PLAYERS IN DER TIEFGARAGE

Drei Stunden Small Talk, Flying Dinner und Getränke, so der Empfang in einem etwas prolligen und trotzdem schicken Casino-Hotel am Rande Basels, in der Nähe des Flughafens. Durch ein Megaphon wird man dann nach draußen gebeten, an die 1000 Gäste strömen rechts um die Ecke, rein in die Tiefgarage. Ein, zwei, drei Etagen geht es unter die Erde, es wird immer kühler und –  tiefgaragiger.
Man nimmt Platz, am Rande des provisorischen Laufstegs, auf dem sehr geräumigen Parkdeck. In der Mitte befindet sich ein DJ-Pult, die Beleuchtung ist stilgerecht „clubbig“. Extrem lauter und harter Technosound läutet die Show ein, ziemlich sportlich rennt ein Helfer durch die Reihen, ein Schild in seinen Händen zeigt den Namen „Lisa Preissle“, die erste von 21 Bachelor- und Masterabsolventinnen des Instituts Mode-Design der HGK FHNW in Basel mit dem pragmatischen Namen „Doing Fashion Graduate Show 2019“. Betitelt wurde die Show, passend zum Casino zwei Etagen weiter oben, mit PLAYERS.

Durch eine wirklich sehr weitläufige Location, sehr viele Gäste (eine gute Mischung aus jubelnden Freunden bzw. Familienmitgliedern und seriösem Fachpublikum),  sehr laute Musik und die sehr abwechslungsreiche Lichtsituation entsteht zwischenzeitlich der Eindruck, die Mode könnte untergehen. Teilweise bestätigt sich das dann auch, beginnend mit Larissa Keller: als Vierte in der festgelegten Reihenfolge verzichtet sie auf die Musik und überlässt ihre Kollektion dem überforderten Gemurmel des Publikums, welches sich davor ein bisschen zu sehr von der Clubatmosphäre einlullen ließ. Schade für Kellers Mode, eine spannende Mischung aus auffälligen Mustern und raffinierten Schnitten.

Larissa Keller at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Diana Chudoba at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Den nächsten musikalischen Bruch liefert dann Diana Chudoba, ihre Models tragen die vergleichsweise ruhigen (aus mobilen Boxen kommenden) Laufstegklänge unter den pastelligen, asymmetrischen und angenehm stimmigen Mänteln und Kleidern versteckt, selbst mit sich herum.
Und weiter gehts mit Clubkultur und Techno. Die meisten Absolventinnen scheinen sich hier einig: schick ist Grunge und Anti-Fashion. Das wird allerdings erst dann zum Statement, wenn die Präsentation zur Performance, bzw. dieser scheinbar elementare Einfluss der 80er Underground-Kids auf die Spitze getrieben und neuinterpretiert wird. Hier glänzen Eva-Maria Schmid modisch und Gloria Regotz und Janine Reitmann performativ, künstlerisch.

Gloria Regotz at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Eva-Maria Schmid at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Janine Reitmann at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Bon Wongwannawat

Diana Chudoba at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

 

Am Ende bleiben dann ja aber doch immer die Entwürfe am prägendsten in Erinnerung, bei welchen man meint sie schon zu kennen, nicht weil es ihnen an Originalität fehlen würde, nein ganz im Gegenteil. Sie sind so originell, ästhetisch ausgefeilt und modisch, dass man sich wünscht, ganz bald sehr viel mehr davon zu sehen zu bekommen. Diana Chudoba und Yves Meier legen vor und Lida Nobakth führt es krönend aus. Nobakths Entwürfe (ihr Label heißt Lida Noba) sind bis ins kleinste Detail ausgereift, ausufernde Rüschen, aufgebauschte Falten, ein moderner wie zeitloser Umgang mit Stoffen und letztendlich simple Silhouetten beweisen, dass es eigentlich nicht viel braucht um Mode auf den Punkt zu bringen.

Lida Nobakht at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Yves Meier at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Yves Meier at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Lida Nobakht at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

Das Institut Mode-Design der HGK FHNW ist mit namenhaften Abgängern wie Ottolinger oder Julia Seemann ein wichtiger Ausbildungsort der europäischen Modeszene und kann in Sachen Kreativität und Innovation ohne Probleme mit international renommierten Modeschulen mithalten. Um ein wenig mehr über die Doing Fashion Graduate Show 2019 und über die Ausbildungspraxis allgemein zu erfahren, haben wir dem Institutsleiter Prof. Kurt Zihlmann und der künstlerischen Leitung Prof. Priska Morger ein paar Fragen gestellt:

Tobias Langley Hunt: Die Show war sehr umfangreich, viele Gäste und eine beeindruckende Location, wie wichtig ist so eine Show für den Abschluss, wie zahlt sich so ein Aufwand aus?

