DAS KOSTÜM VON ‘ROCKETMAN’

Was haben ‘Bohemian Rhapsody’, das Oscar prämierte Biopic über Freddie Mercury, und ‘Rocketman’, ebenfalls eine filmische Biographie (diesmal über Elton John) gemeinsam – abgesehen davon, dass sie die Geschichten zweier britischer Super-Pop-Stars abbilden, die beide keinen Hang zur subtilen Mode pflegten und pflegen?

Die Kostüme beider Filme entstammen den Entwürfen des Designers Julian Day. Das Internet spuckt so gut wie gar nichts über ihn aus, nur die Filmdatenbank IMDb führt ihn und listet sein unglaublich langes Werk auf, darunter ‘Rush’, ‘Robin Hood’ oder ‘Lachsfischen im Jemen’ . Am 30. Mai läuft ‘Rocketman’ in Deutschland an. Grund genug einen oft zu sehr in den Hintergrund rückenden Teil von vielbeachteten Leinwandarbeiten kennen zu lernen.

Julian Day, Photo: Thomas Steinlechner

TOBIAS LANGLEY HUNT Julian – wenn man recherchiert findet man nicht viel über deine Person, die Arbeit scheint immer im Vordergrund zu stehen. Willst du mir deshalb kurz sagen wer du bist und wie du der Kostümdesigner von nicht wenigen, wirklich sehr erfolgreichen Filmen geworden bist?

JULIAN DAY Nach diesem Tag, mit all den Interviews, bin ich ein Schatten meiner selbst.  Aber – also gut – ich habe Theater-Design in Birmingham studiert, der Studiengang vereinte Set- und Kostümdesign. Mein Plan war es an die Oper zu gehen. Dann habe ich aber angefangen für die Kostümfirma „Angels“ in London zu arbeiten, so bin ich in das Kostümthema erst richtig reingerutscht. Dort habe ich aber gemerkt, dass mich die Arbeit als „Dresser“ am Set langweilt, weshalb ich mich dazu entschied Designer zu werden. Schon an der Universität wäre ich beinahe in die Modeklasse gewechselt, ich liebe Kleidung und habe sie immer geliebt, all mein Geld habe ich für Kleidung ausgegeben.

TL Du sagtest mal Kostüm wäre “leichter” als Mode, warum?

JD Das war eigentlich ein Witz, aber wenn du Mode machst und die Leute sie nicht mögen, dann kannst du es vergessen, natürlich trifft das auch auf meine Arbeit als Kostümdesigner zu, du bekommst eher Arbeit wenn deine Arbeit gefällt, aber es ist nicht so persönlich. Bei Mode ist das deine eigene Geschichte, du musst dich selbst präsentieren. Bei Kostüm hingegen hast du den Luxus im Kontext des Films beurteilt zu werden: ich kann herausragende  Kostüme entwerfen, wenn der Film floppt dann spricht kein Mensch über das Kostüm und umgekehrt, wenn der Film ein Erfolg wird, dann finden die Leute auch die furchtbarsten Kostüme toll. Du hast also im Gegensatz zur Mode das Privileg bis zu einem gewissen Punkt scheitern zu dürfen.

TL Ist Mode nicht auch eine Art Kostüm, ein Alltagskostüm für Jedermann?

JD Absolut, das sage ich immer, Kostüm ist schlicht und ergreifend einfach nur Kleidung. Jeder trägt im Alltag Kleidung, würde man allerdings die selbe Kleidung als Schauspieler in einem Film tragen, dann würden die Leute sagen es handle sich um ein Kostüm. Also wie man es dreht und wendet, Kostüm ist immer auch Kleidung, Mode und oder umgekehrt.

TL Die klassische Frage: Ist Mode Kunst?

JD Ich denke alles kann Kunst sein, es kommt immer auf die Beurteilung an. Vor zwei Jahren oder so, war ich in einer großartigen Ausstellung über Cristóbal Balenciaga, das war Kunst! Oder die Mode von Christian Dior, die ist skulptural. Diese Art von Kleidung funktioniert auch an der Schaufensterpuppe, sie ist wie Architektur, Skulptur oder eben Kunst. Oder wenn man an die Kleider des Bauhaus denkt oder an den Konstruktivismus in Russland. Oder noch einfacher die Simplizität von Arbeiterkleidung, manchmal ist gerade genau diese Einfachheit von Kleidung die Kunst. Also definitiv – Mode kann Kunst sein, sie kann aber auch einfach nur praktisch sein.

TL Du bist in jüngster Zeit hauptsächlich dadurch aufgefallen, Kostüme für Verfilmungen von modisch sehr prägenden Pop-Musikern zu entwerfen. Gibt es einen Unterscheid zwischen dem Entwerfen von zeitgenössischen und dem Entwerfen von historischen Kostümen?

JD Rocket Man ist über 40 Jahre alt, das ist historisch! Es ging bei diesen Filmen also nicht um etwas Zeitgenössisches, aber ich verstehe die Frage natürlich. Die Academy und andere Filmorganisationen verstehen nicht, dass es prinzipiell schwerer ist, etwas wirklich zeitgenössisches zu machen. Produzenten oder Regisseure haben oft keine Vorstellung davon was Karl I., Katharina die Große oder irgendwelche Wikinger getragen haben. Wenn ich aber einen jungen Journalisten aus Berlin einkleiden soll, dann muss ich mich fragen, warum trägt der sein Hemd jetzt über dem T-Shirt geöffnet? Warum hat er sich für genau diese Farbe entschieden usw.? Jeder hat eine Meinung darüber was jetzt gerade passiert, aber über die Vergangenheit macht sich bei solchen Fragen niemand Gedanken. Das Hier und Jetzt ist also schwieriger und gleichzeitig weniger anerkannt, weil die Leute denken es handle sich um Styling und nicht um Design. Umgekehrt könnte historische Kleidung genauso Styling sein, ich kann sie jederzeit austauschen.

TL Um bei der vorangegangen Frage zu bleiben, jeder kann deine Arbeit bei Charakteren wie Elton John oder Freddie Mercury mit den Originalen vergleichen, baut das Druck auf? Oder wird da deine kreative Arbeit eher durch gute Recherche abgelöst?

JD Du musst bei allem was du tust gut recherchieren, du musst die Charaktere verstehen die du einkleidest. Ich hätte Rocket Man nicht gemacht, wäre es das gleiche gewesen wie Bohemian Rhapsody. Bei letzterem hatte ich acht Kostüme die ich „kopiert“ habe, den ganzen Rest musst ich aus den Vorlagen interpretieren und mir ausdenken, es handelt sich also um meine Kreationen, mein Design und meine Arbeit. Nicht, dass das wichtig wäre, aber manchmal macht es den Job einfacher das zu äußern. Bei Rocket Man haben wir viel mehr nach den Originalen gearbeitet, das macht zwar nicht so viel Spaß, aber es ist ebenso eine Challenge. Wir hatten die Möglichkeit Elton Johns Archive zu besuchen und konnten uns dort inspirieren lassen, dabei wurde uns die komplette kreative Freiheit überlassen. Eine spannende Geschichte zu deiner Frage: Ich habe vor einiger Zeit an einem Film gearbeitet, der nicht wirklich erfolgreich war und um ehrlich zu sein auch nicht wirklich gut, er heißt „Diana“ (über Prinzessin Diana) und ist von dem deutschen Regisseur Oliver Hirschbiegel. Wir hatten die Ehre das blaue, sehr bekannte Kleid von Jacques Azagury zu leihen, welches Diana getragen hat. Diana war größer als Naomi (Naomi Watts, die Hauptdarstellerin), das Kleid wurde aber angepasst usw. Es handelte sich also um ein und dasselbe Kleid. Nach dem Dreh druckte eine Zeitschrift ein Foto von Naomi  neben das von Diana, mit der Überschrift: „Und der Kostümdesigner hat es nicht einmal geschafft, das originale Kleid von Diana zu kopieren“, oder so ähnlich. Wie auch immer, du kannst immer für deine Arbeit kritisiert werden, egal was du machst – du musst einfach tun was du tun musst.

TL Ist Elton John eigentlich eine klassische Stilikone, im Vergleich mit Diana oder Freddie? Klar, man kennt seine Bühnenoutfits, aber denkt man an Stil, wenn man seinen Namen hört?

JD Wenn man es nicht tut, dann muss man nochmals hinschauen und man wird überrascht werden. Er ist nicht so deutlich oder direkt wie andere, er folgt keinen Trends, sondern geht seine eigenen Wege, kreiert seinen eigenen Stil und dieser Stil ist unglaublich spannend. Ich meine Gucci ging in die Archive und hat seine Kostüme in eine ganze Kollektion aufgenommen, es gibt kein größeres Kompliment, oder? Also ja, er hat seinen ganz eigenen Stil aber dieser passt nicht in eine Schublade, welche die Leute für nachahmungswürdig halten. Immerhin wurden auch viele Kostüme extra für ihn entworfen. Aber er liebt Mode und es gab sogar Zeiten in denen er nur Yamamoto trug…

TL Tatsächlich?

JD Ja spannend, oder? In seinem Archiv hängt eine ungefähr zehn Meter lange Stange, vollgehängt mit alten Yamamoto oder Comme des Garçons Teilen.

TL Das ist wirklich überraschend.

JD Wie ich gesagt habe, du musst genauer hinschauen, dann erkennst du diese Einzigartigkeit. Aber das trifft natürlich auch auf Freddie zu.

TL Aber bei Freddie gab es eine Zeit, die in gewissen Szenen bis heute anhält, in der alle rumlaufen wie er…

JD Ja das ist ein Punkt. Als Freddie nach New York ging und in den Schwulen-Clubs seine Sexualität entdeckte, zum Beispiel im Mineshaft, der hardcore Gay-Club im Meatpacking District, da gab es viel Fetisch, BDSM usw. Ein Schild an der Tür verbot es einem Parfüm, Tennisschuhe oder Sportbekleidung zu tragen, eigentlich war alles verboten außer Leder…

TL Es gibt eine Szene in Bohemian Rhapsody….

JD Ja, aber die Szene haben sie fast gänzlich gekürzt, der Sex musste raus. Aber zurück zu Freddies Kleidung: Er dachte sich seinen Stil nicht aus, aber er brachte die Underground-Mode in den Mainstream, z.B. die Lederkappe, all die Fetisch-Accessoires, die PVC-Jeans, die Biker-Jacke, oder seinen Schnauzer, der irgendwann fast zum Synonym für die Schwulenszene wurde, alles a la Tom of Finland. Die Leute sagten „Oh, ich liebe Freddie Mercury, er ist so fabelhaft und wundervoll“ und dabei steht er herausfordernd da, in Lederjacke, mit seinem Schnauzer. Es gab diese Zeit, vor allem in England, da gab es einige Personen im TV von denen die Leute wussten, dass sie „anders“ waren, aber das konnten sich die Leute nicht eingestehen. An diesem Fakt rüttelte Freddie mit seinem Auftreten ein wenig. Und auch Elton hat das immer gemacht, er ist sehr theatralisch, aber sowohl er als auch Freddie machen das alles ohne es zu kommunizieren. Wir leben heute in einer Zeit, in der jeder immer alles rausposaunen muss und dabei trotzdem mysteriös wirken will. Letztendlich sind wir aber alle nur Menschen, man muss nicht ständig sagen wer man ist, man ist einfach wer man ist. Manchmal hilft es alle sie selbst sein zu lassen, inklusive deiner selbst.

TL Wenn man deine Arbeit sehr genau verfolgen würde, würde man deine Kostüme dann erkennen, auch wenn man nicht wüsste, dass sie von dir sind?

JD Hmmm, ja, bzw. einige Aspekte meiner Arbeit vielleicht. Ich habe mich natürlich entwickelt  und verändert, angefangen habe ich unter anderem mit einem Film von Pawel Pawlikowsi, er kommt aus der Dokumentarfilm-Richtung und wollte deswegen Realismus, schmutzig, verschmutzt, zerknittert, also alles das was Hollywood nicht will. Ich habe angefangen zu arbeiten und dann sagte man mir es solle mehr sexy sein. Das konnte ich nicht, ich musste erst lernen sexy Kleidung für sowohl Frauen als auch Männer zu entwerfen. Du musst dich also entwickeln und herausfinden mit wem du arbeiten kannst und willst, du musst wissen um was es in den Filmen geht, was versucht wird zu projizieren. Aber ich glaube im Grunde ist die Basis meiner Kleidung Realismus. Und ich versuche immer einen roten Mantel zu integrieren. Viele Filmemacher mögen kein Rot in ihren Filmen, aber nichtsdestotrotz versuche ich das irgendwie durchzubekommen, einfach weil ich die Farbe mag.

Aber ob ich nun einen Fußabdruck hinterlasse oder nicht, das müssen andere beurteilen.

 

Die Deutschlandpremiere von Dexter Fletchers ‘Rocketman’ ist am 30. Mai.
In den Hauptrollen sind unter anderem Taron Egerton, Richard Madden und Jamie Bell zu sehen.

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT