KILIAN KERNER

Drei Jahre ist das Aus der Marke Kilian Kerner nun her. Trotzdem hat der Designer weitergemacht. Er ist es gewohnt, das Unmögliche möglich zu machen – vom Schauspielstudium zur Gründung der eigenen Marke. Unter dem Namen „KXXK“ ist er jetzt auf dem Laufsteg der Berliner Fashion Week zurück. Wie hat er das bloß geschafft? Kilian Kerner, „The Comeback Kid“ im Interview.

 

SARAH OSEI Wie geht’s?

KILIAN KERNER Heute ein bisschen gestresst – zu viele Baustellen auf einmal. Ansonsten gehts mir eigentlich sehr gut.

SO Wie fühlt es sich nach drei Jahren an wieder bei der Berliner Fashion Week zu zeigen?

KK Die ganzen zwei Monate davor gab es Momente, in denen ich ständig nervös und aufgeregt war. Ansonsten hab ich so viel gearbeitet, dass dieses Aufregungsgefühl gar nicht aufgekommen ist. Momentan freue ich mich einfach total und versuche das alles aufzusaugen. Damals [mit dem Label Kilian Kerner] habe ich nichts mehr bewusst wahrgenommen, alles war so viel und so schnell so groß. Das versuche ich jetzt anders zu machen. Bisher hat das gut geklappt. Nur heute ist es ein bisschen.. hektisch.

SO Wie hat sich Ihr Designprozess im Laufe der Zeit verändert?

KK Der muss einfach wahnsinnig schnell gehen. Ich hab die Kollektion innerhalb einer Woche entworfen. Ich hab mich tatsächlich erst Ende Oktober entschieden die Kollektion zu machen, die Schnitt-Leute habengesagt: „Wir geben dir zehn Tage und dann musst du die Teile fertig haben“. Es kamen immer noch ein paar Teile dazu, am Anfang sollte die Kollektion 24 Looks haben, jetzt hat sie 34. Und dann hatte ich noch die Idee, dass wir einen Film zur Kollektion drehen, eine Party veranstalten und die Kollektion direkt für die Kunden verkäuflich zu machen. Das war ein Mammut-Ritt in zwei Monaten. Ansonsten hat sich mein Designprozess nicht stark verändert, nur die Handschrift der Kollektion.

SO Was ist der Ausgangspunkt von „Großstadtleben“?

KK Es geht um diese unbegrenzte Freiheit die man in einer Großstadt erlebt. Egal in welchem Bereich, ob es das Berufs- oder Privatleben ist, die Liebe – man kann sich mit allem auszuprobieren. Ich habe versucht diese positiven, aber auch negativen Aspekte in meine Mode zu übersetzen, denn ich finde eine Großstadt hat auch Nachteile. Gerade wenn man sich verlieben möchte oder sich ernsthafte Beziehungen wünscht, dann können die Stadt doch vergessen! Oder? Also so ist es auf jeden Fall in meinem Freundeskreis. Alle stöhnen über das Gleiche, es sind Leute deswegen schon weggezogen. Mich hat der Sog dieser Stadt, oder allgemein der Großstädte, sehr inspiriert.

SO Und wie unterscheidet sich diese Kollektion von ihren früheren Designs für Kilian Kerner?

KK Ich glaube, dass ich ein viel entspannteres Leben führe als früher. Auch als Person bin ich entspannter, cooler und lässiger geworden. Das sieht der Kollektion an, die Strenge ist weg. Sie ist auch einen Touch jünger und es gibt keine Showpieces mehr! Früher gab es bei mir aufwendig bestickte Roben, das gibt es alles nicht mehr.

SO Haben Sie sich deswegen dazu entschieden, eine „watch and buy“-Kollektion zu machen?

KK Der Ausgangspunkt war, dass ich mit Samsonite die zweite Taschen Kollektion vorgestellt habe und dafür ein paar Looks entworfen habe, die viele Leute kaufen wollten, was natürlich nicht ging. Dadurch ist dieser Prozess in Gang gekommen. Da habe ich gedacht, warum nicht eine „watch and buy“-Kollektion machen, die sowohl Sommer- als auch Wintergarderobe ist. Die kann man zwar nicht direkt, aber eine Woche nach der Show im Onlineshop kaufen.

SO Das heißt Sie haben nie wirklich aufgehört. Sie haben nicht nur mit ihrer Samsonite Kollektion weitergemacht, sondern auch mit der Tenniskollektion für Bidi Badu.

KK Genau. Also ich hatte nach dem Ende von Kilian Kerner tatsächlich nur zwei Wochen Pause.

SO Wollten Sie sich nach dem Ende von Kilian Kerner nicht erst einmal ausruhen?

KK Das habe ich, zwischen Bidi Badu und Samsonite hatte ich drei Monate frei. Das habe ich auch genutzt. Ein Freund von mir ist Tennisspieler, ich bin einfach durch ganz Europa mitgereist und war auf den Tournieren, habe meine Familie besucht. Ich bin kein Mensch, der sehr viel Ruhe braucht, ich arbeite lieber.

SO Haben Sie, trotz des Schicksalsschlags, auch ein bisschen Erleichterung verspürt, als das Aus Ihrer Marke kam?

KK Nur! Damals war ich in einem Hamsterrad. Aber natürlich war es krass! Auch dieser Moment, als es mir am Telefon gesagt wurde. Ich habe immerhin 14 Jahre meines Lebens in meine Marke gesteckt, und zwar immer. Aber ich habe erst einmal gar nicht geweint. Meine Freunde, meine Assistenten, alle haben geweint, ich war einfach nur ruhig. Nach zwei Tagen hat sich Erleichterung eingestellt, weil es einfach kein Spaß mehr gemacht hat. Es war nur noch Druck und ich hatte zum Teil mit bösen Menschen zu tun. Für mich war es der größte Traum überhaupt, eine Tenniskollektion zu entwerfen. Deswegen bin ich total weich gefallen und es war nicht schlimm für mich.

SO Das merkt man an ihrer neuen Kollektion, es scheint als wären Sie befreiter.

KK Genau, das ist zum Beispiel ein Unterschied. Ich hatte keinerlei Vorgaben, weder Trends noch die Interessen von Investoren, keine Leute die mir im Nacken hängen uns sagen: „Ach, mach doch mal das. Das kann man so nicht machen.“ Bei Kilian Kerner haben viele Leute mitgeredet. Und jetzt war es zum ersten Mal so, das alles einfach nur ich bin: das Design, die Musik, die Models. Ich muss keinem mehr Rechenschaft ablegen. Vielleicht sieht man das.

SO Denken Sie in Trends?

KK Ne, gar nicht. Ich habe mich nicht mehr so intensiv mit Mode auseinandergesetzt wie früher, weil ich einfach andere Sachen entworfen habe. Dafür hätte ich gar keine Zeit gehabt.

SO Heute scheint die Mode sehr eklektisch, nach dem Motto „alles ist erlaubt“. Glauben Sie, dass die Branche sich grundlegend verändert hat, seitdem Sie angefangen haben?

KK Ja, auf alle Fälle. Aber wie gesagt, ich denke nicht mehr in Trends. Ich muss mich jetzt wieder mehr damit beschäftigen, als ich es in den letzten zwei Jahren getan habe.

SO Konnten Sie vor ihrer Show schlafen?

KK Schlafen geht tatsächlich überhaupt nicht. Das funktioniert gar nicht.

SO Und was planen Sie als Nächstes?

KK Urlaub. Und dann geht es mit der zweiten Kollektion für Samsonite weiter. Danach werde ich sehen, ob ich KXXK weitermache.

SO Sie wollten ja eigentlich Schauspieler werden. Was ist mit dem Traum der großen Schauspielkarriere?

KK Komischerweise wurde ich das schon öfter gefragt! Aber dafür bin ich mittlerweile natürlich zu alt. Es gibt so viele tolle deutsche Schauspieler, jetzt braucht man keinen„in 4 Wochen 40 Jahre alten“Kilian Kerner mehr, der plötzlich auf einerLeinwand auftaucht. Der Zug ist abgefahren.

SO Wirklich?

KK Also wenn es ein Angebot gäbe, würde ich bestimmt darüber nachdenken. Aber ich würde jetzt nicht akribisch danach suchen. Ich habe gelernt, man sollte im Leben niemals nie sagen. Wenn jemand mir vor drei Monaten gesagt hätte, wir beide würden heute hier sitzen und über meine Show reden, hätte ich gesagt „eher schneide ich dir die Haare ab, als das ich hier sitze und so eine Show mache! Das glaub ich nicht!“

 

Interview SARAH OSEI
Photography
PATRICK DESBROSSES