THEY EAT THEIR YOUNG

Für unsere aktuelle Pride-Ausgabe „Love Is Love Round Two“ haben wir uns mit Künstler Serkan Sarier unterhalten und seine Malereien besprochen. Weil er ab heute in den Reinbeckhallen in Berlin, im Rahmen des Residenzprogramms neue Arbeiten ausstellt, wärmen wir diesen Text nochmal auf.

In der Ausstellung, mit dem Titel „They Eat Their Young“, sind neben seinen „Klassikern“ – großformatige Gemälde – Skulpturen als dystopische Installation zu sehen. Der aus seinen Bildern bekannten Abstraktion des menschlichen Körpers bleibt er sich auch im Dreidimensionalen treu.

 

Wir sehen amorphe Körper, vornehmlich Köpfe oder Torsi, in monochromer Farbigkeit und Flächigkeit. Die abgebildeten Formen strahlen eine Ruhe aus, die nur dadurch gestört wird, dass die uns bekannt vorkommenden Proportionen unwirklich verformt, wie durch einen Zerrspiegel betrachtet, erscheinen. Serkan Sarier heißt der Künstler dieser Bilder, seine Portraits erzählen von Veränderung, von Wandel. „Wir sind als Gesellschaft dauerhaft und unfreiwillig äußeren Einflüssen ausgesetzt, diese sind oft unkontrollierbar. Nachrichten, Literatur und Soziale Medien als äußere Einflüsse und individuelle Lebensereignisse als ergänzende Katalysatoren, führen zur unaufhaltbaren und internalisierten Transformation einer Person.“ Kognitiv oft nicht wahrnehmbar, hinterlassen alle diese Einflüsse Spuren, und diese Spuren erzeugen Entwicklung. Zurückhaltende Selbstbezeichnung des Künstlers: Neoexpressionist. Es geht um die innere Metamorphose, um seelische Narben und deren Heilung. Aber Vorsicht mit den Labels aus vergangenen Zeiten: „Kunstgeschichte ist ein elementarer Teil meiner Arbeit, jedoch muss das Jetzt in der Arbeit geankert sein.“ Sarier löst das nicht zuletzt durch seine Techniken, Computer-Animationen oder Renderings bilden die Basis seiner Malereien, und natürlich die real existierenden Menschen, die er portraitiert. Meist handelt es sich um Freunde, Menschen, die er versteht, deren innere Geschichten, Entwicklungen und Zweifel er abzubilden vermag, auch weil diese Geschichten der seinen ähneln.

Serkan Sarier hat bosnisch-türkische Wurzeln, er wächst in Deutschland als homosexuelles Gastarbeiterkind auf. Das sind alles Zuschreibungen, die eigentlich keine Rolle spielen sollten, würde man meinen, allerdings, so sagt er selbst, kann man das Werk und den Künstler eben nicht trennen. Es ist nicht leicht, sich zwischen der traditionsbewussten Familie, dem nach Modernität strebenden Westen und seiner eigenen, persönlichen Entwicklung zu orientieren. Hier sind wir wieder beim Thema: Entwicklung, Veränderung, Transformation – im Gespräch kommt er das ein oder andere Mal darauf zurück. Kunst gemacht hat Sarier immer. Weil ihm das Kunstprogramm an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen nicht so gefällt, die Universität aber schon, studiert er Mode, um dann eine Weile in der Branche zu arbeiten. Aber, „als Künstler ist man oft eine One-Man-Show. Ich versuche, mein eigenes Ding zu machen, ohne Kompromisse. Kunst ist für mich ein Bereich der persönlichen Wahrheit und der kompromisslose Ausdruck dieser Wahrheit. Meine Arbeiten stehen im Zusammenhang mit meiner eigenen Geschichte.“ So nimmt die Entwicklung ihren Lauf, zurück zu den Wurzeln, zurück zur Kunst, weg von der sich zu offensichtlich entwickelnden Mode. Ein Masterstudium der Kunst an der renommierten Goldsmiths University in London ist die Konsequenz. „Gute Kunst folgt keinen Trends, sie muss gestern, heute und morgen relevant sein und sie braucht keine Worte, die sie erklärt, die sie labelt. Künstlerisches Arbeiten ist persönlich und trotzdem muss das fertige Werk immer auch für sich stehen.“ So stehen wir ein wenig ratlos vor seinen Werken, die einerseits sehr nahbar, andererseits abstrakt, tief und rätselhaft wirken. Wir wissen, dass sie uns betreffen, zu uns sprechen. Aber wie das so ist mit inneren Entwicklungen, die Deutung braucht Zeit, Empathie und Reflektion.

Inzwischen lebt Serkan Sarier in New York, und es läuft ziemlich gut: Drei Solo-Ausstellungen sind 2020 geplant, dann kommt die Pandemie. Berliner können sich trotzdem freuen, parallel zur Art Week Anfang September kann man Sariers Werke in den Reinbeckhallen sehen. New Yorker müssen sich unter Vorbehalt bis November gedulden. Entwicklung ist nicht linear, sie kann unterbrochen oder verschoben werden. Schlimm ist das nicht, denn eines ist sicher: abgeschlossen ist sie nie.

 

 

Serkan Sarier

– They Eat Their Young –

03.– 20.09.2020
im Projektraum der Reinbeckhallen.

 

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT