LET THE MUSIC PLAY

The Weeknd “After Hours” (Universal)

Rechtzeitig zum Wochenende hat The Weeknd am Freitag sein neues Album „After Hours“ veröffentlicht, um sich wieder ganz der Katerstimmung hinzugeben, die sein gesamtes Schaffen prägt. Seit er vor neun Jahren seine erste Single „Wicked Games“ veröffentlicht hat, befindet er sich unentwegt im gleichen Modus – zu viel Party, zu viel Sex, zu viele Drinks, zu viele Lines, zu viele Pillen, zu wenig Schlaf, keine Hoffnung, kein Entrinnen. Das Stück „The Party & The After Party“ von dem Album „Trilogy“ (2011) handelte etwa von einer neuen Freundin, die wegen ihrer roten Koksnase von allen nur Rudolph (a.k.a the Red-Nosed Reindeer) genannt wurde. Wahrscheinlich wird er sie nie seiner Mutter vorstellen können, ging es ihm im Songtext durch den Kopf, weil sie vorher vermutlich an einer Überdosis stirbt. Sein großer Hit „Can’t Feel My Face“ erzählte wiederum davon, dass ihm von all dem Koks ständig das Gesicht taub ist, und auf „After Hours“ gestaltet sich die Lage nicht wirklich besser.

 

 

Die erste Singleauskopplung „Heartless“ beginnt er mit den Zeilen „Never need a bitch / I’m what a bitch needs“, um dann in „Escape From LA“ davon zu singen, dass alle Frauen offenbar dringend mit ihm Sex haben wollen, er aber nicht so richtig weiß, ob er wirklich möchte, was sich aber stets ändert, wenn er was getrunken hat, also eigentlich immer, denn dann kann er nämlich einfach gar nicht anders, obwohl die Frauen in L.A. für ihn nur überschaubar reizvoll sind, weil alle gleich aussehen, jedenfalls die, mit denen er zu tun hat, was wohl vor allem daran liegt, dass sie alle zum gleichen Arzt gehen – es ist ein Jammer. Vor ein, zwei Wochen mag das für eine gewisse Schicht in L.A. noch ein existentielles Problem gewesen sein, doch seit dem Wochenende dürfen auch dort die Leute dort nicht mehr ohne Grund vor die Tür und haben seither sowieso ganz andere Sorgen.

„Escape From LA“ ist auch der Titel eines Films, den der Regisseur John Carpenter 1996 in die Kinos brachte. Darin wird Los Angeles infolge von Dekadenz und Kriminalität erst unter die Kontrolle einer finsteren Polizeieinheit gestellt, dann gibt es plötzlich ein Erdbeben und macht die Stadt zu einer Insel. Ein übler, auf Lebenszeit gewählter Präsident ruft dann das „moralische Amerika“ aus und lässt unter anderem Alkohol, Drogen, außerehelichen Sex – also im Grunde alles, was in der Welt von The Weeknd zum Standard gehört – verbieten. Wer sich dem widersetzt, wird nach L.A. deportiert. Dann taucht allerdings die aufmüpfige Präsidententochter Utopia in L.A. ab, worauf Snake Plissken, ein Outlaw mit Augenklappe, gezwungen wird, sie aufzuspüren. Sollte er sich weigern, droht man ihn mit einem Virus zu töten. Snake Plissken ist wiederum eine Figur, die Carpenter bereits 1981 in seinem Film „Escape from New York“ eingesetzt hat, den man in Deutschland als „Die Klapperschlange“ kennt. Darin ist New York eine Art Hochsicherheitsgefängnis, das sich selbst überlassen ist. Man kommt weder rein noch raus. Bezeichnenderweise herrscht mittlerweile auch in New York Ausgangssperre.

Wie für die meisten seiner Filme – unter anderem „Halloween“, „Assault – Anschlag bei Nacht“, „Nebel des Grauens“, „Sie leben“ und „Die Fürsten der Dunkelheit“ – schrieb Carpenter auch für „Escape From New York“ die Filmmusik selbst. Das hatte sich bei ihm notgedrungen so ergeben, weil bei seinem ersten Film „Dark Star“ das Budget so knapp war, dass er sich keinen anderen Komponisten leisten konnte. Also besorgte er sich einen Synthesizer und machte sich ans Werk. Heute gelten Carpenters Soundtracks als Klassiker des Synthwave-Genres, das spätestens mit dem Film „Drive“ 2011 sein Revival erlebte. Weite Strecken von The Weeknds „After Hours“ klingt klingt nun wie ein Revival jenes Revivals – nicht so kostengünstig wie bei Carpenter, das Album liefert sozusagen Synthwave im Blockbusterformat.

The Weeknd hat dabei das Kunststück vollbracht in dem Song „Scared To Live“ Max Martin, den kommerziell erfolgreichsten Produzenten und Komponisten unserer Zeit, mit dem Experimentalmusiker Oneohtrix Point Never und Elton John zu vereinen. Er hat UK Garage der frühen Nullerjahre wiederbelebt und auch ein bisschen Drum and Bass eingebaut. Er lässt Kevin Parker von Tame Impala kurz auftauchen und auch ein Saxofon im Dunkel der Nacht erklingen, das wohl melancholischste Blasinstrument überhaupt.

Jeder Song verströmt eine unerfüllbare Sehnsucht nach einer besseren Zeit. Auf dem Cover sieht man Abel Tesfaye mit blutiger Nase, weil er vom Leben eins auf die Schnauze bekommen hat. Zwar fällt es im Moment schwer, sich für seine Problemlage im Detail zu interessieren, weil die Menschheit gerade von der Welt auf die Schnauze bekommt. Aber das ist ein Beweis für die Größe dieses wirklich fantastischen Albums, dass es auch unter veränderten Rahmenbedingungen funktioniert.

 

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J Balvin “Colores” (Universal)

Ist die Farbe von The Weeknds „After Hours“ ein tiefes Rot, so widmet sich der sagenhaft erfolgreiche kolumbianische Reggaeton-Star J Balvin auf seinem neuen Werk „Colores“ gleich einer ganzen Palette von Farben. Zur Einstimmung veröffentlichte er im Vorfeld bereits die Single „Blanco“ (weiß), die offenbar von der Medellín erzählt, auch wenn schwer zu sagen ist, um was genau es dabei eigentlich geht. Davon abgesehen ist das dazugehörige Video wie der Song aber ein Knaller: viel weiß auf weiß, fliegende weiße Katzen, ein Eisbär, weiß angemalte Tänzer und eine Frau, die sich mit verdrehten Armen und Beinen rückwärts auf allen Vieren bewegt wie Linda Blair in „Der Exorzist“. „Morado“ (lila) handelt wiederum von einer sexpositiven Frau, die gerne tanzt und den Alkohol bevorzugt flaschenweise bestellt – ein klassischer Reggaeton-Song und ein großer Spaß. In dem nicht ganz so beschwingten Video „Rojo“ (rot) ist J Balvin hingegen ein werdender Vater zu sehen, der zur Entbindung gerufen wird und während der Fahrt ins Krankenhaus vor lauter Aufregung dauernd aufs Handy starrt, weswegen er – don’t text and drive – einen Autounfall hat. Mit zerfetztem Gesicht schleppt er sich in den Kreißsaal, ist überglücklich sein Baby zu sehen, um dann zu realisieren, dass ihn niemand bemerkt, weil er nämlich selbst schon tot ist. Dann wird es alles sehr „Ghost – Nachricht von Sam“-mäßig, nachweislich einer der besten Filme aller Zeiten. Und die neue Single „Amarillo“ ist, wie der Name bereits sagt, gelb und handelt von einer Party, was denn sonst? Kurzum das Album ist ein Hit (wie übrigens auch „YHLQMDLG“ das neue Werk seine Reggaeton-Kollegen Bad Bunny, wenn wir das hier kurz erwähnen dürfen). Visuell wurde „Colores“ übrigens von dem japanischen Künstler Takashi Murakami gestaltet, der sich etwas ausgedacht hat, was an hysterische Pril-Blumen auf MDMA erinnert. Genau das Richtige also für Zeiten wie diese.

 

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Roger Eno and Brian Eno “Mixing Colours” (Deutsche Gramophon)

Und was machen die Brüder Roger und Brian Eno? Sie mischen ihre jeweiligen Klangfarben. Roger Eno, erfolgreicher Musiker, der für seine scheinbar simplen Klavierfiguren bekannt ist, hat seinem Bruder Brian – Mitbegründer von Roxy Music, Mitarbeiter von David Bowies Berlin-Trilogie, Produzent von Talking Heads, U2 und Coldplay wie auch Erfinder des Ambient Genres, Experimental-Elektroniker und sowieso einer der einflussreichsten Musiker der vergangenen 50 Jahre – also Brian Eno hat von seinem Bruder kleine Melodien zugeschickt bekommen, die er dann beim Zugfahren, er fährt gerne Zug, auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt hat. Das ging über 15 Jahre so und führte zu weit über hundert Stücken, von denen nun 18 auf „Mixing Colours“ zu hören sind. Sehr ruhig, sehr melancholisch, ganz zauberhaft. Die beste Zugfahrmusik überhaupt, wenn man draußen die Landschaft an sich vorüberziehen sieht. Weil es mit der Zugfahrerei gerade schlecht aussieht, gibt es dazu schöne Videos, die Brian Eno mit dem Zeitlupeneffekt beim Bahnfahren selbst aufgenommen hat. Dazu hat er einfach nur das Smartphone an die Scheibe gehalten.

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Words HARALD PETERS