Kurt Zihlmann: Es «zahlt» sich vielleicht im ersten Moment nicht monetär aus, aber was wir als Institution leisten, ist ein einzigartiger Ort mit der Show und eine Begegnungsplattform für ein großes Netzwerk in der Kultur. Dieser Anlass ist auch ein informeller Ort an dem sich die Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, das Team des Institutes, die Graduates mit den Gästen aus Kultur, Politik und Wirtschaft zusammen mit den nationalen und internationalen Gästen (Talent Scout) treffen kann, sich kennenlernen und, was sehr wichtig ist, das Netzwerk erweitern, um Beziehungen zu knüpfen, die über den Anlass der Show auch aktiv bleiben werden. Wir als Institution laden DesignerInnen und Kulturschaffende ein, die für uns auch ein Potenzial als Gastdozierende haben oder als Praktikumsort für unsere Studierenden in Frage kommt. Vor der Graduate Show haben wir diesen gemeinsamen Moment, „Get together & Food for Thought!“ geschaffen, um zusammen mit allen unseren Gästen, der Hochschule HGK FHNW – dem Team – den Graduates und den Studierenden, diesen Austausch zu pflegen.

TL: Wie werden die Studierenden in die Planung mit eingebunden (Pressearbeit, Sponsoring, Marketing etc.)?

ZI: Das ist uns ein großes Anliegen, dass die Studierenden mit einbezogen sind, sonst ist es gar nicht möglich so einen Anlass durchzuführen – seit Beginn des Konzeptes (August) werden die Graduates in allen Bereichen der Showproduktion mit einbezogen oder über unsere Vorhaben regelmäßig informiert. Während des Konzeptes ist die ganze Thesis-Klasse involviert und es wird eine gemeinsame Form der Präsentation mit unserem Show-Team besprochen – die Verantwortung bleibt aber schlussendlich beim Institut und den Verantwortlichen des Show Teams – aber es ist eine sehr offene und transparente Diskussion. Bei der Umsetzung teilen sich die Studierenden in die verschiedenen Bereiche auf, sie sind Ansprechpersonen für das Show Team und sind als VertreterInnen der Graduates in die Entscheidungen mit eingebunden. Genauso wie bei der Mitarbeit in der Pressearbeit oder im Sponsoring, dass wir während des Diplomsemesters gemeinsam für die Umsetzung der Kollektionen initiiert haben.

TL: Wie geht es, aus Sicht der Hochschule, dem Markt momentan? Ist er offen für experimentelle Nachwuchsdesigner? Wie werden die Studierenden auf wirtschaftlich schwierige Situationen vorbereitet?

ZI: Der Markt ist im Wandel – definitiv. Wir als Institution haben die Verantwortung mit unseren Studierenden neue Formen von Kollektionsgedanken zu entwickeln, die Skills „Knowledge of Marketing“ den Gegebenheiten anzupassen und dem digitalen Wandel auch einen analogen Weg aufzuzeigen – denn Mode kann und muss haptisch erlebbar bleiben und muss auch wieder eine neue Wertigkeit erhalten.
Die Frage, wie viele Kleider es noch braucht, ist relevant – die Form der Ausbildung muss dieser Frage Rechnung tragen und auch Konzepte entwickeln, die dies sichtbar machen. Ich denke, dass der Markt sehr offen ist, respektive sich für diese NachwuchsdesignerInnen, die einen experimentellen und ganzheitlichen Designansatz erlernen, öffnen wird, um die Mode als breites Feld der gestalterischen Herausforderungen zu bespielen.
Die erste praxisbezogene Überprüfung in der Welt der Mode machen sie bei uns während des Studiums – ein obligatorisches und begleitendes Praktikum im 5. Semester ermöglicht es ihnen die Situation selber zu erleben, ein Netzwerk aufzubauen und sich entsprechend in den letzten zwei Semestern darauf vorzubereiten, wohin ihr eigener Weg in der Mode gehen soll. Für dieses Vorhaben unterstützen wir unsere Studierenden sehr individuell, ein internes Team und GastdozentInnen aus der Mode, dem Design, der Kunst, der visuellen Kommunikation, dem bewegten Bild, der Theorie und Reflexion, der Realisierung und der Performance begleiten sie professionell während ihres Studiums.

Lida Nobakht at Doing Fashion Graduate Show 2019, Photo: Elisabeth Pantaleo/NOWFASHION

TL: Gibt es Schwerpunkte die während der Ausbildung gesetzt werden?

