OBJEKTE DER BEGIERDE

2019 ist das Jahr des Bauhaus, beziehungsweise das 100. Jahr nach Gründung des Bauhaus. Wie kaum eine andere gestalterische Lehre, beeinflusst die Formsprache des Bauhaus unsere Vorstellung einer modernen Ästhetik, ob in Kunst, Design oder Architektur. Begriffe wie Minimalismus, Funktionalismus oder Sachlichkeit werden dabei häufig synonym verwendet und gelten, auch heute noch, als Qualitätsmerkmal für gutes Design.

Ziemlich surreal also, dass das Vitra Design Museum im ‚Bauhaus Jahr 2019‘ mit einer Ausstellung wirbt, die sich im Untertitel als „Surrealismus und Design“ erklärt. Wie surreal können formschöne aber praktische Alltagsgenstände wie Stühle, Tische oder Kleiderbügel schon sein? Die Überschrift „Objekte der Begierde“, lässt einen vielleicht ein wenig weniger rätseln –  die Begierde ist selten praktisch. Und, sieht man die Liste der präsentierten Künstler und Designer, versteht man vielleicht noch ein bisschen mehr, was gemeint sein könnte, zumindest weckt es die Begierde nach Weil am Rhein, ins Vitra Desing Museum zu gehen.

BLESS, Hairbrush, 1999 (2019) © Vitra Design Museum, Foto: Andreas Sütterlin

Konstantin Grcic, Coathangerbrush (Reedition für Muji), 2002 Mit freundlicher Genehmigung von Ryohin Keikaku Co., Ltd.

Sehen wird man Arbeiten von „Gae Aulenti, Björk, Achille Castiglioni, Giorgio de Chirico, Le Corbusier, Salvador Dalí, Dunne & Raby, Max Ernst, Ray Eames, Front, Friedrich Kiesler, Shiro Kuramata, René Magritte, Carlo Mollino, Isamu Noguchi, Meret Oppenheim, Man Ray und vielen andere“, heißt es. Außerdem, dass ab dem 28. September 2019 der Dialog zwischen Surrealismus und Design untersucht wird. Wer hier mit wem einen Dialog führt, ist nicht ganz klar, aber genau deswegen umso spannender. So inspirierte ein Fahrradrad Marcel Duchamp zu seinem Werk „Fahrrad-Rad“ (1913) oder ein Hummer und ein Telefon waren Vorbild für Salvador Dalis „Hummertelefon“ (1936). Bei Produktdesigner Konstatin Grcic oder Modedesignerin Iris van Herpen wiederum, findet man deutliche Einflüsse der surrealistischen Kunst.

Bocca (Sofa), 1970 © Gufram/Studio65, Foto: Jürgen HANS © Vitra Design Museum

Roberto Sebastian Matta Echaurren, MAgriTTA, 1970 © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen HANS, Copyright für die Werke von Roberto Sebastian Matta Echaurren: © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Surrealistisch ist das Über-Natürliche, Traumwelten, Fantasien, Ungreifbares. Ausgehend von dem surrealistischen Manifest von André Breton im Jahr 1924 beeinflusste es nicht nur die Kunst, sondern auch Literatur, Film oder Fotografie und seit den 1930ern bis heute offensichtlich auch Design, so glaubt man gerne, dass Design surrealistisch sein kann, warum nicht den Versuch wagen, sich von Alltagsgegenständen zum Träumen inspirieren zu lassen? Die Ausstellung führt einen langsam ein in die Thematik, mit einer Bestandsaufnahme des Surrealismus von 1920 bis 1950 um dann, mitunter sehr theoretisch zu werden. So untersuchten die Surrealisten ästhetische Archetypen, hinterfragten optische Codes und untergruben unsere vermeintlich vertraute Welt. Apropos Bauhaus, Design-Klassiker von Studio65 oder dem italienischen Radical Design, Memphis uns so weiter, waren die revolutionären Antworten der damals jungen Designer, die von der zurückhaltenden, „Form der Funktion folgenden“ Ästhetik, des Maßes aller Dinge – Bauhaus – zutiefst gelangweilt waren. Der surrealistische Kontext ist vielleicht auf den ersten Blick  nicht naheliegend, die Kuratoren in Weil am Rhein aber sehen Parallelen, zwischen den skulpturalen, expressiven Möbeln und den surrealistischen Motiven von z. B. Dali oder Chirico.

Fotomodell in einem Abendkleid von Madeleine Vionnet in der Brouette von Oscar Dominguez, 1937, fotografiert von Man Ray © Man Ray Photo Library/Telimage,
Paris, Copyright für die Werke von Man Ray: © Man Ray Trust, Paris/VG Bild Kunst, Bonn 2019

Kuratiert wurden die „Objekte der Begierde“ von Dr. Mateo Kries und zu sehen sind sie bis zum 19. Januar 2020. Weitere Informationen findet man auf der Website des Vitra Design Museums.

 

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT