IM SOMMER GEHT MAN IN DEN ZIRKUS – IN DIE KÖNIG GALERIE

Vor einigen Tagen konnte man der hiesigen Journaille entnehmen, dass der deutsche  Zirkus „Roncalli“ von nun an auf Tiere in der Manege verzichtet und nur noch auf menschliche Artisten setzt. Das ist ehrenwert aber auch Teil eines langsamen Aussterbens einer jahrhundertealten Tradition. Viele mögen diese Kindheitserinnerung noch lebhaft vor Augen haben, wie des Sommers, am Rande des heimatlichen Städtchens, seltsame Wohnwagen hielten und gestreifte Zelte in die Höhe wuchsen. Es roch nach Popcorn, Stroh und Pferde und trotz aller Kritik, ging von dieser bunten Welt, die da entstand, eine seltsame Faszination aus, die immer auch mit einem romantischen Gedanken von fernen Ländern, Ungebundenheit und Andersartigkeit in Verbindung stand.

In der inzwischen fast gänzlich vernetzten und globalisierten Welt sind das keine Kriterien mehr, möchte man meinen, und Tier- bzw. geregelte Arbeitsschutzgesetzte geben dem „fahrenden Volk“ den Rest. Dem ist auch nicht zu widersprechen. Aber trotzdem, die Nostalgie vergangener Faszinationen bleibt im Unterbewusstsein bestehen und kommt dann, ganz plötzlich, unverhofft wieder an die Oberfläche.

Kathryn Andrews, Circus Empire, 2019, Nave, Photo by Roman März, Courtesy the artist, KÖNIG GALERIE, Berlin and David Kordansky, Los Angeles.

So am vergangenen Freitag, als das junge Berlin, wie immer wenn Galerie König zur Eröffnung lädt, in die ausrangierte Kirche St. Agnes strömte, um die sogenannte Nave, der beeindruckend große Hauptraum des brutalistischen Gebäudes, zu betreten.

Schon der Titel der neuen Ausstellung von Kathryn Andrews schlägt Assoziationen vor: „Circus Empire”, die Traumwelt Zirkus als Reich oder gar Imperium? Der erste Eindruck ist überwältigend, ein maßgeschneidertes, rot-weiß gestreiftes Zirkuszelt füllt den riesigen Galerieraum fast gänzlich aus. Dicht an der Wand, am seitlichen Rand der raumgreifenden Installation, findet man den Eingang. Es mag dem sommerlichen Wetter oder Teil der Inszenierung geschuldet sein, passend ist es allemal: im Inneren überkommt einen beinahe sofort, ein bedrückendes Gefühl, was schlechte Luft in Kombination mit einer Reizüberflutung so auszulösen pflegt – man kennt das aus Elektrofachgeschäften oder eben von damals, im Zirkuszelt.

Eine latente Geräuschkulisse, teils künstlich, teils das Gemurmel der anderen Besucher, verstärkt das Gefühl, lässt andererseits aber den eigentlich recht engen Innenraum des Zeltes akustisch weiter erscheinen. Man will entdecken, erkunden oder mitmachen, irgendwie.

Kathryn Andrews, Circus Empire, 2019, Nave, Photo by Roman März, Courtesy the artist, KÖNIG GALERIE, Berlin and David Kordansky, Los Angeles.

Fünf glücksradähnliche Skulpturen mit den Titeln „Wheel of Foot in Mouth“ wollen Interaktion: auf den Rädern abgebildet sind jeweils zwei Gesichter oder Torsos, manche gehörten einst antiken Statuen, andere wirken eher wie Schaufensterpuppenköpfe oder 3D-Illustrationen. Durch das Drehen der Räder provoziert man eine unsinnige Unterhaltung, bestehend aus einzelnen Sätzen, die ganz im Sinne eines Glücksrads, in einer Aussparung im jeweiligen Gesicht zu lesen sind. So bestimmt der Betrachter den vorgegeben Satz, welchen das eine Gesicht dem anderen „zuwirft“.

Ein großer Greifautomat gefüllt mit unter anderem einer Plastikmaske des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, greift die kritische Jahrmarkt-Thematik wieder auf und zwei überlebensgroße, futuristische, metallene Armprothesen führen sie ad absurdum. Man fühlt sich mitunter auch an eine moderne Version der „Freak  Show“ erinnert, ausgelöst durch eine Mischung aus kunstgewordenem Social-Media-Troll-Geschwätz, ästhetisch ansprechenden Formen und Farben und überall verteilten Strohballen. Das fasst der offizielle Pressetext ganz gut zusammen: „Kathryn Andrews Arbeiten begnügen sich nicht nur damit, immer wieder neue Sichtweisen darauf zu eröffnen wie unsere Kultur historisch gewachsene Machtnormen normalisiert hat, sondern schlagen auch gleichzeitig eine zeitgemäße Alternative vor“.

 

Kathryn Andrews  / Circus Empire / 8. Juni – 4. August 2019 

König Galerie / St. Agnes / Nave

 

Words TOBIAS LANGLEY HUNT