LIDA NOBA – NAHÖSTLICHER FLAIR IN DEN ALPEN

Anfang März lud die Schweizer Kreativ-Plattform Mode Suisse zur 17. Edition ihrer halbjährlich stattfindenden Mode-Präsentation nach Zürich ein. Das Konzept ist einfach: neun Designer und eine Modeschule zeigen hintereinander zügig getaktet ihre neuesten Kreationen, in diesem Fall die modischen Ausblicke für den kommenden Herbst. Dazwischen gibt es Showrooms, Partys und ganz viel Smalltalk, wie das halt so ist.
Nun ist im Frühling 2020 alles anders: auch Anfang März schon waren die ersten Einschränkungen der viralen Krise zu spüren. Die Schweiz, mit ihrer direkten Grenze zu Italien, reagierte mit Verboten für Veranstaltungen mit über tausend Besuchern. Für die Mode Suisse hieß das: weniger Smalltalk, weniger Party, aber die Show findet im kleinen Rahmen trotzdem statt. Um fair zu bleiben, niemand konnte die dramatischen Entwicklungen nur wenige Tage später ahnen. Und Respekt vor den Veranstaltern, die innerhalb kürzester Zeit umdisponierten um den vielen, doch sehr jungen  Talenten trotz alledem ihre Bühne zu bieten. Wie wir wissen, sind es gerade die kleinen, kreativen Unternehmen, die unter Krisen wie dieser am stärksten leiden.

Konzentrieren wir uns also auf die schönen Dinge, immerhin Anlass für die ganze Veranstaltung: Ganz besonders gefallen haben uns die Entwürfe der iranischen Designerin Lida Nobakht. Weite, verspielte Schnitte, mit Rüschen und Falten, schmeichelhaft platziert, prägen ihre Silhouetten. Leuchtend klare Farben: Pink, Orange, Gelb oder Giftgrün sprechen für sich. Subtile Brüche, etwa doch recht klassische Blazer und Gehröcke, zum Beispiel in gedecktem Paisley-Muster, verleihen der Gesamtkomposition eine fast schon intellektuelle Tiefe. Final überzeugt haben uns die Accessoires und der einzige Print in Form einer offensichtlich iranischen Abwandlung der ikonischen Warhol-Monroe.
Mit Lida Nobakht haben wir uns zum Gespräch getroffen: Geboren und aufgewachsen ist sie in Tehran, wo sie auch Mode studierte. Nach dem Umzug in die Schweiz vor gut acht Jahren, gründete sie im Jahr 2014 ihr eigenes Label. LIDA NOBA wurde schnell erfolgreich, weshalb sie damals schon ihre Entwürfe auf der Mode Suisse präsentieren durfte. Im Jahr 2017 entschied sie sich dann für eine Weiterbildung und machte einen Master an der FHNW in Basel mit dem Fokus Mode.

 

INTERVIEW Dieser Tage ist es ja besonders wichtig zu fragen, wie es einem geht: also, wie geht es Ihnen? Und wie ist die aktuelle Situation in der Schweiz?

LIDA NOBAKHT Oh, inzwischen ist die Situation nicht mehr so leicht, man sollte jetzt in Quarantäne gehen, es wird also auch in der Schweiz immer schlimmer.

INTERVIEW Ich wollte mit Ihnen eigentlich über Mode sprechen, aber der Fakt, dass sie Wurzeln im Iran haben, setzt die Einstiegsfrage voraus, wie sich die Lage dort entwickelt? Der Iran war ja von Beginn an mit am stärksten betroffen.

LB Ja, meine Familie und viele meiner Freunde leben dort. Und man ist inzwischen schon seit fast vier Wochen in Quarantäne. Im Iran ist es wirklich hart, es war viel schlimmer als überall sonst, beziehungsweise es war vergleichbar mit Wuhan in China.

