IT’S TIME FOR THE REVOLUTION

Tyler Matthew Oyer ist ein kreatives Talent durch und durch, bekannt als Peformance-Künstler und Musiker sprengt er disziplinäre Grenzen und macht sich selbst zur Leinwand. Seine Arbeit ist queer im weitesten Sinne und seine Arbeit ist politisch, „explizit politisch“, wie er selbst sagt. Ginge es nach ihm, würden toxische Strukturen eines patriarchal, kapitalistischen Weltbildes gestürzt werden. Er ist intellektuell, denkt immer intersektional und historisch. Dies macht ihn zu einem äußerst spannenden Gesprächspartner, auch unabhängig von seiner wirklich guten EP „NO TEMPLE“, die letzte Woche veröffentlicht wurde und von Ben Babbit produziert wurde.

Wir erwischen ihn, wie eigentlich jeden dieser Tage,  vor Kamera aus seinem Apartment in Los Angeles heraus, wo momentan der zweite Lockdown eingeläutet wurde.

Die Bilder sind zusammen Fotograf Lukas Preuss in Berlin entstanden.

TYLER MATTHEW OYER Ich wechsle mal eben den Raum, da hört man die Helikopter nicht. Ich lebe momentan in einem Polizeistaat.

TOBIAS LANGLEY HUNT Helikopter? Wegen des Lockdowns?

TMO Nein. Die trainieren hier, vier oder fünf davon fliegen zu selben Zeit herum – sie sehen ein bisschen aus wie die bösen Affen aus der Zauberer von Oz.

TLH Wie ist es denn eine EP herauszubringen, ohne Release-Party und dem ganzen üblichen Prozedere?

TMO Das ist okay. Auf eine Art ist das Teil der Geschichte. Wenn du Musik machst und sie dann virtuell veröffentlichst, drückst du eigentlich nur auf einen Knopf und dann ist das Album, an dem du zwei Jahre gearbeitet hast, für jeden zugänglich. Aber ich weiß noch nicht, wie sich das wirklich anfühlt, weil das war ja erst gestern. Ich bin noch in dem Modus, dass ich auf das Feedback von sowohl Freunden als auch Fremden warte, um herauszufinden, welche Teile gut ankommen und so weiter.
Momentan denke ich darüber nach, wie es wäre, intime Performances in LA zu machen, um wenigsten ein paar Leute zusammenzubringen und etwas kleines zu starten.

 TLH Ich kann mir gut vorstellen, dass das gut ankommen würde. Die Leute brauchen Kultur in diesen Zeiten.

TMO Eigentlich dachte ich, dass ich mit so etwas noch warte, aber ich komme ja eigentlich aus der queeren Performancekunst, ich weiß also wie es ist, etwas ohne Budget, etwas illegales zu machen. Du brauchst nicht viel, nur eine Idee, ein bisschen Müll, du recycelst Materialien und so weiter. Das mache ich jetzt einfach auch, jetzt ist die richtige Zeit für sowas.

TLH Sind Sie jemand der gerne seine Arbeit präsentiert oder sind Sie eher zurückhaltend und lassen die Arbeit für sich sprechen?

TMO Ich würde sagen, ich bin etwas dazwischen, aber eher auf der nicht-zurückhaltenden-Seite. Wenn du so lange an einem Projekt arbeitest, so viel Energie, Zeit und Arbeit in eine Sache gesteckt hast, die ganzen Leute hast, die ein Teil von dieser Arbeit waren, dann ist es dir wichtig, dass das viele Leute sehen, dann gibt es auch einen gewissen Druck es richtig zu machen. Andererseits habe ich auch schon tolle Performances gemacht, die nur 10 oder 15 Leute besucht haben. Du brauchst nicht 300 Leute um gute Kunst zu machen. Die Situation bringt mich also verrückterweise zu meinen Wurzeln zurück, Performances im Guerilla-Style.

TLH Dabei sind Performances ja meistens etwas für den Moment, während Musik, in Form einer Platte, eine recht langfristige Kunstrichtung ist.

TMO Stimmt. Die politischen und sozialen Diskussionen haben sich drastisch verändert, seitdem ich anfing an dem Album zu arbeiten. Aber meine Themen und Ideen sind immer noch aktuell. Ich meine die erste Zeile der Platte lautet: “How does your garden grow in this pre-inveted world?” Es spielt keine Rolle, ob ich das vor zwei Jahren geschrieben habe oder jetzt, wenn es immer noch Sinn ergibt und die Leute mit  Fragen konfrontiert. Wie lebst du dein Leben? Wie behandelst du andere? Wie findest du Freude? Wie kultivierest du deinen Garten? Ich habe Anfang diesen Jahres entschieden, dass ich das Album im Juli veröffentlichen will, dann kam eine globale Pandemie, soziale Aufstände und vielleicht der Beginn einer Art revolutionären Idee – es macht also total Sinn, an meinem Plan festzuhalten, das Album zu diesem Zeitpunkt herauszubringen. Wir brauchen Kunst und wir brauchen Musik in den Zeiten einer Revolution. Das kann die Poesie bedeuten die es braucht, um Leute und Ideen zusammenzubringen und wir können persönliche Momente erleben, persönliche Revolutionen in unserem Innern, wenn wir Kunst oder Musik konsumieren.

TLH Einerseits ist Musik ja recht dankbar, wenn es darum geht sie online zu veröffentlichen. Andererseits kann ich mir vorstellen, dass Musik nicht die leichteste Kunstform ist um politische Statements zu postulieren.

TMO Meine Musik war immer explizit politisch – ab dem ersten Album. Damals hatte ich einen Song der hieß „Patriarchal Death Grips No Longer Exist“ – es handelte sich eigentlich um ein Manifest. Ich denke, auf diesem Weg es für die Leuten leichter sich damit zu identifizieren, weil es eben so explizit ist. Andererseits haben sie natürlich recht, Mainstream-Musik, Sachen die man cool nennen würde, sind selten politisch. Die Leute erklären sich manchmal als politisch, wie sie sich kleiden und vermarkten, aber der Inhalt ihrer Lieder stimmt damit nicht überein. Für mich ist es aber sehr wichtig, den Inhalt auch in meinen Texten wiederzugeben. Ich nutze Phrasen wie „They are in the Skies“ oder „and they need to be dethroned“, das klingt ein bisschen theoretisch, ist aber meine explizite Meinung. Das kann Leute darauf Aufmerksam machen und gleichzeitig auch verschrecken, weil es nicht so weich verpackt ist.

TLH Angenommen wir hätten nicht die Möglichkeit Musik virtuell zu veröffentlichen, was würden Sie auf Ihre Platte schreiben um sie zu verkaufen?

TMO Meinen Sie was ich über das Album sagen würde oder wie ich sie vermarkten würde?

TLH Beides.

TMO Okay, dann habe ich zwei unterschiedliche Antworten: Gestern habe ich ein Mailout rausgeschickt, ganz unten in der Mail stand „It’s Time for the Revolution“ – ich dachte, dass das eine ganz gute Art ist meine Texte und meine Intentionen zu kontextualisieren. Anderseits geht es in meinem Album aber um kulturelle Verschiebungen, die kleinen, sozialen Revolutionen, die auch in uns stattfinden. Ich habe eine Revolution in mir, Sie haben eine Revolution in sich, wir verändern uns, wir lernen, wir wachsen. Diese Revolutionen passieren ständig, es geht also darum wie wir uns den Platz nehmen, diese Gedanken zu äußern, sowohl auf eine soziopolitische Art, als auch innerlich. Es geht um Zärtlichkeit und es geht um Wut – all diese Dinge. Groß und klein.

TLH Können Sie die Revolution genauer beschreiben.

TMO Die Revolution die ich meine ist gewaltfrei, frei vom Patriarchat, femme, weiblich und neu. Ich würde sagen, dass die westliche Welt viel zu lange von weißen, meistens hetero Cis-Männern dominiert wurde und diese Welt und die menschliche Spezies ist in einem ziemlich schlechten Zustand. Wenn ich auf die Straße gehe um zu demonstrieren, wenn ich auf der Straße tanze, dann sehe ich all die unterschiedlichen Körper und Identifikationen mit all ihren unterschiedlichen Geschichten. Die Welt ist voll von wunderschönen, leidenschaftlichen, intelligenten, fröhlichen und starken Menschen, lasst diese Menschen regieren – das ist die Revolution.

TLH Sind Sie religiös?

TMO Nein

TLH Es gibt neue Formen der Religiosität.

TMO Ich bin spirituell.

TLH Erklären Sie mal.

TMO Ich bin christlich aufgewachsen, im Bible Belt Southern Pennsylvania, das war eine sehr konservative christliche Indoktrination. Mütterlicherseits habe ich Einflüsse der Pfingstbewegung mitbekommen. Die ist viel theatralischer, mysteriöser. Man tanzt mit Schlangen oder redet in Zungen. Es geht um Erlebnisse, die man nicht besser erklären kann als, dass es sich um etwas Spirituelles handelt. Deshalb denke ich viel über Magie nach. Nicht über die Magie in der man wartet, dass etwas passiert, Magie im Sinne von: wir sind spirituelle, menschliche Wesen, wir haben unsere Imaginationen, wir haben unsere privaten Orte, wir richten uns mit Objekten ein, wir ziehen uns auf eine bestimmte Weise an, wir sprechen auf eine bestimmte Weise, wir riechen auf eine bestimmte Weise – all das empfinde ich als spirituell. In diesem Sinne verstehe ich auch viele Leute, die meine Ikonen sind. Genesis P-Orridge oder Diamanda Galas – sie leben außerhalb von Indoktrinationen oder Religionen und liefern uns Alternativen. Sie sind religiös darin, wie sie Kunst verstehen oder ihre Körper betrachten und wie sie aus ihren Erfahrungen Konsequenzen in ihren Gedanken und Aktionen ziehen.

TLH Ich habe diese Frage gestellt, weil viele Ihrer Melodien eine kirchliche Atmosphäre haben. Anderseits ist der Titel ihrer Platte „No Temple“, also die Verneinung eines religlösen Symbols. Ich habe aber das Gefühl, dass viele nicht-gläubige Menschen heutzutage Alternativen suchen, sei es in einem bestimmten Körperkult, in ihrer Ernährung oder der Kunst.

TMO Während des Lockdowns habe ich viel darüber nachgedacht. Die globale Pandemie und die sozialen Aufstände zeigen uns ja vor allem eines: wir müssen wieder menschlicher werden. Wir müssen spirituell aufwachen, weil das Leben ist verwirrend, das Leben ist etwas, was wir nie voll und ganz verstehen werden. Deswegen müssen wir das Unbekannte zelebrieren. Wir müssen unsere Sensibilität, unsere Emotionen und die Tatsache am Leben zu sein durch eine andere Linse als die des Kapitalismus sehen. Uns werden durch Hollywood, die Literatur und so weiter, so viele Geschichten erzählt, aber es gibt auch Alternativen, Dinge die wir uns gar nicht vorstellen können, aber wir müssen versuchen damit anzufangen, uns andere Dinge vorzustellen.
In meiner Arbeit nehme ich meistens Geschichten aus der Vergangenheit und übersetze sie in die Gegenwart, indem ich das mache, durch diese Transformation, geht eine Menge Mist, Sachen die nicht funktioniert haben, verloren. Und der Verdienst dieser Arbeit ist etwas neues.
Und eigentlich bin ich ja ausgebildeter Opernsänger, ich habe in professionellen Chören gesungen, um die Welt getourt und ich bin mit Kirche aufgewachsen, also natürlich habe ich ein musikalisches Ohr für etwas, was ein bisschen kirchlich ist. Aber ich denke darüber nach, wie man das neueinordnen kann, und daher kommt auch der Titel „No Temple“ – kein Tempel, zerstöre den Tempel und baue aus den Einzelteilen etwas neues.

TLH Inzwischen haben wir den Smalltalk wohl verlassen – aber toll!

TMO Wissen Sie, Ich bin Wassermann. Das ist wichtig zu wissen, denn der Wassermann ist das revolutionäre Sternzeichen.

TLH Daran glauben Sie?

TMO Ich ziehe den Glauben daran in Betracht – absolut.

TLH Glaube kann etwas Tolles sein…

TMO Glaube ist eine Entscheidung. Und ich denke, dass Glaube etwas Gutes ist, wenn deine Beziehung dazu so ist, dass du jeden Morgen aufstehst und entscheidest, an was du glauben willst und wer du sein willst. Im Gegensatz zu: du machst das automatisch, weil du denkst das sei die einzige Form des Seins. Von dieser Dominanz müssen wir uns lösen.

TLH Es ist aber auch ein Privileg diese Entscheidung fällen zu können, glauben Sie nicht?

TMO Absolut. Aber es ist auch ein psychologisches Ding, also natürlich kann es sich um ein Privileg handeln, das setzt aber die Entscheidung nicht voraus.

TLH Mögen Sie eigentlich Popmusik?

TMO Ich liebe Popmusik! Ich glaube, dass Leute die mich nicht kennen und meine Alben-Sammlung sehen, meistens ziemlich überrascht sind. Man könnte denken ich sei dieser düstere, gothic, Avantgarde-, Hexen-Typ (lacht), aber ich liebe Charli XCX, Britney Spears, Christina Aguilera, Amy Winehouse – die Liste ist sehr lang. Und ich bin in einem Haushalt großgeworden, in dem viel Patti LaBelle, Mariah Carey, Whitney Houston oder Aretha Franklin gehört wurde. Also ja, ich liebe Popmusik.

TLH Und warum ist es so schwierig guten Pop mit einer politischen Avantgarde zusammenzubringen?

TMO Das ist wieder eine Frage der Macht. Die Medien, die Magazine, die Plattenlabels, die Manager, die nehmen das nicht ernst. Es gibt so viele tolle, queere Musiker, die ihr Ding machen und gleichzeitig tolle Sachen sagen. Ich denke da an Peaches oder Fischerspooner, die bringen das sehr gut zusammen. Aber es ist eben auch nicht Mainstream. Vielleicht bin ich ein bisschen oldschool in meiner Vorstellung von Queerness, ich habe kein Interesse daran vom Mainstream akzeptiert zu sein. Der Mainstream ist fucked up, also ist es mir egal, ein bisschen abseits, im linken Feld zu spielen (lacht). Trotzdem will ich auch nicht ausgeschlossen sein, ich will auch gesehen werden und in der Szene eine Stimme haben.

TLH Und Sie brauchen zumindest Teile des Mainstreams um Ihre Revolution zu starten.

TMO Ich denke da an John Waters, er hat immer gesagt: Warum kämpfen wir darum reinzupassen? Ich wollte nie reinpassen – ich will kein Teil von diesem Mist sein. Auf eine Art kann ich mich damit sehr gut identifizieren. Aber nochmal: Wir müssen unsere Menschlichkeit wieder finden, wie können wir uns wieder gegenseitig sehen, auf eine Art, die nicht Entweder-oder bedeutet?
Ich bin also nicht per se gegen den Mainstream, so lange er nicht der ist, den wir gerade haben, von den Menschen, die ihn gerade dominieren. Wir brauchen einen neuen Mainstream, mit neuen Werten und neuer Menschlichkeit.

 

 

Fotos LUKAS PREUSS
Interview TOBIAS LANGLEY HUNT