LA BIENNALE DI VENEZIA 2019

Die 58.Venedig Biennale verwandelt die historische Lagunenstadt mit ihren verschlungenen Gässchen in ein pulsierendes Zentrum gegenwärtiger Debatten. Kurator Ralph Rugoff setzt unter dem Titel „May you live in interesting Times“ auf aktuelle Kunst, die die Krisen unserer Zeit reflektiert.

Natascha Sadr Haghighian alias Natascha Süder Happelmann at German Pavilion

Das Motto der diesjährigen Venedig Biennale „May You Live in Interesting Times“ prägt sich ein wie ein Mantra. Dabei ist das chinesische Sprichwort, unter das der künstlerische Leiter Ralph Rugoff seine Ausstellung gestellt hat, alles andere als eine schützende Geisteshaltung. Irritierend und selbstironisch rücken die „interessanten Zeiten“ die unsichere Weltlage und das politische Potential des Schauplatzes Venedig ins Bewusstsein. Tatsächlich scheint derzeit kein Ort besser geeignet zu sein als die Venedig Biennale, um wie ein Brennglas die großen Debatten, die uns umtreiben, zu bündeln. Als Stadt im Meer, die seit jeher gegen die Flut kämpft, mahnt Venedig an die Folgen des steigenden Meeresspiegels durch den Klimawandel. Auch das Programm der ältesten Biennale der Welt – einerseits Kunst in einzelnen Länderpavillons zu präsentieren und zugleich in einer internationalen Hauptausstellung die Grenzen zwischen den Kulturen aufzulösen – beschwört aktuelle Konflikte. Das Konzept ist eine Steilvorlage, um sich mit dem erstarkten Nationalismus innerhalb einer globalisierten und technologisch vernetzten Welt auseinanderzusetzten. Nicht zuletzt ist die Venedig Biennale ideal für widersprüchliche Diskurse, weil sie immer schon auf die Spannung setzt, avantgardistische Kunsttrends vor der historischen Kulisse einer Stadt zu präsentieren, dessen Erscheinungsbild sich in den letzten 1000 Jahren kaum verändert hat.

Sun Yuan and Peng Yu at Central Pavilion – Giardini

Bei aller politischer Bedrängnis bleibt die Biennale aber am Ende der Kunst verpflichtet und die soll keine Lösungen liefern, sondern Widersprüche erfahrbar machen und kritische Fragen aufwerfen. Ralph Rugoff, der sich als Direktor der Hayward Gallery in London einen Namen gemacht hat, ist gegen eine Kunst als Aktivismus. Vielmehr glaubt er, dass Kunst der Komplexität der Welt durch vielseitige Blickwinkel gerecht werden kann, ohne in einen vereinfachenden Populismus zu verfallen. Anstelle von alternativen Fakten bietet Kunst alternative Perspektiven und diese greift Rugoff auch kuratorisch auf. Sein Konzept für die internationale Hauptausstellung der Biennale ist so einfach wie genial. Die 79 eingeladenen Künstler wurden gebeten, gleich zwei, möglichst verschiedene Werke beizusteuern. Jetzt gibt es zwei eigenständige Ausstellungen mit exakt den gleichen Künstlern, einmal im Arsenale und in den Giardini. Wie unterschiedlich sich die beiden Schauen anfühlen, wird nur vor Ort, in Venedig zu beurteilen sein. Denn die Macht der Kunst ist schließlich ihre sinnliche Erfahrbarkeit. Das wird in Rugoffs Auswahl absolut deutlich. Neben technologisch avancierten Installationen wie dem Roboter des chinesischen Künstlerduos Sun Yuan und Peng Yu, der wie ein Sisyphos immer wieder blutrote Farbe aufwischt, zeigte die Biennale erstaunlich viel Malerei, etwa die farbstarken Bilder der brasilianischen Künstlerin Ad Minolti und die Alltagsszenen der nigerianischen Malerin Njideka Akunyili Crosby. Diskurse unserer Zeit schwingen auch hier mit, wenn bei Ad Minolti die Formensprache zur Auseinandersetzung mit queerer Körperpolitik wird. Wie gesellschaftskritische und ästhetisch reizvolle Kunst funktioniert, führen außerdem die an der Haupausstellung beteiligten Zwillingsschwestern Margaret und Christine Wertheim vor. Mit ihrem „Institut For Figuring“ realisieren sie Projekte wie das „Crochet Coral Reef“, ein gehäkeltes Korallenriff, das auf die plastikverseuchten Meere und das Korallensterben aufmerksam macht.

Christine and Margaret Wertheim at Arsenale

Die gedoppelte Hauptausstellung konkurriert dieses Jahr mit 91 Länderpavillons, erstmals dabei sind Algerien, Ghana, Madagaskar, Malaysia und Pakistan. Bilder von der Künstlerin des deutschen Pavillons, Natascha Süder Happelmann, kursieren bereits seit einigen Wochen in den Medien. Dabei kann man Süder Happelmann gar nicht erkennen. Mit einem großen Stein über dem Kopf und unter einem Pseudonym, das zusammengesetzt ist aus Autokorrekturen und fehlerhaften Schreibweisen ihres echten Namens, entzieht sie sich einer erfassbaren Identität. Dass wir in interessanten also krisenhaften Zeiten leben, ist im Pavillon von Süder Happelmann ebenfalls zu erleben. Angesichts der flüchtlingsfeindlichen Europapolitik erscheint der deutsche Pavillon wie eine Festung. Als Kontrast zur hermetischen Steinwand setzt die Künstlerin auf Gemeinschaftserfahrungen und trifft damit einen weiteren Nerv von Rugoffs Biennale. „Finally, May You Live in Interesting Times will be formulated in the belief that human happiness depends on substantive conversations, because as social animals we are driven to both create and find meaning, and to connect with others.“ heißt es am Schluss seines Biennale Statements. In diesem Sinne lasst uns in Venedig treffen!

 

Die 58. Venedig Biennale eröffnet offiziell am 11. Mai. 2019 und geht bis zum 24. November 2019.

 

Words CHARLOTTE SILBERMANN