PEOPLE OF INTERVIEW – MICHAEL ELMGREEN & INGAR DRAGSET

Sie kommen beide aus Familien, in denen die Kunst keine Rolle spielte und keiner von ihnen hatte, wie sie sagen, je den „feuchten Traum“, ein erfolgreicher Künstler zu werden. Als sie sich dann aber im Jahr 1995 in dem damals einzigen Kopenhagener Schwulenclub kennenlernten, ging es für Michael Elmgreen und Ingar Dragset los: Anfangs Performances und dann relativ schnell die raumgreifenden Skulpturen, die oft wie architektonische Inszenierungen wirken. Das bekannteste Werk ist wohl die Prada-Boutique inmitten der texanischen Wüste in der Nähe des Künstlerdorfs Marfa, die erst kürzlich in „Die Simpsons“ auftauchte. Ihre Wahlheimat Berlin hat den beiden seit 2008 das „Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“ im Berliner Tiergarten zu verdanken. Über zehn Jahre waren Elmgreen & Dragset dabei nicht nur Duo sondern auch ein Paar, um dann die Entscheidung zu fällen, sich für die Kunst zu trennen. Im Gespräch kam trotz Trennung das Wort ‚ich‘ so gut wie gar nicht vor. Elmgreen & Dragset sind nach wie vor ein ‚wir‘ und ihre Arbeit ein Ergebnis nahezu symbiotischer Zusammenarbeit.

 

 

INTERVIEW Warum haben Sie sich damals entschieden, nach Berlin zu ziehen?

MICHAEL ELMGREEN Das hatte viele Gründe: Die junge, zeitgenössische Kunstszene in Skandinavien wurde damals nicht wirklich institutionell unterstützt. Wenn du als Künstler etwas bewegen wolltest, musstest du fort ziehen, teilweise ist das heute noch so. Und Berlin war damals im positiven Sinne ein großes Chaos. Viele neue Galerien machten auf und Künstler besaßen Orte wie die Panasonic Bar oder das Init. Außerdem hatte Berlin im Vergleich zu Kopenhagen eine großartige Schwulenszene.

INGAR DRAGSET Es gab viele Indie-Clubs, wo die Studenten rumhingen, oder schwule Punk-Partys, einfach Orte, die es in Skandinavien so nicht gab.

INTERVIEW Hat sich in der Hinsicht in beiden Städten über die Jahre etwas verändert?

ELMGREEN In Kopenhagen ist mehr oder weniger alles beim Alten, da verändert sich nichts, dafür ist die Stadt zu klein. Und Berlin hat wegen der Gentrifizierung einige seiner schrulligen Orte verloren. Aber nichtsdestotrotz würde ich behaupten, dass Berlin der Ort auf der Erde ist, an dem es die meisten Möglichkeiten für Schwule und Lesben gibt. Ich habe ja sieben Jahre lang in London gelebt, in meiner Zeit dort hat nacheinander alles zu gemacht, wo ich gerne hin ging.

INTERVIEW Ihre Arbeiten haben oft eine eher subtile queere Botschaft. Wie bewusst zielen Sie darauf ab? Und nähern Sie sich einer neuen Arbeit eher theoretisch oder praktisch?

DRAGSET Sowohl als auch…

ELMGREEN Heutzutage gibt es ja viele sehr positive Entwicklungen, dass strikte Geschlechterrollen gebrochen werden etwa oder dass Kategorien wie schwul, hetero, bi oder was auch immer an Relevanz verlieren. Aber nichtsdestotrotz leben wir in einer unglaublich heteronormativen Infrastruktur. Unsere Städte bedienen zu 99 Prozent heterosexuelle Bedürfnisse, selbst in einer Stadt wie Berlin, in der ein gigantischer Teil der Gesellschaft schwul oder lesbisch ist. Das thematisieren wir immer wieder gerne. Vor vielen Jahren haben wir in einem Park in Dänemark einen „Cruising Pavillon“ errichtet. Von außen sah er aus wie ein typisches White-Cube-Gebäude, aber innen gab es ein Labyrinth mit Glory Holes und so. Nachts konnten die schwulen Jungs dort Spaß haben und tagsüber war es ein Pavillon für jedermann. Das machte dieses Werk zum Gegenteil von dem, was man eigentlich kennt, wir haben eine heterosexuelle Architektur übernommen, aber sie von Beginn an für homosexuelle Zwecke ausgelegt. Wenn wir also eingeladen werden, etwas auf Plätzen wie dem Trafalgar Square, dem Rockefeller Plaza oder dem Place Vendome zu machen, dann finden wir es unglaublich wichtig, unseren Werken eine weitere Ebene hinzuzufügen, Ebenen, die dann nicht nur die Bedürfnisse gewisser Teile der Gesellschaft bedienen.

INTERVIEW Sind diese Ebenen dann auch auf eine Art politisch?

ELMGREEN Kunst kann manchmal helfen, Dinge zu verwirren oder zu verunsichern, in dem sie Fragen stellt. Und das betrifft auch unsere Szene. Nur weil du schwul bist, bist du ja noch lange kein Heiliger. Es gibt so viele schrecklich konservative, schwule Politiker. Und auch das schwule Alltagsleben ist geprägt von Vorurteilen und Stereotypen. Es gibt einen nicht zu leugnenden Rassismus in der schwulen Community. Dass es zum Beispiel bei Dating Apps erlaubt ist, ethnische Präferenzen anzugeben…

DRAGSET Man liest oft „No Asians“ – man fragt sich, was falsch bei diesen Leuten läuft? Ganz abgesehen davon, dass ich dabei nicht verstehe, was die Leute mit Asiaten meinen. Alle Menschen, die zwischen Russland und Japan leben?

ELMGREEN Oder umgekehrt Leute, die nach etwas Speziellem suchen: „Oh, ich hätte gerne was mit einem schwarzen Typen, weil der hat einen großen Schwanz!“ Das ist alles so infiziert und schlimm und kein Mensch spricht darüber. Das sind Diskussionen für unsere eigene Community, die in Zukunft unbedingt mehr geführt werden sollten.

Das Interview erschien im INTERVIEW Pride Fanzine und kann hier bestellt werden.
Als Digital Download oder hard copy, enjoy!

Fotos BERNARDO MARTINS
Fotografiert mit POLAROID ORIGINALS ONE STEP+
Interview TOBIAS LANGLEY HUNT