WHAT DOES CAMP MEAN?

Das berühmte Metropolitan Museum of Art in New York läutet alle Jahre wieder ihre wichtigste Mode-Ausstellung ein und alle Jahre wieder gilt die ganze Aufmerksamkeit der großen Eröffnungsgala mit ihren namenhaften Teilnehmern aus Musik-, Film- und vor allem Modeindustrie. Das ist meistens okay, denn der spontane Besuch einer Ausstellung in New York ist nicht jedem vergönnt, also warum sich nicht auf das konzentrieren, was sich auch auf Instagram und Co. rezipieren lässt? In diesem Jahr allerdings lohnt sich eine genauere Betrachtung. Das Thema „Camp: Notes on Fashion“ könnte so ein wenig mehr – Vorsicht Wortwitz – METa sein, als vorangegangene Themen, wäre da nicht ein etwas verschobener Hype um den erwähnten Eröffnungsball.

Elle Fanning attends the Gala in a Miu Miu Ensemble made of pants and top in a soft salmon color with white details. The sleeves are in pleated georgette. Plus a necklace made of the most iconic Miu Miu charms. (Photo by John Shearer/Getty Images for THR)

Yara Shahidi chose Prada ice blue silk mini suit embroidered all over with Swarovski crystal clusters in shades of clear, and lemon, topped with a jet black ostrich duster coat embellished with black crystals. (Photo by Jamie McCarthy/Getty Images)

Susan Sontags Essay: „Notes On ‚Camp‘“  aus dem Jahr 1964 wurde als kuratorischer Rahmen für die diesjährige Ausstellung auserkoren. Scheinbar selbstreflektiert wird sie dabei immer wieder zitiert: „To talk about Camp is (…) to betray it“ – eine Modeausstellung über „Camp“ zu machen muss demnach erlaubt sein? Klingt zweifelhaft, ist aber kein schlechter Weg, denn es ist bekanntlich nicht immer die Sprache die zeitgeistliche Phänomene verständlich macht. Das zeigt schon die vielseitige und uneindeutige Übersetzung des Worts ‚Camp‘ – ‚theatralisch‘, ‚aufgedonnert‘, ‚kitschig‘, ‚affektiert‘, ‚schwul‘ oder der französische Ursprung „se camper“ – ‚eine übertrieben Pose einnehmen‘.

 

„Die Essenz von Camp ist die Liebe zum Unnatürlichen, zur Künstlichkeit und zur Übertreibung“, sagt Sontag und beschreibt damit eine ästhetische Entwicklung, deren Ursprünge schon im 19. Jahrhundert zu finden sind.

Die literarische Glorifizierung eines übertriebenen Ästhetizismus, die gleichermaßen auch als Kritik verstanden werden kann, ist beispielsweise in Oscar Wildes einzigem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ herauszulesen. Die schwülstigen Übertreibungen von Schönheit und versteckte homoerotische Phantasien Wildes sind auch dann eindeutig, wenn einem bis jetzt Sontags These, das Camp immer auch in Zusammenhang mit Homosexualität stehe, unbekannt war.

 

 

Indya Moore attends The 2019 Met Gala in Louis Vuitton. (Photo by Dimitrios Kambouris/Getty Images for The Met Museum/Vogue)

Zendaya wore an animatronic crystal grey silk evening gown constructed to enable both visual and physical transformations of the silhouette from understated to dramatic by Tommy Hilfiger. (Photo by Dimitrios Kambouris/Getty Images for The Met Museum/Vogue)

Ungefähr zwei Jahrzehnte nach Sontags „Notes On ‚Camp‘“ erfährt Camp in der New Yorker Ballroom Culture den ausgelebten Höhepunkt: schwule afro- und lateinamerikanische Minderheiten drücken in regelmäßig stattfindenden Wettbewerben auf übertriebene Art und Weise all das aus, was sie im „echten“ Leben nicht sein können. Die weiße, reiche  Upper-East-Side-Gattin, der Royal mit extravagantem Lebensstil oder auch nur ein einfacher Army-Soldier. Die Karikatur der Auswüchse der westlichen Kultur ist dabei weniger Kritik als eine, zur damaligen Zeit, unerfüllte Hoffnung sich eine Parallelwelt zu erschaffen, in welcher man das hat was man täglich sieht aber nie bekommt. Ein überästhetischer Traum und gleichzeitig die Entthronung von

nicht erreichbaren Privilegien.  Ein anschauliches Zeitzeugnis der Bewegung ist die Dokumentation „Paris Is Burning“ aus dem Jahr 1990, respektvoll und in vielen Momenten rührend, werden die Phantasien der portraitierten Charaktere dem voyeuristischen Außenstehenden auf Augenhöhe dargestellt.

Mit „Camp: Notes on Fashion“, weitere drei Jahrzehnte später, krönt das Met eine Entwicklung des subkulturellen Durchsickerns in den Mainstream. Die Popkultur ließ sich von Beginn an von der Szene inspirieren und vergaß dabei oft ihre Quellen zu nennen. Spätestens seit Madonnas Song „Vogue“ (1990) kennt jeder den tänzerischen Aspekt. Der auch von Madonna übernommene Tanzstiel „Vouging“ entstand auf den Laufstegen der Ballrooms und besteht aus wiederum übertriebenen, überbordenden, „campy“ Posen, wie sie die Topmodels der 80er und 90er auf ihren Vogue-Covern darstellten.

 

 

Robyn attends The 2019 Met Gala Celebrating Camp: Notes on Fashion in acreation of Louis Vuitton. (Photo by Dimitrios Kambouris/Getty Images for The Met Museum/Vogue)

Cara Delevingne wearing rainbow platforms, cane and headpiece made with over 5000 crystals from Swarovski. Photo by Dimitrios Kambouris/Getty Images for The Met Museum/Vogue)

Inzwischen hat die Kultur, ungefiltert von Pop-Interpretationen, ihren Weg in die gesellschaftlich akzeptierte Aufmerksamkeit gefunden. TV-Formate wie die Reality-Casting-Show „RuPaul‘s Drag Race“ oder die Serie „Pose“ sind gleichermaßen populär wie potentiell kultig. Und das gegenseitige immer wieder aufeinander Bezug nehmen der Sub- und Popkultur ist ebenso Ausdruck von Camp.

Camp ist Kitsch (im positiven Sinne) und für Kunstkritiker und Formalist Clement Greenberg, ist Kitsch („populäre, kommerzielle Kunst und Literatur mit ihren (…)  Zeitschriftenbildern, Illustrationen, Werbeanzeigen, (…) Hollywoodfilmen etc. etc.“) die konsequente Antwort auf die Avantgarde. Auf die kapitalistische Popkultur der letzten 30 Jahre übersetzt, die sich in ihren Grundzügen von Kitsch ernährt, wird bei Beispielen wie „Camp“ Kitsch selbst zur Avantgarde und ihre abgeflachte Mainstream-Interpretation, in Form von „Roter-Teppich-Posiererei“, wiederum zu Kitsch. Dabei spielt die Mode mit die spannendste Rolle: sie ist Vermittler zwischen Hoch-, Sub- und Popkultur, referiert, zitiert und übersetzt und zeigt so maßgeblich was „Camp“ bedeutet. Und weil man Mode als die kommerziellste aller Kunstformen bezeichnen könnte, schließt sie den jüngeren kulturhistorischen Kreis der marxistischen Theorie Greenbergs, über Sontags Essays, Ballroom-Culture zur Avantgarde-Kitsch-Avantgarde der heutigen Zeit.

Andrew Bolton und Wendy Yu, die Kuratoren des Kostüm-Instituts des Met-Museums bewerben ihre Ausstellung final treffend: „Fashion is the most overt and enduring conduit of the camp aesthetic. Effectively illustrating Sontag’s ‚Notes on „Camp“, the exhibition advances creative and critical dialogue about the ongoing and ever-evolving impact of camp in fashion.“

 

Camp: Notes on Fashion”, zu sehen vom 9. Mai bis zum 8. September 2019 im Metropolitan Museum of Art in New York.

 

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT