VARIOUS OTHERS IN MÜNCHEN

Alle Jahre wieder lädt die Münchner Kunstszene zu ihrem institutionenübergreifenden Kunstspektakel VARIOUS OTHERS ein. Weil, wie alle Jahre wieder, parallel dazu die Art Week in Berlin zur selben Zeit stattfindet, wird wieder von allen Seiten betont, wie wichtig die bayerische Landeshauptstadt als Kunststandort ist. Alleinstellungsmerkmal des Münchner Programms: nahezu alle Institutionen, also Museen, Galerien und Off-Spaces ziehen an einem Strang und eröffnen am selben Wochenende ihre neuen Ausstellungen nach der Sommerpause. Das klingt toll, der zahlenmäßige Umfang der Openings, zwingt einen aber Prioritäten zu setzten. Zum Glück laufen die meisten Ausstellungen bis mindestens Ende Oktober.

Das wesentlich spannendere Alleinstellungsmerkmal: Die lokal ansässigen Galeristen laden einen internationalen- oder nationalen Kollegen in ihre Räumlichkeiten ein, um mit ihm oder ihr zusammen eine Ausstellung zu konzipieren. Manchmal kuratorisch zufällig, manchmal kuratorisch gut abgestimmt, ist das eine spannende Konfrontation, des doch sonst sehr eigenbrötlerisch agierenden Kunsthandels und eine gute Möglichkeit, abseits von Messen, verschiedene Positionen gegenübergestellt zu sehen.

Die Galerie Jo van de Loo an der Theresienstraße 48, direkt gegenüber vom Museum Brandhorst, macht in diesem Sinne gemeinsame Sachen mit der Galerie Beat Raeber aus Zürich. Von Van de Loo kommen die Werke der niederländischen Künstlerin Anouk Kruithof, von Raeber die des deutschen Künstlers Jan Paul Evers.

Einzige Gemeinsamkeit der Künstler, beide beschäftigen sich mit Fotografie. Diese könnte jedoch  unterschiedlicher nicht sein. Evers Fokus sind manchmal abstrakte, manchmal deutlich erkennbare Objekte, diffus in körnigem schwarz-weiß fotografiert. Bei ihm handelt es sich fast ausschließlich um Einzelwerke, jedes Bild steht für sich.

Kruithof hingegen schafft farbenfrohe Serien. Die zumindest theoretisch beschränkte Zweidimensionalität des Mediums Fotografie spielt für sie keine Rolle. In diesem Fall handelt es sich um verschwommene Abbildungen von Erdöl-Ausflüssen im Meer, welche sie auf Latexstoffe oder Antirutschmatten, diese Gummi-Dinger die man aus der Dusche kennt, druckt, über Felsattrappen drapiert, oder sie mit den Schläuchen von Atemmasken rafft und an die Wände hängt. Die auf den ersten Blick sehr ästhetischen, fast schon an Designobjekte anmutende Skulpturen, werfen erst beim genaueren Hinsehen inhaltliche Fragen auf: Privatsphäre, Transparenz- bzw. Intransparenz oder Umweltverschmutzung. Wer die Atemmasken entdeckt und an Corona denkt, der wird enttäuscht, stellen wir um Gespräch mit der Künstlerin Anouk Kruithof und Galerist Jo van de Loo fest.

JO VAN DE LOO Ich finden den Fakt, dass deine Arbeiten im Jahr 2017 entstanden sind sehr wichtig. Es kommen immer wieder Leute auf mich zu die sagen, die Arbeiten sind ja so up to date, aber ich muss sie dann immer enttäuschen.

ANOUK KRUITHOF Die Arbeiten sind zum großen Teil sogar schon 2016 in Mexiko entstanden. Die erste Show war dann 2017 in Zagreb. Aber ja, es ergibt Sinn, wenn man heute Atemmasken sieht, dann denkt man sofort das basiert auf Corona. Die Bedeutung verschiebt sich.

JVDL In der ersten Ausstellung die ich mit dir gemacht habe, „NEUTRAL“,  waren Latex und verschwommene Bilder auch schon ein Thema.

AK Ich habe damals Fotos vom Instagram Account des TSA genommen. Wenn sie Handgepäck checken und Waffen finden, dann machen Sie ein Foto davon, daneben liegt dann oft der geblurrte Ausweis der Person. Ich habe diese geblurrten Ausweise genommen und auf transparente Materialen und Latex gedruckt und dann Skulpturen daraus gemacht. Ich habe den Leuten, die mit Waffen erwischt wurden, quasi eine neue Identität gegeben.

INTERVIEW Und warum Latex?

AK Ich arbeite schon lange mit Foto-Skulpturen, Latex benutzte ich aber erst seit 2014, für   meine Arbeiten mit dem Titel #EVIDENCE. Ich wollte transparente Materialien nutzen, weil es inhaltlich ja eigentlich überhaupt nicht um Transparenz geht. Diese Technologien der Regierung, die deine Identität feststellen und so weiter, sind alles andere als transparent. Auf Papier zu drucken ist sehr limitiert und hart, Latex hingegen funktioniert wie ein Körper, die meisten denken bei Latex an SM oder so, es wird also sofort ein menschlicher Kontext assoziiert, vor allem dann, wenn man daraus eine Skulptur formt.

INTERVIEW Sprechen wir kurz über Corona: Wie haben Sie den Lockdown überstanden?

AK Für mich war das Okay. Die meiste Zeit meines Lebens fühlt sich eh wie Quarantäne an. Ich bin gleichzeitig ein introvertierter wie extrovertierter Mensch, wenn ich arbeite sehe ich kaum Leute und gehe nicht raus. Ich gehe auch nur einmal alle zwei Wochen einkaufen und versuche Supermärkte zu meiden, weil ich das Gefühl habe, dass mich zu viel Konsum mental ablenkt. Ich bin aber auch sehr privilegiert, ich habe ein eigenes Studio in einem Fabrikgebäude, ich bin also zu abgeschieden um mich mit irgendwas anzustecken. Aber natürlich, der soziale Aspekt fehlt schon irgendwann, wenn man nicht mal theoretisch jemanden treffen kann, fühlt man sich ab einem gewissen Punkt ein bisschen einsam.

INTERVIEW Als Galerist war die Situation etwas härter, nehme ich an.

JVDL Ja, für uns war das härter. Wir waren ja einer der ersten Räume in München, die wieder geöffnet haben, aber aus einer natürlichen Reaktion heraus war ich davon anfangs nicht wirklich überzeugt. Ich wusste nicht, ob das cool sein würde, wenn viele Leute in die Galerie kommen und so weiter. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich eh mit offenen Grenzen lebe, weil meine Kinder auch wieder zur Schule müssen, also konnte ich mich damit abfinden. Irgendwann haben wir ja alle ein bisschen die Angst verloren, es blieb einem auch nichts anders übrig. Und letztendlich war es schön und wichtig, dass die Museen und Galerie wieder öffneten, während des Lockdowns war die Stadt ohne Seele. Wirtschaftlich bin ich in der privilegierten Situation, dass ich die meisten meiner Kunden persönlich kenne. Sie haben mich angerufen, wenn sie in die die Galerie kommen wollten.

INTERVIEW Was denken Sie über die vielen digitale Konzepte, virtuelle Ausstellungsräume und so weiter, die in dieser Zeit entwickelt wurden?

JVDL Wir haben das nicht gemacht. Ich arbeite mit meinen Künstlern und auch mit meinen Kunden sehr individuell, persönlich. Ich hätte ein ungutes Gefühl gehabt Werke in einem Online-Shop oder so anzubieten. Außerdem denke ich, dass es für viele Leute ab einem gewissen Punkt fast zu viel wurde, man wurde ja nahezu überschwemmt mit all den Online-Angeboten. Wir hatten aber auch nicht wirklich die Not uns da was auszudenken, wie gesagt, ich kann auf die lokalen Strukturen zurückgreifen, dass viele der Sammler Freunde von mir sind. Ich bin am Ende also recht froh, dass ich an meinem gewohnten System festgehalten habe.

AK Ich glaube trotzdem, dass sich etwas ändern muss. Ob mit oder ohne Corona. Wenn man an die Menge der Flugreisen denkt, welche die Kunstwelt zurücklegt um zu den ganzen Messen weltweit zu kommen. Das ist wirklich absurd. Corona gibt der kommerziellen Kunstwelt da eine gute Möglichkeit zu erkennen, wie absurd das System ist. Es müssen umweltfreundlichere Wege gefunden werden.

INTERVIEW Viele ihrer Arbeiten sind dreidimensionale Skulpturen…

AK Ja, und ich arbeite mit Fotografie und eigentlich allen Medien außer Malerei. Instagram und so weiter stören mich nicht, viele meine Arbeiten funktionieren auch als Bilder. Aber Sie haben natürlich recht, einige Arbeiten funktionieren nur physisch. Aber nichtsdestotrotz müssen wir unsere Gewohnheiten ändern. Da können virtuelle Räume gute Alternativen sein. Oder wir konzentrieren uns wieder mehr aufs lokale. Man kann mich gerne in meinem Studio in Brüssel besuchen kommen,  oder man fährt durch Europa und fliegt nicht. Ich muss nicht unbedingt in Übersee ausstellen.

INTERVIEW Das Konzept von VARIOUS OTHERS ist ja, dass eine Münchner Galerie eine Galerie von außerhalb einlädt und man gemeinsam eine Ausstellung kuratiert. Welche Kriterien spielen bei der Wahl der anderen Galerie eine Rolle? Sollten die Arbeiten zu Kruithofs Werken passen?

JVDL Ja und Nein. Ich war einer der Mitbegründer von VARIOUS OTHERS, ich war also dabei, als wir das Konzept entwickelten. Ich mochte die Idee der Kooperation, wegen des Austauschs mit anderen Galerien, als auch aus kuratorischen Gründen. In diesem Fall geht es nicht in erster Linie um das inhaltliche Konzept, als darum, zwei sehr extreme Positionen der Fotografie gegenüber zu stellen.

AK Sehr extreme Positionen…

JVDL Ja. Es gibt einen starken Kontrast zwischen den Arbeiten, das macht es für mich so besonders interessant.

AK Aus dieser Perspektive verstehe ich dich. Die Arbeiten sind wirklich sehr verschieden, das gefällt mir. Aber weil die Positionen so unterschiedlich sind, handelt es sich eher um zwei Solo-Ausstellungen in einem Raum, was im Ergebnis aber wirklich gut funktioniert.

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT