DEERHUNTER

Seit mehr als zehn Jahren sind Deerhunter aus Atlanta eine der originellsten Indierock-Bands weit und breit, und sie zu sprechen ist nach wie vor eine wunderbare Qual. Sänger Bradford Cox ist ein Meister in der Kunst der Nichtbeantwortung von Fragen, während Schlagzeuger Moses Archuleta das Gespräch beredt auf Themen lenkt, an die man vorher gar nicht gedacht hatte. Und so geht es dieses Mal um Memes, “Twin Peaks” und einen Kimono aus Aluminium, aber garantiert nicht um Deerhunters neues Album.

Bradford Cox sitzt im Backstage-Bereich und beugt sich über diverse Beutel mit Medikamenten. Der Sänger und Gitarrist der amerikanischen Band Deerhunter wirkt ein wenig verschnupft, wobei man annehmen muss, dass er wahrscheinlich immer so klingt. Zielstrebig wühlt er im Beutel herum, greift sich eine Tinktur und tropft sie sich in der Mund, während der Schlagzeuger Moses Archuleta lächelnd neben ihm sitzt und wartet, bis die tägliche Medikamenteneinnahme erfolgreich abgeschlossen ist.

Cox und Archuleta bilden neben dem Gitarristen und Sänger Lockett Pundt den Kern der Band, die sich vor 17 Jahren in Atlanta, Georgia, gründete und seither erfolgreich unter Beweis stellt, dass sie kein Talent für schlechte Songs hat. Das Genre Indierock mag schwächeln, doch Deerhunter sind mit ihrer eigentümlichen Mischung aus Shoegaze, Noise, Psychedelic und Garagenrock von Anfang an eine verlässliche Größe. Gerade sind sie dabei, ihr neues Album, für das es bisher weder einen Namen noch ein Veröffentlichungsdatum gibt (vermutlich im September), dem Publikum vorzustellen, was natürlich eigentlich die falsche Reihenfolge ist, aber Deerhunter nicht die Bohne kümmert.

HARALD PETERS Wie kommt es bei den Leuten an, wenn Sie vor allem neue Songs spielen, die keiner kennt?

BRADFORD COX Sehr gut.

MOSES ARCHULETA Teilweise kennen die Leute sogar schon die Texte.

HP Wie kann das sein?

BC Festivals.

MA YouTube. Viele Festivals haben unsere Auftritte gestreamt.

HP Da ich auf keinem der Festivals war und es auch sonst offiziell nichts zu hören gibt, müssen Sie mir ein wenig auf die Sprünge helfen, wenn wir über die neuen Sachen reden wollen.

BC Das müssen Sie schon selbst für sich herausfinden.

HP Ja, stimmt, eigentlich eine gute Idee, aber für dieses Gespräch ist es dafür leider zu spät.

BC Also da können wir Ihnen auch nicht helfen. Aber ich kann auf alles antworten.

MA Ehrlich gesagt habe ich selbst noch gar keine Meinung dazu, wie unsere neuen Songs sind und wie sie klingen …

BC Da will ich auch gar nicht drüber nachdenken. Wenn ich darüber nachden­ken wollte, könnte ich ja gleich eine Pressemitteilung schreiben. Obwohl ich natürlich zu jedem Song eine Haltung habe, wie sollte es auch anders sein. Aber wenn ich sie öffentlich machen würde, wäre die Art, wie die Songs aufgenom­ men werden, ja vorgegeben.

MA Ein Song ist ein künstlerisches Statement. Dazu muss man nichts weiter sagen. Weil es einerseits nicht der Sinn der Sache wäre und es andererseits auch unnötig ist, denn die Songs werden offenbar ohne eine Erklärung ganz gut aufgenommen.

HP Sie sind mittlerweile beim siebten Album, nicht wahr?

BC Keine Ahnung.

MA Ja,ich glaube. Wir haben drei EPs und sieben Alben.

BC Ich weiß es wirklich nicht.HP Im Ernst?

BC Wissen Sie denn, mit wie vielen Leuten Sie Sex hatten?

HP Äh … ich habe nicht mitgezählt.

BC Und ich habe nicht bei unseren Alben mitgezählt.

HP Ich wünschte, meine Antwort wäre „sieben” gewesen.

BC/MA Hahaha!

Jacke VINTAGE

Man sollte an dieser Stelle einfügen, dass Deerhunter inzwischen tatsächlich bei ihrem achten Album angekommen sind. Das Debüt „Turn It Up Faggot“ erschien 2005 und kann als scheppernd, krachiges Ungetüm beschrieben werden, das heute nicht einmal vor den Ohren der Band noch Gnade findet. Moses Archuleta hatte sich erst kurz vor den Aufnahmen das Schlagzeugspielen beigebracht, die Texte, die Bradford Cox singt, versteht bestenfalls nur er selbst. Auf dem Cover ist Jared Swilley, der Sänger und Bassist der Band Black Lips, doppelt im Profil zu sehen, und zwar nackt, mit halber Erektion und einem Hirschkopf über dem Schädel. Wer nur flüchtig hinschaut, hält das Coverbild für einen interessanten Rorschach-Klecks. Was danach kam, war eine muntere Folge aus überbordenden Klangflächen, Sixtiespop und Garagenrock. Zuletzt erschien 2015 „Fading Frontier“, das erste Alterswerk der Band.

HP Passiert es Ihnen manchmal, dass Sie Ihre eigenen Songs nicht mögen?

BC Selbstverständlich. Es gibt Zeiten, in denen ich gewisse Songs nie wieder hören will. Wir arrangie­ren sie dann um oder versuchen, sie anders zu spielen, wenn das Publikum sie hören will. Schließlich spielen wir nicht, um uns selbst zu unterhalten.

MA Es ist ein Dialog zwischen Band und Publikum.

BC Das Publikum zu ignorieren ist meines Erachtens ein sehr konservativer Ansatz, wahrscheinlich so ein 80er ­Jahre ­Ding. Daran glaube ich nicht. Ich meine, man muss an das glauben, was man macht, weil es sonst unaufrichtig wäre, aber es muss möglich sein, die Erwartungen der Hörer nicht komplett abzuleh­nen. Das ist einfach nur altbacken und langweilig.

„Ich denke, dass Social Media durch Memes ersetzt werden. Die Leute kommunizieren vermehrt durch Memes.“

Moses Archuleta

MA Wir haben natürlich Wege herauszufinden, was das Publikum von uns erwartet. Das ist ein bisschen wie bei einer TV-­Serie, wo es einen Showrunner gibt, der den Verlauf der Handlung vorgibt, wobei er aber auch auf die Wünsche der Zuschauer eingeht, soweit es im Rahmen der Produktion möglich ist. Die Hand­lung ist sowohl in Stein gemeißelt als auch variabel.

BC Ein Gegenbeispiel ist für mich die letzte Staffel von „Twin Peaks“, die bereits komplett abgedreht war, bevor die erste Folge ausgestrahlt wurde. Die Möglichkeit, das Feedback der Zuschauer zu berücksichtigen,war damit sozusagen eingeschränkt.

MA Ja, die letzte Staffel war im Grunde ein vielstündiger Film.

HP Ich nehme an, die Staffel hat Ihnen gefallen?

BC Ich verehre sie!

MA Sie ist für mich der Beweis, dass „Twin Peaks“ eine der größten Erzählungen unserer Zeit ist, eine von Anfang bis Ende herausragend künstlerische Leistung.

BC Dabei geht es nicht um irgendeine Nostalgie, weil sie sich – und das ist das Tolle daran – bewusst gegen Nostalgie wendet.

MA Ehrlich gesagt hat „Twin Peaks“ für mich das Fernsehen ruiniert. Seitdem habe ich keine anspruchsvolle Serie mehr gesehen oder sehen können. Immer wenn ich es versucht habe, schwand mein Interesse binnen kürzester Zeit.

HP Ich fand die letzte Staffel eher nervig.

BC Sagen Sie das noch mal!

HP Ich fand’s nervig. Aber ich mochte die erste und auch die zweite Staffel, die ja sonst eigent­lich niemand mag.

BC Doch, ich.

MA Ich auch.

HP Es ging mir auf die Nerven, dass Kyle MacLachlan in den ersten Folgen nicht richtig sprechen konnte – und dann bin ich irgendwann ausgestiegen.

BC Ja, entweder man vertraut dem Künstler und stellt seine Erwartungen zurück, oder man ist raus. Aber dass er nicht geredet hat, war mir eigentlich egal.

Bevor das neue, achte Deerhunter-Album, über das nicht gesprochen werden kann, vermutlich irgendwann im September erscheint, hat die Band die Kassette „Double Dream of Spring“ veröffentlicht, auf 300 Exemplare limitiert und nur bei Konzerten erhältlich. Der Titel könnte sich wahlweise auf ein Gemälde von Giorgio de Chirico aus dem Jahre 1915 beziehen oder auf einen Gedichtband von John Ashbery von 1970. Man könnte sie natürlich nach der exakten Quelle fragen, doch schon die bloße Erwähnung der Kassette bringt Bradford Cox in Habachtstellung.

BC Die Sache hat sich als gewaltiges Missverständnis entpuppt.

MA Es gab die Tendenz, etwas auf diese Kassette zu projizieren, was der Bei­läufigkeit der Sache nicht angemessen war. Die Leute dachten, es wäre ein Manöver, um eine Rarität zu lancieren, dabei war die Sache im Ursprung ziem­lich unschuldig.

HP So etwas passiert halt im Zeitalter des Bloggings.

BC Also das Zeitalter des Bloggings ist seit etwa zehn Jahren vorüber.

„Wenn Sie uns fragen, warum wir eine Sty­listin haben, dann schwingt dabei die Vermutung mit, wir seien wahnsinnig bourgeois.“

Bradford Cox

HP Dann nennen wir es das Zeitalter von Social Media.

BC Okay, vielleicht Social Media, aber Social Media sterben auch. Glaube ich zumindest. Social Media verlieren ihren Unterhaltungswert.

MA Ich denke, dass Social Media durch Memes ersetzt werden. Die Leute kom­ munizieren vermehrt durch Memes.

HP Memes?

BC Also, da bin ich mir ja nicht so sicher.

MA Doch, junge Leute kommunizieren heute oft, ohne überhaupt Wörter zu gebrauchen. Nur durch Memes und Emojis. Keine Ahnung, ist jedenfalls mein Eindruck.

BC Die Leute sind es leid, von Werbung in Social Media manipuliert zu werden.

HP Sind sie das?

BC Ja! Die Privatsphäre gewinnt wieder mehr an Wert.Die Leute lehnen es ab, dass man ihre Daten sammelt.

HP Und dann nutzt man doch Whatsapp und Google Maps, weil es so praktisch ist.

MA Es ist übrigens bemerkenswert, dassman hier in Europa bei jeder Internetseite, die man aufruft, um sein Einverständnis zu den Cookie­ Einstellungen gebeten wird. Das ist eine Sache, die in den USA so jedenfalls nicht existiert!

HP Und, setzen Sie sich mit den Feinheiten der Einstellungen auseinander?

MA Ich gehe meistens sowieso davon aus, dass meine Daten längst abgespeichert sind. Ich muss zugeben, dass das vielleicht nicht die gesündeste Herangehensweise ist.

Wir haben inzwischen gelernt, dass Deerhunter eine Band ist, die wunderbare Alben veröffentlicht hat, aber nicht genau weiß, wie viele und außerdem nicht gern über ihre Musik redet; die ein Faible für schwer zu durchdringende TV-Serien hat sowie eine Skepsis gegenüber den Segnungen des Internets hegt, was sie aber nicht dazu bringt, praktische Konsequenzen daraus zu ziehen. Haben wir schon über das Erscheinungsbild der Band gesprochen? Haben wir nicht? Wir sollten es versuchen.

HP Die Band hat eine Stylistin.

BC Ja, weil Kleidung eine weitere Form der Repräsentation ist.

MA Wobei es allerdings nicht um Verkleidung geht. Es ist eher eine funktionale Verstärkung unserer jeweiligen Persönlichkeiten. Nehmen wir zum Beispiel die Gestaltung meines Schlagzeugs. Das ist eine Sache, die mir ziemlich wichtig ist, aber wichtiger ist natürlich, dass das Schlagzeug als solches auch funktioniert. Bradford wird es mit den Gitarren ähnlich gehen.

BC Ja, auf einer unattraktiven Gitarre spiele ich nicht, selbst dann nicht, wenn sie gut klingt. Man hat ein Bild vor Augen, das mit der Musik korrespondiert.

HP Ändert sich das?

BC Ständig!

„Ehrlich gesagt habe ich selbst noch gar keine Meinung dazu, wie unsere neuen Songs sind und wie sie klingen”

Moses Archuleta

HP Der Look ist also wichtig?

BC Nun ja, darüber zu sprechen ist ein bisschen so, als würde man über seine Verdauung reden. Das Thema ist irgendwie dumm, weil es dabei um unter­ schwellige Wahrnehmungen geht, die nicht ins Zentrum gerückt werden sollten. Wenn Sie uns fragen, warum wir eine Stylistin haben, dann schwingt dabei die Vermutung mit, wir seien wahnsinnig bourgeois. Jede Band versucht, mit ihrem Look zu manipulieren. Es ist für uns ein fortwährendes Experiment.

MA Und ich denke auch, dass unsere Stylistin mit uns herumexperimentiert.

BC Sie ist unsere Freundin.

 

MA Es ist alles sehr untypisch.

BC Ehrlich gesagt, haben wir keine Ahnung, was wir da tun.

HP Geht es nicht auch darum, sich auf der Bühne wohler zu fühlen? Ich nehme an, dass Sie auf der Bühne eine Rolle spielen.

BC Ja, es ist Theater. Viele Jahre habe ich Sachen getragen, die … Ich meine, es ist so, als würde man Fotos von sich als Teenager be­trachten, oh je.

MA Ich denke, wir haben inzwischen das Alter, uns auf so etwas einzulassen.

BC Lisa (Lisa Jarvis, die Stylistin der Band) hat mir einen Kimono aus Aluminium geschickt. Keine Ahnung, okay, ich versuch’s einfach. Als man jünger war, hätte man gedacht: Das ist viel zu prätentiös.

MA Oder man hätte es als das Prätentiöse geschätzt.

BC Also ich nicht.

MA Manche Leute schon.

BC Aber wir reden ja hier über uns. In meinen jungen Jahren hätte ich unendlich lang darüber nachgedacht: Was sagt es aus? Ist es bourgeois? Nehmen wir zum Beispiel die beiden prunkvol­len Sessel hier im Raum. Was sagen sie über die­sen Ort aus? Stehen sie da, weil sie den Klassenun­terschied deutlich machen sollen? Keine Ahnung, wahrscheinlich ist es eher so, dass sie beim Trödler nur 20 Euro gekostet haben.

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