NATÜRLICHER WEINHANDEL

Der Großstädter meint ja bekanntlich zu wissen was gut ist, ob das immer stimmt, ist eine andere Frage. Folgender Trend kommt aber eigentlich vom Lande, nicht nur im übertragenden Sinne, sondern auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Rede ist von Naturwein, der Luxus des gustatorisch gebildeten Genießers, nicht billig und nicht unumstritten. Für einige Weinkenner ein Kraus, für andere ein Zurückbesinnen auf die Wurzeln des Winzer-Handwerks. Der Begriff ist rechtlich nicht geschützt, es gibt kein Label welches den “natürlichen“- von “konventionellem“ Wein unterscheidet.

Auf einige Anhaltspunkte einigte sich die Branche aber schon: Ökologisch bzw. biodynamisch soll der Anbau der Trauben sein. Die Gärung soll natürlich erfolgen, das bedeutet die sonst übliche Zuckerbeigabe ist tabu. Außerdem wird in den meisten Fällen auf den Konservierungsstoff Schwefel verzichtet – sowohl Zucker als auch Schwefel seien im natürlichen Zustand schon ausreichend vorhanden. Damit verliert der experimentelle Winzer wesentlich an Kontrolle, der Alkoholgehalt und die Haltbarkeit hängen nicht allein vom guten Umgang mit der Traube ab, das bedeutet Hand- oder zumindest aufwändige Detailarbeit, was mitunter eine Erklärung für die doch recht happigen Preise ist. Auch der Geschmack ist von Flasche zu Flasche individuell, nicht vorbestimmbar – natürlich eben. Das liegt unter anderem daran, dass man sich auf die Hefen verlässt, die sowohl im Weinberg als auch im Weinkeller in – langsam erklärt sich der Name – natürlicher Form zu finden sind. Herkömmliche Zuchthefen sind berechenbarer, die Aromen sind planbarer. Es ist also immer mit einem gewissen Risiko verbunden vor dem Regal des gut sortieren Weinladens nach dem Naturwein zu greifen. Auch wenn die oft sehr jungen Winzer, von denen so einiger einen Traditionsbetrieb geerbt und eben ganz im Sinne der Natur modernisiert hat, sich visuell nichts nehmen lassen. Die Etiketten versprechen grafisch, visuell eine sehr zeitgenössische Form des Genusses, der nicht nur im Glas, sondern schon auf dem Tisch, das ästhetische Herz des hippen privat-Sommeliers höher schlagen lässt.

Überzeugt? Man kann es ja mal versuchen: Hier eignet sich Plain, das Start-up des Berliners Marcus Hauer. Auf der Website plain.wine kann man sich registrieren, Mitglied des Naturweinclubs werden und erhält dann monatlich eine stetig wechselnde Auswahl dreierlei Weine, rot, weiß oder orange mit oder ohne “Spritz”, es erfordert ein kleines bisschen Offenheit für Überraschungen.

Unangenehme, aufklärerische Situationen beim analogen Weinhändler bleiben einem dabei erspart, die eigene Unwissenheit über Wein wird nicht zur Blamage. Ganz im Gegenteil, beigelegte Infobögen, anschaulich gestaltet, klären auf, über Herkunft, Winzer und Geschmack. Nach Studium der kurzen Lektüre kann dann ohne Heuchelei mitgefachsimpelt werden, bei der Naturwein-Verkostung in den eigenen vier Wänden.

 

Words PAUL METALL