THE CRYSTAL BALL OF POP #1

Future macht jetzt Emo-Rap und das ist großartig. Madonna wurde nicht erst seit ihrem furchtbaren Auftritt beim diesjährigen Eurovision Song Contest als Queen of Pop abgelöst – unter anderem von Jorja Smith. Skepta hat dafür gesorgt, dass Rap aus und in Großbritannien so relevant ist, wie noch nie.

Die Newcomerin Gianni Mae hat sich neu erfunden und veröffentlicht von Berlin aus hochenergetischen Self-Empowerment-Trap und Outer Spaces entreißt den alten weißen Männern endlich die Gitarre, um sie zu entstauben. Zum Glück! Außerdem: Die Musik eines einsamen Schweden, der kein Jazzsaxophonist mehr sein wollte, aber zu schüchtern war, seine eigene Musik zu veröffentlichen und der beste Love Song der Woche mit Bossa Nova-Grooves.

Wie das alles klingt und warum es die wichtigste Musik der Woche ist, steht in der ersten Ausgabe unserer ab heute wöchentliche erscheinenden The Crytal ball of Pop-Liste. Außerdem gibt es ab heute auch unsere “The Crystal ball of Pop“-Playlist bei Spotify.

Future – Love Thy Enemies

 

Ist Futures Future Emo-Rap? Zumindest ein bisschen, zumindest auf seiner neuen EP “Save Me” und im jetzt mit Video erschienenen Song “Love Thy Enemies”. Es sind flirrende, collagierte LoFi-Bildwelten von Director Henri Alexander Levy. Dazwischen: ein lethargisch singender und lethargisch rauchender Future.

“Love Thy Enemies” wird getragen von zerstückelnden Gitarrensounds und einer durch Effekte manipulierten Geister-Stimme. Grunge-Einflüsse sind herauszuhören und all jene Sounds, die Lil Peep und CO. in den letzten Jahren in ihren Emo-Rap integrierten. Dieser Sound steht Future. Er harmoniert mit seinem depressiven Säuseln über seine Enemies, für die er Liebe aufbringen kann. Future ist jetzt also Altruist. Auch gut.

 

Tei Shi – A Kiss Goodbye

 

Tei Shi macht verträumten Bedroom-Pop. Er klingt, als hätte sie ihren neuen Song “A kiss goodbye” eine halbe Stunde nach dem Erwachen, noch mit dem Traum der letzten Nacht im Kopf, aufgenommen. Synth-Sounds, Soul und die Bossa Nova-Groves aus ihrer Heimat Argentinien sind der Unterbau für Musik, die eine absolute Ruhe in sich trägt. Anti-Hektik. Anti-Multitasking. Tei Shi macht Zuhörmusik und das beste Liebeslied der Woche.

 

Gianni Mae – Killin Em

 

Gianni Mae hatte eine halbwegs gut laufende Rapkarriere mit einem Duo in den Niederlanden. 2017 entschied sie sich dazu, ihre Karriere zu resetten, sich als Solokünstlerin neu zu finden, nach Berlin zu ziehen. Der Beginn dieser Neufindung ist ihre EP “Saucy”, die komplett von den Broke Boys produziert wurde. Die halfen auch schon Ufo361 zum Erfolg mit ihrem harten Trademark-Trap-Sound, dessen hochkomprimierte Bässe meterweit zu hören sind, wenn man die Songs laut aufdreht.

Auch die Songs von Gianni Mae natürlich und vor allem “Killin em”. Der Song ist eine Self-Empowerment-Hymne für Gianni Mae, die kein Durchschnitt sein will. Ist sie auch nicht. In Deutschland rappt niemand so wie sie.

 

sir Was feat. Little Dragon – Deployed 

 

Joel Wästberg wuchs in einem schwedischen Dorf auf, fernab von jeglicher Subkultur. Im Winter gab es Eishockey. Im Haus gab es Bücher und Musik. Das war’s. Wästberg wollte weg, wurde Jazzsaxophonist, Teil der Band von Jose Gonzalez – und wollte irgendwann wieder weg. Als sir Was macht er nun Solo-Musik. Seit wenigen Jahren erst.

Vorher hatte er, sagt er, sich einfach nicht getraut, seine Songs zu veröffentlichen. “Deployed”, zusammen produziert mit Little Dragon, ist die erste Single seines zweiten Albums und typischer sir Was-Sound. Outsider-Folk mit Jazz-Referenzen und Grooves, die auch im HipHop funktionieren könnten. Dazwischen schiebt sich seine zarte Stimme, die immer auch nach Schmerz klingt. So entsteht ultraintime Musik. Mehr davon wird es im September auf seinem kommenden Album “”Holding On To A Dream” geben.

 

Madonna – Dark Ballet

 

Madonna ist nicht mehr die Queen of Pop. Sie ist längst in Ungnade gefallen, hat ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest, nun ja, ziemlich verkackt. Trotzdem kann sie große Pop-Gesten mit teuer produzierten Videos noch immer und das wiederum ist ein interessantes Gegengewicht zu all der LoFi-Ästhetik, die neue Queens of Pop wie Lana Del Rey oder Billie Eilish bedienen.

“Dark Ballet” ist kein guter Song, er will zu viel mit seinen Spoken Word-Passagen, den Experimenten mit Autotune, der Überinszenierung. Aber man sollte trotzdem zuschauen und zuhören. Denn “Black Ballet” und vor allem das zugehörige Video zeigt, wie man Pop groß denkt, pathetische Bilder mit Kirchen-Motiven irgendwie cool erscheinen lässt. Sogar Mykki Blanco ist dabei. Madonna ist noch immer ein Profi. Immerhin.

 

Jorja Smith – Goodbyes

 

Der andere große Love-Song mit Video kommt in dieser Woche von Jorja Smith. Wie sie mit ihrer Stimme arbeitet, zwischen den Tonlagen switcht, so unglaublich stark klingen kann, das ist einmalig. Jorja Smith ist die neue Queen of Pop. Wer mehr Belege dafür braucht, sollte einfach ihr letztes Album “Lost & Found” hören.

 

Skepta – No Sleep (Colors Show)

 

Ohne Skepta wäre Rap aus Großbritannien heute nicht so groß. Er hat den, sorry für die Phrase, Pfad geebnet. Mit That’s not me rettete er 2014 das schon totgeglaubte Genre Grime vor dem Aussterben, nachdem es zuvor von der Musikindustrie ausgeschlachtet wurde. Dank Skepta war der rohe, von 2Step und Garage inspirierte Sound aus den Londoner Ends plötzlich wieder En Vogue. Sogar Drake und Kanye West stürzten sich darauf.

Doch weil Skepta eben nicht stehen bleibt und sich auf den Erfolg verlässt, hat er Grime auf seinem neuen Album “Ignorance is Bliss” einfach weiterentwickelt, ihn mit Trap-Sounds fusioniert. “No Sleep”, aufgenommen für die Colors-Show in Berlin, ist ein Beweis dafür, wie gut das klingt und wie leicht es Skepta zu fallen scheint, besser zu rappen als der Großteil seiner Kollegen.

 

Outer Spaces – YWLGOML

 

Dank Künstlerinnen wie Cara Beth Satalino aka Outer Spaces wissen wir: Die Gitarre ist weder out, noch wird sie ausschließlich von irgendwelchen verrückt gewordenen alten weißen Männern bespielt (CC Morrissey). Satalino kombiniert Gitarren-Chords mit Saxophon und geisterhaften Vocals im Hintergrund. Auf “YWLGOML” setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie klug es eigentlich ist, wegzulaufen, wenn gar nichts mehr geht. Die Antwort: Gar nicht klug. Sich Problemen zu stellen ist nachhaltiger. Und auch die Musik von Satalino ist nachhaltig. “YWLGOML” ist ein Grower, der mit jedem Mal hören intensiver wird.

 

Words JOHANN VOIGT