INGO

WILTS

Früher entwarf man bei Boss Pullover mit fett geflockten Logos und Anzüge für breite Wall-Street-Rücken. Heute, sagt Ingo Wilts, tragen sich die Anzüge selbst so locker wie Strickpullover.

Nach dem Weggang von Jason Wu hat er die kreative Leitung bei Boss übernommen und in New York erstmals Männer- und Frauenmode zusammen gezeigt. Die Idee zur grafisch verwinkelten Kollektion kam ihm beim Ausflug ins Eames-Haus in Malibu. Weiteres Souvenir aus Kalifornien: der weiße Anzug, den Michael Jackson auf dem Cover seiner Platte “Thriller” trug. Er lagert in einem Museum in Los Angeles, Wilts hat ihn neu aufgelegt (allerdings ohne Leoparden-Tuch und Tigerbaby).

Als Michael Jackson einmal einen Boss-Anzug trug

FRAUKE FENTLOH Als Michael Jackson 1982 für das Plattencover von “Thriller” mit Tigerbaby posierte, trug er Anzug: weiß mit breitem Revers. Den haben Sie für Hugo Boss gerade neu aufgelegt, wie kam das?

INGO WILTS Wir haben erfahren, dass das ein Boss-Anzug war, den Jackson dort auf dem Cover trug. Sein Anzug wird in Los Angeles im Grammy Museum aufbewahrt. Als ich in Los Angeles war, bin ich hingefahren und habe ihn mir zeigen lassen. Er lagert dort im Archiv. Es war eine aufwendige Prozedur, sie haben den Anzug hervorgeholt, er wurde aus einer Kleiderhülle gewickelt, dafür mussten sie sich dort extra blaue Handschuhe anziehen. “Sie dürfen den auf keinen Fall anfassen”, hieß es. Fotografieren ging aber. Wir haben den Stoff, sämtliche Details, das ganze Innenleben des Anzugs abfotografiert. Wo die Gürtelschlaufen sitzen, wo die Taschen. Daraus haben wir dann eine Reproduktion geschneidert.

FF Wissen Sie, warum Jackson damals zum Boss-Anzug griff?

IW Ich schätze, das war reiner Zufall. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass er damals eine Stylistin hatte, die ihm gesagt hat: “Du musst einen Anzug dieser oder jener Marke tragen.”

FF Die Achtziger sind bekanntlich vorbei, zu welcher Gelegenheit soll man heute bloß einen weißen Anzug anziehen?

IW Wir arbeiten viel mit Kaschmir, dazu kann man gut einen weißen Anzug anziehen. Trägt man ihn heute so wie Michael Jackson in den Achtzigern? Wahrscheinlich nicht. Aber eben auch nicht mit Krawatte. Es gibt ja diese ewige Diskussion darüber, wie wichtig der Anzug heute noch ist, ich kann es schon gar nicht mehr hören. Ich finde ihn immer noch wichtig. Es kommt eben nur darauf an, wie spielerisch man mit ihm umgeht. Jedenfalls nicht unbedingt mit der Formel: Sakko, Hose, Hemd, Krawatte.

FF Die Krawatte ist tot?

IW Nein, die finde ich schon super.

FF Und Muster auf Krawatten?

IW Die eher nicht, ich trage nur Strickkrawatten.

FF Welche Metamorphose hat der Anzug in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht?

IW Früher waren die Schultern wahnsinnig breit. Was jetzt ja auch wiederkommt, aber die Schnittführung verlief damals nicht eng am Körper. Heute sind die Menschen trainierter, die Körpermaße haben sich verändert. Weswegen der Anzug viel körperbetonter geworden ist, er ist auch viel weicher. Wir machen heute Anzüge, bei denen man glaubt, man würde einen Strickpullover tragen. Es ist nicht mehr der enge, steife Anzug von früher.

FF Es gibt ja das berühmte Zitat von Karl Lagerfeld, das besagt, dass sich aufgegeben hat, wer Jogginghose trägt. Stimmen Sie zu?

IW Nein. Ich trage auch Jogginghose, gern mit Mantel und Kaschmirpullover. Das sind dann natürlich schickere, nicht die grauen Trainingshosen, von denen Herr Lagerfeld wahrscheinlich spricht. Aber ich sehe das ein bisschen anders.

FF Was war Ihr persönlicher Fehltritt in Sachen Mode?

IW Ich habe mir mal Lackschuhe gekauft, blaue Lackschuhe, College-Lackschuhe. Das, würde ich mal sagen, war ein modischer Fehltritt. Die waren irgendwie nicht so toll. Aber ich sage es mal so: Wenn ich privat bin oder im Urlaub, bin ich natürlich ein anderer Mensch.

Ingo WIlts

FF Die Sommerkollektion, die Sie gerade in New York gezeigt haben, trug den Namen “California Breeze” und wimmelte von grafischen Mustern in Bordeaux und Rosé. Was ist daran kalifornisch?

IW Ich habe mir das Eames-Haus in Los Angeles angeschaut, unten in Malibu. Wir sind ja sehr verwurzelt in Amerika. Charles und Ray Eames, Kalifornien und Surfen, das waren die Themen, die ich zusammenbringen wollte. Daher “California Breeze”. Die Inspiration war ganz klar: L.A., Surf und Beach.

FF Und Kunst?

IW Versuchen wir immer unterzubringen. Wir haben zum Beispiel eine ganze Kollektion mit der Bauhaus-Künstlerin Anni Albers gemacht. Dann gab es von Sport inspirierte Entwürfe. Aber unsere Heritage ist der Anzug, das können wir drehen, wie wir wollen.

FF In den Achtzigern und Neunzigern ging es bei Boss um starke Männer und Business, und passenderweise hat der Name im Englischen ja exakt diese Bedeutung. Kommt daher das Wall-Street-hafte Image?

IW Lustig, dass Sie das sagen. In unserer neuen Kampagne prangt dieses “Boss” ganz groß in der Mitte, da geht es um das Wort an sich: Wir sind der Boss. Das spielt eine große Rolle. Und das Maskuline, das Geschäftliche, hat uns als Marke geprägt. Dadurch sind wir eine Anzugfirma geworden. Während andere vor 25 Jahren Trenchcoats gemacht haben und jetzt eine Trenchcoat-Marke sind. Männermodels wie Michael Flinn haben in den Achtzigern das Bild des Boss-Mannes geformt, danach Alexander Lundqvist und Mark Vanderloo. Anfang der 2000er Lars Burmeister. Wir haben immer das Männerbild mitgeprägt.

FF Steigen Sie denn noch oft ins Boss-Archiv hinab?

IW Es spielt eine wichtige Rolle. Schauen Sie sich zum Beispiel den Oversize-Trend an, da sind wir in die Archive gegangen und haben die Stücke aus den Achtzigern und Neunzigern unter die Lupe genommen. Die langen Mäntel, die wir jetzt gerade in der Kollektion haben, sind tatsächlich welche, die wir schon Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger geschneidert haben. Wir kaufen auch viele Vintage-Kleider ein, in London etwa, und schauen uns bei denen die Proportionen an.

FF Wie sieht es bei Ihnen zu Hause aus, ist Ihnen Design da auch wichtig?

IW Wahnsinnig wichtig. Wenn ich meine Wohnung in Berlin anschaue, die ist super-clean, streamlined. Ich habe in allen meinen Wohnungen das gleiche Sofa stehen. Das “Charles” von B&B Italia in grauem Flanell. Das steht überall. Das ist fast wie ein Tick.

FF Und Metzingen? Was trug man dort, als Sie 1997 zu Boss kamen?

IW Anzüge, haha. Früher war das viel extremer. Heute tragen die Leute ja Anzug mit Turnschuhen. Damals war es wirklich ein richtiger Business-Look: Hemd, Krawatte, Anzug. Das hat sich total aufgelöst. Heute trägt ja jeder weiße Sneakers.

FF Metzingen stellt man sich trotzdem eher provinziell vor.

IW Ja, total. Aber das ist schon in Ordnung, man ist ja nicht gezwungen, am Wochenende dort zu sein.

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