MOZH MOZH

Mozdeh Matin ist Designerin aus Lima. Ihr Label trägt den schönen Namen Mozh Mozh, ihre Mode ist tief verwurzelt in der peruanischen Kultur, den Traditionen und den Handwerkern vor Ort. Ihr Interviewpartner ist der Künstler Miguel Andrade Valdez. Wir sind uns nicht sicher, wie viel er von Mode versteht, aber er hat Ahnung vom Meer, von „Moby Dick“ und einer Klippe, die ihm als Kind das Fürchten lehrte. Lesen Sie eine weitere Folge aus unserer Reihe „Das interessante Gespräch“:

MIGUEL ANDRADE VALDEZ Wenn du Lima verstehen willst, musst eine Beziehung zu der Stadt und dem Meer aufbauen. Die Stadt scheint das Meer allerdings erst seit den Achtzigern oder Neunzigern wahrzunehmen, jedenfalls nicht vor den 70er-Jahren. Es gibt da diese Klippe, die wir Costa Verde nennen, nicht wahr? Als Kind war die Klippe für mich ein Ort des Schreckens. Sie stand nicht nur für den Terrorismus, der ja Teil unserer Geschichte ist, sondern stand auch für alle Dinge, die mir als Kind Angst gemacht haben. Also habe ich mich in meinen Zeichnungen auf dieKlippe bezogen, abstrakten schwarzen Federzeichnungen, die etwas darstellen, was man nicht sehen kann, was einem aber Angst macht. Ich bin vor allem daran interessiert, welchen Einfluss die Angst auf mich als Kind hatte. Die Vorstellung, dass Bomben auf die Stadt geworfen wurden, dass es um uns herum tatsächlich Gewalt gab. Allerdings interessiert mich als Künstler dabei nicht so sehr der politische Aspekt – also wer die bösen Jungs waren und wer die guten – das interessiert mich eher als Bürger, und es ist schwierig genug, das alles zu verstehen. Aber das ist ein anderes Thema. In meiner Kunst hat es nichts zu suchen. Ich glaube, dass sie nicht der richtige Ort für Politik ist. Aber ich respektiere Künstler, die politische Kunst machen.

MOZHDEH MATIN Vielleicht sollten wir jetzt über etwas anderes reden. Ich lebe übrigens in der Nähe der Klippe.

MAV Du meinst, du wohnst jetzt in der Nähe der Klippe?

MM Ja, ich bin in den Bergen aufgewachsen und ich wohne jetzt bei der Klippe und ich liebe es.

MAV Heute ist es dort ja auch anders. Ich verstehe, was daran schön sein kann. Das ist etwas, das ich vermisse, wenn ich nicht in Lima bin: das Meer.

MM Und das Licht. Meinst du, dass das Licht in Lima deine Arbeit beeinflusst?

MAV Ich glaube, es beeinflusst alles, die Stimmung, die Kunst die produziert wird, die Gegenstände. Gerade Lima ist in der Hinsicht interessant. Es gibt eine Passage darüber in „Moby Dick“.

MM Und was steht da?

MAV Ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber ich weiß noch, dass der Erzähler Buchs Ishmael war. Ich weiß noch, dass das Schiff mit seiner Besatzung vor der Küste von Peru ist und in Lima an Land geht, aber wegen des Nebels nichts sehen kann, dieser weißen Wand, die wir in Lima haben. Dadurch kommt es, dass die Seeleute plötzlich die Angst vor dem Meeresungeheuern verlieren, dem Horror auf hoher See. Stattdessen fangen sie an, ihre inneren Dämonen auf die weiße Wand zu projezieren, den Nebel von Lima.

MM Das hört sich schrecklich an!

MAV Deswegen glaube ich, dass Lima eine gute Stadt für Schriftsteller ist. Und so ist es ja auch, wir haben eine große literarische Tradition. Aber du machst Mode und beschäftigst dich mit traditionellen Techniken, die in Lima entwickelt wurden. Viele sind auch noch in Lima lebendig und in verschiedenen anderen Städten Perus. Deine Basis ist in Lima und dein Unternehmen ist in gewisser Weise auch in Lima, ich meine, du operierst von Lima aus, arbeitest aber viel mit Handwerkern zusammen, die nicht in Lima leben.

MM Ich finde es toll, meine Basis in Lima zu haben. Und für mich ist ein Schwerpunkt der Marke, die Kultur und die Traditionen zu bewahren. Für mich ist es etwas Besonderes, mit verschiedenen Gemeinschaften in den Bergen und im Amazonasgebiet zu arbeiten. Für mich bedeutet es, mit all diesen Menschen verbunden zu sein, die diese Traditionen seit so vielen Generationen, seit so vielen Jahrhunderten pflegen. Mit ihnen an der Mode und den Textilien zu arbeiten, ist eine Ehre. All das in eine andere Sprache zu übersetzen, macht mich sehr glücklich. Ich mache das jetzt seit zehn Jahren undich denke, das Peru dafür kein einfacher Ort ist. Aber ich finde, dass es wichtig ist, hier zu sein, denn ich muss mit der Kultur verbunden sein, damit ich mit den Traditionen respektvoll umgehen kann. Das geht nicht von außen.

MAV Wenn du also von einer Stadt aus arbeiten würdest, die einen besseren Anschluss an die Modewelt hätte, wäre das Ergebnis ein anderes? So machen das viele Marken, nicht wahr? Sie lassen hier produzieren, sind aber nicht vor Ort.

MM Ja.
MAV Aber sie beschäftigen die gleichen Handwerker und Produzenten wie du?

MM Ja, manche Marken tun das. Als ich mich entschied, Mode zu studieren, also vor etwa zehn Jahren, sagte ich mir: „Ich werde Mode machen, aber ich werde es auf meine eigene Weise machen.“ Das bedeutet, dass ich keine der üblichen Regeln befolgen werde. Ich lebe nicht in einer Modestadt, Lima ist von der Modewelt entfernt. Allerdings ahnte ich damals nicht, dass heute Nachhaltigkeit ein Trend sein würde, dem ich zugerechnet werde. Aber wenn die Leute fragen: „Warum wolltest du nachhaltige Mode machen?“, antworte ich: „Ich habe es nicht entschieden, ich habe es einfach getan.“ Weil ich wusste, dass es richtig ist.

 

 

Das ganze Interview ist in unserer FALL/WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich

 

Fotos ALEXANDER NEUMANN

Styling NIKI PAULS

Interview und Kunstwerke MIGUEL ANDRADE VALDEZ

Alle Looks MOZH MOZH

Produktion RICKY CHAVEZ