FLASHBACK: CAROL LIM & HUMBERTO LEON

Außer Verkäufen in der Parfümabteilung hatte man sich seit vielen Jahren daran gewöhnt, von der Firma Kenzo nicht mehr allzu viel zu erwarten. Lange vorbei waren die Zeiten, in denen der Gründer Kenzo Takada mit seinen Jungle-Jap-Kollektionen in den 70er-Jahren einen eklektischen Muster- und Farbenmix vorstellte, der sich ungeniert bei der Kostümgeschichte der ganzen bekannten Welt bediente. Als dann im Sommer 2011 Carol Lim und Humberto Leon zu den neuen Kreativchefs der Marke Kenzo ernannt wurden, war dies eine echte Überraschung. Die beiden sind keine gelernten Modedesigner, sondern Gründer des Concept-Stores Opening Ceremony und gehören damit zu den wichtigsten Protagonisten und Anführern einer neuen Modegeneration, die stolz auf ihre komplett globalisierte Sichtweise ist. Der Laden, mittlerweile gibt es Filialen in New York, Los Angeles und Tokio, führt in gewisser Weise die Lieblingslabels von Labelskeptikern. Es gibt Unbekanntes und Innovatives, die wirklich interessanten Stücke von gut eingeführten Marken (Adidas, Barbour), total Abstruses (die berüchtigte „Where the Wild Things Are“-Kollektion) und Kooperationen mit so unterschiedlichen Häusern wie Rodarte, Pendleton, Stetson. Ihre ersten Kollektionen für Kenzo vereinten die spaßorientierte Haltung des Firmengründers mit dem Gespür des neuen Teams für das Genau-Jetzt. Die Schmuckdesignerin Delfina Delettrez Fendi beging ihr New Yorker Debüt bei Opening Ceremony und ist insofern eine alte Verbündete. Per E-Mail erbat sie Auskünfte über Biografie, Ästhetik und merkwürdige Haushaltsgegenstände.

DELFINA DELETTREZ FENDI: Wie habt ihr euch kennengelernt?
CAROL LIM: Wir waren beide Studenten an der UC Berkeley. Eines Abends kam Humberto meine Zimmernachbarin besuchen. Es war mitten in der Woche, und ich hatte schon meinen Schlafanzug an. Er überredete mich, mit ihm auszugehen. Ich behielt einfach den Schlafanzug an, und wir hatten eine tolle Nacht. Seitdem sind wir unzertrennlich.

FENDI: Wie viel Zeit verbringt ihr miteinander, wenn ihr nicht arbeitet? Und wie oft streitet ihr?

HUMBERTO LEON: Wie gesagt, wir sind seit dem Studium supereng befreundet und fahren auch gemeinsam in den Urlaub. Die schlimmsten Streits haben wir darüber, wo wir shoppen gehen sollen oder wo wir Mittag essen wollen.

FENDI: Ihr habt Opening Ceremony zu einer Lifestylemarke gemacht, die Events veranstaltet und von Celebritys wie Chloë Sevigny unterstützt wird. Habt ihr das Gleiche mit Kenzo vor?

LIM: Kenzo Takada hat sein Haus als Lifestylemarke begründet, insofern wollen wir diese Tradition fortsetzen und uns mit einer Gruppe von Leuten umgeben, die für diese Marke stehen und sie leben.

FENDI: Ich war dabei, als ihr Mr. Kenzo Takada zum ersten Mal persönlich getroffen habt. Ihr wirktet total aufgeregt, aber ich habe euch nie gefragt, worüber ihr eigentlich gesprochen habt.

LIM: Genau darüber: Wir haben ihm gesagt, wie aufgeregt wir sind, seine Arbeit fortsetzen zu können. Wir haben Kenzo schon immer bewundert, den Gründer zu treffen war eine Ehre und ein Wunschtraum, der sich für uns endlich erfüllt hat.

FENDI: Wie viel New York nehmt ihr mit, wenn ihr in Paris seid? Wie viel Paris nehmt ihr mit, wenn ihr in New York seid?

LEON: Jeweils sehr viel! Damit wir uns dort zu Hause fühlen, nehmen wir unsere Lieblingsklamotten mit nach Paris, außerdem Kaffeebohnen von Stumptown. Nach New York bringen wir mit, was wir auf den Pariser Flohmärkten gefunden haben. Zum Beispiel traditionelle französische Austernplatten für unser Haus im Norden von New York.

FENDI: Wer wäre euer Traummitarbeiter oder -kooperationspartner?
LEON: Wir hatten das Glück, bereits mit vielen fantastischen Menschen und Marken zusammenarbeiten zu können. Und für Kenzo zu arbeiten ist eines der aufregendsten Dinge, die uns bisher passiert sind. Ein Traumpartner wäre Elvis. Er hatte in jeder Phase seiner Karriere einen fantastischen Style, wobei der Overall mit Schlaghosen einer unserer Lieblingslooks ist. Interessant wäre auch David Lynch. Wir liebenTwin Peaks – und alle anderen Filme von ihm.

FENDI: Wie viel Asien steckt in euch?

LIM: Wir sind sogenannte Einwanderer der zweiten Generation. Unsere Eltern sind aus Asien in die USA gezogen, das heißt, wir sind mit ihrer Kultur aufgewachsen und sie begleitet uns (Carols Eltern sind aus Korea, Humberto ist halb Peruaner, halb Chinese, Anm. d. Red.).

FENDI: Was, glaubt ihr, wart ihr in euren vorherigen Leben?
LEON: Meine Freundin Olivia Kim, die auch bei Opening Ceremony arbeitet, war mal bei einer Wahrsagerin. Die sagte ihr, dass ein wichtiger Mann in ihrem Leben mit H beginnt, sie ihn vor acht Jahren kennengelernt habe und dieser „H“ in einem seiner früheren Leben ein Krieger war. Könnte stimmen.

LIM: Ich esse und trinke für mein Leben gern. Ich war also bestimmt eine Köchin.

FENDI: Wenn ihr eine Zeitmaschine hättet – wo würdet ihr hinreisen?
LIM: Ins Jahr 1975. In dem Jahr wurden wir beide geboren, ich im Februar und Humberto im Juni. So könnten wir mal sehen, wie die Welt aussah, als alles begonnen hat.

FENDI: Die Erde explodiert und ihr könnt euch nur retten, indem ihr zu einem anderen Planeten flieht. Was würdet ihr mitnehmen?
LIM: Eine unbegrenzte Menge Algen, den Schmuck, den ich von meiner Mutter übernommen habe – und eine Masseurin, um den Stress eines interplanetaren Umzugs besser zu bewältigen.

LEON: Meine Freunde und Familie, meinen Plattenspieler und meine Plattensammlung, denn ohne Musik kann ich nicht leben. Und meine Werkzeugsammlung, die ich auf der ganzen Welt zusammengetragen habe. Die wäre eine Erinnerung an mein altes Leben, aber auch sehr praktisch, um auf dem neuen Planeten zu überleben.

FENDI: Bevorzugt ihr Kaffee oder grünen Tee?

LIM: Grünen Tee.
LEON: Kaffee mit Milch und Zucker.

FENDI: Was wäre Carol …

… wenn sie ein Tier wäre?

LEON: Ein Kaninchen.

… wenn sie eine Farbe wäre?

LEON: Flieder.

… wenn sie ein Song wäre?

LEON: I’m Every Womanvon Whitney Houston.

FENDI: Was wäre Humberto …

… wenn er eine Blume wäre?

LIM: Eine Sonnenblume. … eine Filmrolle wäre?

LIM: Melanie Griffith als Tess McGill in Die Waffen der Frauen.

… ein Stoff wäre?

LIM: Baumwolle.
FENDI: Wie startet ihr euren Tag?
CAROL: Ich gehe laufen. Das Erste, worüber ich nachdenke, ist, welche Musik ich dabei höre.
LEON: Ich starte mit Kaffee und Gedanken an meinen wunderbaren Boyfriend.
FENDI: Was ist der merkwürdigste Gegenstand in eu- rem Haushalt?
LEON: Mein Mixer namens „Magic Bullet“. Das ist eine kleine Küchenmaschine, die über den Shopping- Sender vertrieben wird. Funktioniert sehr gut.
LIM: Ein Kühlschrank, in dem man Kimchi bei idealer Temperatur aufbewahren kann.
FENDI: Was sammelt ihr noch?
LEON: Nussknacker. Geschirr. Klamotten.
LIM: Taschentücher. Schmuck. Alles mit Pilzen.

 

Interview: DELFINA DELETTREZ FENDI

Porträt: GREGORY HARRIS

Interview September 2012