und Rob Halford kam als Sänger von Judas Priest zu Weltruhm. Vermutlich hat Jorja Smith in ihrer Jugend nichts von alledem gehört. Stattdessen wurde sie von ihrem Vater musikalisch mit einer Mischung aus Reggae-Klassikern, Curtis Mayfield und Damian Marley gefüttert, etwa drei Mahlzeiten am Tag. Man muss sagen, dass es sich gelohnt hat.

HARALD PETERS Haben Sie schon eine neue Wohnung gefunden?

JORJA SMITH Woher wissen Sie denn, dass ich auf Wohnungssuche war?

HP Stand im “Guardian”.

JS Ach so, ja, stimmt. Also, die Wohnung habe ich
inzwischen.

HP Ist sie schön?

JS Ja, sehr!

HP Wie ist der Wohnungsmarkt in London?

JS Ich würde sagen: schwierig!

HP Hilft es bei der Suche, wenn man Popstar ist?

JS Nein, nicht wirklich, haha.

HP Von außen betrachtet sieht es so aus, als würde es mit Ihrer Karriere ziemlich geschmeidig laufen.

JS Ja, das tut es tatsächlich. Ich habe das nicht so erwartet, jedenfalls nicht, als ich meinen ersten Song veröffentlicht habe.

HP Der Song, von dem Sie sprechen, war Ihr erster Hit “Blue Lights”, den Sie 2016 bei Soundcloud hochgeladen haben.

JS Genau.

HP Der Song wurde dann ziemlich schnell weit über Soundcloud hinaus bekannt und landete schließlich in den Top 40 der britischen Charts.

JS Es war ein Schneeballeffekt.

HP Kann es sein, dass Sie heute nicht sonderlich gesprächig sind?

JS Sorry, das liegt daran, dass ich gerade die Haare und mein Make-up gemacht bekomme, weil gleich nach unserem Gespräch der Fotoshoot für Ihr Magazin stattfindet, zu dem ich leider zu spät erschienen bin. Ich habe im Moment ungefähr vier Hände im Gesicht und kann deswegen den Raum nicht verlassen, obwohl der Empfang, wie Sie wahrscheinlich merken, recht mies ist. Und dann esse ich noch ein Sandwich.

HP Ach so. Ich hätte das Sandwich ja auf dem Weg zum Shooting gegessen.

JS Ja, aber das Sandwich habe ich ja erst hier beim Shooting bekommen.

HP Also, “Blue Lights” wurde auf Soundcloud zu einem Hit. Wie schafft man das?

JS Viel habe ich natürlich meinem Management und dem PR-Team zu verdanken.

HP Ach, Sie hatten schon ein Team?

JS Ja, meinen Manager kenne ich, seit ich 15 bin. Seit ich 16 bin, arbeiten wir zusammen, und als ich 18 war, haben wir “Blue Lights” veröffentlicht.

HP Wie lernt man mit 15 seinen Manager kennen?

JS Durch YouTube. Ich hatte damals Videos mit Coverversionen auf YouTube hochgeladen. Er hat sie gesehen, mit mir Kontakt aufgenommen und dann bei meinem Vater vorgesprochen.

HP Sie haben demnach schon sehr früh gewusst, dass Sie Sängerin werden wollten?

JS Ja, das war mir mit 16 bereits klar. Mir war auch klar, dass ich dafür nach London ziehen muss. Ich habe dann nur noch gewartet, bis ich mit der Schule fertig war.

HP Wenn man Ihre ganz frühen Songs mit den Liedern vergleicht, die man nun auf Ihrem ersten Album hören kann, fällt auf, dass Sie scheinbar schon von Anfang an wussten, wie Sie klingen wollten.

JS Ja, das wusste ich auch. Das ist wichtig. Man muss wissen, was  man will.

“Mit 50 wäre ich gern richtig berühmt, aber im Moment bin ich sehr zufrieden, wie die Dinge laufen.”
JORJA SMITH

HP Ja, müsste man wahrscheinlich, aber wer tut das schon. Manche Leute wissen bis ins hohe Alter nicht so richtig, was sie wollen. Wenn Sie es schon mit 16 wussten und sich fünf Jahre später daran nur wenig geändert hat, dann ist das mindestens bemerkenswert.

JS Keine Ahnung. Eigentlich versuche ich, nicht zu sehr darüber nachzudenken, ich singe einfach. Und wenn ich singe, weiß ich, ob ich das, was ich singe, mag.

HP Andere ehrgeizige Sängerinnen Ihres Alters singen aber mitunter auch Lieder, die sie nicht mögen. Sie lassen sich von ihrer Plattenfirma einen vermeintlichen Hit aufschwatzen oder arbeiten mit einem berühmten Produzenten, nur um die Karriere in Schwung zu bringen. Sie haben das nicht getan.

JS Es war ja auch nicht nötig. Weil ich meinem Team vertraue, weil ich mir vertraue, weil ich denke, dass ich auch selbst ganz gute Songs schreiben kann.

HP Aber das macht es auch so ungewöhnlich.

JACKE: JOSHUA MILLARD

JS Warum denken Sie, dass das ungewöhnlich ist?

HP Weil viele junge Musiker, die Karriere machen wollen, versucht sind, den schnellen Weg zu gehen.

JS Ja, stimmt, große Namen, viele Hits. Aber nein, das ist nicht mein Weg. Mit 50 wäre ich gern richtig berühmt, aber im Moment bin ich sehr zufrieden, wie die Dinge laufen. Es gibt keinen Grund zur Eile.

HP Sie hatten vergangenes Jahr auf dem Drake-Album “More Life” gleich zwei Songs, “Jorja Interlude” und “Get It Together”. Wie läuft so was? Bekommt man einen Anruf? Bewirbt man sich darum?

JS Nein, Drake hat mir eine Nachricht geschrieben und mir dann den Song “Get It Together” geschickt. Ich habe ihn mir angehört, aber ehrlich
gesagt konnte ich zunächst nichts mit dem Stück anfangen. Ich sagte zu ihm: “Ich weiß nicht, vielleicht sollten wir was anderes versuchen.” Und er sagte nur: “Okay, cool.” Aber dann, nach einiger Zeit, hörte ich den Song noch einmal und kapierte ihn plötzlich: “Ach so, jetzt verstehe ich, worüber das Mädchen singt.” Also habe ich Drake gefragt, ob das Angebot noch steht. Er sagte Ja, und so landete ich schließlich auf “More Life”. Ich bin wirklich dankbar dafür, weil es so viele Türen für mich geöffnet hat.

“Kendrick meinte zu mir, dass er schon eine ganze Weile mit mir arbeiten wollte.”
JORJA SMITH

HP Man muss dazu wissen, dass Sie damals noch relativ unbekannt waren. “More Life” erschien im März 2017, also muss die Geschichte, die Sie gerade erzählt haben, irgendwann 2016 passiert sein. Damals war “Blue Lights” zwar bereits veröffentlicht, aber abgesehen davon gab es von Ihnen gerade mal eine Handvoll Songs.

JS Es kommt mir vor, als sei es eine Ewigkeit her.

HP War das Drake-Album der Auslöser für Ihre Beteiligung an Kendrick Lamars “Black Panther”-Soundtrack?

JS Ich weiß nicht. Kendrick meinte zu mir, dass er schon eine ganze Weile mit mir arbeiten wollte.

HP Hat Kendrick Ihnen auch eine Nachricht geschickt?

JS Er selbst nicht. Ich war in L. A. und bekam eine Nachricht mit der Frage, ob ich Zeit hätte, Kendrick zu treffen. Hatte ich. Wir waren dann noch am selben Abend im Studio.

HP Sie scheinen irgendetwas richtig zu machen.

JS Das hoffe ich doch.

HP Wie lief die Arbeit an Ihrem Album?

JS Eigentlich hatte ich nie vor, ein Album aufzunehmen. Aber dann meinte mein Manager, dass es dafür Zeit wäre, und hat mir eine Liste mit meinen Songs hingelegt. Das Schwerste war, eine Auswahl zu treffen, weil es so viele waren. Die Reihenfolge fiel mir leicht, weil ich sie ja ständig live spiele und weiß, dass sie ziemlich gut miteinander harmonieren. Also habe ich auch keinen Grund gesehen, warum sie nicht auch auf Platte miteinander harmonieren sollten.

HP Das Album ist demnach Ihre Setlist?

JS Ja, das Album ist wie meine Konzerte, nur dass ich die Konzerte lieber mag.

HP Ach so?

JS Ja, ich finde, dass ich live besser klinge. Außerdem mag ich es nicht so gern, ältere Songs noch einmal neu aufzunehmen. Viele der Songs auf dem Album existierten ja schon in einer Demoversion, die mir auch so schon ziemlich gut gefiel.

HP Auf dem Album gibt es zwei Stücke, die ich als politisch bezeichnen würde.

JS Äh … ja.

HP Sie zögern?

JS Nein, ich zögere nicht, ich hatte nur gerade die Gelegenheit genutzt, in mein Sandwich zu beißen, haha. Aber ich würde es eher so formulieren, dass es Songs über gesellschaftliche Probleme sind.

HP “Blue Lights” handelt von Polizeigewalt, und in “Lifeboats (Freestyle)” geht es um Flüchtlinge. Weil “Blue Lights” ja schon einige Jahre alt ist und es auf dem Rest des Album eher um Liebesdinge geht, habe ich mich gefragt, ob Sie aufgehört haben, sich mit gesellschaftlichen Themen zu befassen.

JS Nein, habe ich nicht. Aber es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und mir vornehme, über ein bestimmtes Thema zu schreiben. Ich schreibe einfach über die Dinge, die mir durch den Kopf gehen. Es gibt auch noch mehr Songs in dieser Richtung, ich habe sie nur noch nicht veröffentlicht.

HP Wie schreiben Sie? Müssen Sie sich zwingen?

JS Ich schreibe einfach nach Laune. Wenn ich mich dazu zwinge, dann werden die Songs scheiße.

HP Das Schreiben fällt Ihnen also leicht?

JS Ja, schon! Ich kann eigentlich die meiste Zeit schreiben. Ich lese gerade das Buch “Briefe an einen jungen Dichter” von Rainer Maria Rilke, in dem es heißt, dass man sich von allem inspirieren lassen kann. Selbst wenn man in einer Gefängniszelle säße, hätte man immer noch seine Erinnerungen, also, ich meine zumindest, dass es darin so steht. Jetzt, da ich den Gedanken laut ausspreche, bin ich mir da nicht mehr so sicher. In meinem Kopf machte es eben noch Sinn, haha.

HP Und wie sieht es mit der Musik aus? Schreiben Sie die auch selbst?

JS Manchmal. Ich kann Klavier spielen, das hilft natürlich. Aber die meiste Musik entsteht bei Sessions im Studio.

HP Haben Sie dann schon die Gesangsmelodie vorbereitet?

JS Die Gesangsmelodie habe ich im Kopf, sobald ich die Musik höre.

HP Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt?

JS Ja, das war in der Schule. Ich war elf und habe “Lean on Me” gesungen, und zwar ohne Musik, a cappella.

HP Und wie war das? Wussten Sie danach, dass Sie Sängerin werden wollten?

JS Ja, aber ich habe es danach vielleicht nur noch einmal gemacht, bei irgendeiner Veranstaltung. Das war gut, hat Spaß gemacht.

JORJA SMITHS “LOST & FOUND” IST BEI FAMM ERSCHIENEN.

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