BERLIN FASHION WEEK RECAP FW20

Wenn die Welt Mitte Januar nach Paris zu den Männerschauen blickt, dann lohnt es sich auch zu bemerken: Die Berliner Fashion Week ist in vollem Gange. Zuhause im Kraftwerk in Kreuzberg, das schon für viele Filmproduktionen und Kunstinstallationen gut gedient hat, muss sie sich garantiert nicht verstecken.

Mit einem so pferdestarken Partner wie Mercedes, wurde die kahle Venue zu einem Wohnzimmer für Redakteure, Modefreunde und Influencer aller Art umfunktioniert. Ein Laufsteg, der scheinbar noch nie länger war, bot Platz für nationale und internationale Designer, um ihre Visionen zum Leben zu erwecken. Was zudem erfreut: Es gibt einen Trend zum diverseren Casting von Models.

Dass manche Shows dennoch abseits der offiziellen Location stattfanden, war eine willkommene Erfrischung. So lockten außergewöhnliche Locations wie der Fernsehturm oder ein altes Gebäude der Postbank zu spannenden Shows, bei denen der Mythos Berlin geschrieben wurde. Welche Shows das Team Interview für die Saison Herbst/Winter besonders gelungen fand, lesen Sie hier:

William Fan

William Fan zeigte seine Hommage an die Stadt der Kreativität und des Exzesses (Berlin) vom höchst denkbaren Punkt aus, dem Fernsehturm am Alexanderplatz. Viele bekannte Gesichter nahmen im Restaurant mit 360° Ausblick Platz. Dank Drehfunktion des Raumes, wurde die Präsentation zu einem fast schwindelerregendem Spektakel in über 200 Metern Höhe. Als einer der wenigen Designer, die in Berlin zeigten, konnte die Kollektion auch auf internationalem Parkett tanzen und bestach durch feine Drapierungen, ausladende 70’s Ärmel und aktuelle Farben wie Grüntöne und Königsblau. Die Looks wurden durch hauseigene Accessoires, wie der Cookie Bag oder dem Town Heel harmonisch abgerundet. Außerdem war es wahrscheinlich die Show, die durch soziale Medien am meisten gehyped wurde.

(C) Janine Sametzky

(C) Janine Sametzky

(C) Janine Sametzky

(C) Janine Sametzky

(C) Janine Sametzky

Lou De Bètoly

Postbank und Fashion erscheinen zunächst so gegensätzlich, wie Häkelware und Berlin, dabei ist Erstes spätestens seit DHLxVetements und Letzteres seit Lou de Bètoly nicht nur kein Widerspruch mehr, sondern im Mode-Zenith angekommen. Wir tranken im roten Licht des 21. Stockwerk im Postbank-Tower französische Aperitifs, während Nele Ruckelshausen Lieder wummern ließ, die so ausgesucht wurden, dass kaum einer sie kannte, und die Gäste das Gruppe Magazin fälschlicherweise für Sitzplatzkissen hielten. Der Blick über die Stadt war gigantisch, die Räumlichkeiten im 70er Büro-Stil und die Location wahrscheinlich noch cooler als William Fans Fernsehturm am Alex. Die Berliner Brand ließ einen diversen Cast in elaboriert-eleganten Mini-Häkelkleidern, die wortwörtlich wirkten als hingen sie am seidenen Faden, und tragbaren Karo-Schal-Installationen über den Office-Floor laufen. Einzelne Teile wirkten wie Neuinterpretationen von Clueless-Kostümen, andere als würde Yamamoto mit Swarovski kooperieren. Die französische Designerin zeigte einen Mix aus untragbar-aber-wow und Looks, die wir direkt tragen wollen. Odely Teboul hat mit ihrer aktuellen Kollektion bewiesen, dass sie den Hallen der offiziellen MBFWB entwachsen ist.

(C) Arne Grugel

(C) Arne Grugel

(C) Arne Grugel

(C) Arne Grugel

(C) Arne Grugel

(C) Arne Grugel

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Nobi Talai

Die Designerin Nobieh Talaei kreierte für ihre Linie Nobi Talai tragbare Styles, die als Schnittstelle zwischen Ost und West funktionieren. Ihre Herkunft Iran wurde vor allem durch die Verwendung von orientalischem Farbspektrum, Materialien wie Kelim oder persischem Teppich spürbar. Die Inspiration könnte fast von einem Bazaar gezogen worden sein – jedoch immer edel und mit einem Hauch Metropolis. Altes Handwerk fand sich in Details wie traditionellem Festschmuck, oder gewebten Kappen, die das (für Berlin Fashion Week Maßstäbe) diverse Cast glaubhaft in Szene setzte. Das Label ist berühmt für hochwertiges Tailoring und die perfekte Umsetzung von Schnitten – für Fall/Winter 20 kommen zum Beispiel grandiose Sonnenplisséefalten. Dass der Nobi Talai Stil von der Reibung zwischen zwei Welten lebt, wird erst so richtig bewusst, wenn ein Detail schief geht: Die Ausstattung mit Schuhen von Doc Martens, hätte für die Hälfte der Looks unaufgeregt funktioniert. Beim Rest hat das allseits bekannte, grobe Schuhwerk jedoch die DNA der Looks zu stark dominiert und diese in Folge verwässert. Das Setting war im Rahmen der offiziellen Location Kraftwerk gut gewählt. So liefen die Models nicht am klassischen Laufsteg im Obergeschoss, sondern bespielten die rauere Halle im hinteren Bereich der Venue. Ein extravaganter Rahmen für eines der Fashion Week Highlights – inklusive dramatische Tunes eines live DJs, der auch selbst die Geige spielte.

(Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW)

(Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW)

(Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW)

(Photo by Andreas Rentz/Getty Images for MBFW)

Odeeh

Das Designerduo Otto Drögsler und Jörg Ehrlich, die kreativen Köpfe hinter dem Berliner Label ODEEH, dachten sich wohl, sie nutzen den industriellen Charme des Schauplatzes im Kraftwerk ganz besonders clever, die Betontsäulen und -Träger im Erdgeschosses des ehemaligen Heizkraftwerks wurden als Szenerie mit in die Show eingebunden. So liefen die Models zwischen gegebenem Bühnenbild und dem am Rand sitzenden Publikum durch die an einen Technoclub erinnernde Halle. Den Looks tat das allerdings keinen Gefallen, die von ODEEH gewohnten klassischen Silhouetten und Einzelteile wirkten im Kontrast zur an industrieller Roughness nur so strotzenden Kulisse fast schon bieder, zumindest aber sehr tragbar. Das ist nicht fair, denn die graphischen und floralen Muster auf viel Fläche – ODEEH prognostiziert weite Schnitte für den kommenden Herbst – wurden in spielerischer Raffinesse immer wieder aufgegriffen, wiederholt, gekonnt komponiert und zeigten eigentlich ein recht optimistisches Bild der Berliner-Designkunst. Besonders markant: weite, lange, in unterschiedlichster Weise betonte Ärmel. Außerdem: Wenn die ganze Modewelt Mini-Bags schreit, lieferten die deutschen Designer einen entspannten Antitrend dazu und schickten die Models mit überdimensionalen Umhängetaschen aus Stoff über den Laufsteg.

(C) Odeeh PR

(C) Odeeh PR

(C) Odeeh PR

(C) Odeeh PR

 

DSTM

„Don’t Shoot The Messenger“ ist Berlin – nicht nur, weil die Kollektion in sattem Schwarz gehalten ist, sondern weil die Gründerin Jen Gilpin mit ihrem Label seit 10 Jahren erfolgreich in ihrem Atelier in der Torstraße ansässig ist. Umso logischer ist es, dieses Jubiläum auch auf der Berliner Modewoche zu feiern und ihren Mix aus body-, lounge-wear und Lingerie in Form einer künstlerischen Performance zu präsentieren. Die gezeigten Looks und DSTM selbst ist definitiv in der Nische angesiedelt – oder auch als Basic tragbar. Die Ausgestaltung der Schnitte passt sich perfekt an den Körper der Trägerin und des Trägers an. Dekorative Fransen wirken nie billig, sondern sind in höchstem Maße durchdacht und hochwertig umgesetzt. Die Show selbst lebte von der Tanzkunst – die Models wurden durch Tänzerinnen und Tänzer ersetzt, die sich in DSTM räkelten und auf eine scheinbar explorative Reise zur Selbstfindung gingen. Die Looks hielten stand und ließen die Künstlerinnen und Künstler sich selbst optimal entfalten. DSTM lieferte eine willkommene Abwechslung zum statischen Modenschaumodell – Interview gratuliert zum Jubiläum.

BERLIN, GERMANY – JANUARY 15: A general view at at the DSTM show during Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2020 at Kraftwerk Mitte on January 15, 2020 in Berlin, Germany. (Photo by Joern Pollex/Getty Images for MBFW)

(C) MBFW / DSTM PR

 

NEO.FASHION

Zum Schluss zurück zum Anfang, in zweifachem Sinne des Wortes: Den Auftakt der Berliner Fashion Week machte Neo.Fashion, ein Format welches Nachwuchstalenten deutscher Modeschulen nach dem Motto „Fashion for Future“ eine Plattform bietet. Konkret bedeutet das, dass sich insgesamt neun Modeschulen aus sechs Bundesländern zusammenschlossen um über 70 Abschlusskollektionen einen Laufsteg zu stellen. Eine ehrenwerte und wichtige Veranstaltung für Berlin, denn wenn die deutsche Modewoche auch in Zukunft Bestand haben will, braucht sie den Nachwuchs – flüchten Brands, bei denen sich finanzieller Erfolg bemerkbar macht, doch auffallend gerne ins modischere Ausland.

Nun gut, die Entscheidung welche Schule, mit welcher Qualität ihre Absolventinnen stellen darf, wirkte bei der Masse an Kollektionen etwas willkürlich, so musste man sich schnell vor voreingenommen Vergleichen hüten. Teilnehmende Schulen waren die HAW Hamburg, Die Hochschule für Angewandte Kunst Schneeberg, die Hochschulen Hannover, Reutlingen und Bremen, die HTW Berlin, die FH Bielefeld, der Lette Verein Berlin und die Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Yevheniia Luchko / HTW Berlin Foto: KOWA-Berlin

Felipe Asan / HfK Bremen, Foto: KOWA-Berlin

Philippe Fritsche / Burg Giebichenstein Halle, Foto: Robert Schlesinger / Getty Images

Anna Heim / HTW Berlin, Foto: Robert Schlesinger / Getty Images

Sanas Ebrahimi Kajlar / Hochschule Reutlingen Foto: KOWA-Berlin

 

words TOBIAS LANGLEY HUNT, JULIA DEUTSCH, NELE TÜCH