ROK HWANG

Rok Hwang, der Amerikaner mit koreanischen Wurzeln hat seinen texanischen Akzent verloren. Vielleicht deshalb, weil er in London studiert hat, in Paris arbeitet und die Welt sein Zuhause ist. Vielleicht aber auch, weil er es als Modedesigner gewöhnt ist, sich ständig neu zu erfinden.

In seinen Kollektionen verarbeitet er seine Lebensgeschichte, berichtet zum Beispiel vom Aufwachsen in Texas und lässt seine Emotionen in Schnitte, Drapierungen und Muster fließen. Für seine Fall/Winter 20 Kollektion, die Rok Hwang unter seinem Label „Rokh” Ende Februar in Paris gezeigt hat, nahm er sich seine Studienzeit in London vor – was frischen Wind wehen ließ. Als Phoebe Philos Protegé bei Céline hat er gelernt, direkt am Körper zu drapieren und die Form der Kleidung, die der Frau folgen zu lassen. Ausgezeichnet mit dem LVMH Award 2018, ist Rok Hwang dabei sich als Fixgröße im Modedesign zu etablieren.

Sein neuester Streich ist eine Kooperation mit Asics, bei der sich zeigt, dass Rokh auch im Schuhdesign reüssiert. Interview erreichte Rok Hwang auf seinem Mobiltelefon, zwischen Anproben und den finalen Nadelstichen seiner Pre-Collection:

Rok Hwang Hallo, wie geht es Ihnen?

Julia Deutsch Mir geht’s gut. Wie geht es Ihnen?

RH Super, ich bin gerade in Paris.

JD Cool, was machen Sie heute? Haben Sie viele Promo-Termine?

RH Nein, wir machen gerade die Pre-Collection fertig. Deshalb habe ich den Showroom geschlossen.

JD Sie haben ja bereits die Fall/Winter Kollektion präsentiert?

RH Ja genau, Ende Februar, zur Women’s Fashion Week in Paris.

JD Denken Sie daran, für die Pre-Collection Richtung Menswear zu gehen?

RH Nein, leider noch nicht. Aber das würde ich gerne probieren.

JD So haben Sie ja angefangen, richtig? Mit einem Bachelorstudium in Menswear vom Central Saint Martins College in London.

RH Exakt. Ich habe das Design von Männerbekleidung studiert und bin dann in Richtung Frauenbekleidung gewandert.

 

 

JD Sie haben unter der ikonischen Louise Wilson studiert. Können Sie mir erzählen, wie es war, mit ihr zu arbeiten?

RH Sie hat mir klar gemacht, wie wichtig es ist, den richtigen Einblick in die Modebranche zu haben. Sie hat mir gezeigt, dass man wissen muss, was in der Welt passiert. Das sind Informationen, die die eigene Vision und das Wissen darüber bestimmen.

JD Wo informieren Sie sich über die Geschehnisse der Branche und der Welt?

RH Ich liebe es, Menschen zu beobachten und mir anzusehen, was sie tragen. Medien sind natürlich auch sehr wichtig. Vor allem finde ich aber das echte Leben inspirierend – wie Leute auf Dinge reagieren, ihre Haltung klar machen und ihre Kleiderwahl.

JD In welcher Stadt ist es am interessantesten Leute zu beobachten?

RH Ich wohne in London, deshalb vor allem dort. Ich reise aber auch viel nach Asien oder Paris. Ich arbeite auch in den USA, wo ich aufgewachsen bin. Also habe ich ein gewisses Verständnis, wie sich Menschen an einem gewissen Ort verhalten. Ich befasse mich gerne mit den Highlights der asiatischen Kultur. Oder was die Leute kaufen und wie sie es in Folge tragen. Das ist ganz natürlich für mich.

JD Man hört es auch, dass Sie ihren amerikanischen Akzent verloren haben.

RH Ja, den habe ich komplett verloren. Seitdem ich in London lebe, hat sich alles vermischt. Manche Leute sagen, ich klinge skandinavisch. Aber ich spreche einfach natürlich.

JD Ihre Familie kommt ursprünglich aus Korea. Fahren Sie oft dahin zurück?

RH Am meisten reise ich nach Japan. Dort hatte ich einige Ausstellungen und vier Pop-Up Openings. Also ich habe mich hauptsächlich mit japanischer Kultur letztes Jahr. Aber ich habe auch Korea besucht.

JD Wie ist Ihre Beziehung zu Ihren koreanischen Wurzeln? Sprechen Sie auch koreanisch?

RH Ja ich spreche auch die Sprache. Und ich bin sehr daheim in dieser Kultur.

JD Wie sehen Sie den, nennen wir ihn, “Korea Trend”? Also zum Beispiel der Hype rund um K-Pop und koreanische Hautpflege?

RH Ich denke das ist ein globales Phänomen und ich finde es gut. Es ist sehr verwunderlich, dass es sich so entwickelt hat – zu sehen welchen Einfluss K-Pop auf die Popkultur hat. Es macht mich auch sehr stolz. Diese Farben und Lebendigkeit in der Welt zu sehen.

JD Sie haben die Frau, die Rokh trägt, vor einer Zeit folgendermaßen beschrieben: Eine junge Künstlerin, jedoch erwachsen in ihrem Geschmack, trotzdem disorientiert im Leben und in ihrer Arbeit. Ist dieses Bild noch aktuell? Was ist die Magie hinter dieser Verlorenheit?

RH Ich wollte dem Stereotyp der selbstermächtigten Frau einen kleinen Twist verleihen und dieses Schwarz/Weiß Denken auflockern. Es war mir wichtig, dieses Bild künstlerischer und persönlicher anzugehen. Deshalb habe ich meine eigenen Erlebnisse und Charakteristiken einfließen lassen. Als ich aufwuchs, war ich mit vielen Hindernissen konfrontiert – das spiegelt sich in der fehlenden Perfektion wider. Die “Rokh Frau” hat sich im Laufe der Kollektionen auch weiterentwickelt. Sie ist jetzt viel selbstbewusster. Die Attitude ist farbenfroher, liebevoller und es geht um Spaß.

JD In Ihrem Prozess geht es auch viel um Rekonstruktion anstatt um Dekonstruktion. Können Sie mir mehr darüber erzählen?

RH Natürlich, ich arbeite viel mit klassischen Stücken, wie zum Beispiel dem Trench-Coat. Ich sehe es als Handwerk an und beginne beim Stoff. Ich webe und drucke viele Komponenten. Es geht nicht darum, ein Kleidungsstück auseinanderzunehmen. Sondern vielmehr Stück für Stück aufeinander aufzubauen. Wir arbeiten direkt am Körper, drapieren oder nähen sogar einzelne Details. Es fühlt sich für mich mehr nach Rekonstruierung an, als nach Dekonstruierung.

JD Sie erwähnten den Trench-Coat als wichtiges Element. Was sind die wichtigsten Bestandteile Ihrer Kollektion?

RH Ja, es ist ein Element, was ich in fast jeder Kollektion verwende. Mir ist es wichtig, eine komplette Garderobe in einer Kollektion zu vereinen. Das gibt mir mehr Selbstvertrauen, mit etwas so ikonischem zu arbeiten wie dem Trench Coat. Ich liebe dieses Stück, weil er mit so vielen Details und Wert versehen ist. Tailoring ist auch ein wichtiges Stichwort.

 

 

JD Welche Frau würden Sie als wahrhaft ikonisch beschreiben?

RH Oh, da gibt es so viele. Wenn man sich da nur für eine Dekade entscheiden müsste – die Stile habe sich ja sehr stark verändert. Wenn ich jemanden auswählen müsste, der Rokh gut repräsentiert, dann würde ich eine Person wählen, die einen jungen Geist hat, aber auch eine künstlerische Seele. Es geht viel um die Attitude. Das definiert Ikonen heutzutage.

JD Ich habe mir Ihre Lookbooks angesehen, diese fühlen sich cinematographisch angehaucht an. Setzen Sie sich mit diesem Medium auseinander?

RH Ja sehr stark sogar – es gibt viele Filme, die mich und meine Marke stark beeinflusst haben. Ich sehe darin einen Spiegel meiner Generation und erkenne Personen wieder – die Beziehungen und die Probleme, mit denen ich mich auseinandersetzen musste. Diese Emotionen haben mich stark beeinflusst. Darum herum wollte ich meine Brand aufbauen und meine Generation ein wenig korrekter darstellen. Mit der Zeit habe ich meine Sprache verfeinert und wurde selbst auch glücklicher und lebhafter.

Photo : Stephane Sby Balmy

JD Können Sie mir mehr zum Prozess Ihrer Kollaboration mit Asics erzählen?

RH Es began alles sehr organisch. Asics steht als Marke für mich für die innovativsten Schuhe überhaupt. Laufschuhe. Mir ist das Handwerk dahinter und die hohe Qualität sehr wichtig. Als die ersten Gespräche begannen, fühlte es sich nur natürlich an, etwas mit den Schuhen zu machen. Nicht des Hypes wegen, sondern rund um das Kunsthandwerk. Mein Vorschlag war es, meine Hände dazu zu benutzen, das ikonische Design von Asics zu manipulieren. Die finale Idee wurde praktisch ohne nachzudenken geboren.

JD Gab es Herausforderungen beim Schuh-Design?

RH Nicht wirklich. Ich bin ein großer Sneaker Fan. Ich habe sie früher auch gesammelt. Als ich diese Chance bekam, habe ich den Prozess sehr genossen. Es war keine Herausforderung, sondern hat Spaß gemacht.

JD Sie erzählen immer Geschichten in Ihren Kollektionen. Welche Geschichte erzählen Sie mit Ihrer Kollektion für Herbst/Winter?

RH Das stimmt, ich habe sehr viel von meiner persönlichen Geschichte und über mein Aufwachsen in Texas erzählt. Mittlerweile möchte ich mehr von London erzählen. Da wohne ich ja bereits seit 15 Jahren. Das ist jetzt quasi mein Zuhause. Das tut der Kollektion gut, bringt einen frischen Wind und macht Raum für neue Stoffe und Prints.

 

Interview JULIA DEUTSCH