STUDIO BERLIN

Die Berliner Clubszene ist legendär und ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor der doch sonst recht innovativlosen deutschen Hauptstadt. Den unternehmerischen Geist bekam der aufmerksame Techno-Konsument schon Anfang des Jahres zu spüren, als die globale Pandemie auch diese Industrie wohl mit am härtesten traf.

Gejammert wurde überraschend wenig, im März schlossen sich die Club-Lobby Clubcommission und der Kultursender ARTE zusammen und streamten von nun an ein umfassendes musikalisches Programm im Internet. Spenden wurden generiert, die das Überleben der Clubs sichern sollten.

Die Berliner Initiative kam gut an und weil die Schließung der Clubs auch außerhalb Berlins ein Thema war, wurde „United We Stream“ global. Doch bleiben wir in Berlin: In der Liste der sich vereinigten Tanzbetriebe sind eigentlich alle namhaften Clubs vertreten, bis auf einen: Ausgerechnet der berüchtigtste von allen, das Berghain, hielt sich raus. Der Grund für den Alleingang ist jetzt bekannt: Ebenfalls im März kontaktierten die Berghain-Eigentümer das Berliner Unternehmerpaar und engagierten Kunstsammler Karen und Christian Boros, man wolle die leerstehenden Räumlichkeiten für eine Ausstellung zur Verfügung stellen. Boros fühlte sich geehrt, freute sich über das Vertrauen, empfand die Vorstellung einer Ausstellung mit Berghain-Dimensionen aber undenkbar. Kurzerhand gab er die Anfrage an in Berlin lebende Künstler weiter. Die einmalige Situation, dass die meisten in Berlin lebenden und arbeitenden Künstler nicht auf Reisen waren wurde genutzt, man organisierte Studiobesuche und die Arbeit ging los.

Studio Berlin / Boros Foundation, Berghain, Berlin 2020
Artwork: © Dirk Bell
Photo: © Noshe

Mit dem Erwerb des ehemaligen Reichsbunkers Friedrichstraße, im Berliner Bezirk Mitte, im Jahr 2003, bewies Boros die museale Nutzung eines denkbar Kunst-unfreundlichen Gebäudes, als er dort seine private Sammlung unterbrachte und für Publikum zugänglich machte. Zufall oder nicht, auch der Bunker war mal Club, gilt sogar als so etwas wie der Vorgänger des heutigen Berghains. Alles was einen „Techno-Tempel“ ausmacht, dunkle Räume, verwinkelte Gänge, Geschichten erzählendes Gemäuer, scheint von der Kunst abzulenken. Ein bisschen ist dem auch so, das scheint die vielzähligen Besucher der Sammlung Boros aber nicht zu stören. Auch im Berghain wird das kein Problem sein, denn einerseits ist der Club allein schon Publikumsmagnet und anderseits hilft die einzige kuratorische Vorgabe: die Künstler dürfen machen worauf sie Lust haben. Viele kennen das Berghain oder kommen aus der queeren Szene, sie beziehen sich thematisch auf die Räumlichkeiten, nutzen das bestehende Interieur oder toben sich überdimensional in den monumentalen Hallen aus.

Insgesamt stellen im Berghain  ab heute, nicht wie anfangs geplant um die 30, sondern sage und schreibe 117 Künstler aus. So viele – fragen sie sich, wenn Sie das Berghain kennen? Für den spitzfindigen Clubbesucher: Auch die Panorama Bar, die Säule und die Halle am Berghain werden als Ausstellungsfläche genutzt, inklusive Klos und Barbereiche. Einzig das sogenannte Lab.Oratory und die Darkrooms bleiben geschlossen, ein bisschen Mysterium will man sich dann doch erhalten. Apropos Mysterium: der strengen Die-Handykamera-wird-mit-bunten-Stickern-abgeklebt-Politik bleibt man sich treu, Bild- und Tonaufnahmen sind absolut tabu.

Die regulären Eintrittspreise sind happig, am Wochenende 18 Euro ohne Führung, unter der Woche 20 Euro mit Führung. Die Erlöse kommen zu hundert Prozent dem Erhalt des Clubs zugute. Die Führung werden teilweise von Boros- und teilweise von kunstinteressierten Berghain-Mitarbeitern übernommen.

Unter den Künstlern sind neben „Residents“ wie Wolfgang Tillmans oder Norbert Bisky auch zahlreiche Interview-Lieblinge zu finden, zum Beispiel AA Bronson, Monica Bonvicini, Elmgreen & Dragset oder Jeremy Shaw, weitere bekannte Namen sind Katharina Grosse, Alicja Kwade, Julius von Bismarck, Simon Fujiwara, Olafur Eliassaon und viele, viele, viele mehr. Zwei Werke außerhalb des Clubs und damit die einzigen mit existierendem Bildmaterial stammen von Dirk Bell und Rirkrit Tiravanija.

 

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT  

 

Juliet Kothe, Karen Boros, Christian Boros, Organisatoren der Ausstellung STUDIO BERLIN Foto: Max von Gumpenberg