KUNST UND KRISE

Vor gut zwei Jahren gründeten die Berliner Galeristinnen Johanna Neuschäffer und Anne Schwanz ihre Galerie OFFICE IMPART, welche keine Galerie im herkömmlichen Sinne ist. „(…) die Welt ändert sich und damit die Art, wie Kunst vermittelt wird (…)“ heißt es im about Text ihrer Website. Und weiter: „Nur eine von vielen Auswirkungen der Digitalisierung, aber eine für die Kunstvermittlung wesentliche, sehen wir in einem neuen Verständnis von Raum als multidimensionales, in alle Richtungen vernetzbares Gefüge“. Der Text geht noch ein bisschen weiter, aber im Grunde reichen diese Auszüge um nachzuvollziehen, dass OFFICE IMPART keine globale Pandemie brauchte um zu verstehen, dass Kunst und Kunstvermittlung auch digital stattfinden können. Damit sind sie den meisten Akteuren und Institutionen der Kunstwelt voraus. Kunst wird als ein physisches Erlebnis verstanden, als ein Event, an welchem man nicht nur sehen, sondern auch gesehen werden will. Dieser Aspekt und damit auch finanzielle Einnahmen durch Eintrittspreise oder Kunstkäufe fallen durch Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote weg – fast schon panisch verschieben sich kulturelle Angebote ins Netz. Dabei entstehen viele verzweifelte Versuche, aber ebenso viel Potential. Die Digitalisierung wird nach der Krise auch kulturell einen Schub erleben und hinterfragt dabei, nicht nur in der Kunstwelt, ob man wirklich immer live bei allen Veranstaltung, Messe oder Ausstellungseröffnung vor Ort sein muss. Das Internet hat Grenzen, das überwältigende Gefühl, welches Kunst  auslösen kann, kann nicht in jedem Fall in Nullen und Einsen übersetzt werden, aber Möglichkeiten gibt es, das wird im Gespräch mit OFFICE IMPART klar.

Im TheWeeker, ein wöchentlicher Newsletter und eine Rubrik der OFFICE IMPART Website, werden gut kuratiert einige dieser Möglichkeiten regelmäßig vorgestellt.

Anne Schwanz und Johanna Neuschäffer, Photographer: Charlotte Spiegelfeld

INTERVIEW Wir treffen uns heute via Skype, weil auf die Frage, wie es dem Kunstmarkt momentan geht bzw. wie die Digitalisierung in der aktuellen Krise helfen könnte, OFFICE IMPART der Ansprechpartner schlechthin sein müsste. Aber vorweg, wie geht es Ihnen?

ANNE SCHWANZ Natürlich ging es uns am Anfang ähnlich wie allen. Es gab diese eine Woche, da war man angespannt, unruhig, aufgeregt – man dachte, man muss irgendwas machen, aber man wusste nicht genau, was. Wir haben erstmal zwei Tage lang telefoniert, sozial geschaut, wie es den Leuten geht und was sie jetzt machen. Uns war dann natürlich klar, dass wir als Unternehmen oder als Galerie, auch eine Verantwortung haben. Dass wir etwas tun müssen und nicht sagen: „Wir warten mal ab und machen zwei Wochen Quarantäne.“ Natürlich waren auch einige der Künstler verunsichert, aber wir haben versucht, daraus eine positive Energie entstehen zu lassen und zu sagen, dass wir weiter machen; wir müssen nicht aufhören sondern wir schauen gemeinsam nach Konzepten.

JOHANNA NEUSCHÄFFER Viele Künstler hatten Ausstellungen in den Pipelines, in welche sie viel Zeit, Geld und Energie gesteckt haben, oder sie haben gerade erst eröffnet. Zum Beispiel Pola Sieverding, sie hat bei der düsseldorf photo plus die Ausstellung „On Boxing“ im NRW Forum konzipiert. Die Ausstellung wurde am 13. März eröffnet, am nächsten Tag war sie zu. Keine einfache Situation und wir mussten auch gemeinsam darüber nachgedacht, wie man sich dazu verhält. Wir haben dann beschlossen zu sagen: die Ausstellung existiert, was für Möglichkeiten der Vermittlung gib es und dann schauen, was wir daraus machen können.
Natürlich ist jeder Künstler und die jeweilige Kunst unterschiedlich. Du musst also genau überlegen, welches Format passt zu wem, und das Format abhängig vom Inhalt machen.

Pola Sieverding On Boxing 2016 Hd Video Courtesey Pola Sieverding

 

 

AS Und wir mussten uns überlegen, was machen wir jetzt für uns. Es war relativ schnell klar, dass wir nichts machen wollen, was nur wegen Corona und der jetzigen Situation passiert. Wir haben eh so viele Projekte und Ideen für den digitalen Raum, die wir schon lange realisieren wollten und für die es jetzt gerade eine ganz neue Aufmerksamkeit gibt. Wir sind ja generell überzeugt von digitaler Kunstvermittlung.

JN Und wir haben da ja auch schon viel gemacht. Zum Beispiel unsere Ausstellung in New York, zusammen mit der Pablo’s Birthday Gallery letztes Jahr. Da haben wir für eine Woche Online-Galerien und Plattformen dazu eingeladen darüber nachzudenken, wie man online Kunst vermitteln kann.

AS Was sind die Möglichkeiten, was sind die Grenzen…

JN Wir haben da schon mit Talks und Live-Interviews gearbeitet. Das große Thema „Online“, auf welches jetzt alle aufspringen und auch aufspringen müssen, ist schon länger unser Fokus. Wir hatten also viel in Planung und haben nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet.

AS Oft hatten wir auch einfach keine Zeit, um alles umzusetzen.

JN Genau, weil es ja noch den physischen Aspekt gibt. Dort sind andere Deadlines, die man im Digitalen nicht hat. Die Situation momentan ist wirklich spannend, weil die Leute hungrig nach digitalem Content sind und gerade viel dankbarer für digital vermittelte Kunst.

AS Und auch die Künstler entwickeln eine größere Bereitschaft, über Online-Formate nachzudenken. Viele Künstler, insbesondere die, die nur analog arbeiten, sind sonst sehr skeptisch, wenn zum Beispiel ihre Werke mit Preisen online angeboten werden, oder über die Öffentlichkeit: dass jeder immer alles sehen kann. Für diese Themen scheinen sich die Künstler und auch die Galeristen jetzt zu öffnen.

JN Und ich glaube auch, dass der Rezipient das in der aktuellen Situation ganz anders betrachten kann. Wir haben uns in unserem TheWeeker schnell und auch zwangsläufig auf digitale Themen konzentriert. In der ersten Woche haben wir noch nach den spannendsten und coolsten Formaten gesucht, aber schon in der zweiten Woche haben wir gemerkt, dass es auch digital um Inhalt gehen muss. Es geht also um eine Sensibilität für die technische Umsetzung und trotzdem aber ebenso um die Vermittlung von inhaltlichen Empfehlungen. Das kann auch ganz neue Perspektiven eröffnen: beispielsweise gibt es bestimmt Kunstinteressierte, die sagen: „Eigentlich könnte ich die Ausstellung im Lenbachhaus in München nicht sehen, weil ich nicht in München bin, aber jetzt, wo selbst der Münchner sie nicht sehen kann, nehme ich mal die Gelegenheit wahr und schaue sie mir online an. Das hätte ich im Zweifelsfall schon vor Monaten so machen können, hatte das aber noch nicht im Bewusstsein.“

INTERVIEW Es gibt also die Möglichkeit, sich digital zu präsentieren. Dennoch werden gerade kleinere, private Institutionen die Krise nicht unbeschadet überstehen. Museen und auch Galerien sind auf physisches Publikum angewiesen.

AS Natürlich ist es schwierig, ganz besonders, wenn du sonst immer rein analog gearbeitet hast. Wenn du über keine Tools verfügst, mit denen du in irgendeiner Form deine Inhalte vermitteln oder eine Öffentlichkeit generieren kannst. Es ist auf jeden Fall schwieriger als für die, die Online schon einigermaßen gut aufgestellt sind. Deswegen glaube ich auch, dass das ganze Thema Digitalisierung durch die aktuelle Situation nochmals einen ordentlichen Schub bekommen wird.

JN Credibility…

AS Genau. Die Leute werden das nochmals anders zu verstehen lernen, es wird kein Zurück mehr geben. Trotzdem wissen wir alle, dass das Analoge bleiben wird. Für die Kunst gibt es Grenzen im Internet: Einerseits technische, im Moment jedenfalls noch, und andererseits merkt man schnell den Unterschied, den es macht, eine Arbeit live zu erleben. Und auch die Kunstvermittlung ist im persönlichen Kontakt mit den Leuten vor einer Arbeit eine ganz andere.

JN Wir sind die Generation mit den technischen Hilfsmitteln, wir können unseren Sammlern via Video Bilder zeigen – was natürlich ein Fortschritt zum Telefonieren ist. Ich kann an ein Bild ranzoomen und auf Details aufmerksam machen, was viel genauer ist als ein PDF. Du hast also all die Hilfsmittel, aber der entscheidende Punkt: du stehst vor einem Bild und es überwältigt dich, dieses Gefühl kannst du schwer nachempfinden, und das ist auch gut so.

INTERVIEW Vielleicht müssen wir in der Diskussion grundsätzlich zwischen dem Erlebnis-Kunst und Kunst als kommerzielles Produkt unterscheiden. Man munkelt ja, dass z.B. Messen an Bedeutung verlieren, weil große Sammler ihre Kaufentscheidungen schon vorher, im Zweifelsfall auch digital, treffen. Aber wir halten fest, dass das Erleben von analoger Kunst digital nur begrenzt möglich ist.

JN Für die Vermittlung und in dem Fall auch für den Markt, sind Messen und so weiter nach wie vor wichtig, zum Beispiel um neue Kontakte zu gewinnen. Und Sammler wollen auch live teilhaben, sie wollen die Künstler persönlich kennenlernen, Ateliers besuchen und die Kunst erleben. Langfristig braucht das auch der Markt. Aber natürlich fällt bei etablierten Künstlern eine Kaufentscheidung auch schon mal vor einer Messe anhand einer Abbildung. Trotzdem wird das Offline-Erlebnis auch für den Markt bestehen bleiben.
Und zum anderen Aspekt: ich glaube auch, dass gerade in diesen Zeiten, in denen unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, das Bewusstsein für Kunst und Kultur steigt. Die Gesellschaft braucht dies, und vielleicht ändert sich durch die Krise auch der Fokus darauf…

AS …beziehungsweise man wird sich dessen wieder bewusster. Was auch echt interessant ist: wie viele Angebote jetzt online gestellt werden, die nichts kosten – und das kommt vor allem aus der Kulturszene.  Sei es Gruner + Jahr, die online kostenlose Jahresabos von ART oder Besser Leben anbieten, oder  die Berliner  Schaubühne, die jeden Abend Theater-Aufführungen online stellt, Musiker, die Konzerte geben, Rundgänge mit dem Museumsdirektor durch aktuelle Ausstellungen und so weiter. Man merkt gerade in diesen Zeiten, wie viel Content der Gesellschaft eigentlich geboten wird.

INTERVIEW Wenn ich da kurz einhaken darf: Man merkt daran aber auch ein großes Problem, das die Medienbranche schon vor Jahren erleben musste, nämlich, dass die Bereitschaft, für online Angebote zu zahlen, maximal sinkt. Die Schaubühne versucht durch Spenden auf ihre Kosten zu kommen, aber ich glaube nicht, dass das funktioniert, auch wenn online potentiell mehr Zuschauer den Hamlet sehen können.

AS Nein, durch Spenden allein wird das nicht funktionieren.

JN Um ehrlich zu sein, haben wir auch gerade bei unserem TheWeeker eine Donation -Option eingeführt. Nicht wegen Corona;  wir denken aber, dass vielleicht  gerade jetzt eine Sensibilität für diese Angebote entsteht. Im Endeffekt ist das ja eine Dienstleistung, die wir da bieten.

AS Und man merkt ja selbst, dass man gerne etwas für Dinge gibt, die man gut findet – auch wenn man nichts bezahlen müsste.

JN Es ist momentan übrigens auch spannend zu sehen, dass viele jetzt ihre Ausstellungen in Form von Viewing-Rooms online durchführen. Das ist etwas, was sich noch viel stärker entwickeln wird und gleichzeitig die Frage aufwirft, was eine online-Ausstellung eigentlich ist.

INTERVIEW Eine digitale Kopie einer physisch existierenden Galerie? Ist das die Lösung?

JN Schauen Sie sich mal die 3D-Tour an, die wir von der Präsentation bei uns mit Aaron Scheer und bei der Plattform Artland gemacht haben, spannenderweise gerade als Corona los ging.

AS Artland ist eine Galeristen-, Sammler-, Künstler-Plattform, ähnlich wie Artsy aber spezialisiert auf 3D-Aufnahmen. Die planen im August auch eine Messe, die dann sowohl online als auch offline besuchbar sein wird. Das ganze Thema befindet sich natürlich noch im Entwicklungsstatus, aber es funktioniert wirklich schon ganz gut.

JN Du hast online natürlich auch ganz andere Möglichkeiten des Story-Tellings, beziehungsweise versuchst du online das nachzubilden, was du bekommst, wenn ich mit dir vor einem Bild stehe, etwas über den Künstler und über das Bild weiß und dir das erzähle. Viewing-Rooms werden dann spannend, wenn sie aus einer Kombination aus Texten, Künstler-Statements oder -Interviews und den Bildern bestehen. Letztendlich sollen sie aber eher hungrig machen und nicht die reale Erfahrung ersetzen. Für diejenigen, die es oft zeitlich nicht schaffen zu einer Ausstellung in eine andere Stadt zu reisen, ist es natürlich eine Möglichkeit dennoch ein Erlebnis mit den Kunstwerken und dem Künstler zu bekommen. Da ist dann online besser als gar nicht. Durch diese Fortschritte findet also auch ganz klar eine Demokratisierung der Kunst statt.  

INTERVIEW Und was denken Sie, wird es eine Krise geben, oder wird der Kunstmarkt wieder nur peripher betroffen sein?

AS Also im nächsten halben Jahr auf jeden Fall, zumindest solange die Räume und Museen geschlossen sind. Es wird auch keine Messen geben. Und auch wenn das Messeformat an sich in Diskussion ist, sind sie immer noch ein wichtiger Umschlagpunkt und Netzwerktreffen. Und viele Galerien machen dort auch einen großen Teil ihres Umsatzes. Es wird also schwierig. Auch, weil wohl die wenigsten Käufer so entspannt sind und sagen: „Ich nutze mal die Zeit und überlege mir, was ich mir an die Wand hängen will.“ Und wenn es wirklich zu einer wirtschaftlichen Krise kommt, dann wird das natürlich auch die Kunst betreffen.

JN Aber die Kunst wird sich, hoffentlich wie zuvor, auch schnell wieder erholen, das hat sie ja auch nach 2008/2009 relativ schnell und gut geschafft, wenn man sich die Zahlen anschaut. Das sind auch die Prognosen der Wirtschaftswissenschaftler.

AS Letztendlich können wir aber nur hoffen, dass die Leute durch die ganzen online Angebote, ob jetzt Podcasts, digitale Ausstellungen oder Konzerte verstehen, wie wichtig es für die Gesellschaft ist, dass wir eine lebendige Kulturszene haben, dass es sich lohnt, das auch zu fördern. Und Kunstkauf ist ja die klassische Kunstförderung.

 

 

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT