MIRIAM CAHN

 

ich wollte bauarbeiter werden

schreiner werden

musiker und

schriftstellerin

sie schrieb außerdem:

wie ein mann leben

aber aber nie mann sein

ich

wollte frau sein

und und und

wie ein mann leben

wie ein mann arbeiten

niemals niemandem dienen

nie nie nie

gattin mutter muse freundin partnerin

werden wollen sein

nie

niemals

nie

 

Miriam Cahn widersteht dem Hype, sie konzentriert sich stets auf ihre Arbeit. Die 69-jährige Schweizer Künstlerin verliert den Fokus nie aus den Augen, genauso wenig lässt sie das bei ihren Ausstellungen gelten. Die Malerin präsentiert ihre Werke so, dass die Betrachter den Protagonisten in die Augen blicken können. Bereits in frühem Alter stellte sie traditionelle Denkweisen und Konventionen in Frage – sie beschloss niemals eine Familie zu gründen.

Anfang der 70er Jahre war sie noch als Zeichenlehrerin und akademische Zeichnerin tätig, bevor sie auch diesem Arrangement den Rücken kehrte und ihrer wahren Berufung folgte – dem der Künstlerin. Feministisches Gedankengut prägte ihre Arbeit seit Anbeginn, so beteiligte sie sich 1976 an der Anti-AKW und Frauenbewegung als Delegierte der Organisation für die Sache der Frau (OFRA) am Warschauer Friedenskongress. Ende der 70er endete eine ihrer Protestaktionen in einem Gerichtsprozess, da sie in einer nächtlichen Kunstaktion eine Baseler Autobahnbrücke mit Wandzeichnungen versah.

Miriam Cahn

 

Miriam Cahn – Meredith Grey / Courtesy the artist, Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe and Galerie Jocelyn Wolff, Paris

Cahns Arbeit setzt sich mit Aggression und Konflikt auseinander. Sie thematisiert Krieg und Zerstörung. So sagte sie in einem Interview mit der Zeit auch, dass sie aggressiv sein gut findet, vor allem als Frau, denn man könne nicht immer lächeln und alles okay finden. Wenn man eine Stinkwut hat, dann haut man jemandem eine rein. Ganz einfach.

Für Cahn folgten europaweite Einzel- und Gruppenausstellungen, Teilnahme an der Biennale di Venezia und zahlreiche künstlerische Würdigungen. Arbeitete sie früher noch in schwarz weiß, auf dem Boden kniend und mit Kreide in einer Art Performance, so hat sie in Folge von Rückenproblemen ihren Modus geändert. Mittlerweile schafft sie im Stehen, mit Ölfarben und in bunt. Es gesellten sich auch andere Disziplinen zu ihrem Werk, wie Performance Art, Skulptur, Fotografie, Film oder Video. Sie fertigt Diptychen und sieht sich unabhängig von gängigen Strömungen.

(C) Kunstmuseum Bern

 

Ihr Oeuvre wird momentan in einer spannenden Ausstellung im Kunstmuseum Bern gezeigt. Bis zum 16.06.2019 sieht man hier ‚ICH ALS MENSCH’, inklusive Arbeiten, die zuvor noch nie der Öffentlichkeit zugänglich waren. In Form einer einzigartigen Chronologie und umfassenden Installation werden verschiedene Themen von der Künstlerin aufgegriffen. Nach der ersten Station der Ausstellung in Basel wird sie außerdem im Haus der Kunst in München, sowie im Museum of Modern Art in Warschau gezeigt.

(C) Kunstmuseum Bern

Text JULIA DEUTSCH