NOBI TALAI

Statt Paris ist es dieses Jahr Berlin. Statt Nomaden-Thema sind es die Männer. Nobi Talai hat letzte Woche im Rahmen der Berlin Fashion Week ihre aktuelle Kollektion vorgestellt und setzt auf Brüche und Kontraste. Nicht nur farb- und stofflich, sondern auch mit ihr selbst. Als aus Teheran abstammende Modedesignerin greift Nobieh Talaei gerne auf Elemente der iranischen Kultur zurück. Orientale Folklore und weite, gewickelte Designs, die bei Wüstenvölkern oft gesehen werden, ziehen sich durch ihre Kollektionen. So auch die Einflüsse aus der Menswear, mit denen die Designerin ihre Karriere startete. Ersteres wird minimiert, zweiteres noch weiter ausgebaut. So erkennen wir den Nobi Talai-Stil wieder, allerdings ohne dass wir mit der Nase auf die persische Kultur gestoßen werden. Dafür verwischen die Grenzen zwischen männlich und weiblich, ohne Geschlechterrollen infrage zu stellen. Es ist keine Provokation, sondern reine Neugierde und Anerkennung. Harmonie steht hier im Vordergrund.

 

Interview Wie ist es zu deiner neuen Kollektion gekommen?

Nobieh Talaei
Ich hab vor über 20 Jahren meine Abschlusskollektion in Menswear gemacht und das fließt seitdem immer ein bisschen in die Entwürfe ein. Diesmal aber wollte es noch deutlicher rauskommen – Diese Saison ist von der Männermode inspiriert. Vorher war alles sehr großzügig geschnitten, größenvariabel und sehr weiblich. In der letzten Saison habe ich zum ersten Mal Blazer gezeigt und bin in Richtung Tailoring gegangen. Jetzt habe ich mich an Safari-Jacken orientiert und bin in die Tuxedo-Welt eingestiegen.

Gleichzeitig habe ich die Plissee-Form weiterentwickelt. Vor etwa zwei Jahren bin ich auf das Thema gestoßen. Hier in Berlin, bei Gießmann, einem Familienunternehmen, lasse ich meine Plissees machen. Wenn ich hineingehe, dann will ich nicht mehr hinaus und einfach in diese Welt eintauchen. Ich liebe diese Dreidimensionalität. Man sucht sich einen Stoff aus, man sucht sich die Plissee-Form aus, es wird im Ofen vorbereitet, es wird plissiert und es wird zusammengerollt. Ich finde das so faszinierend, es ist so präzise.

I Gibt es noch etwas Neues in dieser Saison?

NT
Ich habe das erste Mal Spitze, Guipure verwendet. Sehr grafisch und nicht so verspielt, weil es sonst nicht zu dem passt, was ich mache. Das war ein Versuch, der mit viel Handarbeit verbunden war. Ich wollte es als Bruch in diese Welt einbauen. Generell gibt es viele Kontraste in dieser Kollektion: Schwarz-weiß, fließend, grafisch und maskulin trifft auf diese weibliche Nobi, die man eigentlich so kennt.

Du hast gerade das Plissee erwähnt. Gerade in dieser Welt, in der alles modernisiert wird, wie wichtig ist es da, auf altes Handwerk zurückzugreifen?

NT 
Super wichtig! Für mich zumindest. Ich schätze das sehr. Ich rufe regelmäßig persönlich bei Gießmann an und frage, was es Neues gibt, was empfehlenswert ist, welche Stoffe sich anders plissieren lassen. Es ist eine ständige Weiterentwicklung, nicht nur was das Plissee angeht, auch für mich selbst. Ich bin ja noch lange nicht fertig. In unserer Zeit kannst jeder auf einen Knopf drücken und etwas kreieren, oder einen Bericht durchlesen, aber die Menschen, die hinter dem echten Handwerk stehen und die Erfahrungen, die sie gemacht haben, sind unersetzlich.

Und wahrscheinlich beeinflusst das deine Arbeitsweise und dient als Inspiration?

NT 
Bei uns im Atelier, gerade bei den Fittings geht es nicht so schnell zu, zack zack zack,. Nein, es wird auf alles geachtet. Es ist sehr aufwändig. Am Ende ist die Passform wichtig. Das Gefühl etwas für die Kundin gemacht zu haben, das steht im Vordergrund. Ich denke immer daran, wie sich die Frau fühlt.

Deine Kollektionen sind nicht trend-getrieben, sie sind zeitlos, können in jedem Alter und an jeder Form von Frau funktionieren…

NT 
Genau, was ich auch spannend finde, sind die Größen. Wir haben viele Anfragen, zu Kleidunststücken ab Größe 44. Es gibt Potential die Kundin mitzunehmen. Es gibt leider nicht viel was da angeboten wird, auch große Designer oder Kollegen bieten nicht gerade Größe 48 oder 50 an. Das ist noch so eine Idee für die Zukunft.

Wie du eben schon gesagt hast, hast du deine Abschlusskollektion als Männerkollektion gemacht. Dieses Thema lässt du immer wieder einfließen, in dieser Saison besonders stark. In der Soziologie gibt es ja diese Theorie, dass eine Frau sich dem Mann anpasst, weil er das gesellschaftliche Ideal ist. Obwohl du deine weiblichen Models in männlich-inspirierten Designs kleidest, fühlt sich das bei dir ganz anders an…

NT 
Bei mir ist es sogar genau andersherum: Die Jungs haben die Jacken von den Frauen angezogen. Die Größe war etwas hochgradiert, sodass die Jungs sie anziehen konnten. Männlichkeit wird oft mit Stärke und Weiblichkeit mit Schwäche verbunden. Und ich setze auf die Weiblichkeit um Stärke zu zeigen.

Sonst hast du in Paris gezeigt, jetzt in Berlin. Wie ist es dazu gekommen und wie fühlt es sich an wieder hier zu sein?

NT 
Nachdem ich das letzte Mal aus Paris zurückgekommen bin, hab ich gedacht, es wäre eine tolle Idee wieder hier zu zeigen. Ich hab so viele Saisons in Paris gezeigt und die Berliner Fashion Week ist nicht wirklich positiv behaftet. Da wollte ich etwas ändern. Ich hatte eh vor Präsenz zu zeigen, mit einem kleinen Dinner oder einer kleinen Veranstaltung. Ich wollte Berlin nie den Rücken kehren, ich arbeite ja hier. Ich wurde gefragt, ob ich mir sicher sei und meine Antwort war „Das ist unsere Stadt, hier wurde das Label geboren“

Und ihr habt eine super schöne Location gefunden

NT 
Ich hab mir viele Locations angeschaut, aber diese Akustik hat mich überzeugt. Ich habe eine andere Art von Musik hier drinnen gehört, eine klassische Musik. Das fand ich ganz toll. Die Kirche ist ja 400 Jahre alt und wurde kaum angerührt. Man sieht es an den Ziegelsteinen, diese Dimensionen, diese Architektur, diese Wölbungen, das alles hat so gut zusammen gepasst. Und der Raum ist so plain, so wie die Kollektion auch.

 

 

Text NELE TÜCH
Fotografie BERNARDO MARTINS

Shot on POLAROID ORIGINALS ONESTEP+