THREE BOYS FROM PASADENA

Helmut Newton gilt als der bedeutendste Fotograf der Gegenwart, jahrzehntelang fotografierte er für die wichtigsten Modemagazine der Welt um dann mit seinen Akt- und Portraitfotografien unsterblich zu werden.  Am 31. Oktober 1920 wurde Helmut Neustädter in Deutschland als Kind jüdischer Eltern geboren, schon früh entwickelte sich seine Leidenschaft für die Fotografie. Das Naziregime zwang ihn zur Flucht über Singapur nach Melbourne Australien, wo er ein eigenes Fotostudio eröffnete um dann ziemlich schnell den Fotografie-Olymp zu besteigen. Kurz vor seinem tragischen Tod bei einem Autounfall in Hollywood im Jahr 2004, vermachte er rund 1000 Werke seiner Geburtsstadt Berlin.

Posthum wurde die internationale Stiftung, die Helmut Newton Foundation, in Berlin eröffnet, welche sich an Newtons Wusch orientiert, eine „lebendige Institution, kein totes Museum“ zu sein. In diesem Sinne wird nicht nur das Werk Newtons und das seiner Frau June (welche unter dem Pseudonym Alice Springs selbst ein beeindruckendes Werk hinterließ) aufgearbeitet und präsentiert, sondern auch mit anderen bedeutenden Fotografen in Bezug gesetzt und gegenübergestellt.

Helmut Newton, American Vogue, Monte Carlo, 1995 credits: Helmut Newton Estate

So auch in der aktuellen Ausstellung ‚Three Boys from Pasadena‘, welche am 6. Juni eröffnete und noch bis zum 10. November 2019 läuft. Mit ‚Three Boys‘ sind die Newton Schüler bzw. Assistenten Mark Arbeit, George Holz und Just Loomis gemeint. Alle drei sind natürlich keine ‚Boys‘ mehr, sondern können selbst auf eine erfolgreiche Kariere zurückblicken, in ihrem Werk lebt die Helmut Newton Ästhetik in ganz eigener Weise fort, ordnet sie ein und entwickelt sie weiter. Durch die distanzierte, kühle Art zu fotografieren, wurde Newton immer wieder mit dem Vorwurf der Frauenfeindlichkeit konfrontiert, die Modelle scheinen eher Produkte als Persönlichkeiten mit eigenem Charakter zu sein.

Seine Nachfolger lösen das auf unterschiedliche Weise auf, fast schon ironisch wirken beispielsweise die Torso Arbeiten von Mark Arbeit. Das Aktmodell ist hier eine Skulptur aus Marmor, eventuell die Venus, mit Rundungen und Falten die man bei den Hochglanz-Mannequins der Modefotografie nicht einmal zu vermissen wagt. Und auch George Holzs Portraits strahlen eine Freundlichkeit, eine Nähe aus, welche viele seiner Vorgänger und auch Zeitgenossen erfolgreich ausradiert haben.

Mark Arbeit, Torso #51, 2011. credits: Mark Arbeit

INTERVIEW hat bei der offiziellen Eröffnung der Ausstellung die Gelegenheit ergriffen und dem anwesenden George Holz ein paar Fragen gestellt:

 

INTERVIEW Mr. Holz, wollen Sie uns verraten wie Sie zur Fotografie gefunden haben?

GEORGE HOLZ Alles fing damit an, dass ich die Kameras meines Vaters entdeckte, erst eine kleine ‚Brownie‘ und dann eine ‚Systematic‘, ich war damals ungefähr 12. Von da an war ich auf keinem Familienfoto mehr zu sehen, weil ich immer der war, der sie schoss. Dieser Prozess, Fotos zu machen, sie dann wegzugeben und ein oder zwei Wochen auf die Entwicklung zu warten, hat mich total fasziniert. In der Highschool habe ich dann die Gelegenheit ergriffen und einen Foto-Journalismus Kurs absolviert, als ich dann die erste Entwicklung selbst miterleben durfte war ich endgültig gefesselt und ich wusste, dass ich das auch machen möchte. Also besorgte ich mir eine eigne, etwas bessere Kamera, fotografierte meine damaligen Freundinnen und startete ein kleines Business. Meine Fotos entwickelte ich in unserem Keller, was meinen Vater nicht besonders glücklich machte, weil durch all die Chemikalien wurden die Rohre zerstört. Ich bekam dann eine richtige Dunkelkammer und es wurde noch ernster.

Ich ging dann an die University of Tennessee um für zwei Jahre Fotojournalismus zu studieren, nebenher verdiente ich mein Geld bei einem Magazin was eine tolle Erfahrung war. Ich wollte ja eigentlich Fotojournalist werden weshalb ich viel Sport, Mörder, News usw. fotografierte, es ging immer darum möglichst schnell zu sein, den Moment einzufangen. Ich wollte dann aber künstlerischer arbeiten also ging ich ans Kunstinstitut, das war eine sehr technische Ausbildung, ich habe alles über Licht, die Mechanik und die unterschiedlichen Kameras gelernt. Mark (Arbeit) und ich haben dann 1978 Helmut Newton kennen gelernt was alles verändert hat. Ich hatte ein Stipendium, verdiente nebenher gut Geld damit Chemikalien zu mischen, das war mir dann aber alles egal und ich wollte nur noch für Helmut arbeiten. Meine Noten wurden schlechter, die Lehrer ungeduldiger…

I Wann und wie haben Sie denn das erste Mal von Helmut Newton gehört?

GH Mark war ja ein sehr guter Schulfreund von mir und er machte immer mal wieder diese Fashion Jobs für eine Boutique in Beverly Hills. Die Besitzerin wusste, dass Mark Helmut mochte und so erzählte sie ihm, dass er demnächst vorbeikommen würde um eine Rechnung abzuholen. Sie wusste allerdings nicht genau wann, also gingen wir morgens hin und warteten den ganzen Tag. Er kam dann irgendwann abends und wir sprangen auf und stellten uns vor, vielleicht ein bisschen aggressiv aber mit unglaublich viel Respekt und so kam es dazu, dass er uns am Ende ein paar Jobs anbot.

I Und woher kannten Sie Newtons Arbeit, Sie wusstest ja wer er ist bevor Sie ihn persönlich kennengelernt haben?

GH Hmm, wahrscheinlich schon als Teenager, ich lebte ja in einer sehr kleinen Stadt und da gab es einen Kiosk welcher ein paar Fotomagazine führte und da sah ich seine Bilder auf den Covern. Ich wusste natürlich nicht wer er war, ich fand aber die Frauen auf den Bildern toll und hängte sie an die Wände meines Teenager-Zimmers, also nicht nur seine Bilder, sondern auch David Bailey oder Hamilton usw. Mich hat das einfach beeindruckt und dabei wusste ich noch nicht mal, dass das eine Kariere-Möglichkeit sein könnte. In der Schule lernte ich dann aber mehr darüber, ich entdeckte ihn auch in der französischen Vogue usw. Ich liebte seinen Stil und fing an davon zu träumen ebenfalls rund um die Welt zu reisen und für Magazine zu arbeiten.

Nachdem ich dann mit Helmut gearbeitet hatte, empfahl er mir nach Mailand zu gehen, er schrieb mir einige Adressen auf welche ich anrufen sollte. Das hat aber nicht wirklich geholfen, die Leute sagten nur „oh toll, du arbeitest für Helmuth“. Sechs Monate später bekam ich dann meinen ersten eigenen Job: ich sollte Schuhe für ein Magazin fotografieren. Über Umwege im Beauty-Bereich kam ich dann zur Mode. Du musst einfach machen, es dauert lange, aber ich will das nicht missen,  es war toll.

I Wie lange haben Sie denn für Newton gearbeitet?

GH  Zwei Jahre. Er war damals so alt wie ich jetzt und machte einfach sein Ding. Seine bekannte Ästhetik entwickelte sich ja erst recht spät.

I Können Sie uns noch etwas über Ihre persönliche Beziehung zu Helmut Newton erzählen?

GH Er war ein wirklich liebenswürdiger, zuvorkommender Mensch. Auf eine Art betrachtete er uns als seine Kinder. Er hatte über die Jahre natürlich unzählige Assistenten, einige auch wesentlich länger als mich. Als wir das erste Mal mit June (Newton) über die Show sprachen waren wir sehr überrascht, wir hatten sowas nicht erwartet. Sie erzählte uns, dass Helmut mit vielen Assistenten arbeitete, dass wir drei aber besonders für ihn waren weil wir unsere eigenen Fotografie-Persönlichkeiten entwickelt haben, mit unseren eigenen Visionen usw. Das zu hören war sehr besonders für mich. Und ich erinnere mich sehr gut an eine Situation: ich hatte damals meine erste große Solo-Ausstellung in der Hawkins Galerie, eine große Galerie in LA, Helmut und June überraschten mich bei der Eröffnung und haben mich unterstützt. Das ist eine wirklich sehr schöne Erinnerung.

Madonna, Photographed by George Holz for Warner Brothers Records for “Borderline” 12/2/1983
Drum Scan by BowHaus, LA, CA 06/18/14

 

Interview INTERVIEW

 

George Holz: 1956 in Oak Ridge, Tennessee geboren. 1980 Abschluss am Art Center College of Design, Pasadena, Kalifornien. 1979-1980, noch während seiner Ausbildung an der Universität, Assistent bei Helmut Newton. Seitdem zahlreiche Ausstellungen und Publikum rund um den Globus, in fast allen wichtigen Magazinen, darunter Haper’s Bazaar, Interview Magazine oder die New York Times.

 

Newton, SUMO

Three Boys from Pasadena

Photo Collection of Helmut and June

6. Juni 2019 – 10. November 2019 in der Helmut Newton Foundation in Berlin

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT