DIALOG MIT DER JUGEND

Nach zwei Alben und einer EP verabschiedet sich die Berliner Band mit dem längsten „The“-Namen der Welt – The Aim Of Design Is To Define Space – im Jahre 2009 und verschwindet erst einmal von der Bildfläche. Fast elf Jahre später, extra für das eigene Mini-Festival „Dialog mit der Jugend“ im SO36, werden neue Songs geschrieben und eine neue Platte herausgebracht, die den AIMistischen Titel „Clean Bible, Dirty Christ“ trägt. Ziemlich viel auf einmal, aber so ist das eben. Und wer die Musik von „The Aim Of Design Is To Define Space“ mag, den wird das auch nicht stören. „Less is more“ könnte Space definierendes Design lauten, muss es aber nicht und hinter einem gut komprimierten „More“ steckt eben oft auch ein bisschen mehr.

Früher bewegte sich die Musik zwischen Indie-Rock, Synthie Pop und oder Punk, so ganz genau will und kann man das nicht sagen, die neue Platte ist jedenfalls viel mehr Techno. Trotzdem geht es nach wie vor auch um viel Botschaft, glaubt man zumindest zu verstehen. Mit dem Verstehen ist das bei „The Aim Of Design Is To Define Space“ aber so eine Sache, jeder hört und sieht was anderes, Beschreibungen des Genres reichen von den Eigenbezeichnungen “Berlin-Powerrock”, wahlweise auch “Angst-Pop” bis zur Kritikerschelte: “Brandenburger-Bildungsbürger-Punk”.

Die Namen hinter „The Aim Of Design Is To Define Space“ werden abgekürzt: Mart – singt und ist „Head of Design“; Jeanz ist Marts Bruder, spielt Bass und macht Videos; Kuc sitzt an den Drums und der Logistik; Greg spielt die zweite Gitarre; Andy ist Produzent, Co-songwriter und allround-Musiker und last but not least Schulzky, verantwortlich für die Lyrics, Hauptsongwriter und Ideengeber. Schulzky ist es auch, der mit INTERVIEW darüber spricht, was es so zu sprechen gibt.

TOBIAS LANGLEY HUNT Wollen Sie mir kurz erzählen worum es am Freitag gehen wird? Die Veranstaltungsseite von „Dialog mit der Jugend“ ist ja nicht so wahnsinnig auskunftsfreudig.

SCHULZKY Also, AIM gibt es ja schon sehr lange und einer unserer frühen Songs hieß „It’s A Bloody Kippenberger“, das war eine Art Hommage. Und der Kippenberger war ja so um 1979/80 mal Mitbesitzer des SO36 und er war damals schon ein großer Künstler, was den anderen Besitzer, die natürlich Punks waren, irgendwann zu nervig war; zu exzentrisch, zu egozentrisch, zu narzisstisch, irgendwann haben die ihn dann mal so richtig verdroschen. Kippenberger hat sich dann im Krankenhaus fotografiert, mit dem verbundenen Kopf, da sieht er so ein bisschen aus wie Homer Simpson, dieses Bild hat er dann gemalt, also sich, im Krankenhaus sitzend und dieses Gemälde heißt „Dialog mit der Jugend“.

In Westberlin gab es diesen B-Movie Film, die abgekapselte Insel mit krasser Musikszene, Nick Cave war da und die „Einstürzenden Neubauten“ und alles drehte sich immer ums SO36. Das Retro Zeugs ist ja eigentlich immer ein bisschen uncool, aber wir als Ostler dachten, wir wollen da auch mal spielen, wir machen einen Abend und wir geben ihm diesen Namen, laden ein paar Friends ein, zum Beispiel „Gewalt“, die alte Band von Patrick Wagner, der bei Surrogat war, und machen dort selbst ein Festival oder Mini-Event. Wir dachten, wenn wir das machen, dann müssen wir auch neue Musik machen, also haben wir nebenbei noch ne neue Platte gemacht.

TLH Der Hintergrund dieses Titels ist mir neu, ich dachte eher, dass er ziemlich gut zu unserer Zeit passt, da der Dialog mit der Jugend momentan  ja nicht so blendet funktioniert.

SCHULZKY Auf jeden Fall, das ist natürlich alles doppeldeutig – und klar: we talk!

TLH Die neue Platte nennt sich „Clean Bible, Dirty Christ“, können Sie mir erklären was damit gemeint ist?

SCHULZKY Ja, das ist so ähnlich wie „Wasser predigen und Wein trinken“, was eine Stelle in Heinrich Heines „Deutschland ein Wintermärchen“  ist. Das haben wir uns geborgt und umgebaut. Die Bedeutung ist so: Wir sagen das eine, machen aber eigentlich was ganz anderes, was ja momentan auch sehr aktuell ist. Natürlich ist das dann noch ein bisschen kryptisch, wie bei AIM ja eigentlich immer auch Spielchen dabei sind.

 

TLH Wie spricht man den Song „AIM#@%!$“ eigentlich aus?

SCHULZKY AIM-Slippy.

 

 

TLH In dem Video zu dem Song wurden ja wahnsinnig weise Sprüche eingeblendet. Die könnte man sich auch verschnörkelt als Wandtattoos über dem Küchentisch vorstellen…

SCHULZKY Oder im Poesiealbum.

TLH Ist das sein bisschen Bibel-Zitat mäßig gemeint?

SCHULZKY Ne, das sind alles Zitate, die wurden auch am Ende des Videos aufgeführt, das ist alles geborgt. Da ist Raf Simons dabei, Berthold Brecht, Heiner Müller oder Albert Camus.

TLH Der Moment, wenn wir zu Pflanzen und unsere Helfer zu Gärtnern werden…

SCHULZKY Das ist von einem Schriftstellerfreund von mir, das ist noch unveröffentlicht.

VG Bildkunst Bonn 2019 / Andreas Mühe

TLH Sie waren ja einige Zeit weg.

SCHULZKY Elf Jahre.

TLH Ist es anders, die schnelllebigen Zeit heute mit Musik zu füttern, als vor elf Jahren noch?

SCHULZKY Für mich ist es viel einfacher, weil ich nichts erwarte oder weil mir sowas wie Ruhm oder Erfolg total wurscht ist, es macht einfach nur Spaß. Wohingegen das vor elf Jahren noch ziemlich nervig war, diese ganze deutsche Bockwurst-Mentalität ging mir echt tierisch auf den Sack. Das ist viel freier heute und auch viel radikaler. Wir haben nicht mal nach einem Label gesucht, die haben uns gefragt, ob sie das machen können und dann hatten wir plötzlich eins. Anfangs dachte ich eigentlich, dass wir das selbst herausbringen, so wie das viele machen. Und, wir haben jetzt natürlich alle Jobs, ich bin viel im Ausland und alles ist ein bisschen intensiver. Aber das Leben ist ja auch intensiver als früher, oder?

TLH Ich glaube ich bin zu jung um das beurteilen zu können.

SCHULZKY Es ist tighter, konzentrierter.

TLH Kann ich mir gut vorstellen, wahrscheinlich auch umfangreicher, es gibt viel mehr Einflüsse.

SCHULZKY Ja voll, es ist einfach komplexer.

TLH Ich stelle mir das trotzdem schwierig vor, weil heute hört ja jeder jede Musik und jeder macht jeden Trend mit, es gibt keine Zielgruppen oder Jugendkulturen mehr, die man als Musiker ansprechen könnte.

SCHULZKY Ja das stimmt schon, es gibt nicht mehr so eine Kultur und viele interessieren sich alles, aber viele interessieren sich auch für gar nichts. Die Subkultur, die ich vor ein paar Jahren kannte, die ist schon noch da aber man muss sie ein bisschen suchen. Viele der Leute sind älter, oder tot, oder zusammengebrochen… Aber es gibt schon noch cooles Zeug, man muss nur sorgfältiger hingucken, glaube ich, und bisschen die Ellbogen benutzen um das nicht so schöne vom schönen zu trennen.

TLH Wie gut oder schlecht funktioniert Deutsch als Songtext-Sprache eigentlich? Sie haben ja inzwischen ziemlich viel Englisch in Ihren Lyrics.

SCHULZKY Das hatten wir auch früher schon, ist aber eine gute Frage, ich finde nur, ganz wenig deutsches Zeug ist singbar, man muss sich da richtig konzentrieren. Es gibt ein paar, die gefallen mir immer, „Einstürzende Neubauten“ zum Beispiel oder ein paar Hip-Hopper fand ich immer gut, aber das meiste geht gar nicht. Ich habe mal ein Lied für Grönemeyer geschrieben, da wusste ich, dass es funktionieren wird.

TLH Weil er poetisch genug ist?

SCHULZKY Ja, aber auch weil er sich für Sachen interessiert oder für Sprache. Ganz viele reden einfach drauf los und dafür ist die deutsche Sprache nicht besonders dankbar, das dauert ewig, bis das irgendwie klingt. Musiker die beides top machen, gibt es nur ganz wenige Beispiele. Und wir immer erst Musik und dann am Ende ‚oh Scheisse‘, ich muss jetzt noch ein Text schreiben.

TLH Ach tatsächlich?

SCHULZKY Ja, ja, das glaubt uns immer keiner.

TLH Ich glaube das um ehrlich zu sein auch nicht.

SCHULZKY Ist aber wirklich so, wir fangen immer mit Musik an, die ist dann irgendwann fertig und dann gibt es erst so fantasy Lyrics und dann muss man da noch irgendwas zu schreiben, das dauert ewig.

TLH Aber die Variante scheint ja ganz gut zu funktionieren.

SCHULZKY Ich weiß gar nicht wie die anderen das machen, es gibt ja auch so Bands, die ihre Texte zusammen schreiben, mir vollkommen unklar wie sowas geht. Wir haben Englisch mit drin, aber so rede ich auch, so wie jeder eben mit Anglizismen redet, ich finde das nicht unnatürlich. Und, wie gesagt, das hatten wir immer schon, auch bei den ganz frühen Sachen.

TLH Wie spießig darf man sein, wenn man in Berlin wohnt?

SCHULZKY Spießertum ist ja eigentlich wenn man etwas aus seinem Intellekt heraus ablehnt, in welcher Hinsicht auch immer… Hmm, keine Ahnung, wie spießig darf man sein?

TLH Oder, wie spießig sind Sie?

SCHULZKY Ich hab so Friends, die haben ihre Häuser und Kinder aber die sind ok so, die sind nicht so spießig und ich bin null spießig, außer vielleicht bei Klamotten. Aber Ich bemühe mich, zum Beispiel, wenn es um Berlin geht, ich gehe nicht mehr in diese Luxus-Kaffee-Läden, ein Kaffee für vier Euro, die sollen sich mal… Da gebe ich mir echt Mühe und da bin ich auch spießig.

TLH Alle schimpfen immer über die Süddeutschen Spießer, aber der Berliner an sich, der so rumläuft und immer meckert, ist doch auch ein wahnsinniger Spießer.

SCHULZKY Das ist Snobismus, das man die anderen ablehnt, und den habe ich auch. Man wird ja immer so festgenagelt: „Oh Gott, du bist aus Berlin? Da ist ja alles so geil, so billig und die ganzen Partys….“ Da gehe ich auch dagegen. Aber die Stadt ist eh am Ende, wenn ich jetzt höre, dass die da diesen Amazon-Turm bauen, mit 3000 Mitarbeitern, da bricht alles zusammen. Das breaks my heart.

TLH Das Berlin „noch nicht ganz tot ist“, wie im Pressetext zum neuen Album beschrieben, ist also jetzt auch vorbei?

SCHULZKY Das ist jetzt halt in Pankow. Mitte und Prenzlauerberg hatten einen Bevölkerungsaustausch von 90% in den letzten 29 Jahren, das muss man sich mal vorstellen. Wo sind die Leute hin?

TLH Um das ganze hier positiv zu beenden: wenigstens gibt es ab und zu Comebacks und Musik als immaterielle Kunst, kann ja auch einiges bewegen.

SCHULZKY Ja voll, Musik ist immer ein Vehikel gewesen. New Dreams more Horrors, ist doch ein gutes Schlusswort. Das Raf Simons Zitat aus „AIM#@%!$“.

 

„Jugend im Dialog“ – am Freitag den 18. Oktober im SO36 in Berlin – hier gehts zur Veranstaltungsseite.

Interview TOBIAS LANGLEY HUNT