ALLES ETWAS ABSURD

Masken tragen oder keine Masken tragen? So genau schien das lange niemand zu wissen. In Deutschland ist die Maske nun seit einer Woche Pflicht. Weil sie zumindest in Europa traditionell nicht verankert, bietet sie einen skurrilen alltäglichen Anblick – weil die medizinischen Produkte jedoch fehlten, ist dieser Anblick auch recht vielseitig. Aus der Not eine Tugend machen, das kann Mode. Ist der individualisierter Mund- und Naseschutz gar das Sommer-Accessoire 2020? Prominente Musikerinnen und Musiker machen es vor: für die italienische Rapperin Myss Keta oder den US-Country Sänger Orville Peck gehören extravagante Gesichtsverhüllungen zum Markenzeichen. Demgegenüber stehen Debatten über kulturelle Aneignung und Vermummungsverbote. Das Gesicht zu verdecken, hat das Potential zur Provokation. Ein kaum zu übersehendes Zeichen, befindet es sich doch direkt unter der Augenhöhe der meisten Leute. Egal wie: wir werden uns an die Masken gewöhnen müssen. Beschäftigen wir uns also damit, woher sie kommen:

Glaubt man der Mode-Suchmaschine Lyst, stieg die Suche nach Masken im ersten Quartal 2020 um fast fünfhundert Prozent. Auch bei Google wird man fündig: von selbstgenähten Etsy-Stücken, über Discountware, bis hin zu überteuerten Markenprodukten. Gerade letztere sind dabei eine heikle Angelegenheit: Marken wollen erkannt werden, doch Masken als gebrandete Accessoires zu verkaufen, hat in der aktuellen Situation “Geschmäckle”: Ein protziges Logo auf dem Stück Stoff, welches im Zweifel Leben retten soll? Nicht schick, resümiert so einiger Designer. Nichtdestotrotz haben sich viele Akteure der Textilwirtschaft darauf spezialisiert. Mit unterschiedlichsten Strategien: Saint Laurent oder Dior nähen Masken, selbstlos, nur für Pflegepersonal. Proenza Schouler spendet alle Einnahmen und Off-White verdient sich, mit dem 95-US-Dollar-Teil ein goldenes Näschen. Für wieder andere, gerade kleinere Brands, sichert der Masken-Markt schlicht das finanzielle Überleben. Nach der Tourismus- und Gastronomiebranche, sei die Mode die am meist betroffene Industrie in diesen Zeiten: Der stationäre Handel, in welchem immerhin achtzig Prozent des Umsatzes erwirtschaftet wird, hat wochenlang
geschlossen und auch online gehen die Einkäufe drastisch zurück. Allein in Europa liege der Umsatzrückgang zwischen fünf und zwanzig Prozent, wie unter anderem die Brachen-Plattform Business of Fashion (BoF) berichtet.

Auch für den Schweizer Designer Julian Zigerli war die anfängliche Pandemie mindestens besorgniserregend. Seinen Züricher Flagship-Store musste er schließen, die Präsentation seiner aktuellen Kollektion absagen. Für uns hat sich Autorin Caroline Jebens mit dem Designer über FaceTime über seine neue Maskenkollektion unterhalten.

CAROLINE JEBENS Herr Zigerli, wie ist die Lage?

JULIAN ZIGERLI  Die Lage ist, dass wir seit zwei Wochen hart arbeiten und keine Zeit zum Atmen haben. Aber das ist gut: bald haben wir wieder alles unter Kontrolle, und dann kann es wieder etwas gelassener weiter gehen.

CJ Ist der Ansturm auf die Masken gleich so groß gewesen? 

JZ Ja! (lacht) Als wir den Maskenverkauf gelauncht haben dachten wir: Okay, verkaufen wir ein paar, die können wir ja selber nähen. Wir sind schließlich keine Produktionsstätte, wir sind ein Designatelier. Jetzt nähen wir seit zwei Wochen durch. Alle unsere früheren Praktikanten mussten wir zurück holen, damit sie helfen die Masken zu nähen. (lacht) Und dabei produzieren wir gerade nichts vor – wir decken nur den Bedarf.

CJ Wie geht das weiter?

JZ Parallel hat die Produktion in Bulgarien angefangen zu nähen. Die neuen Modelle werden schon dort produziert.

CJ Sie benutzen Stoffe aus all Ihren alten Kollektionen.

JZ Genau. Als klar war, dass wir den Laden schließen müssen, haben wir zuerst unsere Interieur-Linie – “Interieurli” gelauncht. Wir dachten, wir müssen irgendwas machen, was nicht Kleidung ist. Also haben wir Kissen und Decken genäht. Bei den Masken war es dann auch so. Wir haben hier allen Stoff aufgebraucht und jetzt größere Teile nach Bulgarien geschickt. Schön ist, dass es zu jeder Maske auch ein passend Shirt gibt.

CJ Jetzt können sich die Leute also mit Ihren Designs einrichten, dürfen mit ihnen sogar das Haus verlassen und dann ist das auch noch nachhaltig.

JZ Das war ein Glücksgriff. Wir wussten schließlich nicht, dass das so gut funktioniert. Ich hab mich zuerst geweigert, Masken zu verkaufen. Meine Praktikanten haben mich überredet. Wir haben ein paar genäht, die sahen dann wirklich gut aus. Eigentlich ein schönes Accessoire. Und das hat uns gerettet. Wir saßen vor offenen Rechnungen, weil wir die Sommerkollektion nicht wie geplant verkaufen können. Wenn unser Laden zu ist, haben wir kaum Einnahmen. Meine erste Reaktion war: Cool down, wir arbeiten erstmal an der neuen Kollektion. Wir hatten Glück, weil wir die Frühjahr-Showrooms sowieso abgesagt hatten und dadurch kein Geld verloren haben. Die Rechnungen konnten wir jetzt jedenfalls bezahlen. Alles etwas absurd. Aber ja: auch gut.

Julian Zigerli – Zuerich. © Caroline Minjolle/Lunax

CJ Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie allgemein, wie man in der Schweiz mit der ganzen Situation umgeht? 

JZ Man kann sich ja zu fünft mit Abstand draußen treffen. Deshalb ist es jetzt nicht so krass wie nur zwei Leute, und Maskenpflicht gibt es immer noch nicht und wird wahrscheinlich auch nicht kommen. Ich hoffe ein bisschen, dass sie jetzt noch kommt (lacht). Wir haben auf jeden Fall genug Masken in Auftrag gegeben. Aber natürlich fühlt es sich nicht unbedingt gut an,  eine Maske tragen zu müssen.

CJ Wie verbringen Sie Ihre Freizeit in der aktuellen Situation?

JZ Also tatsächlich hab ich fast keine Zeit für Freizeit, ich schaffe es nicht einmal mehr selbst Masken zu nähen. Wir müssen Fotos machen, den Webshop und den Versand organisieren und so weiter. Außerdem unterrichte ich auch noch in Basel an der Modeschule. Davor war ich so einmal die Woche Inline skaten, und habe mit Freundinnen jede Woche einen Avengers Film geschaut und gekocht. (lacht)

CJ Gibt es etwas was Ihnen aktuell Sorgen bereitet?

JZ Eigentlich finde ich es gerade vor allem belastend, dass ich meinen Freund nicht sehen kann, weil er in Deutschland ist. Ich verstehe ja, dass man sich reduzieren muss mit den sozialen Kontakten, aber dass dann willkürlich entschieden wird: Es ist okay, dass man nach Basel reist und fünf Leute sehen darf, aber nicht jemand, der hinter der Grenze wohnt? Mein Freund und ich sind ja privilegiert, wir sind keine ganze Familie die auf zwei Seiten lebt und sich nicht sehen kann. Dass es Regelungen fürs Arbeiten, aber nicht für private Kontakte gibt, finde ich Quatsch.

CJ Und beruflich?

JZ Schade ist, dass die Sommerkollektion “In Zigerli We Trust” keine Bühne mehr bekommt. Ende April wäre die Show in der KÖNIG Galerie in Berlin gewesen. Die holen wir dann hoffentlich im Herbst nach, gemeinsam mit dem Künstler Andy Kassier, der unser Testimonial für die Kollektion ist. Ich habe auf jeden Fall keine Lust, etwas Digitales daraus zu machen.

CJ Warum? Das wäre schließlich naheliegend.

JZ Weil wir das schon gemacht haben. Es wäre überhaupt kein Problem, das nochmal aufzugreifen, aber für uns wäre das dann ja keine Herausforderung mehr. Dann stelle ich lieber nochmal eine Sommerkollektion im Winter vor, das finde ich noch ganz witzig. Ich habe überlegt, ob ich bei der Kampagne noch überall eine Maske rein retuschieren soll. (lacht) 

CJ Glauben Sie, die Masken könnten einen Kultstatus erreichen?

JZ Ich glaube, dass viele Leute sie so kaufen, also weil sie sie schön finden, und nicht, um sie ständig zu tragen. Ich habe auch schon gelesen, dass man sich das als Piece zuhause aufhängt. Vielleicht hängen sie irgendwann an der Wand und erinnern uns an diese Zeit jetzt. Aber manchmal denke ich auch nur: Ey, wir machen so viel schöne Kollektionen und geben uns so Mühe mit den Kampagnen –  und dann verkaufen wir banale Masken, und das läuft super. Absurd.

 

Interview CAROLINE JEBENS
Words TOBIAS LANGLEY HUNT