PARLEY FOR THE OCEANS / SARDIN

 

Cyrill Gutsch konnte die Verschmutzung der Meere nicht länger mit ansehen. Über Nacht verwandelte er seine Designagentur
in eine Umweltorganisation. Seitdem führt Parley for the Oceans eine Friedenskonferenz zwischen Mensch und Ozean, ohne
mit dem Finger auf Andere zu deuten. Rune Orloff, ​ehemaliger Commercial Director ​bei Mykita, nahm sich ein Beispiel. Sardin,
seine Plattform für umweltbewussten E-Commerce, bietet Mode an, bevor sie erzeugt wird.

 

 

R​UNE ORLOFF Cyrill, wo bist du gerade?

CYRILL GUTSCH In New York.

RO Erzähl mir, wie fing das mit Parley for the Oceans an?

CG Es fing damit an, dass ich den Umweltaktivisten Captain Paul Watson traf. Als ich neben ihm in einer Anwaltskanzlei in Frankfurt saß, lernte ich zwei Dinge: Erstens, die Ozeane werden bis 2048 kollabieren, wenn wir unseren Lebensstil so weiterführen wie bisher. Zweitens, dass die Kreativbranche bei dieser Veränderung eine große Rolle spielen muss. Wie du weißt bin ich Designer, was wir tun bestimmt die Zukunft. Nach diesem Schock bemerkte ich den Zynismus meiner Arbeit, ich fühlte mich sofort verantwortlich, etwas zu verändern. Über Nacht rief ich meinen Geschäftspartner an und wir beschlossen, meine Designagentur in eine Umweltorganisation zu verwandeln. Das war 2012. Ich denke Parley for the Oceans war der Samen, der auch zur Veränderung deiner Karriere geführt hat, richtig?

RO ​Absolut! Wir kennen einander ja schon lange, aber als ich vor zwei Jahren eure Parley Ocean School besuchte, hat mir das die Augen geöffnet. All diese Menschen zu treffen, die ihre Ansichten und den Umgang mit ihrem Berufsalltag geändert haben. Das war der Ausgangspunkt für Sardin.

CG Aber anfangs war es nicht leicht für dich, oder? Ich meine, deinen Platz in dieser Welt zu finden. Es gibt diesen Augenblick, in dem man morgens aufwacht und denkt: „Oh mein Gott, es muss etwas getan werden!“ Kannst du über dieses Gefühl sprechen?

RO Die Schlagzeilen der Zeitungen sind voll von Klimawandel und Plastikmüll, das trifft mich sehr. Ich wollte anfangs alle Stunden des Tages damit verbringen, etwas gegen diese Probleme zu tun. Nach dieser Ohnmacht musste ich erst viel Recherche und Zeit aufwenden, um zu verstehen, das ich nur den Zweck meines Tuns verändern muss. Dann machte meine Karriere plötzlich wieder Sinn.

CG Ich habe von Anfang an Mut in dir gesehen! Es ist die eine Sache zu spenden, ein paar Tage auf den Malediven Plastik wegzuräumen, aber es ist eine andere Sache diese Einstellung zum Leben zu erwecken. Was du getan hast, ist selten – du hast alles liegen und stehen lassen und deinen sicheren Hafen als Commercial Director von Mykita verlassen. Wie war das für deine Familie?

RO Nach fünf Jahren bei Mykita mit einem Team von hundert Leuten war der Anfang meines Start-Ups hart, aber meine Familie hat mich sehr unterstützt. Für mich gibt es eben nur hundert Prozent. Wobei – wenn ich mir Parley ansehe, kommt es mir vor, als würdet ihr tausend Prozent geben.

„Wir wissen, dass kein Superheld all die Umweltprobleme alleine lösen wird, es muss eine Bewegung stattfinden“
Cyrill Gutsch

CG Natürlich – das ist unsere Mission. Wir wissen, dass kein Superheld all die Umweltprobleme alleine lösen wird, es muss eine Bewegung stattfinden. Deswegen versteht Parley for the Oceans sich als kollaboratives Netzwerk. Wir bringen Menschen dazu, Aktivisten für die Meere zu werden. Dabei sind wir sind das Gegenteil von Umweltorganisationen in der Vergangenheit. Anstatt zu sagen: „Gebt uns euer Geld und wir beseitigen eure Probleme“ laden wir Unternehmen dazu ein, diese aus eigener Kraft zu lösen. Wir haben uns stark auf die Mode- und Kunstwelt konzentriert, weil besonders Kreative die Möglichkeit haben, die Herzen der Menschen zu treffen. Es ist viel schwerer, Leute auf einer rationalen Ebene zu erreichen. Und du bist ein perfektes Beispiel für unsere Mission, Kreative aktiv werden zu lassen.

RO Das ist schön zu hören.

CG Mode ist der zweitgrößte Umweltverschmutzer der Welt. Es handelt sich um eine altmodische Form der Wirtschaft, die mit giftigen Materialien handelt und sich bisher immer nur auf das Design einer Marke beschränkt hat. Es ist neu, dass Verbraucher sich mit der Beschaffung von Materialien und Herstellung von Produkten befassen. Auf der anderen Seite schafft Mode aber auch Träume, sie hat eine treibende Rolle in unserer Gesellschaft. Wir versuchen ihren Kern – die Kreativität – in Harmonie mit einer Traumwelt zu bringen, in der jeder sein und werden kann, wer er möchte. Unser Anliegen ist es, eine positive Kraft für die gesamte Gesellschaft und Industrie zu sein, die ständig beobachtet, was in der Mode geschieht.

„Für mich geht darum, die Idee hinter einem Produkt und dadurch auch die Denkweise der Menschen zu verändern“
Rune Orloff

RO Für mich geht darum, die Idee hinter einem Produkt und dadurch auch die Denkweise der Menschen zu verändern. ​Marken auf der Ebene der Kreativität zu treffen und den Umweltschutz als Teil des Brandings zu verstehen ist sehr klug. Das hat Parley for the Oceans gut hinbekommen.

CG Wir bezeichnen Produkte aus alternativen Materialien „Symbole der Veränderung“. Interessanterweise bekommen sie viel mehr Aufmerksamkeit, als unsere Konferenzen und apokalyptischen Umweltprognosen. Der Moment, in dem ein Produkt entsteht, wird es real. Es wird zum Konversationsartikel. Wenn ich einen Schuh mit Adidas und Parley-Branding kaufe, wird das Produkt zum Symbol meiner Meinung, meines Beitrags. Ich kann dadurch Menschen mit ähnlichen Werten anziehen und sie auf einfache Weise, ohne Fachwissen, an ein komplexes Thema heranführen. Man investiert ein wenig mehr Geld in den nachhaltigen Schuh und kann sein Netzwerk dazu nutzen, eine Bewegung zu unterstützen. Das ist eine sehr bewusste Entscheidung. Wir möchten Marken zeigen, wie eine neue Wirtschaft aussehen kann, die nicht auf Ausbeutung beruht. Deshalb ist die Idee von Sardin für uns sehr interessant – nämlich ein Produkt zu verkaufen, bevor es hergestellt wurde. Warum in aller Welt sollten wir Ressourcen verschwenden, bevor eine tatsächliche Nachfrage besteht? Nun Rune, meine Frage an dich: Was ist dein ultimatives Ziel für Sardin?

„Warum in aller Welt sollten wir Ressourcen verschwenden, bevor eine tatsächliche Nachfrage besteht?“
Cyrill Gutsch

RO Wir wissen, dass es nicht die beste Lösung ist, weniger Produkte oder recycelte Materialien zu kaufen. Das Beste wäre, ab morgen gar nichts mehr zu konsumieren. Da das aber kein Geschäftsmodell darstellt, kann es auch nicht die Zukunft sein. Sardin hat das große Ziel, die Einkaufsplattform der Zukunft zu sein, die Produkte ohne negativen Einfluss auf den Planeten anbietet. Es sollte kein Kleidungsstück mehr ohne Besitzer geben. Langfristig hoffe ich, dass wir die gesamte Branche umkrempeln. Und ich denke, das können wir in relativ kurzer Zeit schaffen.

CG Du hast das Thema kurz angeschnitten, Recycling. Wir bei Parley for the Oceans haben eine sehr klare Vision dazu. Wir wissen, dass Recycling nicht die ultimative Lösung ist. Kunststoff ist auch Polyester. Jedes Produkt, das sich dehnt, beinhaltet Plastik. Aber was wir tun können, ist sofort damit aufzuhören, neues Plastik zu produzieren. Diese Entscheidung des Konsumenten ist eine Schockwelle an die Industrie, sie schafft ein Klima der Veränderung. Wichtig ist an der Stelle, Produzenten bei der Entwicklung neuer Materialien zu unterstützen. Das kann bis zu sechs Jahre dauern. Parley for the Oceans hilft großen und kleinen Unternehmen dabei, neue Wege auszuprobieren, ohne gleich die ganze Produktpalette umstellen zu müssen.

RO Leider fühlen sich viele Unternehmen unwohl dabei, sich mit dem Thema Umwelt auseinanderzusetzen und bleiben untätig. Das ist ein großes Problem, mit dem wir uns ständig konfrontiert sehen. Dabei müssen wir, wie du sagst, jetzt anfangen die Kunststoffproduktion zu stoppen. Dasselbe gilt übrigens für Baumwolle.

CG Definitiv.

RO Es wäre eine einfache Sache, alle Baumwollfelder der Welt sofort lahmzulegen, Vorräte gibt es genug. Stattdessen kreisen wir seit zehn Jahren um dieselben Begriffe, wie Umverteilung und Wiederverwertung.

CG Ja, weil viele Marken Angst davor haben, gute Dinge zu tun. Weil die Leute dann kritisieren würden, dass 100% ihrer restlichen Produktpalette schädlich ist. Da liegt das große Missverständnis. Ich finde nicht, dass eine Marke bestraft wird, indem sie aufsteht und sagt: „Mein Produkt ist ein Problem, aber ich möchte kein Umweltverschmutzer sein.“ Wir haben das Gegenteil bewiesen: Adidas ist 2015 bei einer unserer Konferenzen bei den Vereinten Nationen auf die Bühne gegangen und hat gesagt: „Wir sind Umweltverschmutzer, wir tragen zum Problem bei, aber wir wollen einen Ausweg.“ Ich denke die Zeit, eine Marke mit einer Fassade zu versehen, ist vorbei. Weil der Konsument, durch seine Medienintelligenz, sowieso zwischen den Zeilen lesen kann. Es ist an der Zeit, brutal ehrlich zu sein. Das ist für mich das neue „cool“.

„Es ist an der Zeit, brutal ehrlich zu sein. Das ist für mich das neue „cool““
Cyrill Gutsch

RO Absolut. Wir sprechen bei Unternehmen ja immer von Transparenz. Ich denke, der Ausgangspunkt dafür ist genau diese Ehrlichkeit, sich als Unternehmen als Verursacher zu bekennen.

CG Der Mensch konnte nie glauben, dass der Planet oder die Meere sterben könnten. Die Idee war zu einfach groß für ihn – bis vor ungefähr sechs Jahren. Der Klimawandel und die Überfischung werden eintreten. Das ist ein Alptraum, aber ich denke, dass Angst keine gute erste Motivation ist. Um die Welt zu verändern, gibt es zwei wichtige Kräfte: Zuerst brauchen wir neue Ideen. Darin waren Menschen immer gut, wir haben immer Wege gefunden, starke Ideen zum Leben zu erwecken. Zweitens brauchen wir eine schnell wachsende Gruppe von Individuen, die den Traum von einer blauen Zukunft leben, durch Handlungen und Worte. Wir werden staunen, wie Wenige es braucht, um eine Gesellschaft zu verändern – nämlich nur 7% davon. Wir müssen unsere alte Vorstellung der Coolness loslassen, nämlich die, der Egomane zu sein der mit dem Schatz den Raum verlässt. Wir müssen anfangen, freundlich, großzügig und kollaborativ zu sein. Ansonsten haben wir keine Zukunft auf diesem Planeten.

RO Deshalb habe ich in meinem Privatleben viel verändert. Ich habe aufgehört Fleisch zu essen und all das Plastik zu kaufen, was man überall sieht. ​In der Stadt werden wir täglich vom Konsum attackiert. Es geht darum, sich ständig daran zu erinnern, nur Notwendiges zu kaufen. ​Und das ist gerade mal der Anfang.

CG In den kleinen Dingen steckt viel Potenzial. Man kann sagen: „das Problem ist so groß, warum sollte es helfen, wenn ich keine Plastikflaschen mehr benutze“. Die Wahrheit ist, dass das Große nur aus Millionen von Details besteht. In dem Moment, in dem man sagt: „Okay, ich esse kein Fleisch oder Fisch mehr und verwende keine Plastikgegenstände“ entwickelt sich ein neues Bewusstsein. „Brauche ich diese Dinge wirklich?“ „Was brauche ich, um meine Identität zu definieren, ein Produkt oder eine Haltung?“. Ich habe keine bewusste Entscheidung getroffen, auf Fleisch und Fisch zu verzichten, es ist einfach passiert. Ich saß einige Wochen, nachdem ich Parley gegründet hatte, in einem Sushi-Restaurant und konnte plötzlich kein Sushi mehr essen. Ich sah den Fisch, das Problem, und konnte ihn nicht mehr anfassen. Meine Entscheidung war, kein Zerstörer sein zu wollen, kein Mörder. Ich möchte das Leben unterstützen. Der effektivste Weg, um den Planeten zu retten, ist sich in den Spiegel zu schauen. In der Vergangenheit ging es bei Umweltorganisationen wie Greenpeace immer um Protest, um Aggressivität. Ich glaube nicht daran, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich möchte einfach eine starke Inspirationsquelle sein.

„Der effektivste Weg, um den Planeten zu retten, ist sich in den Spiegel zu schauen.“

RO Für mich warst du das. Umso mehr freue ich mich darüber, dass Parley for the Oceans und Sardin bald Geschäftspartner werden. Planst du gerade neue Projekte?

CG ​Heute im Jahr 2019 würde kein Unternehmen, das ich kenne, ein schädliches Produkt verwenden, wenn es eine bessere Alternative gibt. Deswegen fängt für Parley ein neues Kapitel an: Wir gründen ein Institut für Materialwissenschaft, das die Entwicklung neuer Materialien vorantreibt. Es ist ein schwieriger Moment, denn wir wissen alle, was falsch läuft, aber wir wissen nicht, wie man es richtig machen kann. Wir möchten Unternehmen dabei helfen, ein Navigationssystem in diesem Dschungel sein.

 

Interview CARA LERCHL