Priska Morger: Die zentrierte Wahrnehmung des eigenen Körpers mit dem Credo „doing fashion – look therapy“ ist bei uns am Institut eine sehr wichtige Grundlage für unserer Kreativität. Obwohl die Mode das vornehmste Ziel der gestalterischen Berufe ist, findet sie, insbesondere in unserer westlich geprägten Kultur, nicht die Beachtung, die sie verdient. Durch verschiedene Körperübungen, die mit Gestaltungstechniken kombiniert werden, sensibilisieren sich die Studierenden für ihre Körper- und ihre Designwahrnehmung und lernen neue Zugänge zum „Kreativsein“ kennen. Der eigene Körper wird als Gestaltungsperspektive und als Recherchewerkzeug für das Entwerfen von Mode entdeckt.

TL: Es waren auffällig viele, sehr performativ inszenierte Kollektionen zu sehen, was ist die Intention einer Abschlussshow? Aufsehen zu erregen, potentielle Kunden/Arbeitgeber zu generiere oder den schlicht den Abschluss zu feiern?

PM: Das Event-Format dient als Plattform für Experimente mit Mode, durch den ganzheitlichen Designansatz des Instituts Mode-Design, fördern wie mit dem Team und den Studierenden in unserem Curriculum raumgreifende, performative Inszenierungen. In der Hoffnung in Zukunft ein noch sichtbareres Fenster für neue kooperative und temporäre Gestaltungsvorhaben zu ermöglichen. Und es dient einem Verständnis, dass dieses erweiterte Modeverständnis eine starke Relevanz hat in unserem Mode- und Gesellschaftssystem.
Die Zukunft ist, dass wie eine „Doing Fashion Arena“ entwickeln, welche als ein Gefäß für praxisbasierte Modeforschung verstanden wird. Sie soll ein Ort zum Knüpfen von disziplin- und institutionsübergreifenden Verbindungen darstellen.

TL: Einige Kollektionen gingen beinahe unter, zwischen den eher lauten, ausladenden Präsentationen der anderen, ihnen hätte eine „intimere“ Atmosphäre vielleicht besser getan. Wie wurde die Entscheidung auf die Ausführung getroffen?

PM: Gemeinsam im Dialog mit den Graduate BA & MA DesignerInnen und dem Show Team. Uns ist es wichtig die Diversität darzustellen und zugänglich zu machen. Dadurch erproben wir den Umgang mit unserem erweiterten Modeverständnis: Kollektionen in ihrem holistischen Designansatz sind eine eigene kulturelle Praxis, die gesellschaftliche Veränderungen lostritt und in ihrer individuellen Atmosphäre ästhetisch widerspiegelt. Das beinhaltet auch die Überzeugung, dass der Zeitgeist in der Mode sich vielmehr in Gestalt mannigfacher ästhetischer Ansätze zeigt, als in klar umrissenen Stilepochen. Da uns ja oft das Alltägliche aber nur schwer selbstverständlich ist, weil es in unserem Alltag entschwindet, rufen wir zu: „PLAY WITH US – Ein gesundes Vergnügen“ auf!

TL: Wie geht es nach der Show weiter?

PM: Wir versuchen eine Kultur der Zusammenarbeit in der Modeszene zu fördern, die von Respekt gegenüber physischen und psychischen Ressourcen geprägt ist.
Durch unseren ganzheitlichen Designansatz sind wir als Institut auch Consultant und lieben im Austausch mit Ehemaligen zu verweilen. Ein Netzwerk als Zukunfts- und Antriebsmotor für Veränderung im Wechselbad der Mode.
Mode ist ein facettenreiches Kommunikationsmittel im Kontext relevanter gesellschaftlicher Diskurse. Diesen Facetten möchte ich durch die Auseinandersetzung mit verschiedenen Diskursen und Disziplinen aus Kunst und Design nachgehen und die tiefgründige Qualität der Gestalt und deren Gestaltung erforschen und auch deshalb ist es mit sehr wichtig einen persönlichen Austausch mit Außen und Innen zu pflegen.
Essenziell dafür ist für mich auch die Wahrnehmungsdifferenzierung am eigenen Körper, Schwerkraftsverhältnis, Körperarbeit, Schönheit und Raumlandschaften sind hierbei Aspekte die mich sehr interessieren.
Ziel unserer Nachbearbeitung ist Rückblick und der Vorausblick performative Experimente sichtbar zu machen, wie die Entwicklung neuer Inszenierungsformen ästhetischer Schönheit, einen Prozess den ich als eine Form von Kur wahrnehme und teilen möchte. ONGOING DOING FASHION.

Die „Doing Fashion Graduate Show 2019“ des Instituts Mode-Design, Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW fand am 09.03.2019 in Basel statt.

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT

Photography ELISABETH PANTALEO/BON WONGWANNAWAT