INTERVIEW Und der Westen vergisst schnell die anderen Länder, wenn er selbst betroffen ist…

LB Stimmt. Aber wissen Sie, die Leute im Iran wissen mit schwierigen Situationen umzugehen, die Leute sind an harte Zeiten gewöhnt, sie kennen das also. Und viele Iraner haben gelernt positiv zu denken, trotzdem Spaß zu haben, zu wissen, wie sie durch schwierige Zeiten kommen. Das Land hat so viel durchgemacht. Hier in der Schweiz ist alles perfekt, man kennt keine harten Zeiten. Das macht schon einen Unterschied.

INTERVIEW Und wie war es für Sie zu Beginn der Krise, haben Sie die drastischen Maßnahmen der Regierung verstanden oder eher als kleinlich empfunden? Sie, so wie die Plattform Mode Suisse, waren ja direkt betroffen.

LB Ich glaube, ich war sogar die einzige Designerin die darüber nachgedacht hat, überhaupt keine Show zu machen. Eigentlich ist es egal, ob jetzt 50 oder 100 Leute an der Veranstaltung teilnehmen, weil einige werden sowieso infiziert sind. Es sind so viele Menschen involviert. Dabei habe ich die Gefahr weniger für die Besucher als für die Leute Backstage gesehen: es gibt so viele Hände, die quasi alles einmal berühren… Ich hätte bevorzugt das alles abzusagen, und irgendwann später eine große Show mit mehr Publikum zu machen. Auch für mich, weil ich zwei Jahre gewartet habe, um zur Mode Suisse zurückzukommen, ich wollte eigentlich einen Wow-Effekt. Die finale Entscheidung wurde dann aber von allen Beteiligten getroffen, also dass wir das im kleinen Rahmen machen.

 

INTERVIEW Und es war offensichtlich gut, ein Teil davon zu sein. Ich finde auch, dass sich das für Sie und für den Besucher gelohnt hat. Ihre Kollektion stach durch ihre positive, farbenfrohe und optimistische Stimmung hervor. Das brauchen wir in den sonst doch recht tristen Zeiten.

LB Vielen Dank! Und ja, heutzutage neigen die Leute gerne zu grauen, schwarzen, dunklen Farben. Außerdem war diese Kollektion sehr wichtig für mich. Als ich meine Abschlusskollektion an der Universität präsentierte, wollten meine Mentoren, dass ich diese auch auf der Mode Suisse präsentiere. Um ehrlich zu sein, wollte ich das nicht. Diese Kollektion hatte so viel Input von so vielen unterschiedlichen Leuten.
Ich habe also entschieden, erst mit der jetzigen Kollektion wieder zur Mode Suisse zurückzukehren, weil ich mich mit ihr identifizieren kann, sie mir zu hundert Prozent entspricht. Und ich bin wirklich froh, was daraus geworden ist, dass die Leute auch diese Kollektion als stark empfinden.

INTERVIEW Können Sie vielleicht ein bisschen was über den visuellen Hintergrund der Kollektion erzählen, über ihre kreative Vision?

LB Meine Vision ist es Farben zu bewerben. Ich will, dass die Leute sich trauen, mehr Farben zu tragen. Mit Farben bedarf es nicht so viel Anstrengung, sich selbst zu präsentieren, denn man bringt seine Persönlichkeit viel leichter zum Ausdruck. Im Iran ist es ähnlich wie hier, auch dort fühlen sich die Leute eher von einer dunklen Farbpalette angezogen. Dabei wird immer eine farbenfrohe Kultur gepredigt. Ich empfinde eine große Liebe und Leidenschaft für mein Land, und  finde dort unendliche Inspiration. Ich wollte immer eine Kollektion entwerfen, die direkt auf mein Land und meine Geschichte dort zurückzuführen ist. Es geht um die Liebe, die Farben und die Emotionen, die in der Pinken Moschee (Der Nasir-ol-Molk-Moschee) stecken – wie ich finde, eine der schönsten Moscheen im Iran. Sie ist so bunt, die Fenster mit den Glasmalereien, das Licht, die Leute. Letztendlich betritt man diesen Ort für das Gebet, aber er erfüllt einen  gleichzeitig mit so viel Freude, du wirst ganz aufgeregt von der Farbenpracht. Hinzu kommt die Geschichte des Hāfez (Hafis), des iranische Dichters, der aus seiner Liebe heraus all seine Geschichten schrieb. Es kommt also alles zusammen, die Liebe, die Leidenschaft, die Farben, das ist die Inspiration für diese Kollektion.

 

INTERVIEW Sie haben sich trotzdem entschieden, die Bilder ihrer Kampagne größtenteils in Schwarz-weiß beziehungsweise Sepia zu veröffentlichen. Warum?

LB Die Pinke Moschee wurde zwischen 1876 und 1888, also in Mitten der Qajar-Ära (eine der prägenden Dynastien von 1779-1925) fertiggestellt. In dieser Zeit war man sehr innovativ, und der Iran wurde westlicher. An die Fotografien aus dieser Zeit sind meine Kampagnen-Bilder angelehnt: ich möchte damit einen historischen Zusammenhang herstellen. Wir wissen nicht, welche Farben die Leute damals getragen haben, aber ich glaube hinter dem Schwarz-weiß steckt viel Farbe.
Abgesehen davon ist es auch wichtig zu wissen, dass die Leute im Iran, auch wenn sie versuchen modern und modisch zu sein, immer noch stark von der Qajar-Ära geprägt sind. Die Zeit hat einen großen Einfluss auf die Designer, in jeglicher Hinsicht. Wir wollten also modern und modisch sein, aber trotzdem den Hintergrund nicht vergessen.

INTERVIEW Und wie passt da Andy Warhol rein?

LB Haha. Es geht um den Mix von allem. Ich mochte Pop-Art irgendwie immer, ich wusste aber nicht genau woher meine Beziehung zu ihr kommt. Das ging schon mit meiner Abschlusskollektion los, für die ich Ohrringe und Accessoires machen wollte, und mich von Warhol-Werken inspirieren ließ.
Ich habe hier Porträts und Gesichter aus traditioneller iranischer Kunst, die man auch aus der Qajar-Ära kennt, genommen. Man erkennt sie an den Augenbrauen und den dunklen Farben, ich habe sie dann moderner, poppiger interpretiert, angelehnt an Warhols Porträt von Marilyn Monroe.

 

 INTERVIEW Sie produzieren auch im Iran, richtig?

LB Anfangs wollte ich in Europa produzieren. Aber dann dachte ich: Warum nicht in meinem Land? Wir sprechen dieselbe Sprache und ich kann helfen, wenn es Fragen gibt. Ich dachte, es handelt sich dort um Freunde und Familie, es würde doch bestimmt Spaß machen mit ihnen zusammenzuarbeiten. Außerdem sind die Qualität und der Preis gut, auch wenn ich nur limitierte Editionen produziere.

INTERVIEW Ist das ihr Beitrag zur Nachhaltigkeit, dass Sie nur eine limitierte Anzahl von Teilen produzieren?

LB Ja, ich glaube das ist nachhaltiger. Abgesehen davon, dass ich nachhaltige Materialien benutze. Solange wir Massenproduktionen haben, können wir nicht nachhaltig werden, allein schon wegen der Ressourcen. Ich bevorzuge die Idee der Slow-Fashion, also nur limitierte Editionen zu verkaufen. Ich muss aber dazu sagen, dass es in der iranischen Kultur ein starker Trend ist, etwas zu kaufen, was nicht jeder hat. Mir gefällt das. Im Iran arbeiten viele Designer mit diesem Showroom/Maison-Konzept. Alle haben ihre eigenen Kunden, und die Kunden haben ihre favorisierten Designer und sie warten darauf, dass ihre Designer ihre neuesten Kollektionen lancieren, weil sie wissen, dass diese limitiert sein werden. Sie müssen also dort sein um ihren Look zu bekommen. Das ist meine Idee von Nachhaltigkeit.

 

 

Fotos SOHRAB VAHDAT
Styling MARAL ASEMANI

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT