SAM FENDER

Sam Fender hat sein Deo vergessen. In der Nacht war er mit dem Tourbus zum Konzert nach Bristol gefahren und hatte sein Necessaire offenbar nur unzureichend gepackt. „Kann ich mir Ihres kurz borgen“, fragt er, während er mit Kennerblick die fremde Reisetasche prüft. „Ach, Sie haben auch Zahnpasta dabei? Wahnsinn!“ Wie schön, dass er zumindest an seine Zahnbürste gedacht hat. Im Dezember vergangenen Jahres wurde der 25-Jährige aus Shields bei den BRIT Awards mit dem Critic’s Choice Award ausgezeichnet,im Sommer dieses Jahres, kurz vor der Veröffentlichung seinesfantastischen Debütalbums „Hypersonic Missiles“, bekam er dann die Krankheit, die so viele Träger dieses Preises ereilt hat: Stimmbandentzündung. Auch Adele und Sam Smith mussten sich damit herumschlagen, weshalb Fender sich inbester Gesellschaft befand. Doch musste das Album um einenMonat verschoben werden und Sam Fender entgegen seiner Gewohnheit viel schweigen und ruhen. Jetzt ist er zurück und bereit für die Welt, die ihrerseits, wie es aussieht, auch bereit für Sam Fender ist.

 

HARALD PETERS Sie verkaufen als Fanartikel Chili-Sauce.

SAM FENDER Ja, mache ich, haha.
HP Wieso?

SF Weil ein großer Teil unseres Marketings auf der Tatsache beruht, dass ich ein normaler Junge aus einer Arbeiterstadt bin. Okay, mir ist schon klar, dass sich das nach einem Fake anhören könnte, aber das ist kein Fake, das bin ich.

HP Aber was hat das mit der Chili-Sauce zu tun?
SF Na ja, wir essen viel Kebab…
HP Daher auch der Döner-Mann auf den T-Shirts?
SF Genau. Döner-Kebab mit Chili-Sauce und Knoblauch-Mayo.

HP Stimmt, Knoblauch-Mayo haben Sie ja auch im Programm.

SF Weil wir uns halt den ganzen Tag über solchen Kram unterhalten. Irgendwann haben wir dann beschlossen, selber welche zu machen. Und die Mayo ist richtig gut. Bei Konzerten haben wir einen Stand, wo man sie kaufen kann. Online gibt es bislang aber nur die Chili-Sauce. Die ist ziemlich scharf, muss ich sagen, also ernsthaft scharf. Aus Habaneros.

HP Und das ist gut für die Stimme?
SF Nicht im Ansatz. Ich kann die nur essen, wenn ich frei habe.

HP Ich habe gesehen, dass Sie gerade eine Sänger-Diät machen: Eier und Avocados.

SF Ja, wobei Eier eigentlich nicht ideal sind, weil man davon sauren Reflux bekommen kann. Also ich zumindest. Aber Avocados sind gut. Ich muss mit dem, was ich esse, einfach aufpassen. Eier und Avocados sind morgens okay, aber ich muss immer noch Medikamente nehmen, damit ich keinen Reflux bekomme.

HP Und der Reflux war der Grund, warum Sie eine Pause machen mussten?

SF Ja, Reflux und verletzte und entzündete Stimmbänder.

HP Weil Sie zu viel gesungen haben?

SF Zu viel gesungen, zu viele Konzerte. Wir haben einfach nicht mehr aufgehört. Und die Halsschmerzen habe ich zu lange ignoriert. Jetzt weiß ich, dass ich mehr auf meinen Körper achten muss. Man muss mental und körperlich gut beisammen sein, um dieses Spiel mitzuspielen. Man kann sich leicht kaputt machen in diesem Geschäft. Ständig reisen, nie genug Schlaf. Aber alles ist gut, ich liebe den Job. Es ist ein Segen, dass ich tun kann, was ich tue. Ich werde die Chance, die ich bekommen habe, nicht ungenutzt lassen.

HP Die erste Single „Play God“ erschien vor zwei Jahren, aber ich nehme an, dass für Sie schon alles viel früher anfing.

SF Ja, mein Manager hat mich entdeckt, da war ich 18. Eines Tages kam er in diesen winzigen Pub, in dem ich hinter der Theke stand und Bier zapfte. Mein Chef in dem Pub wusste, dass er ein Musikmanager war, und er wusste natürlich auch, dass ich Musik mache. Also ließ er mir eine Gitarre holen, drückte sie mir in die Hand und sagte: „Spiel was!“ Ich dachte nur: „Wieso?“, fing dann aber an. Und nach einer Weile kam dann dieser Typ, also mein jetziger Manager, zu mir rüber und fragte, ob ich auch eigene Songs hätte. Also spielte ich ihmein paar eigene Songs vor, und so nahm er mich unter Vertrag. Das ist jetzt fünf Jahre her.

HP Verrückt!

SF Danach fing die Aufbauphase an. Ich habe viele Konzerte gespielt, zunächst nur ich mit Akustikgitarre, um mein Selbstvertrauen zu stärken. Ich wurde besser und besser, aber mit 20 wurde ich krank. Ich musste fast zwei Jahre pausieren,weil ich wirklich schlimm krank war. Anschließend schrieb ich „Play God“. Mit 22, 23 veröffentlichte ich die ersten Songs, und zwei Jahre später sitzen wir jetzt hier zusammen.

HP Von außen betrachtet, hat man manchmal den Eindruck, dass so ein Erfolg über Nacht kommt.

SF Der Erfolg kam ja auch über Nacht, vor rund sechs Monaten. Wir haben den BRIT Award gewonnen, und es gab einen Knall. Aber vorher haben wir unglaublich viel Arbeit investiert. Auf dem Album ist jetzt auch eine Reihe älterer Songs. Manche sind sogar richtig alt. Den ältesten Song habe ich geschrieben,als ich 19 war.

HP Langweilen Sie sich nicht mit den Songs, wenn die schon so alt sind?

SF Natürlich tue ich das. Aber auf den Großteil des Albums bin ich wahnsinnig stolz, auf „The Borders“ zum Beispiel. Den Song liebe ich, und ich liebe „Hypersonic Missiles“ und „White Privilege“. Und manchmal entdecke ich auch meine Liebe zu den älteren Songs neu, wenn ich sie live spiele und mir die ganze Halle plötzlich den Text entgegensingt. Wenn 3000 Kids in einer Halle mit deinen alten Texten etwas anfangen können, dann denkst du nur: „Heilige Scheiße! Den Song habe ich verkatert geschrieben, als ich zu Hause in Unterwäsche rumsaß!“ Wenn du diese Leidenschaft siehst, dann verstehst du, dass der Song, den du vielleicht nicht mehr so aufregend findest, jemand anderem viel bedeuten kann. Und darauf kommt es an.

HP Wo und wann schreiben Sie eigentlich, wenn Sie praktisch die ganze Zeit unterwegs sind?

SF Überall. Im Bus, im Flugzeug, ich schreibe mit meinem Telefon (holt sein Telefon aus der Tasche). Das habe ich neulich in L.A. geschrieben, als ich in einem Diner saß (liest vor): „The seats were all sticky / The uniforms were cool / An enormous lady stood behind the counter with thick eye make up and big piano smile / I couldn’t tell if it was fake / But I liked it anyhow/ The rest of the waiters looked dead inside / It was probably due to a shit Vin Diesel spitting out bile and doing Spanish accents to a Mexican waiter / He follows the impression with a mamma mia / He looked like a punched in pile of minced meat / He was Trump’s cum spat into the pacific and washed up here just in time for breakfast / But I didn’t let it ruin my day / Because there was free refill filter coffee and free french fries refill at Ruby’s in Redondo / An American military god fearing dad was joking that the Mormon faith was utterly mad / And that only made me laugh harder / Because you believe in a zombie that can walk on water / Of course I didn’t actually laugh because I’m a pussy / I just sat there being British and agreed politely / And the tv on the wall announced another shooting but I didn’t let it ruin my day / Because there was free refill filter coffee and free french fries refills at Ruby’s in Redondo.“Ich habe nur im Diner gesessen und die Leute beobachtet und wie ein Irrer versucht, alles zu notieren.

HP Klingt wie ein Gedicht.
SF: Das ist aber ein Song. (fängt an zu singen, klatscht dabei den Takt, hört nach dem Refrain auf) Roy-Orbison-Kram.

HP Haben Sie die Melodie beim Schreiben gleich parat?

SF Manchmal. Manchmal schreibe ich auch erst nur den Text,und die Melodie kommt anschließend beim Lesen. Die kommt mir einfach in den Kopf, keine Ahnung woher, und ich höre all die Instrumente, die Gitarren und die Streicher.

HP So wie Elton John, wenn er die Texte von Bernie Taupin zu lesen bekommt?

SF Ja, das ist ähnlich. Ich schreibe ein Gedicht, dann kommt mir die Melodie, und anschließend muss ich das Gedicht der Melodie anpassen. Ich nehme also die Zeilen, die am meisten Gewicht haben, und baue sie so, dass sie rhythmisch funktionieren. Das, was ich Ihnen eben vorgelesen habe, war ursprünglich viel länger. Es hatte mehr Worte, aber die habe ich dann gestrichen, damit ein guter Popsong daraus wird.

HP An welchen Vorbildern orientieren Sie sich?

SF Ich liebe Morrissey und The Smiths, ich liebe Bruce Springsteen und Joni Mitchell und Dylan, all diese Leute. (fängt an, einen Joni-Mitchell-Song zu singen) Sie singt, als würde sie Bilder malen, und plötzlich sitzt du mit ihr in einer Absteige in L.A. Ich liebe Joni, ich liebe, liebe Joni!

HP The Smiths, Joni, Springsteen, Dylan – das ist alles so viel älter als Sie.

SF Ja, aber da gibt es auch noch Kendrick Lamar, The Streets, Arctic Monkeys, The War on Drugs. Ich höre auch Ariana Grande.

HP Darf ich sagen, dass mir Ihre Version von Ariana Grandes „Break Up with Your Girlfriend, I’m Bored“ sogar besser gefällt als das Original.

SF Danke, Mann! Ein guter Song ist einfach ein guter Song, egal welchem Genre man ihn zurechnet. Das ist die Schönheit von Musik. Also kann ich aus einem Ariana-Grande-Song einen traurigen Emo-Song machen. Der Song ist immer noch gut.

HP Woher kommt die Liebe zu Joni Mitchell und Bruce Springsteen?

SF Von meinem Bruder, der ist zehn Jahre älter als ich. Der hat mir Springsteen vorgespielt, als ich 15 war, und Joni auch. Im Grunde hat er mir fast alles gezeigt. Ich hatte das Glück, dass ich von klein auf von Musik umgeben war. Mein Vater ist Musiker und mein Bruder auch, aber das ist nicht ihr eigentlicher Beruf. Mein Vater ist Arbeiter, er war Gleisarbeiter, richtig Arbeiterklasse. Später hat er als Elektriker gearbeitet. Aber nebenbei war er auch Musiker und ist in den Siebzigern viel in Pubs und Sozialvereinen aufgetreten. Er hat Klavier und Gitarre gespielt und gesungen. Musik war also immer präsent, Otis Redding, Aretha Franklin, Donny Hathaway, all die großen Stimmen. Mein Vater hat mir auch Steely Dan gezeigt, die spielten eine große Rolle, diese ganzen Jazzrock-Sachen. Und durch meinen Bruder kam ich auf Oasis, Nirvana,die Pixies und Springsteen, ach, eigentlich alles von Jellyfish bis Joni. In der Schule kam dann HipHop dazu, sehr viel HipHop. In meinem ersten Jahr auf der Highschool, da war ich elf, hat mir ein Freund „Straight Outta Compton“ vorgespielt und ich nur so: „Krass!“ (fängt an „Fuck tha Police“ zu rappen) Ich habe es geliebt, Mann. Ich war ein kleiner weißer Junge ausdem Nordosten Englands, der es mit der Polizei aufnehmen wollte, haha.

HP Ihr Song „Dead Boys“ handelt davon, dass Selbstmord in Großbritannien für Männer unter 45 die häufigste Todesursache ist. Die Statistik geht von 84 Selbstmorden pro Woche aus. Mir war dieses Phänomen neu. In Deutschland ist es wohl so, dass bei Männern die Selbstmordrate ab 45 erst steigt.

SF Die Zahlen für Deutschland kenne ich nicht, aber grundsätzlich sind sie in beinah allen westlichen Ländern schlimm.

HP Ja. Das ist mir bei der Recherche dann auch aufgefallen.

SF Ich kann nur sagen, das ich selbst auch oft mentale Probleme habe. Da gibt es Phasen, in denen ich mich einfach nur hasse, weil ich mir so selbstsüchtig vorkomme. Dieser Job ist oft so, wie soll ich sagen, leer, weil man sehr viel Zeit damit verbringt, über sich selbst zu reden. Er macht es einem leicht, ichbezogen zu sein, und zwar auf keine gute Weise. Zumal er Eitelkeit und ein großes Ego voraussetzt, denn ohne Ego kannst du diese Arbeit gar nicht machen. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich als Jugendlicher sehr mit den gängigen Männlichkeitsidealen gehadert. Wo ich aufgewachsen bin, wurde den Jungs von klein auf eingetrichtert, dass sie stark und hart sein müssen.

HP Ist das wirklich noch so?
SF Na sicher.
HP Ich glaube, in Deutschland ist es anders.

SF Ja, in England ist diese Geezer-Kultur einfach viel stärker ausgeprägt. Männern wird beigebracht, sich wie Männer zuverhalten. Und dann hilft es natürlich nicht, dass Jungs schon sehr früh damit anfangen, Pornos zu gucken. Ich hatte schon mit zwölf Zugang zu Pornografie und habe von da an, bis ich älter wurde, praktisch jede Nacht Pornos geguckt. Und das fügt dir wirklich Schaden zu – was deine Vorstellung von Sex angeht, deine Vorstellung von dem, was es heißt, ein Mann zu sein. Das killt dein Selbstvertrauen. Und in meiner Kindheit hatte ich auch viel mit Bullys zu tun. Ich war ein kränkliches Kind, hatte Asthma, Hautausschläge und Probleme mit meiner Nase, also ständig Nasenbluten, um genau zu sein. Jeder Tag war eine Herausforderung. Jeder Versuch, ein richtiger Junge zu sein oder Fußball zu spielen, hat natürlich nie geklappt. Dieser ganze Sportkram ging schon deshalb nicht, weil ich Asthma hatte und meine Haut so schlimm war.Das hat mein Selbstvertrauen natürlich total beschädigt. Man macht sich oft keine Vorstellungen davon, welchen Schaden kleine Jungs und natürlich auch Mädchen in jungen Jahren nehmen, denn deine Selbstachtung baust du dir in deiner Kindheit auf. Diese archaische Art, Jungs zu erziehen, dass man ihnen zum Beispiel sagt, dass sie nicht weinen sollen, das ist …

HP Was? Englischen Jungs wird heute noch gesagt, dass sie nicht weinen sollen?

SF Also, mir hat man das als Kind gesagt. Vor allem im Norden ist es noch so. „Bist du ein Mann oder eine Maus?“ – dieser ganze Schrott, mit dem ich als Kind auf jeden Fall noch zu tun hatte.

 

Das ganze Interview ist in unserer FALL/WINTER 2019 Ausgabe erschienen und ist als digitaler Download oder Hardcover in unserem online shop und an den Zeitungsständen erhältlich

 

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Sam Fender tourt mit “Hypersonic Missiles”ab dem 05.11.19 durch Europa und spielt am 12.11. in Berlin

 

Fotos EMMA HARDY @ EAST

Styling ROSE FORDE @ TWG

Grooming TAKUYA UCHIYAMA @ SOLE REP LTD

Foto-Assistenz DAVE HAMPTON

Styling-Assistenz SOPHIE TANN