QUANTIFICATION TRIOLOGY

In der Julia  Stoschek Collection Berlin ist seit letztem Wochenende Künstler Jeremy Shaw mit seiner Ausstellung QUANTIFICATION TRIOLOGY zu sehen. Drei Kurzfilme mit den Titeln Quickeners (2014), Liminals (2017) und I Can See Forever (2018), beziehen sich aufeinander und beschäftigen sich mit marginalisierten Gemeinschaften in einer Zukunft nach „The Quantification“. Begleitet werden die Werke mit Shaws Fotoserie Towards Universal Pattern Recognition (2016–2020) die in eigens angefertigten Rahmungen nur durch eine Art Prisma zu betrachten sind. Das hat den Effekt, dass man die Bilder zerteilt, aufgestückelt sieht –Collagen die eigentlich keine Collagen sind.

Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein in Hamburg und der Esker Foundation in Calgary, Kanada, entstanden.

Jeremy Shaw, I Can See Forever, 2018, Zweikanal-HD-Videoinstallation; VHS-Video und HD-Video. Videostill. Courtesy of the artist and König Galerie, Berlin.

Weil uns die Ausstellung ausgesprochen gut gefällt und wir bereits das Vergnügen hatten Shaw kennenzulernen, kramten wir kurzerhand in unseren Archiven: Vor gut einem Jahr empfing uns der Künstler in seinem Kreuzberger Studio auf einem verlassenen Industriegelände.

Google Maps lotste uns damals 500 Meter am eigentlichen Eingang vorbei, eine Klingel gab es nicht. Andere Künstler, die hier ihre Ateliers hatten, wussten nicht nach wem wir suchen, man schien sich hier einzumieten, um Ruhe zu haben. Wir fanden ihn dann doch und wurden in einen verlassenen Korridor mit Funzellicht gebeten. Zwei Räume bildeten Shaws Arbeitsplatz, ein etwas größerer, allerdings fensterlos, wirkte wie eine Mischung aus Atelier, Lager und Dunkelkammer, ein kleinerer (mit Fenster) war Büro und Musikstudio. Nicht nur sein abgeschiedenes Studio, auch Shaw selbst wirkt ruhig, der freundliche Blick, die sanfte, überlegte und klare Stimme. Manchmal fehlen ihm am Ende eines Satzes die Worte oder er antwortet lieber mit „das weiß ich nicht“ anstatt sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Jeremy Shaw. Foto by Bernardo Martins

INTERVIEW Seit wann leben Sie eigentlich hier in Berlin?

JEREMY SHAW Seit 2008. Ich komme aus Vancouver, aber irgendwann war die Zeit zu gehen. Ich habe dann eine Weile in New York und London verbracht. Als ich das erste Mal nach Berlin kam, das war glaube ich 2005, habe ich mich gefragt, warum ich noch nie Zeit in dieser Stadt verbrachte habe. Eine Stadt, die mir ähnliche Dinge bietet, wie London und New York und dabei nicht so einen verrückten finanziellen Druck ausübt. Hier habe ich die perfekte Kombination aus Kunst und Musik, Zeit und Raum gefunden.

INTERVIEW Damals haben Sie nur Musik gemacht, oder?

JS Nein, ich habe immer schon beides gemacht. Aber Musik zu machen war damals mein Beruf, ich hatte einen Plattenvertrag in London und dann auch einen in Berlin. Ich habe aber immer gleichzeitig auch an meiner Kunst gearbeitet, was irgendwann zu viel wurde. Um 2009 rum habe ich das dann beendet, es sind also inzwischen 10 Jahre vergangen, seit ich nicht mehr professionell Musik produziere. Inzwischen ist sie aber Teil meiner Kunst, als Soundtrack meiner Filme beispielsweise.

INTERVIEW Wurden Sie durch Ihre Musik oder durch Ihre Kunst bekannt?

JS Während meines Kunststudiums fing ich an, mich stark mit Musik zu beschäftigen und habe das dann nach meinem Abschluss immer ernster betrieben. Ich weiß aber gar nicht, was zuerst erfolgreich war. 2004 habe ich meine Videoarbeit „DMT“ veröffentlicht, darin geht es um die gleichnamige Droge aus Gaspar Noés Film „Enter the Void“. Das Werk bekam ziemlich viel Aufmerksamkeit. Da ich aber zur selben Zeit schon Platten herausgebracht habe, ich kann also gar nicht so genau sagen, was mir zuerst mehr Aufmerksamkeit brachte.

INTERVIEW Denken Sie, es hilft dem Einstieg in eine Szene, wenn man bereits Bekanntheit aus einer anderen mitbringt? Also der erfolgreiche Musiker, der Kunst macht, und umgekehrt?

JS Ich glaube eher, dass es manchmal sogar hinderlich sein kann. Die Kunstwelt mag oft keine fachübergreifenden Künstler, damals war das zumindest so. Vielleicht kommt das aus einer kommerziellen Perspektive heraus: Man will nicht, das jemanden denken könnte, man könnte jederzeit das Medium wechseln. Ich spreche da natürlich über eine sehr konservative Kunstwelt. Das war aber gar nicht so schlimm für mich, viel frustrierender fand ich eher, dass ich in beiden Szenen gleichzeitig war. Ich ziehe eine Ausstellung immer einem Auftritt vor. Auftritte können zwar 45 Minuten lang lustig sein, aber puh, vier Stunden Backstage warten und Käse essen, das ist so langweilig. Und jeden Tag in einer neuen Umgebung zu sein, ich mochte das nicht. Die Leute denken immer, es wäre lustig mit einer Gruppe von Leuten auf Tour zu sein, aber drei Wochen mit denselben Menschen in einem Bus zu stecken, ist unglaublich ermüdend.

INTERVIEW Was eignet sich besser, um Gefühle auszudrücken: Kunst oder Musik?

JS Oh, schwierige Frage, das sind ja zwei sehr unterschiedliche Ausdrucksmittel. Bei der Musik geht es vielmehr um den Moment, darum von einer Präsenz zu profitieren, während man Kunst oft gar nicht so schnell begreift. Für pure Emotionen ist die Musik vielleicht der Kunst vorzuziehen. Ich kann das aber nicht wirklich sagen, weil es sich dadurch, dass ich Musik auch in meiner Kunst nutze, eher um eine Einheit handelt.

INTERVIEW Würden Sie sagen, dass Ihre Werke einen erkennbaren, queeren Aspekt haben?

JS Auch hier geht es eher um ein Gefühl, beziehungsweise um etwas, was ich in meinen Arbeiten fühle, eine Andersartigkeit, die potenziell vielleicht daher kommt, dass ich queer bin. Ich würde meine Arbeit aber nicht als queer bezeichnen, obwohl sie sich definitiv mit Abweichungen von der Norm beschäftigt, worin ich auch eine Queerness erkennen kann.

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT