XAVIER LE ROY – RETROSPECTIVE

Unter dem Titel „Was der Körper erinnert“ präsentiert die Berliner Akademie der Künste vom 24.08 bis 21.09.19 Ausstellungen, Aufführungen und Diskurse. Die unterschiedlichen Veranstaltungen wollen an das Erbe des Ausdruckstanzes erinnern. Den Startschuss gibt dieses Wochenende die Tanz- und Choreografie-Koryphäe Xavier Le Roy mit seiner Ausstellung „Retrospective“. Premiere, obwohl, in diesem Falle passt das Wort „Opening“ wohl besser, war am Samstag, den 24. August im Hamburger Bahnhof. Geöffnet hat das Haus von 10:00 bis 18:00 Uhr, der Eintritt ist frei.

Xavier Le Roy, Tänzer, Choreograf und Performancekünstler, war so freundlich, uns unter anderem die feinen Unterschiede zwischen Tanz und Performance zu erklären und hochintellektuell, immerhin ist er studierter Molekularbiologe, den Hintergrund seiner aktuellen Arbeit zu erklären.

Tanz- und Performance-Interessierte sollten an dieser Stelle noch einen Blick auf die etwas unübersichtliche Website der Akademie wagen, das einmonatige Programm kann sich, mit z. B. mehr als zwanzig aktuellen Tanzproduktionen, wirklich sehen lassen.

Photo: Emma Picq

TOBIAS LANGLEY HUNT Vielleicht fangen wir unser Gespräch damit an, dass Sie uns erzählen, woran Sie gerade arbeiten?

XAVIER LE ROY Momentan stecken wir in Mitten der Vorbereitungen für die Ausstellung „Retrospective“. Die Ausstellung beinhaltet 12 Performer aus Berlin, die während der Eröffnung ‚performen‘. Gearbeitet wird mit Solo-Arbeiten, welche ich für das Theater choreografiert habe, das ist sozusagen das Material, welches die Performer auf unterschiedliche Art und Weise nutzen. Das spielt mit der Frage, was eine Ausstellung für gewöhnlich bietet, man sieht und erlebt Dinge die vor Ort sind. Abgesehen von unserer Kleidung und einen Raum mit Computern, welche Archivmaterial zeigen, gibt es keine Objekte, sondern nur die ausgeführten Bewegungen und Gespräche. Die Ausstellung referiert bekannte Ausstellungsobjekte, beispielsweise Malereien oder Skulpturen, wir performen also etwas immobiles. Außerdem extrahieren einzelne Performer Loops aus Choreografien, wir nutzen Bewegungssequenzen wobei das Ende immer der Anfang ist, ähnlich einer Video-Installation. Auf diesem Wege wird die Fortsetzung der Gegenwart von Dingen gezeigt, die gewöhnlich in Ausstellungen zu sehen sind, z. B. Kunst, die nicht unbedingt ein Anfang und ein Ende hat. Ein weiterer Aspekt der Ausstellung sind Narrationen, dieses Mal mit Anfang und Ende, die von dem jeweiligen Performer selbst entwickelt wurden, bzw. der Performer wählt einen beliebigen Auszug aus der gesamten Arbeit und baut darauf, ausgehend von persönlichen Erfahrungen, seine eigene Narration. Er wählt einen Auszug, der etwas mit ihm macht, etwas, was in ihm einer Erinnerung triggert, dabei ist jede Assoziation möglich. Der Performer performt dabei nur dann, wenn ein Besucher den Raum betritt. Generell passiert nichts wenn kein Besucher da ist, wir versuchen jeden Besucher zu begrüßen, die Performance an ihn zu adressieren.

TL Performen Sie auch, oder sind sie „nur“ der Choreograph?

XLR Es handelt sich hier um eine der wenigen Arbeiten, in denen ich nicht selbst performe.

TL Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen Performance und Tanz? Ich würde prinzipiell Performance-Kunst abgegrenzt von Tanz betrachten, allerdings wird bei Ihrer Ausstellung nur performt, wenn auch Besucher da sind, da könnte man eine Parallele zu z. B. dem klassischen Ballett ziehen, da wird es wahrscheinlich auch keine Aufführung ohne Besucher geben?

XLR Das ist ein wesentlicher Punkt welchen die Ausstellung versucht zu zeigen. Zu verstehen wie die Konventionen von Theater oder einer Performance im Theater funktionieren. Es braucht immer eine Art von Vereinbarung um Performance sehen zu können. Damit unterscheiden sich die Konditionen der Performance wesentlich von den Konditionen einer klassischen Ausstellung, dort hängen die Bilder an den Wänden, auch wenn kein Besucher da ist. Wir arbeiten mit beiden Konditionen, das heißt Kunst, die dafür gemacht wurde ein Anfang und ein Ende zu haben, wird transformiert. Wir arbeiten mit „lebender“ Kunst, sprechen aber darüber als wäre man in einer Ausstellung und nicht bei einer Performance. Es handelt sich also um eine Ausstellung die Performance miteinbezieht, das heißt, es handelt sich nicht „nur“ um Tanz.

TL Sie haben Tanz gelernt, sind sie Tänzer oder Performance-Künstler?

XLR Ich habe Molekularbiologie studiert und mir Tanz selbst beigebracht während ich meine Doktorarbeit schrieb. Mein Beruf ist inzwischen Tänzer und Choreograph.

TL Wie haben Sie eigentlich ihre Leidenschaft für Tanz entdeckt?

XLR Kurz gefasst war das ein Ergebnis der Umstände und die Umstände setzten sich aus unterschiedlichen Aspekten zusammen: Einer davon ist, dass ich immer viel Sport getrieben habe. Dann gab es viel Frustration während ich an meinem PHD arbeitete.

TL Was war frustrierend?

XLR Vieles war anders, als ich es mir ursprünglich vorgestellt habe, ich fühlte ein Verlangen etwas zu tun, nicht nur zu forschen. Außerdem kam ich gerade aus einer sehr harten, dramatischen, emotional sehr schwierigen Trennung. Ich habe damals in Montpellier studiert und dort findet im Sommer immer ein großes Tanzfestival statt, das Festival war immer sehr offen für eine Bewegung in Frankreich, die wir heute wohl zeitgenössischen Tanz nennen. Jedenfalls habe ich damals an dort gearbeitet und so die Arbeiten von Merce Cunningham, Trisha Brown, Stephen Petronio, Mark Tompkins oder William Forsythe kennengelernt, das war meine persönliche Einführung in einen Teil der Geschichte des Tanzes, das hat mich sehr beeinflusst und meine Leidenschaft wesentlich beeinträchtigt. Die wichtigste Erfahrung die ich damals gesammelt habe, war die Diversität, also all die unterschiedlichen Künstler, die so unterschiedliche Dinge machten, das war eine Plattform mit der ich mich identifizieren konnte. Ich habe also den Schritt gewagt, auch aus der Frage heraus, wie würde mein Leben als Forscher im Labor ablaufen, mit einer Arbeit die nicht unbedingt mein Interesse oder meine Leidenschaft ist? Ich wollte ein Leben führen, welches das beinhaltet was ich wirklich gerne mache, kein Leben welches Arbeit und Freizeit trennt.

TL Ist es nichtsdestotrotz auch hilfreich das Forschen gelernt zu haben? Hilft das strukturierte Denken eines Wissenschaftlers beim Erarbeiten von Choreographien?

XLR Ich weiß nicht genau ob es mir hilft oder nicht. Aber ich habe zehn Jahre in einem universitären Umfeld verbracht, das ist mein Hintergrund. Dir wird ja nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch einen Zugang zur einer Art zu arbeiten, analytisches, wissenschaftliches Denken, eine Art observieren aber auch experimentieren zu können, das trage ich in mir. Das nutze ich nicht konstant, es ist ein Teil, der sich mit anderen Dingen vermischt, etwas eine innere Intuition. Obwohl, die innere Intuition gibt es bestimmt auch beim wissenschaftlichen Arbeiten, bzw. sie sollte es geben. Das ist ganz allgemein ein spannendes Feld: wie viel Intuition lässt Forschung im Vergleich zu Kunst zu?

TL Kunst ist ja auch eine Art Wissenschaft, irgendwie. Vielleicht direkter oder persönlicher… Wie sehr wird eigentlich der Gedanke an den Besucher, bei der Kreation einer Choreographie mit einbezogen?

XLR Ich glaube, in meiner Arbeit beziehe ich das Publikum immer mir ein, bzw. den Aspekt wie ich das Publikum adressiere. Ich mag es die Relation des Zuschauers als Subjekt in meiner Arbeit zu berücksichtigen. Aber im Grunde ist das auch ein wesentlicher Kern der zeitgenössischen Performance: Jemand adressiert etwas an jemanden, wie will ich das machen? Hinterfrage ich die normative Organisation dieser Kommunikation? Wenn ich mit Ihnen spreche, sitze ich im besten Falle vor und nicht hinter Ihnen. Kunst kann aber versuchen herauszufinden, ob man das vielleicht ändern oder transformieren sollte.

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT