KUNSTMARKT: RETHINKING STRUCTURES

Die klassische Galerie hat ein Problem, so liest man blattauf, blattab. Andererseits ist ebenso oft zu lesen, dass der Kunstmarkt boomt, mit anhaltender Hochkonjunktur und immer neuen Einnahmerekorden.

Globalisierung und Digitalisierung machen auch vor der Kunst nicht halt, für die einen Fluch, für die anderen Segen. Was ist die Lösung? Was gibt es für Modelle? Steckt die Galerie wirklich in der Krise? Wir haben uns mit Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz getroffen, die beiden Galeristinnen haben dem klassischen Galeriebetrieb den Rücken zu gekehrt und probieren neue Ideen aus, mit ihrem „mobilen Galeriekonzept“ OFFICE IMPART.

Anne Schwanz und Johanna Neuschäffer, Photographer: Charlotte Spiegelfeld

TOBIAS LANGLEY HUNT: Wollen Sie sich kurz mit eigenen Worten vorstellen?

ANNE SCHWANZ: Mein Name ist Anne, ich habe Kunstgeschichte und Kunstpädagogik studiert und bin seit 2004 im Kunstbetrieb tätig. Angefangen habe ich bei der Galerie Eigen + Art wo ich dann über 13 Jahre gearbeitet habe. Dort habe ich alles, was in einer Galerie wichtig ist, gesehen, getan und mitentwickelt, mir insgesamt die Expertise angeeignet, zu wissen was im Kunstmarkt heute passiert. Dadurch ist es möglich mir Gedanken darüber zu machen, wie man die Zukunft dieser Branche anders gestalten kann, bzw. wie sie sich entwickeln kann…

JOHANNA NEUSCHÄFFER: und du hast Spaß daran…

AS: Ja das stimmt, ich mache das alles wirklich gerne und genau das ist es auch, was uns ausmacht, dass das was wir tun mehr als ein Job ist, es ist unsere Berufung.

JN: Ich bin Johanna, ich habe in Heidelberg, Paris und Berlin Kunstgeschichte und Volkswirtschaftslehre studiert. Mein erstes richtiges Vorstellungsgespräch war dann bei einer zeitgenössischen, großen Galerie – bei Anne, bei der Eigen + Art. Sie hat mich als Praktikantin eingestellt, woraus zehn Jahre wurden. Von 2015 bis 2017 haben wir dann den Projektraum der Galerie (Eigen + Art Lab) zusammen geführt, wo wir uns nochmal viel besser kennen lernen konnten und wo wir gemerkt haben, dass wir ein ähnliches Tempo haben, vor allem aber auch die gleichen Visionen. Wir haben das Galeriewesen von der Pike auf gelernt, in einer großen, renommierten, internationalen Galerie. Irgendwann hat uns all das selber ein Stück weiter getrieben, wir wollten etwas gemeinsames entwickeln, etwas was für unsere Zeit wichtig ist, in einem Moment der viel Umbruch mit sich bringt, unter anderem auch wegen der Digitalisierung, aber auch weil wir die große Lust verspürt haben, den Menschen Kunst noch näher zu bringen, mit Künstlern zu arbeiten und gegebene Strukturen neu zu überdenken.

TL: Womit wir schon bei Ihrem Business sind, erklären Sie doch mal!

AN: Unser Name ist Office Impart, hergeleitet von – Johanna kann das immer so schön erklären…

JN: Der Name kommt von ‚imparting knowledgement‘ was so viel wie Wissensvermittlung bedeutet und was letztendlich das ist, worum es bei Kunst geht. Wir sehen uns zwar einerseits als Galeristinnen, aber vor allem auch als Vermittlerinnen.

AS: Genau, Kunstvermittlung ist das was uns antreibt und was wir für die Gesellschaft als wesentlich erachten. Wir sind Galeristinnen, weil wir an die Vielfältigkeit des Berufs glauben und man damit auf ganz verschiedenen Ebenen so viel erreichen kann. Wir finden den Beruf ungemein zeitgemäß, wir sind Vermittler zwischen verschiedenen Welten und können unsere Expertise auf den unterschiedlichsten Gebieten nutzen.

JN:  Außerdem treibt uns die Lust an, etwas gemeinsam mit Künstlern zu entwickeln, sich zusammenzusetzten und darüber nachzudenken was wir als Partner aufbauen könnten, welche Ausstellungen, in welcher Form, wie relevant sind. Wir haben auch keine Angst davor interdisziplinär zu arbeiten, also sich mit anderen der kreativen Szene zusammen zu tun. Es geht darum Welten zu verbinden und Menschen mit einer Kreativwelt in Berührung zu bringen, die aufgrund von vollen Alltagen auch eine Flucht in diese Welt brauchen um Input aus anderen Lebenswelten zu bekommen. Und dann natürlich die Digitalisierungsfrage, was macht die eigentlich, was löst sie aus, warum ist es für die einen total wichtig davon weg zu kommen und nur analog zu arbeiten und für die anderen eine neue Möglichkeit Dinge zu schaffen? Es braucht eine Plattform die das alles zeigt und die auch zulässt Kritisches zu hinterfragen.

TL: Ganz konkret, was machen Sie den ganzen Tag?

AS: Unsere Woche beginnt damit, dass wir Montag den „Weeker“, unseren wöchentlichen Newsletter schreiben. Darin informieren wie einerseits über unsere Projekte aber vor allem auch über Projekte die wir als relevant erachten, in Berlin, in Deutschland und darüber hinaus. Und dann haben wir immer unterschiedliche Projekte an denen wir arbeiten. Bei Ausstellung geht es viel um Kommunikation mit Künstlern, Kuratoren usw. Oder man leistet die kuratorische Arbeit selbst, da ist dann viel organisatorische Arbeit gefragt. Außerdem machen wir uns darüber Gedanken, wer braucht gerade was, wem bietet man was an…

JN: Wen nehme ich wohin mit. Die Ausstellungskonzepte gehen ja meistens über mehrere Wochen, da legen wir dann Wert auf eine gute Vermittlungsarbeit, wie Führungen, Lunch-Dates, Gespräche oder ähnliches.

AS: Das ist es auch, was uns gespiegelt wird, dass das gebraucht wird. Der Zugang zu einer Ausstellung  durch unserer Vermittlungsarbeit ist viel größer, als wenn man einfach nur einen Pressetext liest.

TL: Was macht eine perfekte Ausstellung aus?

AS: hmm ich glaube ja Perfektionismus gibt es im Leben nicht..

JN: Klarheit.

AS: Ja Klarheit, und wenn eine Ausstellung es schafft durch die Auswahl der Werke, oder der Künstler einen Mehrwert zu kreieren, etwas was es davor so noch nicht gab.

JN: Ich finde aber auch, dass eine gute Ausstellung ausmacht, dass sie ankommt. Es ist nicht schlimm, wenn man nicht alles auf den ersten Blick versteht, wenn etwas erst rätselhaft ist, aber es sollte einen so mitnehmen, dass man sich darüber Gedanken machen muss. Dass der Betrachter mit einbezogen wird, mehr wissen will und Fragen entstehen.

TL: Kann die klassische Galerie das leisten?

AS: Definitiv. Gerade heutzutage machen sich Künstler und ihre Galerien sehr viele Gedanken darüber wie sie etwas präsentieren, da wird nicht einfach nur aufgehängt und fertig. Es gibt auch immer mehr Galerien die Kuratoren einstellen, um ihren Ausstellungen einen weiteren Mehrwert hinzuzufügen, aber es gibt auch genauso viele Galerien, die von sich aus eine sehr gute Ausstellungsarbeit leisten.

JN: Und Galerien sind ja auch oft die ersten die einen Künstler oder seine Werke zeigen. Hinzukommt, dass sie ihre Künstler besonders gut kennen. Das kann heißen, dass die Diskussion zwischen Künstler und Galerist viel langfristiger ist als z.B. zwischen Künstler und Kurator.

AS: Ich glaube schon auch, dass eine Galerie eine andere Aufgabe hat als ein Museum und natürlich kann man das auch anhand der Ausstellungen sehen, aber das ist total ok, weil der Fokus ja auch ein anderer ist.

TL: Die Übergänge werden aber trotzdem fließender, oder?

AS: Ja das glaube ich auch. Und an die klassischen Rollenverständnisse, also der Künstler mach dies, der Galerist das, das Museum noch etwas anderes, daran glauben wir nicht. Durch das Fließende, das Miteinander oder durch Kooperationen kann man ja auch viel mehr erreichen.

JN: Es ist ja auch immer die Frage wie man als Branche zusammenarbeiten kann, um sich gemeinsam zu stärken und wie man gemeinsam mehr Leute erreichen kann. Auch Künstler machen sich Gedanken über andere, neue Zielgruppen. Wenn jeder den Teil macht den er am besten kann und das dann zusammengetragen wird – plus ein gewisses Konkurrenzdenken – belebt es das ganze System.

TL: Wo liegt denn der Unterschied zwischen Ihrer Arbeit jetzt und der Arbeit früher?

AS: Als Anfangspunkt war es uns sehr wichtig, dass wir keinen eigenen Raum bespielen, weil dadurch, dass du die Umstände änderst, änderst du auch dein Verhalten und deine Arbeitsweise. Hätten wir von Anfang an einen Raum gehabt, wären wir sofort wieder der alten Strategie gefolgt, in der wir regelmäßige Ausstellungen präsentieren. Auch wenn das anfangs viele verwundert hat, ganz egal, wir glauben an Kooperationen und wir glauben an die Arbeit auf verschiedenen Ebenen. Den Raum, eine der Hauptsäulen des Galeristen, haben wir uns selbst entzogen um eben die Freiheit zu habe anders zu denken. Durch diese Erfahrung sind wir uns bewusster darüber geworden, welche Aufgaben wirklich wichtig sind und mit diesem Bewusstsein können wir uns die unterschiedlichsten Arbeitszweige selbst zusammenbauen. Uns ist es wichtig Office Impart als eine Marke aufzubauen unter deren Dach die unterschiedlichsten Dinge passieren können.

JN: Mittel- bis Langfristig sind wir auch viel enger mit den Künstlern verbunden, weil wir Partnerschaften eingehen wollen mit Leuten die Lust auf unser System haben, die uns verstehen, die auch global denken und sich aber auch die Freiheit behalten wollen, etwas mit anderen Leuten zu machen.

AS: Und wir setzten auch den Fokus auf unser Gegenüber anders, ob das jetzt Sammler, Kunden oder Unternehmen sind, wir arbeiten gemeinsam mit ihnen heraus was sie wollen, wir bieten nicht mehr einfach nur etwas an.

TL: Existiert da auch schon die Erkenntnis, dass die Digitalisierung gewisse Themen mit sich bringt worauf eine klassische Galerie, mit festem Raum vielleicht nicht so flexibel reagieren kann?

JN: Wir wissen wie anstrengend und zeitaufwendig es ist, wenn du immer einen Raum bespielen musst, du hast dann ja kaum noch Zeit für etwas anderes. Und ja, wir glauben, dass wir uns in einem gesellschaftlichen Wandel befinden der ein Überdenken von Dingen bedarf die vor zehn Jahren noch ganz anders funktioniert haben. Und ja, deshalb spielt die Digitalisierung für uns eine große Rolle, aber nicht weil wir jetzt alles übers Handy machen, sondern weil wir merken, dass die Menschen anders denken, anders ihr Leben planen, anders ihren Tag aufbauen.

AS: Ja, wir befinden uns in einem Wandel, in dem sich unser Verhalten komplett verändert, die digitalen Geräte, die wir alle täglich benutzen, sind dabei nur Tools. Was sich wirklich verändert sind die Menschen und damit unser Leben. Das ist es was spannend ist, denn natürlich musst du mit einem Geschäftsmodell, egal aus welcher Branche, darauf reagieren. Man muss sich immer an den Veränderungen anpassen, einen Stillstand gibt es ja nicht.

JN: Und man merkt ja – die Kunstszene passt sich an und das betrifft nicht nur die Galerien. Jeder merkt, dass er darauf reagieren muss, die einen setzten konsequent ganz auf analog, die anderen fokussieren sich auf die Online-Möglichkeiten. Die einen werden dabei erfolgreicher sein als die anderen und umgekehrt. Dabei stellt sich natürlich auch die Frage wie man Erfolg definiert, will man Masse oder Klasse? Das sind alles nicht wirklich neue Themen, aber man muss sie trotzdem ständig neu definieren, weil sich auch die Gesellschaft ständig neu definiert.

TL: Merkt man diese Veränderung auch bei den Künstlern? Eine kleine Theorie von mir ist ja, dass Künstler Angebote schaffen und nicht auf Nachfrage reagieren – aber auf irgendeine Weise müssen Künstler bei diesem Thema trotzdem mit einer Art Nachfrage der Gesellschaft agieren.

AS: Das glauben wir schon auch, du merkst z.B., dass viele Künstler viel unabhängiger sein wollen als früher. Also, dass du nur eine Galerie oder  einen Partner hast, das ist inzwischen nicht mehr gang und gebe. Außerdem gibt es viele Künstler die verstanden haben sich z.B. über die Social Media Kanäle zu positionieren, man merkt eine ganz andere Außenwahrnehmung und man sieht damit, dass Künstler sich dadurch ganz anders im Kunstmarkt verorten. Ich glaube auch, dass Künstler sich dadurch auf eine Art viel autonomer verhalten, weil sie durch die ganzen neuen Möglichkeiten eine viel schnellere Präsenz erreichen können.

JN: Ich glaube aber auch, dass sich der Begriff des Künstlers weiterentwickelt. Jeder stellt sich heutzutage selbst dar und jeder zweite möchte Künstler sein, weil es scheinbar fancy ist. Da müssen Menschen deren Berufung es ist Künstler zu sein, sich ganz anders behaupten. Bei Instagram kann sich jeder irgendwie darstellen, aber wer kreiert wirklich etwas, was noch einen gesellschaftlichen Mehrwert hat? Der Künstler muss sich also ständig selbst hinterfragen, wo seine gesellschaftliche Relevanz ist. Unabhängig davon, ob er erfolgreich ist oder nicht.

TL: Was steht bei Ihnen beim kommenden Gallery Weekend an?

JN: Wir sind immer große Fans von der Woche nach dem Gallery Weekend, weil du dir dann alle Ausstellungen ganz in Ruhe anschauen kannst, wenn es dir um die Kunst geht. Viele Galerien bemühen sich zu diesem Anlass ein tolles Programm zu bieten, was dann auch nach dem Wochenende noch weiterläuft. Also: zum Gallery Weekend Leute angucken und die Woche danach dann die Kunst.

Und natürlich kann man sich auch anschauen was wir so machen, Samstagnachmittag sind wir im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, wo gerade unter anderem die Ausstellung „behind the Screen“ läuft die wir kuratiert haben. Ansonsten kann man auch gerne hier bei uns im Büro vorbei kommen und sehen wie unser „representative office” aussieht, man kann ein paar unserer Künstler sehen, mit denen wir arbeiten oder mit denen wir gemeinsame Projekte hatten. Und ansonsten ist es auch einfach schön nach Moabit zu kommen, wenn man sich ein wenig ausruhen will von den Haupttrassen des Gallery Weekends.

Ausstellungsansicht „Behind the Screen“ KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, 2019 Photographer: Otto Felber

OFFICE IMPART – Waldenserstraße 2-4, 10551 Berlin

officeimpart.com

 

Interview TOBIAS LANGELY HUNT