OMISSIONS ODER SEX MIT PUPPEN

Louisa Clement ist 33 Jahre jung und lebt und arbeitet in Bonn. Sie hat von 2007 bis 2010 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und von 2010 bis 2015 an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. 2014 war sie Meisterschülerin von Andreas Gursky. Photo: Neven Allgeier

Sex sells, bekanntlich. Deswegen schreiben wir, dass die Künstlerin Louisa Clement in ihrer aktuellen Ausstellung in der Berliner Galerie EIGEN + ART Lab Sexpuppen ausstellt.
Sexpuppen sind Roboter, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, die man sich zulegt um mit ihnen Sex zu haben, versteht sich. Das ist sehr vereinfacht ausgedrückt, denn es ist anzunehmen, dass Sex nicht das einzige ist, was dem Nutzer oder der Nutzerin, in den meisten Fällen tatsächlich doch ersteres, fehlt. Vielmehr geht es um Nähe, Beziehung oder auch Liebe, menschliche Zuneigung durch eine menschlich anmutende Maschine. Science Fiction – man erinnert sich an Filme wie Blade Runner oder Her – scheinen wahr geworden. Der Unterschied zu den Hollywood-Interpretationen einer künstlichen Bergleiterin ist, dass es sich bei den gegebenen um materielle Figuren handelt, die Intelligenz, in die man sich verlieben könnte, wirkt rudimentär. Clement veranschaulicht dies, indem sie die Gussformen dieser Puppen wiederum in Bronze gießt. So steht der Besucher der Ausstellung OMISSIONS über auf dem Boden liegender, unbeweglicher Hüllen, denen jegliche Substanz, im übertagenden Sinne, zu fehlen scheint. Die Puppe als inhaltsleeres Abbild einer normierten Menschheit, beschäftigte Clement schon in früheren Arbeiten. Hier handelt es sich um die wahrscheinlich am häufigsten auftretende und dennoch so unscheinbare, weil alltägliche Nachbildung eines menschlich anmutenden Körpers – die Schaufensterpuppe. Auch in OMISSONS sind Clements „Avatare“, so nennt sie ihre Puppen, zu sehen. Allerdings erst auf den zweiten Blick. Honigfarbene, abstrakte Fotografien – tatsächlich das innere eines Puppenschritts, Videos von um sich um die eigene Achse drehende, schwarz-glänzende Skulpturen – zertrümmerte Kunststoff-Mannequins.
Kommen wir zur eigentlichen, sich immer stellenden Frage: Was will uns die Künstlerin damit sagen? Nun, das haben wir sie auch gefragt, aber so viel dürfen wir vorweg nehmen – es geht um Realitäten, Scheinrealitäten, Unrealitäten. Es lohnt sich die Handykamera auf die am Boden liegenden moulds (so heißen die Sexpuppen-Hüllen) zu richten und einen Blick auf den Bildschirm zu wagen – das mobile Telefon, der ständige Begleiter des modernen Menschen, wird zum Filter, welcher den Skulpturen Leben einhaucht. Das Spannende: ohne technische Trickserei. Nur die optische Täuschung  gaukelt Körperlichkeit vor, wo keine ist.

Louisa Clement inside 4, 2020 Inkjet print 70 x 90 cm courtesy the artist and EIGEN + ART Lab

INTERVIEW Sie beschäftigen sich mit Puppen, so könnte man Ihre Arbeit grob zusammenfassen.

LOUISA CLEMENT Auf mein gesamtes Werk übertragen, nehmen Puppen eine Art Platzhalter ein, weil ich mich tendenziell eher mit allgemeinen Themen beschäftige. Also ich mache nichts Autobiographisches, oder Dinge, die nur mit mir zu tun haben. Sobald du aber abbildest, wird eine Verbindung zu einer bestimmen Person hergestellt, bei Portraits zum Beispiel. Deswegen ist für mich die Puppe, auch wenn es um Themen wie das Digitale geht, eine relativ klare Form der Abstraktion und trotzdem wird die Verlinkung zum Körper und zum Menschen erhalten.

INTERVIEW Gab es einen Schlüsselmoment, sich mit dem künstlichen Körper auseinanderzusetzten?

LC Das war eigentlich meine Abschlussarbeit an der Akademie (2015), ich habe damals 55 Puppen portraitiert, die keine Gesichtszüge haben und im Stadtbild ja relativ viel zu sehen sind…

INTERVIEW Schaufensterpuppen…

LC …Genau. Ausgangspunkt war das biometrische Passfoto, also die Anpassung an eine Norm, um dich selbst darstellen zu können. Du darfst nicht lachen, du darfst die Haare nicht individuell tragen, keine Brille und so weiter. Du nimmst alles weg, was dir in irgendeiner Weise Identität verleiht. Dieser Widerspruch in sich, sich mit einer Neutralisierung auszuweisen, hat mich interessiert. Influencer machen ja im Grunde nichts anderes, das am häufigsten benutze Wort von Influencern ist „like“, also „wie“. Es geht um eine ständige Angleichung. Ich habe mich damit beschäftigt, was das mit unserer Generation macht, was uns ausmacht. Was bedeutet eigentlich Eigenständigkeit? Ich habe dann die Schaufensterpuppen gesehen und sie wie Passfotos abfotografiert. Das war der Schlüsselmoment: die Puppe als Identitätsfrage in der digitalen- aber auch in der realen Welt.

INTERVIEW Betrachten Sie eine industriell hergestellte Puppe als ein künstlerisches Objekt?

LC Ich betrachte sie eher als Nutzmittel. Ich nutze sie ähnlich, wie ich auch Fotografie benutze, oder das Handy. Die Puppe ist eine Darstellungsform. Für meine Serie „Avatar“ habe ich mir die 55 Puppen besorgt, die standen dann in meinem Studio rum und waren wie eine Bildebene, die ich verwendet habe.

INTERVIEW Und wie kam es dann zum nächsten Schritt, sich mit den Sexpuppen auseinanderzusetzten?

LC Mit – beziehungsweise über – Sexpuppen zu arbeiten, kam daher, dass ich davor viel über digitale Kommunikation nachgedacht habe. Also mit der Frage wie künstliche Intelligenz funktioniert, oder wie real digitale Gespräche sind. Irgendwann war das Thema dann ein bisschen durch und ich kam zu dem Punkt mich zu fragen, wie weit diese Themen wieder in die Realität reinreichen, also wie wird eine Künstlichkeit im Realen verlangt. Und so kam ich auf künstlich-intelligenten Sexpuppen. Viele Leute fangen an mit diesen Puppen zu leben, Beziehungen mit ihnen führen, sie holen sich die künstliche Kommunikation in ihre reale Welt. Dieses Wechselspiel von Realität und Künstlichkeit fand ich hoch interessant. Hinzu kam dann natürlich auch die Problematik, dass die Puppen individuell für dich hergestellt werden, du kannst dir deine Puppe aussuchen. Ich habe dann damit angefangen mir die Gusshüllen dieser Puppen zu besorgen, als klassische, künstlerische Verhandlung der Thematik – die Puppe als deinen Begleiter. Die Hülle als Formulierung oder Hinterfragung einer Leerstelle, die entsteht, beziehungsweise die gefüllt wird. Das Wechselspiel zwischen künstlichem, nicht-lebenden Körper, der als lebender Körper behauptet wird und welcher, ich behaupte mal, bei den meisten Menschen eine Verletzung oder eben eine soziale Leerstelle der Entscheidung vorrausetzt, den Schritt zu gehen, eine solche Puppe zu kaufen und mit ihr zu leben. Das hat für mich die Hülle viel klarer dargestellt als die Puppe selbst.

Louisa Clement mould 2, 2019 Bronze 19,5 x 175 x 90 cm courtesy the artist and EIGEN + ART Lab

INTERVIEW Spontan überkommt es einen, dieses Thema erst einmal zu problematisiert. Sie behandeln das aber größtenteils wertfrei, warum?

LC Ich sehe darin etwas, was eigentlich jeden betrifft. Wir alle kommunizieren mit unseren Handys, oder wir alle leben in einer Zeit, in welcher wir Erfahrungen mit Alleinsein machen. Man steigert sich da schnell rein, in eine künstliche Kommunikation. Jeder hat irgendwelche Tagträume. Einige leben das natürlich stärker aus als andere. Im Grunde hinterfrage ich eher die Punkte Ehrlichkeit, Realität oder Authentizität. Es ist jedem freigestellt, wie er das auslebt.
Ich finde das sind relativ klassische Thematiken. Das fängt damit an, dass man als Kind eine Puppe hat und die Frage wann man diese abstößt. Es geht um den ursprünglichen Wunsch nach menschlichem Kontakt, Beziehungen oder auch Liebe und das betrifft, glaube ich, wirklich jeden.

INTERVIEW Auch Psychologen schätzen diese Entwicklungen erst einmal positiv ein, oder?

LC Das ist sehr umstritten. Es gibt Psychologen in den USA, die wirklich sagen, dass diese Puppen eine Form von Übung sein können, wenn du sozial eingeschränkt oder nicht kompatibel bist. Sie können dir helfen Hemmungen abzubauen. Andere sehen das wiederum total problematisch, weil das auch ein großes Fetisch-Ding ist. Schritte, die vielleicht durch Hemmungen gebremst werden, sind plötzlich machbar und wenn du dann wieder in die Realität kommst, sind vorherige Grenzen aufgelöst.

INTERVIEW Einen sehr problematischen Punkt erkennt man erst, wenn man ihre Skulpturen abfotografiert. Die konkaven Hüllen wirken auf dem Bild wie konvexe Körper. Erst durch das zweidimensionale Bild erkennt man die unnatürlich genormten Proportionen.

LC Anatomisch nicht logische Proportionen.

INTERVIEW Hier wird auch der Bezug zur Schaufensterpuppe wieder hergestellt, die ja in den meisten Fällen auch eine idealisierte Körperform darstellen.

LC Ja, die Körper sind natürlich übersexualisiert, da geht es ganz klar um den Absatz, also der eigentliche Grund, warum die Puppen verkauft werden. Das ist auch der Grund, warum ich meine Arbeit mit dem „Umfotografieren“ erweitert habe. Ich fand es interessant die Leere der Puppen mit Volumen zu füllen und so die überproportionalen Körper zu zeigen. Es geht ja darum, dass du dir deinen eigenen Partner selbst zusammenbaust. Und im Grunde machst du bei Tinder nichts anderes…

INTERVIEW Oder bei den Reborn-Babys.

LC Ja. Du baust dir Menschen aus Bausteinen zusammen. Ich frage mich, was das noch mit Beziehungen zu tun hat, mit Auseinandersetzungen. Man verneint alles, was einen Menschen eigentlich interessant machen sollte. Kleine Fehler oder Ticks, die einen mal aufregen, aber die auch total charmant sein können. Und so leben wir heute auch, diese schnellen Beziehungswechsel sind nichts anderes, sobald es schwierig wird, wird die Beziehung beendet. Der „Vorteil“ einer Puppe ist, sie wird nicht schwierig. Eine Puppe diskutiert nicht, der Körper einer Puppe verändert sich nicht.

INTERVIEW Aber das steht ja auch in gewisser Weise im Widerspruch zu anderen gesellschaftlichen Diskussionen, der Wunsch nach einer diverseren Repräsentanz von Körpern. Selbst Barbie darf inzwischen Kurven haben.

LC Stimmt.

INTERVIEW Und dann gibt es noch die Parallele zur Antike, auch dort gab es schon ein Bedürfnis nach perfektionierten Körpern.

LC Absolut. Wenn du dir griechische Marmorskulpturen anguckst, dann sind das in den meisten Fällen auch unnatürlich idealisierte Körper, die auf eine Art auch übersexualisiert sind. Deshalb habe ich auch die Bronze als Material gewählt, die klassische Form der Skulptur, die Überperfektion des Körpers, die immer auch eine Übermenschlichkeit darstellt. Das passt auch wieder mit der künstlichen Intelligenz zusammen, die Grenzen zwischen Mensch und Übermensch werden aufgelöst. Die Bronze gibt dem ganzen dann eine Schwere, die Figur steht über dir, beziehungsweise in diesem Fall liegt sie unter dir, und lässt sich nicht wegbewegen.

INTERVIEW Künstler haben ja die Fähigkeit, oder auch die Aufgabe, Imagination zu verwirklichen. Tragen Sie als Künstlerin nicht auch immer ein wenig dazu bei, Perfektion zu manifestieren?

LC Ich glaube schon, also man steckt da schon sehr drin. Man brennt ja für das was man macht. Ich verspüre eine Dringlichkeit, was meine Themen angeht. Ich versuche sie mit meiner Sprache so gut wie möglich auszudrücken. Und die besten Worte die ich finden kann sind eben das Bildnerische. Da feilt man dann so lang rum, und ja, dann hat man auch diesen Drang, dass das dann sitzen muss. Das hat auch etwas von manischem Denken, man gibt da einen Anspruch mit rein, dass das so sein muss, wie man das will.

 

 

Louisa Clement  – omissions
Galerie EIGEN + ART Lab, Berlin

Ausstellung: 11. Juni – 15. August 2020

 

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT