YUNG – DER FILM

2019: Erstmals seit 2008 verzichtete der Langenscheidt-Verlag auf die Wahl des Jugendwortes des Jahres – bedauerlich. Denn, auch wenn die Entscheidung meist mit Spott – zu unjugendlich, zu unwissenschaftlich – begrüßt wurde, bot sie Stoff für eine Auseinandersetzung mit der unverständlichen Parallelwelt die man Jugend nennt.

Dieses Jahr hätte „OK Boomer“ hoch im Kurs sein können, der disqualifizierende Ausdruck junger Leute, die sich nicht mehr von der eh schon zahlenmäßig überlegeneren Babyboomer-Generation belehren lassen wollen, auch weil viele Probleme der CO2 gebeutelten Welt auf die zwischen 1950 und 1970 Geborenen zurückzuführen seien. Aber auch ohne die Langenscheidt-Wahl bleibt der medial beschworene „Generationenkonflikt“ nicht aus, „OK Boomer“ postete sich als Meme-gewordene Kampfansage an die Spitze des ungleichen Duells zwischen Jung und Alt. „Mit dieser Aussage entlarvt sich die Jugend doch selbst, als Schule-schwänzende Larifaris ohne Argumente, die den von uns erarbeiteten Wohlstand nicht wertzuschätzen weiß“.

Das Problem an diesem sich gegenseitigen Nichtverstehen ist die Asymmetrie der Diskussion, die Jugend war nie erwachsen, spricht also aus einer akuten ist-Situation heraus, die „Alten“ waren mal jung, kennen also vermeintlich beide Perspektiven, wobei sie die eine verklären oder sogar gänzlich vergessen scheinen.

 

An dieser Stelle tritt Henning Gronkowski auf den Plan, selbst noch ziemlich jung mit seinen 31 Jahren, zumindest ziemlich jugendlich geblieben, nicht nur im Geiste. Er zeichnet mit seinem neuen Kinofilm YUNG ein Porträt des Jungseins, was dem Verständnis nicht unbedingt hilft, die jugendlichen Protagonistinnen aber ehrfurchtsvoll auf eine argumentative Augenhöhe ihrer Eltern bringt. Letztere wissen ja gar nicht, was das „gerade-noch-Kind“ alles erlebt, Jugend ist nicht nur eine zwei bis drei, Hormon-getriebene Jährchen anhaltende Phase, die sich irgendwann verwächst. Nein, Jugend ist prägend, ein Leben für sich, mit Drogen, Party, Sex und natürlich auch der Liebe, intensiv, mehr oder weniger reflektiert, unendlich.

Gronkowski zeigt seinen Aspekt des Jungseins, welchen er mit einer nie endenden Bewegung vergleicht, jung waren alle mal, die Jugend wird es immer geben. Er sieht dabei keinen Widerspruch zur ziemlich konkreten Fridays For Future-Fraktion und wahrscheinlich hat er da sogar recht, was bedeutet es schon globale Probleme zu erkennen und auch zu benennen, wenn das eigene Innere ein großes emotionales Wirrwarr darstellt? Kann man nicht vergleichen und macht Gronkowski auch nicht. YUNG ist nicht politisch, wertet und verklärt nicht, YUNG stellt schlicht eine, zugegeben an einigen Stellen vom Rausch und Bass vernebelte, aber doch ziemlich krasse  Realität dar.

YUNG zeigt das exzessive Leben der vier Freundinnen Janaina, Emmy, Joy und Abbie. Party und Drogenkonsum scheinen der Mittelpunkt ihres Lebens, während die eine von einer Zukunft in Los Angeles träumt und die andere für ihr Abi lernt. Immer wieder eingespielte Interview-Sequenzen geben den Hauptdarstellerinnen die Chance zu resümieren und reißen den Zuschauer unnachgiebig mit in den „flirrenden Trip (…) durch die pulsierende und hedonistische Subkultur des modernen Berlin.“

YUNG ist das Spielfilm-Regiedebüt der ehemaligen Klaus Lemke Muse Henning Gronkowski, der auch das Drehbuch schrieb. Ein Tag nach offiziellem Kinostart von YUNG, trafen wir ihn auf ein Getränk in einer Berliner Bar um mit ihm über Jugend, Rausch und seine Zusammenarbeit mit DJ Hell (ihm sind Teile des Soundtracks zu verdanken) zu sprechen.

INTERVIEW Ihr Film YUNG ist schon über ein Jahr alt…

 HENNING GRONKOWSKI Der Film ist von heute, er wurde aber über die letzten zwei Jahre hergestellt. Es handelt sich dabei um einen Prozess: von dem Zeitpunkt, ab dem ich wusste, dass ich das machen will bis heute. Der Film war die ganze Zeit in der Mache, es gab kein Anfang und Ende im Sinne von: Drehen, schneiden, fertig. Der Film hat mich die ganze Zeit beherrscht, jeden Tag, außer wenn ich geschlafen habe. So habe ich das Gefühl, dass der Entstehungsprozess eine Bewegung darstellt, eine Bewegung die es eigentlich weltweit gibt.

INTERVIEW Können Sie diese Bewegung genauer beschreiben?

HG Dafür müsste man den Film gucken und sich mit ihm identifizieren können. Aber es ist vor allem die Bewegung des Jungseins und der Genuss einer Situation, die aktuell ist. In diesem Fall hat das vielleicht viel mit elektronischer Musik, Cloud Rap, Techno, Drogen, Partys, Style, Fashion, aber auch Liebe, sexuelles Experimentieren, Ausprobieren, Homosexualität zu tun, alles ist erlaubt, das ist alles gar nicht mehr definiert, das wird einfach irgendwie gemacht. Die Mädchen in dem Film finden etwas über Beziehungen und über sich selbst heraus. Man ist jung – YUNG – das Wort kommt ja auch daher. Man soll diese Bewegung genießen, weil man sich sicher sein kann, bzw. ich bin mir sicher, dass sie nicht für immer anhalten wird, irgendwann ist es vorbei. Trotzdem geht es immer weiter, jeder war mal jung, es wird YUNG immer geben. Dementsprechend glaube ich auch, dass dieser Film nie alt wird, weil er eine Geschichte erzählt, die nicht alt werden kann, er reißt einen einfach in das Leben von jungen Menschen von heute mit. Von den jungen Leuten, die dieses Generationsportrait geprägt haben.

INTERVIEW Das Spannende daran ist, und das sagen Sie selbst, dass dieses Setting des Jungseins, für welches Sie sich entschieden haben, nicht wirklich jung ist. Jugendliche auf vergleichbaren Partys gibt es schon seit den 80ern, wenn nicht sogar noch länger.

HG Ja, genau.

INTERVIEW Es gibt aber auch eine recht neues Phänomen der Jugend, eine viel aktivere, engagiertere Jugend, die auf die Straße geht und klare Ziele formuliert. Widersprechen sich diese Bewegungen nicht ein bisschen?

HG Es heißt ja nicht, dass die Jugend die auf die Straße geht und ‚Greta‘ schreit nicht auch im Techno-Club steht und ‚DJ Hell‘ schreit, das steht sich nicht im Wege. Es kann auch sein, dass der vegane Superspießer sich am Wochenende auf dem Klo einer Bar Kokain reinschnupft – Tiere schützen aber Menschen sterben für das weiße Pulver. Das widerspricht sich nicht sondern ist beides da. Das ist es ja, es existiert einfach und zwar in jeder Metropole in der ich bis jetzt war. Man erkennt seine Schweine am Gang, wenn man selbst aus dieser Welt kommt, egal wohin man geht, dann riecht man den Joint, dann ist da dieser Blick, man sieht die Leute die im Restaurant aufstehen, man weiß genau wo sie hingehen und was sie machen. Das wird nicht aufhören, ich wollte aber den aktuellsten Stand behandeln, ich wollte kein Remake von Christiane F, ich will nicht etwas was in den 80ern oder 90ern passiert ist in eine schlechte Serie pressen um damit Geld zu verdienen, das würden anderen Leute aus der Industrie so tun um irgendwas auszuschlachten. Wenn man aber wirklich einen Film machen will, dann macht man das nicht fürs Geld, das hat viel mehr mit der Liebe zum Aktuellen, zum Relevanten zu tun, mit dem Spiegel der Gesellschaft. Ich möchte das was ich mache gerne zeigen. Ich möchte mich nicht anbiedern und ich urteile auch nicht, jeder kann mit seinem Leben machen was er will. Mein Film muss aber interessant und relevant genug sein, dass man über ihn spricht, er ist auch für Eltern interessant, ob sie den Film hassen oder lieben werden weiß ich nicht, aber auf jeden Fall werden sie anfangen sich für ihre Kinder oder Jugendlichen zu interessieren, auch wenn sie tätowierte Finger haben. Vielleicht löst das irgendwie irgendwas aus.

INTERVIEW Jetzt haben sie es selbst schon erwähnt, ihr Film urteilt nicht, dadurch wirkt er an vielen Stellen beinahe dokumentarisch, wie eine Tatsachenbeschreibung. Trotz alledem kann Ihre Beschreibung dieses Aspekts des Jungseins auch sehr abschreckend wirken, das Unverständnis von Eltern zu ihren jugendlichen Kindern könnte größer werden.

HG Aber man muss ja mit der Realität leben. Klar, man kann sie auch totschweigen…

INTERVIEW Es war Ihre Entscheidung genau diesen Teilaspekt des Jungseins zu zeigen.

HG Ja, aber es sind ja sehr selbstbewusste, schlaue, junge Mädchen die da sitzen und wirklich auch über ihr Leben reflektieren, die sich wirklich Gedanken machen, das finde ich schon sehr fortschrittlich.

INTERVIEW War das früher nicht so?

HG Das hat nichts mit früher oder heute zu tun, für mich geht es nicht um: „früher war es anders“. Ich bin im hier und jetzt und wollte nichts über DDR- oder Nazi-Kids drehen. Wir sind in Berlin, Deutschlands Hauptstadt, gucken wir hin oder sehen wir weg? Ich würde sagen wer wegsieht stellt sich blind, der kann die AfD wählen, so. Vielleicht ein schlechtes Beispiel aber Sie wissen was ich meine. Es macht keinen Sinn wegzusehen, während die Scheisse doch passiert. Dabei ist es nicht nur scheisse, weil viele Leute ja auch nur deswegen heute da sind wo sie sind, weil sie in ihrer Jugend Erfahrungen gemacht haben die sie dorthin gebracht haben. Sie haben entschieden nicht das zu machen was die Eltern, die Lehrer oder die Regierung ihnen sagen, sondern sie machen das was sie wollen, auch in Bezug auf Drogen, Sex, Alkohol und auch in Bezug auf Freiheit. Abhängen wo ich will, feiern gehen ob Tags oder Nachts, alles meine Entscheidung, die Bewegung genießen.

INTERVIEW Und die Konsequenzen, welche gewisse Entscheidungen nach sich ziehen, wie viel Freiheit lassen die zu? Wird der Freiheitsgedanke nicht dadurch eingeschränkt, an gewissen Punkten zu merken, dass man eben nicht immer tun und lassen kann was man will?

HG Die Konsequenz ist, dass man aus jedem verdammten Fehler lernt und manche müssen das eben auf die harte Tour tun. Wenn man die Kurve nicht bekommt, hat man eben ein Problem, das muss jedem klar sein. Wenn ich mich auf gewisses Zeug einlasse, kann ich abhängig werden, damit muss ich leben. Für mich ist YUNG aber gar nicht so der Drogenfilm, es ist ja das normalste der Welt, was ich da zeige, es ist das, was ich jeden Tag sehe in dieser Stadt.

INTERVIEW Eben aber schon auch ein bisschen das Berlin-Klischee, oder?

HG Nein, das eben nicht. Berlin ist nicht direkt dargestellt, man sieht ja nichts von der Stadt, ich zeige kein Bild vom Fernsehturm usw. es wird gezeigt wie hart man hier feiern und abgehen kann, ja, aber das findet man auch in Amsterdam, in London, in Barcelona, in – wo war ich noch? – New York oder Mexiko City, das sind jetzt nur ein paar Städte, ich kann nicht jede Stadt besuchen, aber selbst in Estland, in Tallinn, habe ich auf dem Filmfestival die wildesten Raver gesehen die genauso tanzen wie die Leute im Berghain. Wie gesagt, es ist eine weltweite Bewegung, sie ist einfach da. Und klar, viele von den Leuten sind Ausbrecher, Querköpfe, freiheitsliebende Hedonisten, Kreative, Leute die nicht in diese christliche Beziehungskiste gesteckt werden wollen, die nicht ein 2000 Jahres altes Konzept der monogamen Beziehung leben wollen.

Und ich zeige dabei hauptsächlich vier super selbstbewusste, junge Mädchen, die einfach ihre Erfahrungen sammeln wollen und das muss man ihnen auch zugestehen. Klar müssen sie sich über die Konsequenzen informieren, aber das müssen sie selbst tun, man kann nicht erwarten, dass Mama, Papa oder Henning ihnen das sagen.

INTERVIEW Wie bewusst war denn die Entscheidung, dass vier Teenagerinnen  die Protagonistinnen sind?

HG Eigentlich war der Film als eine Freundschaftsgeschichte zwischen zwei Mädchen geschrieben, auch ein Junge sollte eine sehr große Rolle haben. Mir ist aber aufgefallen, dass Jungs, besonders wenn es Laiendarsteller sind, vor der Kamera oft angeben, super viel posen und da habe ich schnell gemerkt, zumindest bei denen die ich kennengelernt habe, dass Mädchen die cooleren Jungs sind. Also habe ich die Rollen ein bisschen umgeschrieben und vor allem noch die beiden anderen Mädchen kennengelernt. Das ist auch spannend, weil die in so Gruppen abhängen und alle etwas miteinander zu tun haben, man bekommt einen Einblick in die unterschiedlichsten „Kinderzimmer“.

INTERVIEW Ich habe diese Frage gestellt, weil man den Film durch seine Besetzung einerseits als feministisch auslegen könnte, den Bechdel-Test würde er auf jeden Fall bestehen. Es werden fast ausschließlich weibliche Charaktere dargestellt, die vollkommen losgelöst von irgendwelchen Männern agieren und das ist in der Filmlandschaft nach wie vor relativ selten.

HG Es wäre ja toll gewesen, hätte ich mir das alles ausgedacht worüber die da so reden usw. aber es handelt sich nun mal um echte Mädchen, die über echte Dinge reden, ich hatte einfach nur das Glück, dass sie mir die Möglichkeit gegeben haben sie dabei filmen zu dürfen.

Henning Gronkowski, Photo: Edgar Herbst

INTERVIEW Und trotzdem ist YUNG ein Spielfilm und keine Dokumentation.

HG Richtig, der Film hat ja in dem Sinne auch nicht den Look einer Dokumentation. Es ist vielmehr ein für mich selbst erschaffenes Genre, vielleicht will ich in Zukunft so weiter arbeiten, ich weiß es nicht. Aber mir gefällt die Verwirrung, die der Look stiftet, war das eben eigentlich echt? Oder nicht? Dadurch entsteht eine Energie, ich weiß nicht schon nach fünf Minuten was passiert, wie was endet, weil ich das beim Drehen oft selbst nicht wusste. Das macht den Film überraschend, obwohl er, wie im echten Leben auch, viele Wiederholungen hat, er ist repetitiv, Dinge passieren wieder und wieder. So ist aber das Leben und deshalb ist es auch nicht langweilig.

INTERVIEW Waren die Botschaften, oder vielleicht auch die Meta-Botschaften, also die Bewegung des Jungseins oder, dass der Film explizit von Frauen handelt usw. letztendlich auch nur Zufall?

HG Ich weiß nicht wie das aufgefasst wird, für mich ist das einfach die Realität die sich mir dargeboten hat.

INTERVIEW Ich kann es kaum glauben, dass da kein bisschen Kalkül dahinter steckte. Man kann sich als Mann, gerade in der aktuellen Zeit, sehr leicht angreifbar machen wenn man z.B. unreflektiert lesbischen Sex zeigt, das kann schnell nach hinten losgehen.

HG Ich denke, dass es das aber nicht ist weil die Mädchen selbst entscheiden durften wie sie das machen wollen. Das ist ja auch das Spannende an meiner Art Regie zu führen, ich lasse die Leute die Dinge machen, von denen sie eine Ahnung haben, bei denen sie wissen was richtig ist. Ich gebe quasi nur vor welche Szene wir drehen und was wir machen wollen, aber die wissen dann wie es geht. Und ich merke auch, wenn es stimmt, bzw. ich merke sofort, wenn es sich falsch anfühlt.

INTERVIEW Brechen Sie dann ab?

HG Dann breche ich die Szene ab oder stoppe den ganzen Drehtag und denke mir was neues aus.

INTERVIEW Wahnsinn

HG Ich bin da ja frei, ich arbeite nur mit meinem eigenen Geld. Warum soll ich das auch nicht so tun? Das wäre ja wie ein schlechtes Bild zu malen und es dann trotzdem auszustellen. Warum sollte ich das tun? Nein, das könnte ich nicht , ich mache das Ganze ja nur für mich – und in diesem Fall auch für die Mädchen, die mit mir zusammengearbeitet haben.

INTERVIEW Wie kam eigentlich die Zusammenarbeit mit DJ Hell zustande?

HG DJ Hell hat mein Fotobuch gesehen, welches ich für YUNG gemacht habe, mit Raver-Kids, er kam dann und hat gesagt „krass, ich unterstütze dich bei diesem Film, du musst den unbedingt machen, weil das genau das ist, was ich auch immer sehe, ich kenne diese Leute – die sind überall“. Er war immer ein Befürworter und meinte, dass das ein riesen Erfolg wird. Gut, ein Erfolg ist es jetzt auch, dass ich das geschafft habe und es wäre toll, wenn der Film junge Leute dazu inspiriert ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

INTERVIEW Wie viel Ihrer eigenen Geschichte steckt denn in YUNG?

HG YUNG ist ein absoluter Abschluss mit meiner Jugend, ich bin gerade 31 geworden. Der Film war für mich ein Befreiungsschlag um aus dieser Welt auszutreten und um wirklich zu verarbeiten, um mich mit anderen Dingen beschäftigen zu können. Nicht mehr immer nur dasselbe tun, wie die jungen Leute in dem Film. Das hat mich wahnsinnig stark gemacht, mir Kraft gegeben und mich auch irgendwie beruhigt – das ist sehr beruhigend.

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT