RIOT PANT PROJECT

Unser Autor, ein Mann, versucht im Folgenden tunlichst nicht Manzusplainen und hält sich deswegen ausschließlich an Aussagen oder Meinungen betroffener Personengruppen.

Also los, beginnen wir mit dem Vokabular: „Mansplaing“, das unangebrachte Verhalten hauptsächlich heterosexueller Cis-Männer (also heterosexueller Männer, die im Körper eines heterosexuellen Manns geboren sind und sich darin wohlfühlen), die allen anderen (also allen nicht heterosexuellen Cis-Männern) Dinge erklären (explainen), von denen sie entweder keine Ahnung haben oder die ihr Verhalten betreffen, welches auf die patriarchale Tradition der westlichen Gesellschaft zurückzuführen ist. Zum Beispiel, wie sich Frauen zu verhalten haben, welche mit Manspreading konfrontiert werden. Sowas kann dann wie folgt lauten: „Liebe Frauen, man versetzte sich doch bitte in die Lage im Besitz von Genitalien zu sein, die ärgerlicherweise außerhalb des Körpers hängen. Dafür kann man doch nichts, das sucht man sich ja nicht aus!“. Oder, in diesem Fall handelt es sich scheinbar sogar um eine wissenschaftliche Studie: „Mein männlicher Oberkörper ist so breit, dass meine Beine in der sitzenden Haltung so gespreizt werden müssen, dass mein ganzer, sitzender, männlicher Körper nicht umkippt“.

 

Foto: Lexi Sun

Damit sind wir auch schon beim eigentlichen Thema: Manspreading, das unangebrachte Verhalten hauptsächlich heterosexueller Cis-Männer (also Männer, die im… ach das hatten wir bereits), die in öffentlichen Verkehrsmitteln so ihre Beine spreizen (spreaden), dass sie anderen Passagieren ihren Platz nehmen; weil, nun ja, zwischen den Beinen etwas hängt, was eben Anspruch auf Platz haben soll. Die Verkehrsbetriebe von Städten wie New York oder Madrid weisen in der Zwischenzeit mit Stickern darauf hin, dass dieses Verhalten Bitteschön zu unterlassen sei, wohl als Reaktion auf den Druck von feministisch organisierten Petitionen hin.

Solche Sticker oder auch der ganze vorangegangene Text hier haben dabei aber ein gemeinsames Problem: Sie verschieben die Diskussion weg von den Opfern und hin zu den Männern. Außerdem wird ein betroffener Mann, der entsprechenden Sticker sieht, oder Worte wie Manspreading bzw. –splaining hört, nahezu dazu aufgefordert, sich von einem resoluten Feminismus beschnitten, beengt – sich seiner männlichen Freiheit beraubt zu fühlen und im Zweifelsfall mit Trotz zu reagieren.

Zwei Studentinnen aus Berlin haben eine wahrhaft elegantere Lösung für dieses Problem gefunden: Sie druckten feministische Appelle in den Schritt von Hosen, nennen das ganze RIOT PANT PROJECT und geben so den Trägerinnen dieser Hosen die Möglichkeit, subtil auf das störende Spreading aufmerksam zu machen und sich den zustehenden Platz zurückzuerobern. Wir haben uns mit  Modedesignstudentin Mina Bonakdar und Elena Buscaino, Studentin der visuellen Kommunikation, beide studieren an der Universität der Künste (UdK) in Berlin, getroffen und uns das Projekt genauer erklären lassen.

Foto: Nadine Hess

INTERVIEW Wir haben uns getroffen weil Sie ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen haben, wollen Sie vielleicht kurz in eigenen Worten erklären was es damit auf sich hat?

ELENA BUSCAINO haha Kurz?

INTERVIEW Lang, gerne auch lange natürlich.

EB Mina und ich haben uns Anfang letzten Jahres in einem Kooperationsprojekt der Universität der Künste in Berlin kennengelernt. In einer Partnerinnenarbeit zwischen Mode- und Grafikdesign haben wir eine Modekollektion zum Thema „Ehe“ entworfen. Wir haben Outfits für den Antrag, die Eheschließung und die Scheidung gemacht und sind dabei ziemlich gute Freundinnen geworden. In dieser Kollektion haben wir viel mit versteckten Botschaften gearbeitet und sind so, ich weiß gar nicht mehr genau wie, gleichzeitig auf die Idee gekommen, dass es doch cool wäre versteckte Botschaften in den Schritt von Hosen zu drucken und so gegen Manspreading vorzugehen.

INTERVIEW War das Thema „Ehe“ vorgegeben?

EB Nein, das war unsere Idee.

MINA BONAKDAR Irgendwie kam alles zusammen, das Thema, die versteckten Botschaften usw. Von Beginn an, waren wir interessiert daran, wie unterschiedliche Körperhaltungen bestimmte Lesbarkeiten erzeugen. Als es um „Trennung“ ging, haben wir das so aufgeschrieben, dass man das Wort erst lesen kann, wenn man eine bestimmte Körperhaltung eingenommen hat…

EB Oder bei dem Kniefall…

MB Genau, über diese Ideen kamen wir darauf, wie spannend es sein kann, subversive Botschaften in Kleidung zu verstecken. Wir haben schnell gemerkt, dass wir ein ähnliches Mindset haben und uns viel über Themen wie Geschlechterrollen und toxische Maskulinität unterhalten auch darüber, wie uns gewisse Situationen im Alltag extrem stören. Aber wir haben auch gemerkt, dass das thematisch nicht in unser Uni-Konzept passt.

INTERVIEW Was war denn mit dem Kniefall?

EB Mina hat eine Anzughose gestrickt, also längs gestrickt und wenn die Person welche die Hose trägt sich, zum Beispiel für einen Heiratsantrag hinkniete, dann haben sich die Strickfalten gedehnt und es wurden  Worte sichtbar. Sobald die Person steht, sind die Worte wieder in den Strickfalten verschwunden. Das war Teil der Uni-Kollektion. Da fällt mir ein, ich glaube ich habe vergessen zu erwähnen, dass das Überthema der gemeinsamen Kollektion „Typografie auf Kleidung“ war, die einzige Vorgabe, alles andere hat sich aus unserer Partnerinnenarbeit ergeben.

INTERVIEW Und was dann daraus entstanden ist, darüber reden wir wahrscheinlich gleich genauer, ist vollkommen unabhängig von der Universität passiert.

MB Genau, das ist ein freies Projekt. Wir waren so inspiriert und wussten, dass wir gut zusammen arbeiten und Themen haben, die uns beide beschäftigen. Du merkst schnell, wenn ein Thema dich wirklich beschäftigt, dann steckst du da nochmal viel mehr Energie rein und hast Lust darauf weiterzuarbeiten.

INTERVIEW  Jetzt mal konkret, was war das Ergebnis des Weiterarbeitens?

EB Konkret geht es darum, dass wir in den Schritt von Hosen feministische Appelle und Botschaften drucken, die sich mehr oder weniger, auch indirekt, auf Manspreading beziehen. Diese Hosen machen wir für alle Menschen die sich von Manspreading oder toxischer Männlichkeit diskriminiert fühlen. Das betrifft vorrangig Frauen und queere Personen, aber wir sind auch offen für Allianzen mit Cis-Männern, alle dürfen unsere Hosen tragen.

Foto: Hanko Ye

INTERVIEW Was ist Manspreading?

EB Manspreading ist ein, seit 2015, im Oxford-Online Dictionary definierter Begriff, für eine spezifische Körperhaltung bei Männern. Es geht um Männer, die in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen und dabei die Beine so spreizen, oder allgemein raumgreifende Körperhaltungen einnehmen, dass sie mehrere angrenzende Sitze einnehmen. Wir sehen darin eine Metapher zu dem zwischenmenschlichen Verhalten vieler Männer, welches sehr dominant und raumeinnehmend ist und an eine Erwartung an Männlichkeit geknüpft ist, welche wir als überholt empfinden.

INTERVIEW Um nun aber dem Manspreading Einhalt zu gebieten bzw. darauf hinzuweisen, müssen die eigenen Beine „gespreaded“ werden, da die Botschaft im Schritt platziert ist. Ist das kein Widerspruch?

MB Nicht unbedingt, weil die Idee ist, die Person die einem gegenüber oder neben einem sitzt darauf aufmerksam zu machen. Indem man ihre Haltung imitiert, konfrontiert man die Person, bzw. hält ihr einen Spiegel vor und kann dann die eigenen Beine  wieder schließen. D.h. die Haltung ist sogar eher als eine Art Aufforderung zu verstehen, die nur kurz, zum Verständnis, eingenommen wird.

EB Und zum anderen wollen wir mit den Hosen Frauen und queere Personen empowern und sie dazu auffordern sich mehr Raum zu nehmen. Und, wir finden es total in Ordnung, wenn sich dann beispielsweise eine queere Person auch mal ausbreitet und den Raum für sich einnimmt. Momentan herrscht da ja eine so krasse Dysbalance, die nur peu à peu aufgearbeitet werden kann.

MB Es ging ja auch von Beginn an nur indirekt um das Manspreading in der Bahn, es hat sich eben auch ziemlich schnell herauskristallisiert, dass das viel mehr Ebenen hat als einfach nur diese Körperhaltung. Es ist eine Machtdemonstration. Uns wurde oft gesagt:  „Ja aber Frauen können sich ja auch breit machen“ aber der Vergleich hinkt, weil es weiblich gelesenen Personen abtrainiert wird, sich Raum zu nehmen. Es geht uns vielmehr um das Gefühl, welches dir vermittelt wird, wenn dir ein Mann gegenüber sitzt der manspreadet, das hat eine ganz starke Konnotation.  

EB Es ist verknüpft mit Macht.

INTERVIEW Und wahrscheinlich auch mit Gleichgültigkeit, oder?

MB Ignoranz

EB Es gibt diesen Gegenterm des Shebaggings, welcher das Phänomen bezeichnet, dass Frauen angeblich Sitze mit ihren Taschen einnehmen. Aber wir finden, dass das absolut nicht vergleichbar ist, weil es damit nicht die Konnotation von körperlicher Dominanz einhergeht. Das ist vielleicht auch ignorant, aber es fehlt eine sexistische, mit Gender verknüpfte Bedeutung.

Foto: Nadine Hess

INTERVIEW  Zum Ende vielleicht nochmals etwas pragmatischer, immerhin handelt es sich um Modeartikel. Aber ihr wollte kein Label gründen, nicht kommerziell funktionieren, oder? Es geht einzig und allein um die Botschaft, aber wie wollt ihr es schaffen das umzusetzen?

EB Wir müssen die Hosen verkaufen um uns den Druck und die Produktion leisten zu können. Wir wollen uns aber nicht der Fast-Fashion-Industrie angliedern und arbeiten deswegen ausschließlich mit Second-Hand-Produkten. Unser Fokus liegt also darauf Second-Hand-Hosen einzukaufen und zu bedrucken und damit vielleicht auch den Tragezyklus zu verlängern bzw. sie aufzuwerten. Gleichzeitig können uns Leute auch ihre Hosen, die sie gerne tragen oder vielleicht lange nicht mehr getragen haben, zusenden und wir bedrucken sie dann.

MB Ich denke auch, dass das unser Anspruch ist, also Mode und Botschaft miteinander zu verbinden. Das könnte ein spannender Ausblick für die Zukunft sein, also wohin sich für mich Mode entwickelt.

EB Was für mich zum Schluss auf jeden Fall nochmal wichtig zu erwähnen ist, ist ein weiterer Aspekt: Wenn Frauen die Beine spreizen, dann ist das eine sehr sexualisierte Geste. Unsere Botschaften sollen sich wie eine Art Schutzschild zwischen Intimbereich und Außenwelt legen und damit die Geste entsexualisieren und eher zu einer Geste des Widerstands umdeuten.

 

 

Fotos HANKO YE, LEXI SUN, NADINE HESS
Interview TOBIAS LANGLEY HUNT