AA BRONSON

Unser wundervolles Interview mit Künstler AA Bronson ist unter anderem auch einem Projekt zu verdanken, welches sich auf das Porträtieren von in Berlin lebenden Persönlichkeiten spezialisiert hat: „The Berlinians“, eine Zusammenarbeit der Filmemacherinnen Marie und Feline Grub, der Filmproduktion Iconoclast Germany und der Kreativ-Agentur ‚Amsterdam Berlin‘. Mit exklusiven Bild- bzw. Textstrecken und aufwändig produzierten Kurfilmen, werden die Kreativen dieser Stadt in den Fokus gerückt, denn ihnen ist zu verdanken, dass Berlin mit Charakteristika wie Hype, Vielfalt oder Freiheit in Verbindung gebracht wird, sie prägen die Kunst, die Kultur, den Zeitgeist dieser Stadt und machen so möglich, dass wir, die wir hier leben, von der Kunst, der Kultur und dem Zeitgeist geprägt werden. Das ganze startet dieses Jahr, 2019, und neben AA Bronson zählen unter anderem Daniel Josefson, Geza Schön, Skater Mack McKelton, Kriegs-Reporter Robert King, Fotograf Andreas Mühe oder Model Lina Berg zu „The Berlinans“.

Ein sommerlicher Morgen im Westen der Hauptstadt unweit des Ku’damms. Im obersten Stockwerk eines der klassizistischen Prunkbauten öffnet AA Bronson die Tür und bittet in seine Gemächer. Vor sechs Jahren ließ er sich hier mit seinem Mann Mark nieder, der Umzug aus New York sei mehr oder weniger zufällig erfolgt, sagt er, und wird bis heute nicht bereut.

Die Wohnung, ein gut kuratiertes Sammelsurium der jüngeren Kunstgeschichte, Marcel Duchamp, Man Ray und natürlich die Künstlergruppe General Idea. Dazwischen ein ausgestopfter Fuchs und geschmackvoll drapierte Trockenblumen. Provokation trifft Häuslichkeit, eine sehr explizite Mapplethorpe-Fotografie eines männlichen Geschlechtsorgans verliert im Kontext dieser Wohnung jegliche pornographische Note. Auch nur ein Körperteil und damit einfach nur ein Teil des Menschen. Nacktheit ist für AA das Normalste der Welt, er liebt die ostdeutsche Frei-Körper-Kultur, seine Kunst beschäftigt sich ähnlich gleichgültig mit dem eigenen Körper wie es sein Instagram- Feed tut.

INTERVIEW AA Bronson ist nicht Ihr Geburtsname, woher kommt er?

AA BRONSON Ich habe den Namen seit den Siebzigern. Ich hatte gerade die Uni abgeschlossen und brauchte Geld, also schrieb ich zusammen mit einem Freund ein pornographisches Buch und verkaufte dann die Rechte an einen kleinen Verlag. Sie druckten dann diesen Namen auf den Buchdeckel. Weil ich damals sehr schüchtern war, gefiel mir die Idee, den Namen zu übernehmen. Ich dachte, vielleicht ist AA Bronson ja der Typ, der sich traut ein Porno-Buch zu veröffentlichen, und wenn ich AA Bronson werde, vielleicht würde ich dann auch selbst mutiger und eine Person des öffentlichen Lebens werden. Dann ging es ziemlich schnell und alle nannten mich nur noch AA Bronson.

INTERVIEW Und Ihren alten Namen haben Sie einfach aufgegeben?

AAB Ja, der ging recht schnell verloren, meine Freunde zogen AA Bronson meinem alten Namen vor, weil sie ihn lustig fanden. Der letzte, der mich Michael nannte, war mein Bruder. Aber auch der hörte vor gut 10 Jahren damit auf.

INTERVIEW In Ihrer Kunst beschäftigen Sie sich viel mit Ihrem eigenen Körper. Denken Sie, dass sich das Gefühl für Körperlichkeit in den letzten Jahren verändert hat?

AAB Ich habe ja als Teil einer Gruppe, die General Idea hieß, angefangen, Kunst zu machen. General Idea nutzte den Körper eigentlich nicht wirklich, ganz zu Beginn vielleicht einige Male, und diese Arbeiten kamen alle von mir. Nach dem Ende der Gruppe habe ich mich dann wieder mehr diesem Thema gewidmet. Und ja, definitiv, die Leute setzen sich heutzutage ganz anders mit ihren Körpern auseinander, losgelöst von der Kunst, eher auf einer alltäglicheren Ebene. Die Idee ins Gym zu gehen, die kam frühestens Mitte der Siebziger auf. Das wurde dann immer beliebter und heutzutage sind die Leute ja beinahe besessen von ihren Körpern, mit dem ganzen Botox und so. Das ist etwas, was ich an Berlin sehr liebe: Die Stadt ist viel körperfreundlicher als die Staaten.

INTERVIEW Das ändert sich aber auch langsam.

AAB Stimmt.

INTERVIEW Könnte es sein, dass die schwule Kultur wesentlich zu dieser starken Fokussierung auf ein ästhetisches Körperbild beigetragen hat?

AAB Ich denke, sehr viel von dem, was in den Mainstream gelangt, hat seine Ursprünge in der Schwulenszene. Und was dieses Thema betrifft, gibt es bestimmt auch den Aspekt, dass schwule Männer äußerlich versuchen, männlicher zu wirken, weil sie sich in ihrem Inneren nicht so fühlen.

INTERVIEW Gibt es generell so etwas wie eine schwule oder queere Ästhetik?

AAB Ich denke, auf eine Art gibt es die tatsächlich. In der Anfangszeit von General Idea haben wir viel darüber gesprochen, unter anderem auch wegen des frühen Essays von Susan Sontag über „Camp“. Nach der Veröffentlichung hat sich erst einmal niemand dafür interessiert, es dauerte fast 20 Jahre, bis sich die Idee einer queeren Ästhetik oder von Queer-Studies allgemein ausgebreitet hat. Ich persönlich habe schon immer daran geglaubt, dass es einen ästhetischen Unterschied gibt, aber worin genau der liegt, kann ich gar nicht so genau sagen. Was ich aber toll finde und woran ich auch glaube, dass das ein wichtiger Teil der queeren Idee geworden ist, dass das Geschlecht immer fließender wird. Die Leute können sich heutzutage viel individueller präsentieren, was ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit betrifft. Man hat die Möglichkeit, mit seiner Sexualität zu spielen und freier damit umzugehen.

INTERVIEW Bevor ich vergesse, Sie das zu fragen: Sie kannten Andy Warhol recht gut, nicht wahr? Wie haben Sie sich kennen gelernt?

AAB Das war um 1972. General Idea gründeten damals ihr eigenes Magazin, das „FILE Magazin“. Die erste Ausgabe verschickten wir kostenlos an jede nur erdenkliche Person, von der wir ausgingen, dass sie es lesen würde. Darunter war dann unter anderem auch Andy Warhol. Und ob Sie es glauben oder nicht, unser erster Abonnent war neben Joseph Beuys eben Andy. Wir lebten zu dieser Zeit in Toronto und jedes Mal, wenn wir eine neue Ausgabe herausbrachten, nahm ich das als Entschuldigung, nach New York zu reisen und Andy seine Ausgabe persönlich zu überreichen. Damals konnte man die Leute einfach besuchen und Andy war immer unglaublich gastfreundlich, zuvorkommend und charmant. Jeder, der wollte, war in seiner Factory willkommen. Er war generell ein sehr offener Mensch, auch wenn oft ein ganz anderes Bild von ihm gezeichnet wird. Aber für all die Leute, die ihn umgaben, darunter viele seiner Superstars, war er wie ein Vater, er kümmerte sich um sie, auch wenn viele von ihnen im Grunde ungewöhnliche, manchmal aggressive Persönlichkeiten waren, die niemals einen normalen Job bekommen hätten. Ich bewundere ihn immer noch sehr.

INTERVIEW Woher kommt eigentlich Ihre Liebe zu Magazinen und Büchern? Neben der Gründung des eigenen Magazins waren Sie ja lange Vorsitzender der Buchhandlung Printed Matter, Inc. und Ihnen hat New York auch die Art Book Fair zu verdanken.

AAB So genau weiß ich das gar nicht. Aber als ich sehr klein war, war mein Vater Pilot bei der Air Force und wir zogen ständig um. Hinzu kam, dass ich ziemlich schlecht darin war, Freundschaften zu schließen, also ging ich immer nur in die Bibliothek und umgab mich mit Büchern. Mein Leben bestand eigentlich aus nichts anderem. Neben meinem Bett stapelten sich die Bücher, die ich gerade lass. Ich war also ein sehr einsames Kind mit einer Liebe zu Büchern. Diese Liebe musste man mir irgendwie angesehen haben, denn als ich dann in der Uni war, entdeckte mich die Redaktion der Studentenzeitung und wollte, dass ich ihnen eine Ausgabe entwerfe. Nach meinem Abschluss trat ich dann einer Hippie-Kommune bei, die eine Untergrundzeitung herausbrachte, ab dem Zeitpunkt war ich total eingenommen von der Idee des unabhängigen Publizierens.

INTERVIEW Lesen Sie Magazine auch digital?

AAB Nein, das mache ich nicht. Ich finde, dass eReader für Bücher, in denen es nur um den Text geht, ihre Berechtigung haben, aber im Grunde interessiert mich das nicht. Außerdem habe ich jahrzehntelang Bücher gesammelt. Momentan bin ich dabei, mich von einigen wieder zu trennen. Erst kürzlich habe ich 3000 an die National Gallery of Canada gespendet.

INTERVIEW Sie haben sich vor gut sechs Jahren dafür entschieden, nach Berlin zu ziehen.

AAB Das war eher ein Zufall. Der DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) lud mich ein, an seinem Berliner Künstlerprogramm teilzunehmen. Das ist eine Art Stipendium, das jedes Jahr an sechs Künstler geht. Die Künstler kommen dann nach Berlin, bekommen eine Wohnung, ein Atelier, einen Lehrer, der ihnen Deutsch beibringt, und ein bisschen Geld. Sie dürfen dann ein Jahr tun, was auch immer sie tun wollen. Über all die Jahre sind bestimmt die Hälfte der Künstler hier geblieben, weshalb die Berliner ihre große Künstlergemeinschaft auch ein stückweit diesem Programm zu verdanken haben. Wie auch immer, nach gut neun Monaten schauten Mark und ich uns an und fragten uns: „Wollen wir wirklich wieder zurück nach New York?“ Wir gingen dann zurück, aber nur um unsere Wohnung aufzulösen und zu heiraten, was die Sache mit dem Visum leichter macht. Wir haben die Entscheidung nie bereut, auch wenn alle sagten, dass man nach fünf Jahren der Stadt überdrüssig sein würde. Das stimmt aber nicht, ich liebe Berlin nach wie vor.

INTERVIEW Sie wohnen auch in einer wirklich sehr schönen Gegend.

AAB Allerdings, auch wenn wir hier anfangs gar nicht wohnen wollten. Eigentlich haben wir in Kreuzberg gesucht, haben dort aber beim besten Willen nichts finden können. Als unser Makler dann diese Wohnung vorschlug, wussten wir sofort, dass es die richtige ist.

INTERVIEW Denken Sie eigentlich, dass der kreative Zenit Berlins bereit überschritten ist oder kommt da noch was?

AAB Nein, ich denke, die Kreativität wächst noch. Ich höre ständig wie die Leute sich beschweren, die Gentrifizierung würde alles zerstören, früher wäre alles viel besser gewesen, bla bla bla. Berlin hatte so viele Leben, hat sich in den letzten 200 Jahren so oft und so stark verändert, ich denke momentan ist die Stadt eher wieder auf dem Weg eine große Weltmetropole und damit eines der wichtigsten Kunstzentren zu werden, wenn sie das nicht schon ist. Ich hoffe, ich erlebe das noch die nächsten zehn bis 20 Jahre, haha.

Das Interview mit AA Bronson haben wir in Kooperation mit THE BERLINIANS produziert, die sich darauf spezialisiert haben, Größen der Berliner Kulturszene zu porträtieren
Foto-Assistenz RAPHAEL MAXIM GUILLOU