YUSSEF DAYES – DUALITY

Yussef Dayes hat Erfolg mit dem was er macht, das merkt man schnell. Nicht nur daran, dass er viel zu spät zu seinem Auftritt kommt – natürlich nicht seine Schuld – sondern auch daran, wie er gelassen und mit überzeugender Selbstverständlichkeit von seiner Kunst erzählt. Natürlich ist das Schlagzeug ein Instrument welches in der Mitte der Bühne zu stehen hat und von Gitarre und Bass „nur“ begleitet wird, natürlich ist das Schlagzeug auch melodisch und natürlich ist das Schlagzeug die Basis für jede gute Musik. Yussef Dayes zeigt wie kaum einer vor ihm, was das Schlagzeug kann, der Londoner Künstler hat es geschafft, aus dem Rhythmus-angebenden Hintergrund-Instrument ein Soloinstrument zu machen, mit welchem er sowohl Fans als auch Kritiker zu überzeugen weiß.

Sein erstes Drum-Set bekam er mit gerade mal vier Jahren, nach einer Ausbildung zum Jazz-Musiker (immerhin vor seinem zehnten Lebensjahr) und einem zweijährigen Studium bei Billy Cobham, dem legendäre Drummer von Miles Davis, gründete er zusammen mit seinen Brüdern die von Afrobeat- und Rock-beeinflusste Jazzband „United Vibrations“.

Gemeinsam mit seinem Freund Kamaal Willimans arbeitete er dann ab 2015 an dem Debütalbum „Black Focus“, welches ihm internationale Bekanntheit und Auszeichnungen bescherte, darunter den „Jazz FM Award 2017“ als bester Breakthrough Act. Darauf folgten Ausflüge in die Modewelt, Virgil Abloh bat ihn um eine Zusammenarbeit für Louis Vuitton, und Kollaborationen mit Musik-Größen wie John Mayer.

Spannend bleibt und ist aber nach wie vor seine Virtuosität an den Drums, in der Mitte der Bühne. Neben Bass, Gitarre oder Piano vergisst man schnell, wer hier wie den Ton angibt, der Rhythmus selbst scheint Melodie zu werden. Selbst das Techno-verliebte, Takt-verwöhnte Berliner-Club-Publikum wirkt bei seinem Konzert fast schon überrascht, ergriffen, der Beat kann so vielseitig sein, dynamisch, ekstatisch, mitreißend, alles ohne Turntables und Boxen.

Nun, Yussef Dayes veröffentlichte dieser Tage seine neue Single „Duality“, bestehend aus den Tracks „For my Ladies“ und „Othello“ zusammengefasst in einem Video. Grund genug für ein Gespräch:

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INTERVIEW Wenn Sie jemand fragen würde was Sie beruflich machen, würden Sie dann sagen Sie sind Schlagzeuger alla Pianist, oder allgemein Musiker?

YUSSEF DAYES Ich bin Schlagzeuger, das ist mein Hauptding, außerdem bin ich Produzent und Band-Leader.

INTERVIEW Es kommt nicht oft vor, dass das Schlagzeug im Zentrum einer Band steht, wie erarbeitet man sich diese Position, bzw. komponieren Sie auch das was Sie spielen?

YD Ich produziere die Alben, die Idee wie die Tracks aufgenommen werden usw. stammen von mir, das letzte Album war aber eine Koproduktion.

INTERVIEW Sind Sie auch für die Melodien verantwortlich?

YD Wir machen das zusammen, ich wähle mindestens die besten Teile aus, d.h. ich bin eher Regisseur als Komponist. Wir machen Musik, indem wir alle in einem Raum spielen und alle  haben Ideen. Ich entscheide dann, welche Ideen ich gut finde und wo wir weiter machen. Aber ja, ich habe auch selbst Vorschläge für Melodien. Und übrigens, ich  verstehe das Schlagzeug auch als ein melodisches Instrument, ein großer Teil der Musik die existiert, entsteht mit dem Schlagzeug.

INTERVIEW Tatsächlich?

YD Ja, das ist so und ich mache das ja auch so, der Rhythmus macht die Musik. Die Leute sehen das nur normalerweise nicht.

INTERVIEW Auf die Frage wollte ich hinaus, was ist wichtiger, der Rhythmus oder die Melodie?

YD Wenn du einen soliden Rhythmus hast, der die Leute dazu bringt etwas zu fühlen, dann ist der Rest nicht mehr so kompliziert, es handelt sich dabei sozusagen um das Fundament, auf welchem alles andere aufbaut. Z. B. bei Reggae, oder jamaikanischer Musik  ganz allgemein, da ist es der Rhythmus der die Musik schreibt. Die Art wie Bob Marley auf die Drums und den Base hört – der Base schreibt die Tunes und wenn du diese starke Grundlage hast, kommt der Rest fast von alleine, weil du schon einen soliden Groove-, ein Gefühl hast.

INTERVIEW Ist Rhythmus etwas was man entweder hat oder nicht hat und die Melodie mehr das Handwerk, welches man dazulernen kann?

YD Die Melodie ist die Geschichte die du erzählen willst, du kannst die Vokabeln lernen, aber es geht darum wie du deine Geschichte erzählen willst. Jeder hat eine andere Reise im Leben und die Instrumente sind, ähnlich wie die Stimme – also eigentlich sehe ich Instrumente als gleichgestellt mit der Stimme – also die Instrumente sind das Werkzeug mit denen du von deiner Reise erzählst, mit der sprichst.

INTERVIEW Wann haben Sie angefangen ihre Geschichte „professionell“ zu erzählen?

YD Ich trete auf seitdem ich zwölf bin, bzw. meinen ersten Gig hatte ich mit zehn. Ich spiele, ich spielte jeden Tag, ich habe das auch in der Schule schon professionell gemacht.

INTERVIEW Und waren Sie auch immer schon Solist?

YD Früher spielte ich in einer Band mit meinen Brüdern, wir nannten uns „United Vibrations“ das ging los mit sieben und wir machten das bis ich 23 war.

INTERVIEW Aber wie haben Sie es geschafft, das Zentrum der Band zu werden?

YD Das ging damit los, dass ich mir überlegt habe welche Musik ich machen will. Ich wusste, wenn ich mich als Künstler definieren will, dann muss ich mein eigenes Ding machen. Und ich wusste, ich will meine eigenen Platten produzieren, meine eignen Projekte gestalten. Irgendwann kannte ich dann die Musik die ich machen wollte, ab dann gab es keine Kompromisse mehr. Ich spielte mit Rocco Palladio am Bass, Charlie Stacey, Alfa Mist, Mansur Brown, mit all diesen Künstlern arbeitete ich als Solist zusammen und trotzdem kehre ich ab und an zu meinen Brüdern zurück und mache mit ihnen Musik, das ist meine Grundlage, das ist ein Teil der Reise und es wichtig, dass du deine Basis kennst.

INTERVIEW Die Reise scheint momentan ordentlich an Fahrt aufzunehmen…

YD Ich sehe das als andauernde Entwicklung, die nie stoppt, ich mache einfach weiter.

INTERVIEW Gibt es keine Ziele?

YD Das Ziel ist, dass das mein Leben ist. Drums, Musik machen… Dabei habe ich jedes Jahr andere Bestrebungen, mal möchte ich mehr im Studio sein und Musik schreiben, dann möchte ich wieder auftreten, meine Musik den Leuten geben und  Energie verteilen. Es ist schön zu sehen, wenn die Leute crazy reagieren, du einen Vibe spürst. Trotzdem bin ich auch gerne im Studio, da ist es persönlicher, da kann ich mich fokussieren. Das ist dann nicht unbedingt die echtere Erfahrung, aber eine Platte zu machen und sie aufzunehmen, das ist eine andere Kunst. Manchmal nehmen wir auch live auf, der Sound ist dann der gleiche, aber die Energie ist eine ganze andere.

INTERVIEW Es gibt Musiker die leben für den Auftritt, sie brauchen das Feedback. Geht es Ihnen auch so?

YD Es ist eine Kombination, woran du auch immer glaubst, Gott, den Allmächtigen, die Allmächtige, ich glaubte immer an die Musik und das muss ich den Leuten vermitteln. Ich will damit sagen, dass das größer ist als ich und wenn du das weißt, dann musst du das teilen. Es ist nicht einfach nur eine persönliche Geschichte, es ist für jeden. Aber manchmal gibt es auch persönlichere Zeiten, da genieße ich es alleine zu sein.

INTERVIEW Reisen Sie eigentlich mit ihrem eigenen Schlagzeug?

YD Nein. Nur wenn ich in London spiele, aber ich kann mit meinem Drum-Kit nicht fliegen.

INTERVIEW Ist das ein Ziel?

YD Irgendwann vielleicht. Ich bringe jetzt schon meine eigenen Becken mit, ich spiele nur auf meinen „Istanbul Agop Cymbals“ die sind großartig. Sie werden in der Türkei von einem kleinen Familienunternehmen hergestellt die noch das ganze alte Werkzeug haben.

INTERVIEW Ist es zu einfach Ihre Musikrichtung als Jazz zu bezeichnen?

YD Man kann es bezeichnen, wie man es bezeichnen will. Ich bin aber so frei das zu tun, was ich tun will. Ob der Rhythmus jetzt vom Hiphop, Westcoast, Folk, John oder Alice Coltrane oder was auch immer beeinflusst ist, ich nutze die unterschiedlichsten Inspirationsquellen. Mein Vater ist Jamaikaner, meine Mutter Engländerin, ich habe viel über Reggae gelernt aber auch über Musik aus West Afrika. Alles ist mit allem verbunden und der Rhythmus ist das Herz davon. Jazz ist ein riesen Begriff, darunter fällt der 70ies-Funk-Shit, westafrikanische Musik, Hiphop… der Rhythmus ist immer der gleiche. Der Mensch braucht Schubladen, aber ich lasse mich davon nicht definieren, ich könnte eine Session mit dem Hiphop Produzenten Battlecat in LA spielen, aber auch mit Terrace Martin und der ist ja auch irgendwie mit Jazz verbunden. Meine Technik oder meine musikalische Sprache erlaubt es mir unter dem Oberbegriff Jazz, in unterschiedliche Richtungen zu gehen, ich bin dahingehend frei und ich lasse mich keinem Genre zuordnen.

INTERVIEW Ist auf einem Konzert der erste oder der letzte Song der wichtigste?

YD Es ist immer gut mit guter Energie zu starten, darauf baut dann das restliche Set. Oft enden wir mit Improvisationen, das gefällt mir, weil die Leute so sehen wie wir mit Musik arbeiten. Das kann dann in ganz unterschiedliche Richtungen gehen. Im Grunde ist es mir aber am wichtigsten, ein ganzes Bild zu zeigen und den Leuten einen Moment zu geben. Das kann man nicht planen und auch nicht wiederholen. Wir haben unterschiedliche Tracks und erzählen Geschichten, aber es geht um die Reise – vom Anfang bis zum Ende.

 

 

Photos FLORIAN JOAHN

Words TOBIAS LANGLEY HUNT